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Der Israelit · 1924-12-11 · Heft 50 (11.12.1924) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 50 (11.12.1924)
Date
1924-12-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der Israelit Nr. 80 Seite 3 11. Dezember 1924 leitenden Sätzen —, schweigt sich die Replik ganz aus. Mit Recht. Denn der daraus folgende Wortlaut der Predigt bestätigt nicht nur unsere Ausführungen, sondern unterstreicht sie noch wesentlich, zeigt schwarz auf weitz die ganze Gefahr solcher als Judentum in. die weite Welt hinausgefunkten Ideen, die aber in Wahrheit nichts anderes sind, als eine ungesunde Mischung von seichter Religionsphilosophie und einer Bibelkritik von der Art, die, „im Auslegen gar kühn ist und munter, wo sie nichts auslegt, legt sie was unter." Wir ersparen uns einzelne Stellen dieser veröffentlichten Radiopredigt wiederzugeben, wir haben sie. in unserem Artikel genügend charakterisiert. Nur noch einige Worte zu den Beschwerden der^ „Jüdisch-liberalen Zeitung": Wir seien „kurzsichtig. und reaktionär" und störten die Arbeit der „religiösen Führer des Judentums". Wir gestehen: Wir sind so reaktionär und kurzsichtig, daß wir nicht einmal eins eh en, mit welchem Rechte Herr Dr. Seligmann die „religiöse Führung im Judentum" für sich in Anspruch nimmt, zumal seine Getreuesten, die Liberalen, in ihrer letzten Berliner Versammlung einstimmig den völligen Bankerott der „Richtlinien", der Schöpfung und Lebensarbeit Seligmanns, konstatiert haben!? Der Rundfunkgesellschaft machten wir in unserer Kritik keinen Vorwurf, ihre gute Absicht und ihr ehrlicher Wille, neutral und taktvoll allen Konfessionen Rechnung zu tragen verdient dankbare Anerkennung. Die Gesellschaft kann es aber nicht beurteilen, was jüdisch und unjüdisch ist. Und während die Prediger der nichtjüdischen Feiern am Sonntagmorgen, die Verfasser dieses ebenfalls wiederholt mit angehört hat, sich des größten Taktes und strikter Neutralität befleißigen und, auf das allgemein Ethische sich beschränkend, es sichtlich vermieden, strittige Punkte oder engbegrenzte Anschauung einer bestimmten religiösen Richtung vorder großen, unbekannten, alle Richtungen und religiösen Einstellungen umfassenden Radiogemeinde zu berühren, blieb es hier dem jüdischen Prediger Vorbehalten, ausgesprochen jüdischneologe Weltanschauung der Welt zu verkünden: schöpfend aus der Ideologie der Reform von anno dazumal, die das Bibelwort, seines Wortsinnes wie seiner agadischen Auslegung entkleidet, nur im Sinne einer verschwommenen, vom verpflichtenden Thoragesetz losgelösten Ethik deutet, und, was noch schlimmer, in frivoler Durchbrechung der von Moses bis zur Gegenwart die Generationen verbindenden Kette der Tradition ganz willkürlich einen Gegenstammt. Berliner rrsr» der auch diese Parialionen zitiert, sagt von diesem Kommentar: vni'a.l v'ttn8?. Es liegt kein Grund vor, die Lesart in Midrasch Tillim vorzuziehen. Sollte aber trotz meiner Beweisführung, Herr Rabbiner Winkler mit seiner Drucksehlerhypothese Recht haben, so lobe ich mir den, der sich diesen Lapsus hat zu schulden kommen lassen. Man lese S. R. Hirsch's Kommentar z. St. Hiermit sind auch die inneren Schwierigkeiten behoben. R. B. * * * Zu Literarische Notizen zu nitf "N 'S (Israelit Nr. 47) II. '*m öl naw 'p erlaube ich mir auf den ebenso geistvollen, wie charakteristischen Erklärungsversuch S- R. Hirsch's hinzuweisen. Dr. G. Posen. * Kleines Feuilleton. Eine interessanteProselyteugeschichte. In Lodz lebt ein ..Ger" unter dem Namen Schlaume ben Abraham Tusch, der früher Henrik Tusch hieß. Henrik Tusch stammt aus Wien und ist zur Zeit 19 Jahre alt. Seine erste Erziehung erhielt er in einer fremden Umgebung, zuerst in einem Findelhause, dann in einem Kloster. Dort sollte er für den geistlichen Stand vorbereitet werden und erhielt auch an verschiedenen Stellen des Körpers ein Kreuz eintätowiert, das er heute noch tragen mutz. fatz zwischen Thora und