Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1924)
- Date
- 1924-12-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 51 Der Israelit 18. Dezember 1924 HititianUn« Der ungenannte Autor macht den folgenden Vorschlag: „Schafft für die modernen Menschen,vor allem für die, denen nun einmal die „Festgebete der Jsraeliten"Hekuba find, kurze, aber würdige Weihestunden. Nicht Quantität, sondern Qualität! Nicht den unkontrollierbaren „Nigen" des Chafen aus Podolien, sondern einen Kunstgesang, der jeder wirklichen Kritik standhält. Nicht einen Chor, der durch stundenlange Responsorien verwildert ist, sondern einen kleinen Chor von der Disziplin der Kirchenchöre für einige bestimmte Chorstücke. Bietet dem modernen Juden, der nicht die Spannkraft und die Neigung hat, fünf bis acht Stunden am Tage Gebete zu exekutieren, einen Extrakt aus der jeweiligen Gebetsordnung. Tausende von jüdischen Deutschen, die nicht Zeit und Lust haben, vier Vormittage und vier Abende des Laubhüttenfestes im Tempel zu verbringen und jetzt an diesen Feiertagen ganz wegbleiben, werden dieses Fest doch nicht mehr ganz vergessen, wenn' ihnen in einer Weihestunde an einem dieser Tage das wirklich herrliche „Tal-Gebet" in sorgfältigster Ausführung vorgetragen wird. Bei lautloser Stille! Man nenne das meinetwegen Oratorium oder „Christelei". Haben die Juden dereinst von den Griechen nicht sogar Benedikttonen übernommen?" ' Der Einsender setzt fort: „Man treibe doch nicht den Juden aus der Gemeinschaft, der seinen Gott nicht nach dem Datum des Kalenders, sondern spontan nach der Tiefe eines Erlebnisses — in der Waldeinsamkeit oder aus dem Bergesgipfel — sucht." Die Vergrößerung des Lehrkörpers der Berliner Jüdischen Gemeinde. Berlin, 12. Dezember. Im Interesse der Verbesserung und Ausdehnung des Religions-Unterrichtswesens der Berliner Jüdischen Gemeinde hat der Schulvorstand bei den Gemeindebehörden beantragt, daß eine Reihe bewährter Lehrkräfte definittv und mit Pensionsberechtigung angestellt «erden. Die Gemeindebehörden haben ferner, wie die ITA. erfährt, die Berufung der folgenden vier Herren beschlossen: Distriktsrabbiner Dr. Wohlgemut aus Kitzingen a. M., Rabbiner Dr. H. L e v y, früher Rabbiner des Synagogenvereins Moabit, des Rabbiners in Frankfurt a. O. Dr. S a l o m o n s k i und des Gtudienrats Dr. Hermann Cohn, früher am Königstädtischen Gymnasium in Berlin, dann in Wolfenbüttel. Dorberertrmgeir zu der orthodorerr Ksngretz-- woche in Hamburg. Hamburg, 12. Dezember. Es werden hier umfassende Vorkehrungen getroffen, «m die vieMirthodoxen Kongresse, die in der Chanukahwoche in Hamburg stattfinden, würdig vorzubereiten. Die Tagung des Bundes gefetzesireuer jüdischer Gemeinden eröffnet die Kongrehwoche. Der Beginn dieser Tagung ist der 23. Dezember. Die drei Hauptreferate dieser Tagung sind: 1. Die Aufgaben des Bundes gesetzestreuer jüdischer Gemeinden im Reiche und in den Ländern; Referent Rabb. Dr. Munk-Berlin. 2. Frauen- «ahlrecht; Referent Rabb. Dr. Klein-Nürnberg. 3. Organisation und Gewissensfreiheit; Rabb. Dr. Kohn- Wien. Die Hauptversammlung des Keren Hathora findet «m 24. und 25. Dezember, 27. und 28. Kislew, mit folgender Tagesordnung statt: Erste Sitzung: 1. Eröffnung durch Oberrabbiner Spitzer, Hamburg, Vorsitzender des Landesdirektoriums für Deutschland. 2. Begrüßungen. 3. Bericht der Keren Hathora-Zentrale Wien und des Landesdirektoriums für Deutschland. Zweite Sitzung: 1. Referat „Wie erzieht der westliche Jehudi fein Kind zu einem Ben Tauro". Referent Rabb. Dr. Klein-Nürnberg. Dritte Sitzung: Die Lage des jüdischen Erziehungswesens, insbesondere der Jeschiwoth in Litauen und Polen. Einleitende Ansprache von Großrabbiner Friedmann aus Sadagora. Referent Rabb. Kahnemann- Poniewicrz und Rabb. Echapiro-Piotrkow. Vierte Sitzung: Maßnahmen zum organisatorischen Ausbau des Keren Hathora, insbesondere Durchführung einer Rettungsaktion für die Jeschiwoth. b) Abstimmung über die Anträge der Kommissionen, c) Schlußansprachen. 