Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1924)
- Date
- 1924-12-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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fit. W Seite 8 2S. IfBi datz der Mensch würdig O, daß Gott ihm helfe, . die Engel künden, daß keine Hemmung*) Sünde da ist, dann steigen die Engel der Fülle *) hinab und helfen, das Werk, das Ziel der Schöpfung an seiner Krone zu-, vollenden. Denn jetzt gilt es. praktisch die Gebote aus* Mben, das Verbotene zu meiden. Das Judentum ist keine Religion, am allerwenigsten eine Gefühlsreligion. Wir erkennen die Autonomie der Ethik nicht an, die Heteronomie setzt aber voraus, datz da, wo unser Gefühl schweigt oder widerspricht, dem gesprochenen, von Gott an uns gerichteten Befehl bedingungslos Folge geleistet wird. Prakttsch heitzl das: niemand hat das Recht, von sich zu behaupten, er sei ein guter Jehudi, solange er die Anforderungen .des Religionsgesetz:s nid)t erfüllt. Dem Gefühl des Einzelnen die Wahl überlassen, bedeutet den Tod des Judentums und damit der reinen ungetrübten Idee Gottes. Das ist nicht zu identifizieren und involviert nicht -innere llnwahrhafligkeit, wenn wir die vierte Sprosse der Jaakauwslei er betrachten. Solange unser Körper das Fenster unserer Seele bildet, ist restloses Verstehen eine unerfüllbare Forderung, wir sind nur Menschen und als Menschen dem Dualismus von Körper und Seele unterworfen, immerhin ist Verstehen in begrenztem, — eben durch diesen Dualismus begrenzt — Matze möglich und notwendig. Das Judentum verlangt nicht von uns. vor Fragen die Augen zu schlichen, es verlangt iedoch, Gew Wei ten nicht zu übergehen, Feststehendes nicht aufzugeben um vager — sub specie aeterni — Eintagshypothesen willen. So und nur so führt der Weg zur Höhe. Wenige werden ihn bis zu Ende gehen, zu den Wenigen gehörte M. £. Munk^sr. Wir brauchen ihn nicht denen zu schildern, die ihn persönlich kannten, dem Kreis unserer Leser, die das Glück nicht hatten, diene zur Charakterisierung folgende kleine Episode seines Lebens: M.L. Munk^rri war bereits betagter Familienvater, als er seine Stellung verlor, weil man begann, das bis dahin am Schabbos geschlossene Geschäft zu öffnen. Man bot ihm an, weiter zu bleiben mit der Matzgabe, am Schabbos und Jomtob nicht arbeiten zu müssen. M. L. Munk sah bitterer Not ins Auge, aber er lehnte das Anerbieten ah. um nicht anderen jungen Leuten, die vielleicht weniger fest in ihrer jüdischen Anschauung wurzelten und durch das Milieu, auf falsche Wege geraten könnten, ein schlechtes Beispiel, einen Präzedenzfall zu schaffen. Es erübrigt sich zu sagen, datz seine Gottesfurcht gleichkam seinem unbeugsamen, auch den siechen Körper noch zwingenden Willen zur Ausübung der Mizwaus. Am Schabbos, zu der Stunde, da unser Mussafgebet Gott Kunde zutrug von der Opferbereitschaft seiner Kinder, verloren wir dm Aufopferungsfähigsten aus unserer Mitte, den Mann, dessen Leben dem Wohle der jüdischen Gesamtheit, nicht zum wenigsten dm Bestrebungen unseres Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands gewidmet war. Wir fühlen die klaffende Lücke, die fein Scheiden gebracht, es erwächst uns die Pflicht, jedem einzelnen, "einen Teil dessen zu leisten, was die geschlossene jüdische Persönlichkeit M. & Munks allein zu vollbringen imstande war. Wmn die Lichter der kommenden Woche uns an Heldengestalten der jüdischen Geschichte mahnen, die für Gottes Ehre eintraten und kämpften, so dürfen wir voll Stolz und voller Wehmut M. L. Munks gedenken. des-^ Kämpfers und d«r Siegers, stolz, denn er Mr Äser, und wehmü'ig, denn er fehlt uEseist Rat mch ferne' Tat. 0 f'.y* v\ i*: ••••;• *) vchefa. VetacheW»tt»«iBuchstoben/ Mk et»B Metathefis des Sinnes ergibt. Mer I « r « 1111 