Propheten, prophetischem und rabbinischem Judentum konstruiert. Solche „jüdische Ideen" vermögen unserer Meinung nach auch kaum zur „Milderung der Gegensätze" beizutragen. Werden sie von der Welt fälschlich als das Judentum genommen, so könnte sie darin leicht die Quelle aller Verneinung auch auf politischen und anderen Gebieten vermuten. Die „kranken und schwächlichen Glaubensbrüder", im wörtlichen wie im psychischen Sinne, werden durch solche ungesunde Ideen nicht gesünder. Und wenn wir ein mißbilligendes Wort über den Wert der Veranstaltung an sich sprachen, so dachten wir natürlich weniger an die krank zu Bette Liegenden, als vielmehr an die große Bettgemeinde der Gesunden, die um die frühe Morgenstunde der Radiopredigt lauscht und für deren Ohren uns die heiligen Gebete unseres Rituals eben zu gut erscheinen. . Mit der Feststellung der „Jüdisch-liberalen Zeitung" über die deutsche Predigt hat es einigermaßen seine Richtigkeit. Es hat sich im Laufe der Zeit die Notwendigkeit herausgestellt, von der Kanzel der orthodoren Synagoge den Gefahren, die von dem Reformtempel ausgehen, entgegenzuwirken. Sollte der erste Radioversuch in Frankfurt am Main zu weiteren Unternehmungen dieser Art führen, darauf angelegt, diese neueste Errungenschaft der Technik in den Dienst des Reformjudentums zu stellen, so könnte es sich .schon leicht ergeben, daß die Orthodorie auf dem gleichen ihr heute noch nicht gangbar erscheinenden Wege eine Welt über die Hohlheit und Haltlosigkeit dessen, was hier als Judentum deklariert wird, würde aufklären müssen . . . Dann würde allerdings die Prophezeiung der „Jüdisch-liberalen Zeitung" eintreffen — und nicht erst nach hundert Jahren ... Um die Selbständigkeit der Orthodoxie. Gegenbemerkungen. Von Eabiha den Pesisa. (Schluß.) Gegen die Anwendung des b"a^ffa auf unseren Gegenstand wurde mir vorgehalten, daß die Steuerfrage seinem Fall nicht gleiche. Dera'^Va entscheide wohl, daß C, der dem A bei dessen Gesetzesübertretung Hilfe leistet, das Verbot ’asV "nj? verletzt, obwohl A diese Hilfe auch von B haben könnte, nun aber hat er sie v o n C, C leistet zur Uebertretung. Beim Steuerzahlen leisten aber die Gesetzestreuen nichts, ldenn die Neologie hat ihren Bedarf. Das gesetzestreue Geld läuft nebenher. Es liegt der Fall von rr« n^> vor. Ich kann hier kurz darauf Hinweisen, was oben in anderem Zusammenhang schon gesagt worden ist, w« liegt nur vor, wenn der Uebertreter die Mittel, selbst bereit hat. Hier aber hat die Gemeinde die Mittel erst von den Steuerzahlern, und zwar zugleich von Orthodoxen und Neologen. Bon tv*? w« ist ebensowenig die Rede, wie wenn zwei zugleich einem tu Wein reichen. Fast man aber den Einwand rein praktisch — wie Laien es gerne tun — dahin auf, daß hier keine Uebertretung vorliegt, weil das Geld der Orthodoxie zu erlaubten Zwecken verwandt wird, dann liegt ein Denkfehler, eine Erschleichung vor, die das zu Beweisende als schon bewiesen hinstellt. Wer sagt denn, daß gerade der orthodoxe Beitrag für gesetzestreue Bedürfnisse verausgabt wurde? Zunächst sind die Beiträge vermengt. Rechnerisch freilich stellt sich beim Abschluß heraus, daß die Neologie sich selbst genügt. Nun suchen wir halachisch festzustellen, ob dieser Umstand einen nrpn begründet. Und das ist nach dem Gesagten nicht der Fall. Kurz möchte ich noch auf die Einwände bezüglich des faaii uv'« eingehen, obwohl die Behauptung des «ri"ii«i Tic« unerschüttert ist. Den von ihm zugestandenerl paTr tio'K des v"va wollte Herr Rabbiner U. entkräften durch die Behauptung, die Hilfeleistung sei unerheblich tp iip'pa Jp'oa 13'« und finde nicht zur Zeit der Uebertretung statt nswa «bv- Die erste Behauptung begründet er durch nichts. Dagegen ist schon in den ersten Artikeln nachgewiesen worden, daß eine an sich erhebliche Leistung dadurch nicht als unerheblich angesehen wird, daß sie auch von anderer Seite zur Verfügung steht. Ich füge noch hinzu, daß der jn auch unerhebliche Leistung verbietet. Was aber die