Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1925)
- Date
- 1925-01-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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8. Januar 1928 Der Israelit dir. 2 Seite 9 finanzielle Nebel kennt Grabski nur ein Auskunftsmittel: die Steuerschraube. Und er versteht sie zu handhaben, daß sie hauptsächlich auf die jüdische Kaufmannschaft drückt. Dieser Geschicklichkeit hat er auch zu verdanken, daß seine großen Fehler und verhängnisvvlltzn Experimente bisher ungeahndet blieben. Dieser den Juden feindliche Regierungskurs, wo auf „gütlichem Wege", ohne Pogrome und Exzesse, eine für die Juden unmögliche Lage geschaffen wird, ruft natürlicherweise bei der jüdischen Bevölkerung die größte Unruhe und Erbitterung hervor. Es ist charakteristisch genug, daß innerhalb der jüdischen parlamentarischen Repräsentanz gerade die orthodoxe Fraktion, die immer für eine gemüßigte Politik eintritt und auch für diese Richtung einen großen Teil des jüdischen Klubs gewonnen hat, wie es Dr. Reich, Präsident des Klubs, erst unlängst in den Spalten des zionistischen „Rasz Pereglad" öffentlich gestand, daß gerade diese gemäßigten und behutsamen Politiker am schärfsten gegen düs Erabskikabinett Stellung nehmen. Penn wie kann man schweigen, wenn man die verzweifelte Lage der jüdischen Kaufmannschaft zusieht. Die Selbstmordrubrik in der jüdischen Presse ist um eine neue Kategorie bereichert worden: die Kategorie der Steueropfer. Angesehene Kaufleute, Familienväter, begehen Selbstmord, weil sie die aufgebürdete Steuerlast nicht zu ertragen vermögen. Auch, andere Mittel, den Juden die Existenzmöglichkeit zu nehmen, werden mit Erfolg angewendet. So werden verschiedene spezifisch-jüdische Erwerbszweige jetzt „judenrein" gemacht. Erst unlängst wurde eine Revision der Regierungskonzessionen verordnet. Die Spitze dieser Verordnung ist gegen die jüdischen Schankwirte und Tabakhändler gerichtet. Wie überall wird auch in diesem Falle ein Deckmantel gebraucht. Es heißt nämlich, daß der Staat feine treuen Verteidiger nicht unbelohnt lassen darf und so sollen ausschließlich auf Kosten von viel tausenden jüdischen unglücklichen Familien die Kiegsinvalidenmit den Konzessionen, die den um die Existenz gebrachten Juden abgenommen werden, belohnt werden. Daß die Verordnung eher die jüdischen Konzefsionsbesitzer tödlich zu treffen, als die Invaliden zu belohnen bezweckt, dafür kann folgender Beweis dienen. Im großen und ganzen gibt es in Polen zirka 70 000 Handelskonzessionen von Monopolartikeln. Die Zahl der Kriegsinvaliden beträgt ungefähr 400 000. Da die Zahl der Invaliden die der Konzessionen vielfach übertrifft, wäre es dem in die Absichten der Regierung Eingeweihten ganz unerklärlich, wozu die Verordnung außer Kriegsinvaliden auch auf Emeriten und Beamtenwitwen sich erstreckt. Allein damit ist nach der Absicht der Regierung die Sicherheit erreicht worden, daß keine einzige den Juden abgenommene Konzession wieder in die Hände eines jüdischen Kriegsinvaliden fällt. Gegen diese verkappte Gewalttat erhob sich ein stürmischer Protest des jüdischen Sejmklubs mit leichter Unterstützung der linken Parteien. Die jüdischen Abgeordneten wünschten ebenfalls, daß die Kriegsinvaliden für ihre treue Vaterlandsdienste entsprechend entschädigt werden. Sie fordern jedoch eine gleichmäßige Verteilung der Unkosten dieser Entschädigung auf alle Bürger ohne Unterschied der Konfession und Nation. Die Entschädigung muß auch nach Ansicht der jüdischen Deputierten auf solche Weise durchgesührt werden, daß nicht