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Der Israelit · 1924-11-20 · Heft 47 (20.11.1924) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 47 (20.11.1924)
Date
1924-11-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 47 Der Israelit 20. NovemberDA als Vertreter von Millionen Engländern, die ebenso von ihrem jüdischen Mule überzeugt sind. Bor kurzem hielt in dieser Gemeinde Mister Willking einen vielbeachteten Vortrag, in dem er u. a. aussührte, England habe von Gott die Macht über Aegypten, Syrien und Palästina erhalten, um die jüdische Zukunst zu begründen und würde den göttlichen Zorn heraufbeschwören, wenn es von diesem Ziele abwiche und sich seiner Aufgabe unwürdig zeigen würde. Ls sind ähnliche Ansichten, wie sie bereits zur Zeit Tromwells vor dreihundert Zähren in England gehört wurden. Eine vereitelte Zwangstaufe in Jerusalem. Jerusalem, 10. November. Am 8. November spielte sich in Jerusalem der folgende aufregende Vorfall ab: Ein jüdischer Knabe stürzte aus dem Gebäude des katholischen Konvents Ratisbon und schrie: „Juden rettet mich! Sie wollen mich laufen!" Mönche liefen hinter ihm her und versuchten, sich seiner zu bemächtigen. Eine Anzahl auf das Geschrei herbeigeeilter Juden stellte sich den Mönchen entgegen und ließ den Knaben nicht wieder in das Kloster zurücksichren. Während der Auseinandersetzung zwischen den Juden und den Mönchen entkam der Knabe. Sein Aufenthalt konnte nicht ermittelt werden. (I. T. A.) ttmevita. Lin amerikanisches Wohltätigkeilsbankett. Newyork, 2. November. Echt amerikanisch war das Bankett, das der „Verband der jüdischen Wohltätigkeitsoereine" in Newyork in drei großen Prunksälen der ersten Hotels abgehalten hat. 2500 Personen aus den ersten jüdischen Gesellsthaftskreisen nahmen an der Veranstaltung teil und 500 000 Dollar waren das Ergebnis des Abends, der durch eine Radioansprache Coolidges eingeleitet wurde. Coolidge rühmte die Juden als beispielgebende Führer aus dem Gebiete der werktättgen Menschenliebe. Außerdem sprachen Morttmer Schiff, der Sohn Jacob Schiffs, Marburg, Strauß und andere. Nach dem die erste halbe Million gezeichnet ist, wird auch die noch fehlende Million als Ergebnis ' einer riesigen Reklame in der Tagespresse auch nicht ausbleiben. Leider fehlt es dem glänzenden Bilde nicht an tiefstem Schatten: dieses Riesenbankett, dessen Teilnehmer gewiß glaubten einen Kiddusch Haschem in bestem Sinne zu veranstalten, war — treifo, also nicht mehr und nicht minder als ein bitterer Hohn auf das, was dem Juden das Höchste fein sollte, auf Gottes Gesetz. Cs ist ein tieftrauriges Zeichen der furchtbaren Entartung des jüdischen Lebens in Amerika, daß ein solcher öffentlicher Chillul Haschem möglich ist und nicht den lauten Protest aller derjenigen heroorrüft, in deren Herzen die Ehrfurcht vor den heiligen Traditionen des jüdischen Volkes noch nicht ganz erloschen ist. Freilich ist es ein öffentliches Geheimnis, daß auch die größten jüdischen Hospitäler, Waisenhäuser und sonstigen Wohlsahrtsinstituttonen Amerikas nicht rituell geführt werden und somit den Anspruch auf die Bezeichnung „jüdisch" in keiner Weise erheben können. Es wäre wirklich an der Zeit, daß die konservatto gesinnte amerikanische jüdische Presse endlich einmal den Finger in diese eiternde Wunde des jüdischen Lebens in Amerika legt. Ein Erfolg wäre bei kräftigem Zugreifen durchaus nicht ausgeschlossen. Aus aller Welt. Deutschland. Am 13. November begann vor dem Amtsgericht Berlm-Mitte der Prozeß Dinter-Birnbaum. Dr. Birnbaum vom „Berliner Tageblatt" hat in der Wochenausgabe des Tageblattes dem Verfasser der „Sünde wider das Blut" soviel blöde Ignoranz nachgewiesen, daß dieser Beleidigungsklage anstrengte. Als Sachverständiger war u. a. Dr. Bischof