Der CHMukkaleuchter. Motto: Aus zartem Kindermund hast .Du Dir eine Macht gegründet... Es war im Realgymnasium zu L. Eben hatte der jüdische Religionsunterricht begonnen, und der Religionslehrer beeilte sich, in kurzen Sätzen das Pensum der letzten Stunde zum Abschluh zu bringen. „Heute, Iungens, sollt ihr aber etwas Besonderes hören." Die Aufmerksamkeit der Knaben wurde gespannter, und ihre Augen richteten sich erwartungsvoll auf ihren Lehrer. Es waren etwa ein Dutzend li—13 jähriger Buben, durchwegs aus besseren Häusern, die aber dem überlieferten Judentum vielfach entfremdet waren. Einige meldeten sich zu Wort. „Herr Doktor, Sie wollen uns was von Chanukka erzählen." „Ihr habt es erraten. Günther kannst du mir vielleicht über die Feier des Chanukkafestes berichten?" Verständnislos starrtm die Augen des Angeredeten dem Fragenden entgegen. „Na, erinnerst du dich nicht mehr der Lichtlein, die wir alljährlich entzünden?" Da schien er begreifen zu wollen. „Doch, meine Eltern haben voriges Jahr einen Weihnachtsbaum angezündet." Einige der Schüler brachen in lautes Lachen aus, andere machten verständnisvolle Gebärden. Nachdem die Nuhe eingetreten war, sagte der Lehrer: „Aber, Günther, was haben wir Juden denn mit dem Weihnachtsbaum zu tun? Das ist doch ein unjüdischer Brauch." Einige andere meldeten sich zu Wort. „Wir haben auch keine Kerzen entzündet, die Eltern meinten, das könnte man doch n'cht wegen des christlichen Dienstmädchens." Ein bitteres Lächeln umspielte die Lippen des Lehrers. Also so weit war es schon gekommen, datz man aus falscher Rücksichtnahme auf die Empfindungen des Dienstmädchens die alten, geheiligten Bräuche der Väter beiseite legte. Da protestierten heftig andere. „Wir haben wohl entzündet." „Und wir haben sogar einen silbernen Leuchter. Ich erinnere mich noch deutlich, wie Vater die Kerzen entzündete, und dann wurde gesungen, es war so schön!" Die Augen des Kleinen leuchteten in verhaltenem Feuer. „Kinder." nahm der Lehrer wieder das Wort auf, „es gab einst eine Zeit, wo es recht finster war in den Häusern unserer Voreltern. Da brachten grausame Feinde viel Leid und Not über sie, indem sie ihnen verboten, die göttlichen Gebote zu erfüllen und jeden unbarmherzig töteten, der ihnen zu trotzen wagte. Und diese Feinde waren von den eigenen Glaubensbrüdern herbeigeholt worden, weil die Frommen nicht duldeten, datz sie nichtjüdische Sitten und Gebräuche einführten. Dennoch gab es viele, denen Gottes Gebote höher standen als ihr Leben, und die ihr Lichtlein in die dunkle Nacht hineinleuchten liehen. Hört zu, wie Gott diesen wunderbarerweise beistand!" Und nun entrollte der Lehrer in packender Weise ein Bild aus den Tagen der Makkabäer, schilderte anschaulich, wie die Gesetzestreuen un^er dem Druck des Syrerkönigs die Annehmlichkeiten ihres Heims aufgaben, um in finsteren, unwirtlichen Wäldern ihrem Gotte dienen zu können, wie sich andere, die nicht flüchten konnten, freudig dem Tode weihten, bis endlich der Heldengeist des Matitjahu die anderen entflammte und sie zu glorreichen, gewaltigen Taten führte. Und als nun die Erzählung -von der Weihe des wiedererstandenen Tempels berichtete/ und Eie Gott gleichsam als Anerkennung nfür die Treue das Wunder im Oelkrüglein - vollziehen lieh, da schien es, als spiegelte' sichrer Widerschein jener Flammen in den AuM-r der Kinder wieder. > Ganz besonders Günther hatte der Erzählung feine Aufmerksamkeit geschenkt. „Weiht du nun, Günthers" wandte sich der Lehreran diesen, „warum wir jetzt alljährlich die Lichtlein entzünden sollen? Damit l.wir in guten wie in .Höfen: Dagen nicht : Den vergessen^ "der einst Wunder unfern Vätern erwies, in jenen Tagen um diese Zeit." „Mer," regte sich ein leiser Widerspruch in dem