gleichzeitig eine ebenso große Zahl von wirtschaftlichen Invaliden geschaffen wird. Leider bleiben die Proteste ohne wesentlichen Erfolg und es hängt das Damoklesschwert über den Häuptern einer tausendköpfigen Volksmasse, die den Wanderstab ergreifen müßte. Aber wohin geht man, wenn alle Tore vor der jüdischen Einwanderung geschlossen sind. Unter diesen Umständen rückt Erez Jisroel als Zufluchtsort in den Vordergrund. Hier soll, das Geheimnis dieser wunderbaren Erscheinung eines ungewöhnlichen Dranges nach dem Nahen Osten stecken. Aber über dieses Problem das nächste Mal. Herr Kirschbraun, Leiter des orthodoxen Sejmklubs und spiritus . movens der orthodoxen Betätigung auf dem politischen Gebiete erlitt infolge seiner unermüdlichen aufreibenden Arbeit als er den Sitzungssaal des Sejms ^verließ, einem schweren Herzanfall. Wiewohl er sich schon ein wenig erholt hat, wird er auf Anordnung der Aerzte während 2 Monats Ruhs beobachten müssen, wonach er hoffentlich zu seiner ersprießlichen Tätigkeit., zurückkehren, können wird. Jnzwischev^.macht sich leih.er das Ausbleiben seiner Leitung und Mitarbeit für den orthodoxen Sejmklub empfindlich fühlbar. Das Dekret über die Revidierung der Handelskonzessionen. Warschau, 4. Januar. Die polnische Regierung hat soeben das Dekret über die Revidierung der Konzessionen für den Handel mit Monopolartikeln, wie Spirituosen, Tabake usw. veröffentlicht. Das Dekret besagt, daß die Regierung im Verlauf von zwei Jahren, vom 1. Januar 1925 gerechnet, den bisherigen Inhabern der Handelskonzession dieselben entziehen und Invaliden, ehemaligen Offizieren und Beamten übergehen wird. Die Veröffentlichung dieses Dekrets hat unter der jüdischen Bevölkerung ungeheure Erregung hervorgerufen. Bis zum letzten Augenblick versichern die Regierungskreise, daß das Gesetz zugunsten der bisherigen Konzessionäre gemildert werden würde. Diese Voraussage hat sich als trügerisch erwiesen. Mehr als 30 000 jüdische Familien (mit etwa 150 000 Seelen) sind Inhaber von Monopolkonzessionen. Es handelt sich um wirtschaftlich schwache Kreise, die nun durch die Entziehung ihrer Existenzgrundlage buchstäblich an den Bettelstab gebracht werden würden. (I. T. A.) Die Statuten der jüdischen Kolonisationsgesellschaft. Moskau, 26. Dezember. Die Regierung der Union der Sowjetrepubliken ratifizierte in einer Sitzung vom 24. Dezember die Statuten der Gesellschaft für die Förderung der jüdischen Kolonisation in Rußland. Durch diese Ratifizierung wird diese Gesellschaft eine legale Organisation, und das bedeutet formell den Beginn ihrer Tätigkeit. Die gegenwärtig in der Ukraine vor sich gehende Registrierung aller landsuchenden Juden wird im Januar 1925 beendet sein, so daß im kommenden Frühjahr mit der Landoerteilung begonnen werden kann. Die Siedlungstätigkeit 'wird auch sofort beginnen. Die Mehrheit der registrierten Juden vereinigen sich zu Kollektivgenossenschaften. Es steht schon jetzt fest, daß in diesem Jahre im ganzen 3000 jüdische Familien in den Distrikten Charkow und Jekaterinoslaw mit Land beteilt werden würden. Jeder Siedler wird eine gewisse Geldsumme zur Deckung der anfänglichen Siedlungsspesen aufzuweisen haben. (I. T. A.) Das palästinensische Gemeindegeseh in der englischen presse. L o n d o n, 25. Dezember. „Sunday Expreß" schreibt in seiner Ausgabe vom 22. Dezember: „Die orthodoxen Juden in Jerusalem lehnen sich gegen die in Aussicht genommene Gemeindeoerordnung auf, die augenblicklich im Colonial Office behandelt wird. Der Verordnung bedeutet eine Verletzung von Artikel 2 des