in Leipzig geladen. Die Verhandlung wurde vertagt. — Auf der Mitglieder - Versammlung des Israelitischen Lehrervereins für Bayern berichtete Dingfelder, daß die Zahl der jüdischen Volksschüler in München im letzten Jahrzehnte von 780 auf 250 herabgesunken ist. In Würzburg ist für diese Zeit eine Abnahme von 50 o/g zu verzeichnen, wahrend es auf dem Lande noch weit schlimmer aussieht. Diese Zustände resultieren aus dem Geburtenrückgang unter den deutschen Juden. — In der Sitzung vom 11. November befaßte sich der Wirtschaftsausschuß des bayerischen Landtags ylit einem völkischen Anträge, der die Juden von jedem Handelsgewerbe ausschließen will, dessen Ausübung von behördlicher Zulassung oder Genehmigung abhängig ist. Der Ausschuß und auch die Regierung waren der Ansicht, daß der Antrag nicht verhandlungsfähig sek, da er dem klaren Wortlaut der Verfassung widerspräche. Der Antrag wurde mit allen gegen die Stimmen der Völkischen abgelehnt. — Der Vorstand des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" veröffentlicht aus Anlaß der Neuwahlen zum Reichstag, sowie zum Preußischen Landtag einen Aufruf, in welchem zür schnellen und reichlichen Beitragsleiftung für den Wahlfonds des Vereins aufgefordert wird. Der Wahlfonds wird solche Kandidaten unterstützen, die bereit sind, den Antisemitismus zu bekämpfen. — Völkische Blätter veröffentlichen Anträge aus „Erlaß eines Schutzgesetzes gegen die Juden", die den gesetzgebenden Körperschaften als eine Ergänzung der bekannten „Iudenordnung" zugehen sollen. Holland. Im Zusammenhang mit der jüngst erschienenen holländischen Ausgabe der berüchtigten antisemitischen Schrift „Die große Täuschung" des verstorbenen Assyriologen Friedrich Delitzsch, hat die Redaktion einer Amsterdamer Zeitung sämtliche nichtjüdische Professoren der Theologie an den holländischen Universitäten um ihre Meinung über das Buch befragt. 35 Professoren der Universitäten Amsterdam, Leyden, Utrecht, Nymegen und Groningen sandten Antworten ein, die alle das Buch als eine gehässige an» wissenschaftliche Sch rift bezeichnen. Frankreich. Jüdische Studenten der Rollin-Hochschule in Paris haben sich geweigert, an den Sonnabenden schriftliche Arbeiten auszuführen. Die Schulbehörde hat die Entscheidung des Unterrichtsministers angerufen. Den Studentendroht Ausschließung aus der Hochschule. England. Der neu ernannte Kolonialminister im Kabinette Baldwin, Oberleutnant Amery gilt als entschiedener Anhänger des jüdischen Nationalheimes in Palästina. — Am 8. November abends ist in London, wo er zu Besuch weilte, der über die Grenzen Rußlands hinaus bekannte jüdische Gelehrte Dr. Alerander B r a u d o , 60 Jahre alt, an Herzschlag verschieden. Dr. Braudo, seit 35 Jahren Leiter der „Russica"-Abteilung der russischen Nationalbibliothek in Petersburg, bekleidete zuletzt das Amt eines Dizedirektors dieser Bibliothek. Jahrzehnte vor dem Krieg war er eine der politisch und gesellschaftlich führenden jüdischen Persönlichkeiten in Rußland. Amerika. In B o st o n starb am 10. November Senator Henry L o d g e. der sich seinerzeit mit ganzem Herzen für die Errichtung eines jüdischen Nationalheimes in Palästina einsetzte und den amerikanischen Senat zur Mitarbeit an dieser Aufgabe aufrief. — Die antisemitische Gruppe der Ku-Klur-Klan entfaltet wieder eine ausgedehnte Boykottpropaganda, die die Juden in verschiedenen Städten Amerikas zur Abwanderung zwingt. Auch die Demission des Präsidenten und Vizepräsidenten einer großen Handelsgesellschaft in Chicag o, Julius Rosenwald und Albert H. L ö b, wird auf die Treibereien des Ku-Klur-Klan zurückgeführt. — Auf einem Wohlfahrtsbankett der „Föderation der jüdischen Wohlfahrtsorganisation", das mit emer Ansprache des Präsidenten Coolidge