Gleichzeitigkeit der Uebertretung und Hilfeleistung anlangt, habe ich von einer „fortgesetzten Jssurhandlung" gesprochen. Dieser Begriff ist in der rry m enthalten. Die mwa verbietet dort, einem Bäcker, der in'"« sein Brot rmaian bereitet, beim Transport des Brotes zum Backofen behilflich zu sein (so nach traa-n 'soin.) Die m'as? ist schon geschehen, das Brot schon vom Kneten her «av, die Handlung wird aber noch fortgesetzt, man beschäftigt sich noch mit dem uv'«. — Steuerzahlen ist für die Ausführung aller Kulthandlungen ebenso notwendige Voraussetzung wie der Transport des Im Kloster eignete er sich auch einige Sprachkenntnisse an, im übrigen aber verbrachte er seine Zeit mit Beten und dem Studium kirchlicher Schriften. Auch wurde ihm der Hatz gegen Juden und Judeneingeprägt. Der Jüngling wurde aber andauernd von Träumen geschreckt, in denen ihm die verstorbene Mutter erschienen war mit der Mahnung: „Du bist ein Jude, kehre zurück, wohin du gehörst!" Die Klosterbrüder,, denen er die Träume erz hlte, lachten ihn aus. Da die nächtlichen Erscheinungen sich immer wiederholten, unternahm Henrik eines schönen Morgens, da die Klosterieute beim Gebete waren, einen Fluchtversuch und es glückte ihm, über die hohen Mauern zu gelangen. Tagelang wanberte er ohne Weg und ohne Ziel, bis er in einem jüdischen Hause Ausnahme fand. Don hier aus wurde ihm die Weiterreise nach Stanislau ermöglicht. Herr Oberrabbiner David Hurwitz vermutete über einen feindlichen Trick und wies den Jungen ab. Henrik litt in Stanislau Hunger und Entbehrung. Nach vier Monaten erst hatte man sich vom ehrlichen Vorhaben Henriks überzeugt und die angestellten Untersuchungen ergaben, daß er tatsächlich einer jüdischen Muttnr entstammte. Auf Einschreiten des Stanislauer Oberrabbiners legten sich die Behörden ins Mittel und bewirkten die formelle Befreiung des Henrik Tusch aus dem Kloster. Im Spital zu Stanislau wurde unter großen Feierlichkeiten, auf seinen eigenen Wunsch, die Miloh an Henrik Tusch vorgenommen und er erzählte im Fieber von der Mutter, diestdm jetzt wieder im Traume erschienen wäre und ihn glückstrahlend „ihr jüdisches Kind" genannt hätte. Er wurde dann nach Bialistok geschickt und aelangte von dort nach Lodz, wo er sich zur Zeit beim Strikower Rebben befindet und fleißig lerttt. Generöse Männer sorgen für seinen Unterhalt. Er soll jetzt eine größere Jeschiwoh beziehen, da er. im Besitze großer Fähigkeiten, unwiderstehliche Liebe zum Talmudstudium bekundet. Mit den religiösen Vorschriften nimmt er es peinlichst genau und selbst in seiner Kleidung kehrt er den echten Chassid hervor. Wie sich weiter herausstellt, war seine Mutter die Tochter eines frommen Dajan im galizischen Städtchen Sinit, die aber aus falsche Wege geraten und mit einem polnischen Bauernsohne ihrem Elternhause entlausen war. Nicht genug .. . Der berüchtigte ehemalige General Kommissarow, den man für zahlreiche blutige Pogrome auf Juden verantwortlich macht, veröffentlicht jetzt in „Newyork Times* seine Erinnerungen und erzählt hierbei die folgende Episode, die das Verhältnis des Zaren Nikolaus II. zu den Juden beleuchtet: „General Dratschewsky, damals Gradonatschalnik von Rostow, erschien einmal vor dem Zaren zur persönlichen Berichterstattung. Im Verlaus der Unterhaltung sagte der Zar: „Wir haben in "Rußland zuviel Juden.* Darauf antwortete der General, daß zahlreiche Juden in den Pogromen und unter den Maßnahmen gegen die Revolutionäre umgekommen sind. „Das ist nicht genug,* sagte der Zar voll Unmut, „ich erwarte, daß noch mehr umkommen." General Dratschewsky verneigte sich und sagte: „Majestät, ich weiß nun, was ich zu tun habe.* Am kaiserlichen Hofe, so erzählt General Kommissarow weiter, war das Schimpfen auf Juden eine Art Sport- und Zeitvertreib .Alle unangenehmen Vorfälle schob man den Juden in die Schuhe, vor allem aber die radikale Bewegung, vor welcher man bei Hose eine heillose Angst hegte.

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