Jungen, „dürfen wir denn nicht diese Kerzen an einem Weihnachtsbaum entzünden?" „Nein," belehrte ihn der Lehrer, „der Baum erinnert uns nicht an den Gott, für den unsere Väter kämpften. Gr wird von^ Völkern gebraucht, deren Vorfahren den unsrigen viel Leid zufügten. Unsere Väter haben sich dafür töten lassen, weil sie keinen unjüdischen Sitten huldigen wollten. Cs wäre eine Undankbarkeit gegen Gott, würden wir solche bei uns einführen, umsomehr, als uns niemand dazu zwingt. Jetzt aber» Iungens. wollen wir im Geiste mal Lichtlein entzünden und recht hübsch dazu singen. Holt eure Gebetbücher »hervor." Da meldete sich einer, Marr. der die Brocho schon vortragen konnte. Die andern summten leise mit, bis sie schlietziich alle mehr oder weniger schön die Segenssprüche beim Entzünden und das nachfolgende Moaus zur, dessen Inhalt ihnen vorher erläutert wurde, auswendig anstimmen konnten. Besonders Günther war eifrig bei der Sache. ' Die Schule war für heute beendet. Gedankenvoll legte Günther seinen Weg zum Stadtwald, in dessen Nähe seine Eltern eine elegante Villa bewohnten, allein zurück. Zum erstenmal war der Stachel des Zwiespalts in feine junge Brust gelegt. Die Autorität des Lehrers kämpfte gegen die gewohnte Ehrfurcht den Eltern gegenüber. Daneben tönten die soeben gehörten Melodien in ihm fort. Schweigend nahm er seine Mahlzeit ein. Auf einige Fragen gab er sehr zerstreute Antworten. Auch in der folgenden Zeit blieb er einsilbig. „Was hat der Junge nur?", fragten sich die Ettern, ohne zu ergründen, welche Gedanken die Brust ihres Sohnes bestürmten. So nahte Chanukka heran, das dieses Jahr ungefähr mit Weihnachten zusammentraf. Im Elternhause wurde eifrig auf letzteres gerüstet, auch war ein Baum schon bestellt. „Was wünschest du dir zu Weihnachten?", fragte die Mutter Günther eines Tages. „Ich?" entgegnete dieser, wie aus einem Traume erwachend, „nichts". Die Eltern lachten» es war das erste Mal, datz ihr verzogener Junge keine Wünsche hatte. „Du bist doch sonst nicht so schüchtern," meinte der Vater» „oder hast du ein schlechtes Gewissen wegen deines Zeugnisses?" „Nein, das ist es nicht," wehrte Günther ab. „Na. dann lah doch hören, was du für Wünsche hegst, denn ich merke es dir schon lange an, datz du Srgend etwas mit dir herumträgst." „Allerdings. Ich, ich wünsche mir — einen Chanukkaleuchter." „Was?" tat der Vater, als habe er schlecht verstanden. „Junge, wie kommst du auf solch sonderbaren Wünsche, zu Weihnachten einen Thanukkaleuchter? Was willst du denn damit?" „Nein, nicht zu Weihnachten, aber zu Chanukka. Wir Juden sollen doch die Lichtlein entzünden, weil Gott unseren Vätern so herrliche Wynder erwies." „Ach, was. dummes Zeug." schnitt der Vater die Rede ab. „Wir feiern Weihnachten. Du kannst es dir ja noch überlegen, ob du einen vernünftigen Wunsch hast." Nach Tisch aber, als sie allein waren, sagte er zu seiner Frau: „Es ist Zeit, daß wir den Jungen aus dem Religionsunterricht nehmen. Die veralteten Anschauungen des Dr. N. wirken nachgerade oerde: bttöOauf seine gute Erziehung." Die Mutier nickte schweigend, wenngleich in ihrem Innern etwas für ihren Sohn sprach. Es waren verklungene Stimmen aus ihrem Elternhaus, wo man die Säbbat- und Feiertage nach althergebrachter Weise gefeiert hatte. Als dann der reiche Kaufmann M um ihre Hand warb, da vergab man über die „Glanzpartie" zu fragen, wie er es mit der Religion^ halte." „Sie wird ihn -schon daran gewöhnen?' beruhigte man die Frager und dar eigene Gewissen. Und sie hatte sich prächtig an die überlegenen Forderung« ihres Mannes gewöhnt. Sonntag abend hielt Chanukka seinen Einzug. In der letzten Religionsstunde hatte der LehrernochmalS^ eifrig aufMe Weihe der Festes hingewiesen und sich von jedem Schüler vor-