Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1925)
- Date
- 1925-01-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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V 8. Januar 1925 T* r r TK s r a e I t { ‘Jlc. 2 Seile 7 Herren „Ober" im Logenheim, an sich lang und höflich und jovial und von bester Menschenkenntnis wie alle Ober, waren dem Massenandrange und dein Hunger gesitzestrener Studenten nicht gewachsen, und wurden nervös. So geschah es denn, daß — ungefähr wie im bekannten Beispiel vom Dubnaer Magid — der eine das Fleisch und der andere den Meerrettich dazu etwas nachrief, was wahrscheinlich kein Segensspruch war, da hob unser lieber Bundesbruder die Hand hoch und rief wütend: „Zur Geschäftsordnung! . . ." Der Ozeandampfer. Auf deni Programme für den geselligen Teil des letzten Tages standen Alstersahrt, Hafenrundfahrt und Besichtigung der inneren Einrichtung eines großen' Dampfers der Amerikalinie. Letzterer hatte es Berichterstatter besonders angetan und der Bericht darüber war schon Tags vorher int Geiste in allen Teilen fertig und wirklich schön ausgefallen. Diese herrlichen übereinander eingebauten schwimmenden Hotelpaläste, erster, zweiter und dritter Klasse. Diese Kabinen, Säle und Promenaden, die den schwankenden Boden ganz vergessen Im „st i l l e n" Hafen. Die Unzuvorkommenheit der Riesendampser Netz uns aber nicht davon abhalten, die Hafenrundfahrt dennoch zu unternehmen. Man gelangte nach prachtvoller Alstersahrt an den Hafen durch den Elbtunnel, der für sich vielleicht schon das größte Wunder der Technik und des erfinderischen Menschengeistes ist. das ich bisher gesehen. Ein riesiger Listkorb trägt uns im Schwung einige und vierzig Meter — ich habe sie nicht gezählt — hinunter, etwa zwanzig Meter unter dem Elbestrom. Und da unten öffnet sich zwischen sauberen mit blanken Kacheln gemauerten Wänden eine gepflasterte Straße mit Fahrweg und Bürgersteig und einem Verkehr wie in den belebtesten Straßen der Großstadt. Ein Rattern, Knarren, Schreien und Lärmen, — und ein jedes Geräusch zehnmall Obcrrabbiner Dr. Spitzer-Hamburg. bekam und der Dritte, der überhaupt nichts bekam, beides bezahlen sollte ... Und machte man den Herrn Ober mit leisen Worten auf diese Verwechslung aufmerksam, so schrie er einen an, er liehe sich nicht anschreien . . . Das waren aber natürlich nur vorübergehende Hemmungen und gastronomische Verkehrsstörungen. In geruhigen Stunden blieben die Ober, wie alle Ober aus dem Erdenrund, höflich, gefällig und durchaus verständnisvoll für den leeren Magen und ebenso schlecht gefüllten Beutel eines jüdischen Akademikers. Das soll heißen: das Esten war gut und reichlich und die Preise durchaus mäßig. „Zur Geschäftsordnung!" Versammlungsleiter aller Völker und aller Nationen, aller Vereine und aller Organisationen kennen die Schrecken dieses Wortes. Wenn es gar nichts mehr zu sagen gibt, so kann man immer noch den Finger hochheden und „Zur Geschäftsordnung" brüllen. Wenn alle Diskussionen erschöpft und alle Debatten geschlossen sind, kann man immerhin noch Anträge, Meinungen, Grobheiten aller Art durch das Hintertürchen der „Geschäftsordnung" hineinschmuggeln. Je weniger „Geschäfte" und je weniger „Ordnung", desto mehr „Geschäftsordnung". Man kann durch die Inszenierung einer Geschästsordnungsdebatte Beschlüsse Hinhalten und eine •JS- ‘ - «ft.- -'rT. ' . £•. -W”-. .'