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Der Israelit · 1924-12-04 · Heft 49 (4.12.1924) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 49 (4.12.1924)
Date
1924-12-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 Seite 8 4. Dezember 1924__ lauf eines Jahres wöchentlich 100 russisch-jüdische Flüchtlinge in Kanada landen dürften, also insgesamt mehr als 5000 Seelen tm* Jahre. Ungefähr die Hälfte der Transporte haben ihr Ziel erreicht. Da entstanden Unstimmigkeiten über die Kosten der Transporte. Die Pariser Jca-Zentrale wollte nicht mehr als die Reisekosten für 1000 Flüchtlinge tragen. Die kanadischen Juden konnten aber den größeren Rest der Summen nicht aufbringen. Eine Sammlung in den Vereinigten Staaten Amerikas ergab nicht mehr als 37 000 Dollar. Nach dem aufgestellten Budget fehlte nun noch eine Viertelmillion Dollar. Zuletzt lieb sich die Pariser Zentrale dazu bewegen, den Transport von 2500 Flüchtlingen zu finanzieren. Da die rumänischen Juden, für die die Aktion gedacht war, die Quote von 5000 nicht ausfüllten, kam man auf den guten Gedanken, diese Zahl mit in Osteuropa lebenden Verwandten in Kanada wohnender Juden auszufüllen, womit sich das Kanadische Ministerium einverstanden erklärte. Das Pariser Büro erklärte sich aber entschieden gegen die Verwandten-Transporte und weigerte sich, die betreffenden Pässe auszustellen, worauf auch die Regierung ihre Einwilligung zurückzog und die ganze Aktion mittendrin abbrach. Die "Vertreter des Jca-Büros in Montreal klagen die Pariser Zentrale an, eine Gelegenheit, auseinandergesprsngte jüdische Familien, die infolge der Einwanderungsgesetze bis dahin nicht zusammenkommen konnten, zu vereinigen, nicht nur verpaßt, sondern direkt mit Händen z e r st ö r t z u haben. Eine schwere Anklage in der Tat, gegen die sich die Jca-Zentrale in Paris vor der jüdischen Oeffentlichkeit wird rechtfertigen müssen. Aus der Jüdisch-Studentischen Bewegung. Zum Bundestage des B. J.A. Das Interesse der jüdischen Oeffentlichkeit an den jüdischen Studentenorganisationen. hat seit dem Kriege erheblich nachgelassen. Das hängt wohl hauptsächlich mit dem ffMdgano, der jüdischen Studentenziffer zusammen, der selbst wieder in den allgemeinen Zeitoerhälknissen seine Begründung findet. Während es früher wohl in jeder Familie des breiten jüdischen Mittelstandes einen oder mehrere Vertreter der akademischen Stände gab, ist im Laufe der letzten Jahre das sorgenfreie Studium ein nur für wenige Auserwählte bestimmtes Geschenk geworden, lleberdies waren in den Zeiten DerJsraelit_ der Inflation „Lorbeeren" in den nichtakademischen Berufen leichter zu erringen. So konnten die schweren Verluste, die alle unsere jüdischen Studentenverbände durch den Krieg erlitten hatten, nur in beschränktem Maße ausgeglichen werden. Wenn wirklich jemand aus besonderer Liebe zu einem Studium die Universität aufsuchte, so trat an ihn die Not der Zeit in weit höherem Maße heran, als zuvor, wo der Student in akademischer „Freiheit" sich vom Gedanken an das tägliche Brot nur in den wenigsten Fällen beengt zu fühlen brauchte. Jetzt mußte der Lebensunterhalt durch mehr oder weniger angemessene Werkbeschäftigung gar oft selbst erworben werden. Häufig war man sogar genötigt, den akademischen Beruf vollkommen aufzugeben. Außer der berechtigten materiellen Sorge Vieler machte sich auch der Niederschlag der allgemeinen materiellen Einstellung geltend, die die Begeisterungsfähigkeit und Opferwilligkeit niederdrückte, ohne die keiner der großen jüdischen Studentenverbände seinen idealen Zielen gerecht werden kann. So verloren alle Verbindungen an Lebensfrische und Arbeitsdrang. In der thoratreuen akademischen Jugend trat noch ein weiteres hemmendes Moment zutage. Viele der Studenten wurden durch den Krieg für längere Zeit auf den östlichen Kriegsschauplatz geworfen und mit dem Eintritt in