von der Radiostation aus eingeleitet wurde, wurde an einem Abend eine halbe Million Dollar für jüdische Wohlfahrtszwecke aufgebracht. — Die amerikanischen Psychopädagogen interessieren sich gegenwärtig sehr stark für die geistige Entwicklung des 10 jährigen jüdischen Knaben Arthur Gottesmann, der nach einem glänzend bestandenen Eramen als llniversitätshörer ausgenommen wurde. Man sieht in dem jungen Gottesmann ein psychologisch-medizinisches Phänomen, wie -es bisher in Amerika noch nicht beobachtet worden ist. Rumänien. Oberrabbiner Z i r e l s o h n, der sich über den in rumänischen Schulen auf jüdische Kinder ausgeübten Zwang, am christlichen Religionsunterrichte teilzunehmen, beim Kultusminister beschwerte, erhielt vom Minister Anghelescu das Gesuch zurück mit dem Bemerken: „Wegen des scharfen Tones Annahme verweigert." Als ob man sich gegen einen solchen unerhörten Gewissenszwang scharf genug verwahren könnte! — Dem bekannten Antisemitenführer in Rumänien, Professor G u z a, wurde gemäß der Resolution des Jasper Professorenkollegiums die weitere Lehrtätigkeit an der Universität untersagt. — König Carol von Rumänien weilte am 12. November aus Anlaß der Enthüllung eines die Vereinigung der Bukowina mit Großrumänien symbolisierenden Denkmals in Czerno-j w r tz. Am Bahnhof fanden sich auch Vertreter der jüdischen Kultusgemeinde und die Rabbiner Dr. Keßler! und Dr. Katz mit Baldachin und den Thorarollen ein.' Rabbiner Katz segnete den König, wofür derselbe herzlich dankte und den Rabbinern und anwesenden Kultusvertretern die Hand drückte. Einen peinlichen Zwischenfall riefen die rumänischen Studenten hervor, die sich weigerten, zusammen mit den jüdischen Studenten an dem König vorbei zu defilieren. Palästina. 150 jüdische Erlegionäre versammelten sich am 11. November aus Anlaß des Jahrestags des Waffenstillstandes ins Mittelpunkt der Stadt und marschierten von dort zu den Gräbern der während des Krieges in Palästina gefallenen Soldaten. Sir Gilbert Clayton, Unterstaatsfekretär der Palästina- Regierung, hielt eine Ansprache. Der Zug marschierte dann zum Negierungsgebäude, wo die Erlegionäre bewirtet wurden und Oberkommissar Skr Herbert Samuel eine Ansprache hielt. Personalien. 1 A. Pinczower b"r 1 Berlin NW., 30. Ott. ' Am Ausgange des Festes, an dem Tage, da Israel als Höhepunkt und Abschluß der n’aia. bw die Freude: mit seinem Erbgut, seiner Tauroh feiert, hat einer der besten und edelsten Schüler dieser Tauroh, Herr Abraham Adolf Pinczower, dessen ganzes Lebensprinzip die Liebe zu dieser Tauroh gewesen ist, seine reine Seele ausgehaucht. Im 76. Lebensjahr ist er nach mehrwöchentlicher Krankheit von uns gegangen. Sein Tod hat allgemeine Trauer und tiefes Bedauern hervorgerufen und mit wehmütigem Schmerz blicken wir ihm nach, da mit ihm eine große Welt der Thorakenntnis ins Grab gesunken ist.. Mit ihm ist einer der letzten einer untergehenden Generation von uns geschieden. Er gehörte zu den glaubensstarken überzeugten amn», bie von ihrem Streben, fix yii asr snv» zu vereinigen, nicht viel Wesens machen, dafür aber dieses Ziel mit um so größerem Erfolg bei sich selbst erreichen. In stiller Arbeit der Selbsterziehung hat er sich zu einer Persönlichkeit entwickelt, die mit den Pflichten des guten Juden die Ausgaben des gebildeten Menschen harmonisch» zu vereinigen versteht. Die Liebe zur Thora lebte in ihm damals, als er aus seinem frommen Elternhaust in Beuthen, dem Kindesalter kaum entwachsen, in den Jahren 1362/66 als einer der bevorzugten Schüler nach der alten Preßburger nv'M kam, lebte in ihm^ als er zu den Füßen des *isio ans lernen durste und dann später, als er als erfolgreicher Kaufmann selbst. Schüler im Sinne und Geiste seines großen Lehrmeistersheranbildete