3. Der Bundestag der Vereinigung jüdischer Akademiker. Der Bundestag hat vornehmlich wissenschaftlichen Charakter. Da aber mehrere Verbände Anregungen und Abänderung von Statuten eingebracht haben, werden wahrscheinlich ähnlich wie beim jüngsten Bundestag in Halberstadt prinzipielle und organisatorische Fragen zu scharfen Auseinandersetzungen führen. 4. Erziehungskonserenz. Die Erziehungskonferenz findet am 29. Dezembers in den Räumen der Talmud Thora-Realschule statt. In gemeinsamer Aussprache wollen die Leiter und Lehrer an den höheren, mittleren und niederen jüdischen Schulen über Mittel und Wege beraten, um das jüdische Erziehungswesen zu fördern. Die Frage der Lehrernot, der Beschaffung geeigneter Lektüre für die Jugend, die Frage der Lehr- und Lernbücher wird im Mittelpunkt der Verhandlung stehen. Jtn$a«n. Todesurteile im Budapester Bombenwerferprozetz. B u d a p e st, 15. Dezember. Am 13. November wurde das Urteil über die Bombenwerfer verkündet. Josef Marffy und Karl Marossy wurden zum Tode durch den Strang, Belä Szasz zu sechs Jahren Zuchthaus, Desider Horvath zu sechs Jahren Zuchthaus, Karl Varga zu fünf Jahren Zuchthaus, der minderjährige Josef Rado zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. ' In der Angelegenheit des gegen die Neu-Pester Synagoge geplanten Attentats mußte Marffy freigesprochen werden, weil ihm diesbezüglich nichts nachgewiesen werden konnte. Während der Verlesung des Urteils lachte Marffy laut auf, so daß der Präsident energisch ■ ermahnte, sich anständig zu benehmen. Nach der Verkündung ergriff Marffy das Wort und erklärte, daß er Berufung gegen das Urteil einlege, weil der Senat gegen ihn voreingenommen und parteiisch gewesen sei. Sodann erklärten die übrigen Verurteilten, daß sie gleichfalls Berufung einlegen. Bei dem Attentat gegen das Liberale Kasino in Budapest, das von den Verurteilten ausgeführt worden ist, wurden 8 Personen getötet, 33 wurden schwer verwundet. Die weitaus größte Zahl der Getöteten und Verwundeten waren Juden. Günstiger Fortgang der Agudapropaganda in Polen. Warschau, 12. Dezember. Die große Propagandaaktion für die Aguda und ihre Institutionen, die bekanntlich vor einem Monat vom Gerer Rebbe eingeleitet wurde, schreiten günstig vor. Die Sammelaktion ist in vollem Gang. Zurzeit stehen Senator Mendelsohn und Jakob Trockenheim an der Spitze der Arbeit. Mit ihnen arbeiten der Ostrower und Piotrkower Raw, ferner Mendel Prives, David Weidenfeld, Abgeordneter Münzberg und Abraham Meier Morgenstern. Zu ihrer Unterstützung begeben sich Herr Heinrich Pappenheim und Dr. Joel Pollak aus Wien nach Ehanuka nach Polen. Ministerielle Brüskiernng der jüdischen Schalen. Warschau, 3. Dezember. Als der polnische Unterrichtsminister M i k lasch e.w s k y zwecks Inspizierung der Schulen in Wilna weilte, hatte er ein Gespräch mit dem jüdischen Deputierten Wigodsky, der ihm mitteilte, es habe auf die Juden Wilnas einen schlechten Eindruck gemacht, daß der Minister keine einzige jüdische Schule besucht hat. Darauf antwortete der Minister: „Ich werde nicht die Schulen eines Volkes besuchen, das dem polnischen Staat feindlich gegenübersteht." Während die polnische Nationalistenpresie über diese Aeußerung des Ministers sehr erfreut ist, bemerkt dazu die Arbeiterzeitung „Robodnik": Die jüdischen Schulen existieren legal und dem Minister steht die höhere Aussicht über dieselben zu. Es ist feine Pflicht, das Schulwesen aller Völker und Religionen in Polen aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Er darf nicht auf das jüdische Schulwesen vom Standpunkt seiner Beziehungen zum jüdischen Parlamentsklub sehen." Zwangssoirntaasruhegesetz