den ostjüdischen Kulturkreis gewannen diese jungen Leute eine andere Einstellung zu den jüdischen Problemen der Heimat. Sie lernten die Bedeutung einer auf gehaltvollerem Boden gediehenen jüdischen Lebensauffassung und Lebensführung kennen, lernten zu einer ungestört von fremden Elementen hochentwickelten Geisteskultur der jüdischen Wissenschaft emporblicken. Einigen von ihnen schien dieser Gipfel die Bedeutung des westlichen wissenschaftlichen Lebens der modernen Universität weit zu überragen. Die meisten aber verloren zumindest das Verständnis für die Form des Studentenlebens und des Vereinswesens. Dieser ganze Wandel der Zeiten und der Psyche der thoratreuen jüdischen Studenten mußte auf die innere Struktur des Bundes Jüdischer Akademiker (B. J.A.), der die Organisation der gesetzestreuen Akademiker Deutschlands darstellt, seinen Einfluß ausüben. Die V. I. A. (Vereinigung Jüdischer Akademiker) mußte ihre in zwanzigjähriger Erfahrung erprobte Arbeitsmethode umstellen, wollte sie weiterhin ihrer Bedeutung gerecht werden, den gesetzestreuen Studenten zur kraftvollen, einheitlich - jüdischen Persönlich keitheranzubilden, die nicht dem Zwiespalt: hie Judentum — hie moderne Kultur zum Opfer fällt, die beides in der rechten Weise in sich vereinigt. Zwar hatte die V. I. A. auch vor dem Kriege die Distanz gegenüber dem allgemeinen Studentenwesen nicht verkannt; während andere jüdische Verbindungen — selbst die zionisüschen — sich den germanischen Studentensitten soweit assimiliert hatten, daß Kneipkonrment, Mensur und unbedingte Satisfaktion zu ihrem Verbindungsleben gehörten, so hatte schön die gesetzestreue Tendenz der V. I. A. diese vor den Auswüchsen deutsch-studentischer „Kultur" geschützt. Wenn die D. I. A. sich als Studentenverbindung konstituierte, so war sie sich dessen bewußt, daß dieser Form kein Eigenwert zukam, sie wollte nur diese wirksame Form ihrer Geselligkeit und ihrer übrigen Methoden nutzen, um Bundesbrüderlichkeit zu schaffen, die den Freund mit dem Freund innig verbindet, die die jüngere Generation mit der alten verknüpft. Die Bundesbrüderlichkeit war das Mittel, um trotz mancher widriger G eist es stürme des deutschen Universitätslebens ein jüdisches Milieu zu schaffen, das dem Einfluß jüdischer Persönlichkeit Raum schafft, das die Förderung jüdischen Wissens, die Bildung einer jüdischen Anschauung ermöglicht. Nur die Methoden des Studentenlebens hat die VIA. übernommen, die von dieser höheren Warte aus gesehen wertvoll erschienen, während sie sonst — beispielsweise in der Einreihung der „alten Herren" in die Vereinsgemeinschaft — ihre eigenen Wege ging. Wie ernst es der V. I. A. schön vor dem Kriege darum zu tun war, den geselligen Veranstaltungen ein jüdisches Gepräge zu geben, kann man aus den damaligen Bundestagsverhandlungen ersehen: noch kurz vor dem Kriege wurde ein eigenes jüdisches Liederbuch geschaffen. Heute gilt es jedoch — der Zeit entsprechend — noch manches von der Schale des Deutsch-Studentischen abzustreifen und den Kern — die jüdisch-wissenschaftliche Fortbildung der Persönlichkeit — noch deutlicher hervortreten zu lassen. Schon die letzte Bundestagung in Halberstadl hat vor drei Jahren neben der Klärung wichtiger organisatorischer Fragen (Festigung der Neutralität gegenüber Streitfragen innerhalb der thoratreuen Judenheit und Bestätigung der konsequenten Durchführung der gesetzestreuen Tendenz) einige wissenschaftliche Referate mit sich gebracht. Der für diese Chanukohtage nach Hamburg einberufene Bundestag soll der Umstellung der Arbeitsmethode dienen und soll vornehmlich wissenschaftlichen Charakter pa.n- »Er stand aus in der Frühe — und nahm den Stein" . . — „Jene ganze Nacht war Jakob sehr bewegt. Er sprach- Mein Ahn hatte zwei Frauen, und von diesen zwei Söhne, einen frommen und einen Sünder; mein Vater hatte nur eine Frau, und auch diese gebar