und sie durch fein großes Wissen der Thora, zu gewinnen suchte. Sie lebte bis zuletzt in ihm, alser vom Geschäft zurückgezogen, mit seinen Kindern in Berlin vereinigt war, wo er bis in seine letzte Lebenszett hinein durch regelmäßige s’W einen Kreis ernster- MännerN um sich scharte. Neben der Liebe zur Thora, waren Offenheit des Charakters und Redlichkeit im kaufmännischen Leben die Züge, die ihn auszeichneten^ so daß er als eine führende Persönlichkeit in seinem schlesischen Heimatorte Hindenburg auch von der nichtjüdischen Bevölkerung verehrt wurde. Mit llugem. Urteil und scharfem Blick nahm er am politischen Leben^ früher sogar aktiv teil, und wie gern hörte man ihm zu, wenn er neben seinen stets anregenden mit gesundem, klarem Urteil das Geschehen der Gegenwart wertete und ihre Schwächen geißelte. Wie zum Lohn war es ihm und seiner Göttin,, die noch vor kaum einem Jahr das seltene Fest der goldenen Hochzeit mit ihm feiern durfte, vergönnt, was. in der heutigen Zeit leider selten geworden ist, Kinder und Enkelkinder zu ehrlichen Juden heranwachsen zu sehen. Aber nicht nur im Kreise seiner Kinder und- Verwandten wird die Erinnerung an ihn sortleben^ sondern im weiten Kreise seiner Schüler und Freunde wird sein Andenken ein Ansporn bleiben zum Forschen, und Lernen unserer nnm« Jr'asan Kleinsteinach, 18. Nov. Aus Kleinsteinach wird uns geschrieben: In dankbarer Erinnerung an sein hingebungsvolles Wirken in derman gedenken wir des Heimganges unseres langjährigen Mitgliedes, Herrn Heßlein Lonnerstaedter, Haßfurt. Er übte den ms bv ion ftetsmit mustergültiger Gewissenhaftigkeit und Hilfsbereitschaft. Im 74. Lebensjahre beendete er seine Laufbahn hienieden. An der Bahre fand Herr Lehrer Hammelburger, Haßfurt, Worte des Abschiedes von-.einer innigen Wehmut, wie sie nur der Schmerz ob des 'Hinscheidens eines schwer zu missenden herzlichen Freundeshervorzubringen imstande ist. Nachdem er die glänzenden Eigenschaften und die Größe des Verlustes, der nicht nur die Familie, sondern auch den bba betroffen hat, in treffender Weise geschildert hatte, nahm unser altehrwürdiges a«n ma die irdischen Reste dieses irB'ir auf. Mainz, 9. Nov. In der vergangenen Woche hatte die hiesige Israelitische Religionsgesellschaft den Verlust eines Mannes zu beklagen, der es wohl yerdient, daßihm in diesen Blättern einige Erinnerungsworte gewidmet werden. Herr Siegmund Vogel war nicht nur einer unserer ältesten, sondern auch eines unserer gottesfürchtigsten und beliebtesten Mitglieder. Schon in verhältnismäßig jungen Jahren aus seinem Heimatsorte Nieder- Saulheim ber Mainz hierhergezogen — weil er sich in bezug auf das jüdische Leben dortselbst nicht beruhigt fühlte — verstand er es hier, ein Haus zu führen, das in jüdischer Beziehung geradezu vorbildlich genannt zu werden verdient. Daß er seine Söhne und Töchter zu strengen Iehudim erzog, kann nach dem Gesagten wohl als selbstverständlich vorausgesetzt werden, ebenso daß er alle Institutionen unserer Kehillah stets auf das reichlichste förderte, sowie keinen Schiur unbesucht ließ. Seine hervorragendste Eigenschaft indessen war seine Betätigung in der Chewra kaddischah. Kaum in Mainz ansässig, widmete er — obschon als Chef einem großen Hause vorstehend — einen großen Teil seiner Kräfte diesem wahrhaft edlen Liebeswerke. Er hätte sich tvohl rühmen können — wenn das in seiner Art gelegen hätte — daß in Mainz seit 24 Jahren fast kein Leichenbegängnis stattgesunden hat — hier in Mainz versieht! unsere Chewra den Dienst für beide Gemeinden — ant dem er nicht teilgenommen hätte. Als in hohem Alter' ein Beinleiden ihn belästigte, fuhr er in einem Wagen, nur daß ihm diese große Mizwah nicht entgehe. Und

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