Palästinamandates, der die bürgerlichen und religiösen Rechte aller Einwohner ohne Unterschied von Rasse und Religion sichert. Sie zerstört die religiöse Freiheit und die Gewissensfreiheit für die nichtzionistischen Juden, liefert die Erziehung dem zionistischen Nationalrate aus, kurz sie unterwirft alle orthodoxen Juden einer nichtorthodoxen, aus Zionisten bestehenden Körperschaft. Das Colonial Office sollte ohne Zögern die Verordnung in seinen großen Papierkorb werfen. Es würde ungeheuerlich fein, wenn unter unserer Herrschaft den orthodoxen Juden in Palästina die religiöse Freiheit versagt würde, die sie unter den Türken genossen." Man muß sagen, daß diese Stellungnahme an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Die vereinigten amerikanischen Kirchen gegen den Antisemitismus. — Seminar-Neubau. Newyork, 30. Dezember. Die in Atlanta abgehaltene 43. Konferenz der Föderation der amerikanischen Kirchen beschäftigte sich u. a. auch.mit der Frage des Antisemitismus in Amerika. Das Exekutivkomitee wurde aufgefordert, den anwachsenden Antisemitismus in Amerika wirksam zu bekämpfen. Zu diesem Zwecke wurden für die nächsten drei Jahre je 15 000' Dollar in das Budget eingestellt. Der Fonds soll auch dazu dienen, daS Einvernehmen zwischen ÜJuden und Christen zu fördern. Die architektonischen Pläne für den demnächst in Angriff zu nehmenden Bau des Gebäudes für das theologische Seminar „Rabbi Elchanon" sind im Stile des Salomonischen Tempels gehalten. Es werden fünf Gebäude errichtet werden: ein Seminar, ein Kollegium, eine Bibliothek, ein Institut für das dritte Hochschuljahr und (in Studentenheim. Die Anlage ist zur Ausnahme von 2000 Studenten bestimmt. (I. T. A.) Aus aller Welt. Deutschland. Das Amtsgericht Königsberg verurteilte den Schriftleiter der rechtsgerichteten „Tilsiter Zeitung", Fritz W i r t h , zu 150 Mark Geldstrafe, bezw. zehn Tagen Gefängnis, weil er ohne die Spur eines Beweises Führer jüdischer Organisationen» die lm Felde ihre Pflicht getan hatten, Deserteure und Feiglinge genannt hatte. — Der Reichswehrminister Dr. Geßler bestätigte den Empfang des ihm vom „Reichsbund jüdischer Frontkämpfer zugegangenen Buches „Jüdische Flieger im Weltkriege" u. a. mit folgenden Worten: „Ich habe das Werk mit dem größten Interesse durchgelesen und bin überzeugt, daß es seinen Zweck wohl erfüllt, dem deutschen Volke zu zeigen, in welch hervorragender Weise zahlreiche jüdische Soldaten im Weltkriege ihre Pflicht getan haben." — In Gelsenkirchen beging die Synagogengemeinde am 29. Dezember die Feier ihres 50 jährigen Bestehens. Die Gemeinde, die 1874 mit 23 Mitgliedern gegründet wurde, zählt heute 1600 Seelen. An der Feier nahm ein Gemeindemitglied, Herr Marcus Elias, im Alter von 101 Jahren teil. — In Tilsit wurde in der Nacht zum ersten Weihnachtstag in der Nähe des Bahnhofes der jüdische Handlungsgehilfe Julius Simon von drei Hakenkreuzlern überfallen und so schwer mißhandelt, daß er fernen Verletzungen erlag. — In der Synagoge Passauerstraße in Berlin fand eine zahlreich besuchte Trauerfeier für den Moskauer Rabbiner Jakob M a f e statt. — Das „Vereinigte Komitee für jüdische Auswanderung" in Berlin entsendet eine Delegation nach Spanien, und Portugal, um die Möglichkeiten einer jüdischen Einwanderung in diese Länder zu studieren. Unsere allseitig bekannte Spezialität: Herren-, Knaben- und Äaraitzwob -Kleidung In streng -»V2 Vernvbeitnng C A R S C H Liebfrauenstr. 8-10 Neue Krame 27 JULIUS SCHMIDT ANNONCEN-ANNAHME zu Originalpreisen Frankfurt a. 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