Äf. IC * ■' ::-V . \Y .. fc A,t; ' * „ *v * * r "? . J>T , V? v - f ¥ # £ m f f '5 f. £? $ & E «f t $ f SU Dt^ § ff $ * f «fff * f » t h \,/vf ’ ' 5 * VI t '4M . * ff- %• y % Vom Bundestag der B. Ä. A. machten. Diese Koscherküche mit all ihren Herrlichkeiten und Zweckmäßigkeiten. Und da ein bekannter Rabbiner aus Altona aus Grund seiner Beziehungen eben zu dieser Koscherküche der Führer bei diesen Besichtigungen sein sollte, so hatte ich mir sogar eine hübsche Ansprache, zugleich Einleitung für diesen Teil meines Feuilletons, ausgedacht: Die Rabbis sind die Führer und Wegweiser und nach Ausspruch der Talmudwelsen der Nation ungefähr das, was dem Schiffe der Mast, die Fahne, Ruder und Steuer sind. Ging ein Großer in Israel von dannen, so klagte man: „Wehe um das Schiff, das sein Steuerrad verloren!" — Das kann alles in meinem Berichte schön bleiben, mit der einen kleinen Hinzusügung nur, daß der Herr Rabbiner nicht gekommen ist und die Besichtigung gar nicht stattgefunden hat... Oder sagen wir ehrlicher: Die Innenbesichtigung konnte nicht stattfinden und darum hatte es keinen widerhallendes Echo — als wären alle Geister der Unter*» weit erwacht, um sich hier, zwanzig Mete: unter Wasser^ mit den Autos, Lastwagen und eilenden Menschen zu. einem sinneoerwirrenden Herentanze zu vereinigen. Aus „tiefer Gesunkenheit" wird der B. I. A. wieder mit großem Schwünge nach oben getragen und wir sind am Elbehasen, der freien Wasserstraße nach allen Weltteilen, wo ein schöner Dampfer uns mit vielen anderen, die nicht zum B. I. A. gehörten, für die Hafenrund-» fahrt aufnimmt. < Volle zwei Stunden dampften wir an all den ragenden, rauchenden und ratternden Sehenswürdigkeiten dieses hier schon endlosen und von ungeheuerem Wellenschlag durchzitterten Wassers. Es geht ein scharfer, kalter Wind. Ein Vundesbruder meint, dieser scharfe Wind und starker Wellenschlag «kämen aus Amerika, wohingegen ein anderer junger Freund einleuchtend mit dem Zeigefinger uachweist, daß Amerika genau auf der Realschuldirektor Dr. I. Larlebach—Hamburg wohllöbliche Leitung grün und gelb ärgern. Selbstverständlich fehlten auch bei uns die Rufe „Zur Geschäftsordnung" Nicht. Aber einen lieben Bundesbrude: hatte ich in meiner nächsten Nähe, der in knappen zwanzig Minuten fiebzehnmal, ich Hab es gezählt, die gutgepflegte Hand zur „Geschäftsordnung" erhob. And als wir nach Schluß einer erregten Debatte uns auf die Straße begaben und auf der Erindelallee, wie überall h 8er Welt, von einem radfahrenden Metzgergesellen angerempelt und beinahe umgerannt wurden und selbiger Metzgergeselle, wie ebenfalls überall in Deutschland, uns noch in saftigem Hamburger Platt irgend¬ Auf der Dampferfahrt. Zweck, den Herrn Rabbiner von Altona herzubemühen. Der Weg zu dem Schiss, das in Aussicht genommen war, war etwas zu weit, es stand nämlich noch im Rewyorker Hafen . . . und von den anderen großen Dampfern hatte uns keiner seine Pforten geöffnet. So galt für den Ozeandampfer das biblische Motto: „Und Du sollst meine Rückseite sehen, mein Antlitz aber nicht schauen! . . Zum Ersah versprach uns der gleiche Herr Rabbiner, einen Tag später aus den Alten Friedhof zu führen. Der lag näher und vvnseiten der Toten erhbb sich kein Protest . . . Und es mag sein, daß manch einer auch da blieb, um dem ruhigen Hafen, in den seit vielen Jahrhunderten so viele Schisse nach bewegter Fahrt eingefahren sind, eine Stunde stillen ernsten Beschauens zu widmen . . . entgegengesetzten Seite liege. Der Streit ist nicht entschieden. Eines scheint mir jedoch sicher: Wäre dieser- Dampfer das Kolumbusschiss und wir die kühnen Segler voir damals, Amerika wäre bis auf den heutigen Tag nicht entdeckt worden . . . Inzwischen steht ein wettersester, kundiger Stewardam Schornstein auf Deck, um uns, die wir uns alle um ihn herumgruppieren, über die Sehenswürdigkeiten zu. orientieren. Der Mann spricht mit der monotonen Routine eines jeden Fremdenführers, aber so laut und scharf, daß seine Stimme all das Geratter und Geräusch und zuweilen sogar das Tuten der Sirenen übertönt. Die dreißig oder vierzig Augenpaare gehen andauernd nach Rechts und Links. Hier rechts der große Frachtdampfer der Firma . ., trägt so und so viel tausend Tonnen, — wer nicht glaubt, mag es nachmessen! —