ihm zwei solche ungleich geartete Söhne. Ich werde vier Frauen ehelichen und erwarte von ihnen mehrere Söhne, wie werden diese wohl beschaffen sein? Die bange Ungewißheit beunruhigte ihn überaus. — Was tat Haschern boruch hu? Er verwandelte alle Steine, die Jakob um sich gelegt, zu einem Stein und sprach dann zu unserem Stammvater Jakob: „Sieh die Steine, die du um dich gelegt, wie sie zu einem einzigen geworden sind, also werden auch deine Söhne allesamt von einem und demselben Geiste der Tugend und der Gottesfurcht beseelt fein." — Tanchumo z. St.» nach der Oxsvrder Handschrift. II. 28, 6: mpan yn v' pa irnVv npsr s»p"i nrn ..Da erwachte Jakob aus seinem Schlaf und sprach: Wahrlich Gott ist gegenwärtig an diesem Orte". — Der Träumende, so hörte ich einmal auslegen, befindet sich gemeinhin in einem zweifachen Irrtum: Daß er wache, und daß der Traum Wirklichkeit sei. Bei Jakob indes war nur die eine Vorstellung, daß er wache, eine irrige, das Geträumte dagegen war wahre Wirklichkeit. Darum sprach er: MN oipm 'n w pa „Was ich im Traume gechaut, daß Gott an diesem Orte sei, ist ja durchaus Wirklichkeit". — M. « 28, 21: .‘7331 ... . . und Er gibt mir Brot zu essen und ein Kleid anzuzrehen". — Heber diese näheren» eigentlich doch selbstverständlichen Pestimmungen ist schon sehr viel geschrieben worden. Ich erkläre sie mir aus folgender Talmudstelle: „Wieviel Anstrengung kostete es den ersten Menschen, bis er fertiges Brotessen bekam l Er mutzte erst pflügen und säen und emten usw.; wir hingegen finden das Brot vorbereitet vor. Wieviel Mühe hatte der erste Mensch, bis er ein Kleid anzuziehen erhielt! Er mutzte erst die Wolle fcheeren und reinigen und schwingen usw.; wir aber finden alles fertig hergestellt (>r n"3 ni3*i3V — Das eben meinte wohl auch Jakob: „Brot und Kleid, fertig zum Gebrauch, ohne die vorbereitenden Arbeiten". — IV. 29, 3: pan na D’Tmn bd nm isvaii „Wenn dort alle Herden versammelt waren, so pflegten [Me Wirten] den Stein abzuwälzen". D. 10: pan na spsp „Da wälzte Jakob jalleinj den Stein von der Mündung des Brunnens". Der Jezer Hora, der Trieb zum Bösen heißt im Prophetenmunde „Der Stein" (.g"'» bapM' a N31V }iy 'Y'b)- Was des Kraftaufwandes aller nichtjüdischen Edlen und höheren Geister, der Dienstbarmachung aller Hilfsmittel aus Kunst und Wissenschaft bedarf, diesen ..Stein" ab zu wälzen, d. h. auf den Menschen sitttlich-erzieherisch einzuwirken. — das gelingt einem Jakob, kraft der Gotteslehre, ganz allein! Oft ’nann w ■»nani '? nw* 'j^nn min). Uleines Feuilleton. Aus der früheren Zarenstadt. („Leningrad" statt Petersburg. — Die neue Zeit. — Unerfreulicher Konflikt.) Leningrad (Petersburg), 15. Rov. Der Name „Leningrad" für Petersburg ist nun auch sozusagen h a l a ch i s ch anerkannt und festgelegt. Denn das Besdin des Rabbi Katzenellenbogen hat in aller Form beschlossen, daß es von nun ab in allen in der früheren Zarenstadt ausgestellten religiösen Urkunden, wie Ksuboh und Get anstelle von Petersburg „Leningrad" heißen muh. Damit dürste das Rabbinat der veränderten Lage definitiv Rechnung getragen haben. Schwieriger hat es das Rabbinat, den anderen Wandlungen der Zeit Genüge zu leisten. In der großen Petersburger Chorschul, die nie und nimmer mit einer Reformsynagoge zu verwechseln war, sondern eher einen geordneten orthodoxen Gottesdienst mit geschultem Kantor und gutem Chor nach westlichem Muster hatte, gährt es jetzt gewaltig, und der neue Geist hielt seinen Einzug, zunächst mit „gemischtem Chor". Anlaß dazu gaben die Bolschewisten mit ihrer Verordnung, daß Kinder unter achtzehn Jahren zu keinem Gottesdienste und keiner religiösen Hebung herangezogen werden dürfen. Damit mußten die Knaben aus dem Synagogenchore aussteigen, wollte man nicht eine Schließung der Synagoge und harte Bestrafung der Funktionäre ris-

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