auch in Neri- Rumönien. Ezernowitz, 13. Dezember. Der rumänische Minister für öffentliche Arbeiten hat den Stadtverwaltungen der Bukowina eine Verordnung zugeschickt, laut der die in Alt-Rumänien geltende strenge Sonntagsruhe auch in der Bukowina beobachtet werden müsse. Nach dem alten österreichischen Gesetz galt die Sonntagsruhe nur für Geschäftsläden. Handwerker durften in ihren geschloffenen Werkstätten und Wohnungen arbeiten. Da die Handwerkerschaft in der Bukowina sich aus Juden zusammensetzt, die an den Sabbattagen ruhen, so bedeutet die neue Verordnung eine stärke Schädigung der jüdischen Interessen. In rumänischen Kreisen wird zugegeben, daß die neue Verordnung eine Schädigung des jüdischen Handwerkerstandes bezweckt, damit die Rumänen in die geschwächte jüdische Position aufrücken können. In einer Versammlung der jüdischen Handwerkerschaft von Ezernowitz, in welcher u. a. die Herren Oberrat G e w ö l b, Dr. Mayer-E h n e r und Leib Steinmetz sprachen, wurde ein scharfer Protest gegen die neue Verordnung angenommen^ Auch wurde die Veranstaltung eines Demonstrationszuges in der Bukowina zum Zeichen des Protestes beschlossen. Eine dreigliedrige Deputatton wurde gewählt, die bei dem Minister für öffentliche Arbeiten diesbezüglich vorsprechen soll. Das rapide Wachsen von Tel-Awiw. Jerusalem, 12. Dezember. Die Hochkonjunktur im Baugewerbe in Tel-Awiw dauert an; 70 bis 100 Häuser werden dort monatlich errichtet. Die beispiellose Nachfrage nach Bausteinen zwingt die Silicate-Fabrik ihre Produktion zu verdoppeln und zu diesem Zweck mit Tag- und Nachtschicht zu arbeiten. Ein Kaschruth-Gefeh des Staates Newyork. Washington, 12. Dezember. Von dem Obersten Gericht der Vereinigten Staaten wurde ein Verhör über die Verfaffungsmäßigkeit der vom Staate Newyork eingeführten Kaschruth-Verordnung angestellt. Diese Verordnung stellt unter Strafe,, wenn ein Fleischhändler Fleich nicht ritueller Schlachtung als „koscher" verkauft oder unberechtigterweise auf feinem Ladenschild das Wort „Koscher,, aufmalen läßt. Fünf Newyorker Kaufleute protestierten gegen das Gesetz, indem sie durch ihre Anwälte geltend machten, daß das Wort „Koscher" in der Praxis nicht nur die Bedeutung rituell, sondern auch eine zweite Bedeutung, „brauchbar" habe. Die Verordnung des Staates Neuyork sei eine ungesetzliche Einmischung in innere kaufmännische Verhältnisse. Der Vertreter der Prokuratur verteidigte das Gesetz, indem er erklärte, das Gesetz beschütze die Interessen unzähliger Bürger Newyorks, die sehr auf Kafchruth achten. Es fei die Pflicht der Staatspolizei, alle diejenigen, die sich vor einer Gewiffenssünde hüten, vor jenen zu schützen, die sie zu täuschen versuchen. Das Wort „koscher" habe jedenfalls eine allgemein feststehende Bedeutung, nämlich rituell. Aus aller Welt. Deutschland. Am Wahltage ist die Spandauer Synagoge von Deutschvölkischen besudelt worden. Das Gebäude wurde mit sieben Hakenkreuzen mit dunkler Oelfarbe beschmier.t Die Synagogengemeinde Spandau hat für die Ermittlung der Täter eine Belohnung von 300 Mark aüsgesetzt. — Nach Zusammenstellung der I. T. A. werden im neuen Reichstag 14 Juden sitzen, von denen 8 der Sozialdemokratie angehören, je einer der Demokratischen und Volks-Partei vier zu den Kommunisten zählen. — Auf eine von der „Neuen Badischen Landeszeitung" veröffentlichte Rundfrage, welches die verdiestvollste Tat fei, die von einem , Badener in seinem Lande geleistet worden sei, sprach! eine ganze Anzahl von Einsendern Julius Jahl den Kranz zu, der ihm bei der Entscheidung, die > wiederum beim Publikum lag, auch zuerkannt worden ist. Julius Jahl stellte sich bei Ausbruch des Krieges in die vorderste Reihe der Helfenden. Er brachte mehrere Autoladungen mit Lebensmitteln und Liebesgaben persönlich bis zur Kampftruppe. Nach Beendigung des