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Der Israelit · 1924-11-06 · Heft 45 (6.11.1924) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 45 (6.11.1924)
Date
1924-11-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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* •>/ ~ZCZ v,-C uns M e u f ei mitj e d e m T a g e", ist ein uraltes iPdstulat der Ueberlieferung, und es fehlt nicht an Wegen, zu dieser „Heutigkeit" der Gesetzerfüllung zu gelangen. Nur zwei*) seien hier erwähnt. Auch wenn man nicht in die übertriebene Forderung verfällt, die Grenze zwischen „Minhag" ^und „Din" verwischt zu sehen, bietet das um Äas Gesetz sich rankende, vom Geiste dieses Gesetzes erfüllte Volksleben ein reiches Feld freiester Entwicklung. Im Osten wächst und keimt es auf diesem Felde an jedem Sabbattag, und bei UNs im Westen, dort, wo man sich nicht vor dem Gespenst der „Polonisierung" fürchtet, zeigen sich auf der Erdschicht, die der „Verengerer", Samson Rafael Hirsch, neu gepflegt, vielversprechende, keimhafte Anfänge solchen Lebens. Das eben war das Große an S. R. Hirsch,daß er seine eigenen Ideen mcht als einen Abschluß, als eine Abriegelung von den Quellen betrachtete, sondern sein Leben lang eben zu diesen Quellen zurückzuführen bemüht war und sich selber einordnete in den Strom geistigen Lebens, der von Mosche Rabbenu zum letzten pinn flutet. — Und wie dem Volke, so ist auch dem I n d i v i d u u m das Tor der „Gesetzesschöpfung" geöffnet — im Begriffe des mTWi. Leset, Heimkehrende, in Luzzattos unsterblichem Wegweiser zur jüdischen Sittlichkeit, im 18. und 19. Kapitel des nbv». wie sich über dem unantastbaren Bau des für die Gesamtheit gültigen Gesetzes die lebendig zu gestaltenden Pfeiler und Wölbungen der freien Liebeshintzebung an Gott und den Menschenbruder erheben, und Ihr werdet nicht mehr Plagen, daß Ihr in der einförmigen Gebundenheit der Gesetzestreue Peine Gelegenheit zu schöpferischem Wirken fändet. Freilich: Die unbestechliche Wahrhaftigkeit dieses Gesetzes duldet keine Sprünge; man kann nicht von heute auf morgen aus einem der Thora in Wissen und Leben entfremdeten „S o h n" des zwanzigsten Jahrhunderts in Berlin W. zu einem „Baumeiste r" werden,' und man hat kein Recht auf abrahamitifche Gefetzes-Ahnung, solange nicht die rwn rnm in einem Leben voller mühseliger, Tage und Nächte erfassender Selbstbearbeitung von Herz und Nieren Besitz ergriffen hat. *) Wieautzerdem bei der Ausübung der Thoragebote zu dem als Motiv allerdings zunächst wirksamen Gotteswiüeti'als Ziele des Handelns andere Momente ergänzend ins Bewußtsein treten sollen und wie damit der ethische Vorzug des pflichtgemäßen Tuns mit dem der denk- und gefühlsmäßig durchleuchteten freien Hingabe sich harmonisch einen, glaubt der Derf. in seinen „Aphorismen" (Hirsch- Iubiläumsschrift 1908) nachgewiesen zu haben. vor einem Judentum, das nicht einmal die Kraft des Verfluchens mehr hat. Hans Herzls Flucht ist wohl die Flucht irgendeines Abtrünnigen, aber nur solange ein Hans Herz! ein judenfernes Privatleben irgendwo in London oder in Wien verlebt; in dem Augenblicke aber, da es bekannt ist, daß dieser Abtrünnige Theodor Herzls Sohn ist, dann wird der Fall zum symptomatischen Ereignis. Dann legt er eine Wunde bloß. Keine Privatwunde am Körper, in der Seele irgendeines Privatmannes, der zufällig im Lichte historischer Entität Bar-mizwah wurde — nein: dieses Hans Herzls Schuld, diese verwerfliche Schuld, diese unverzeihliche Schuld, ob der Zerstreuung und Schwert in die Welt kommt, ist die große, verzweifelt schwere Wunde am Körper des Judentums dieser Tage. Theodor Herzl hatte die Konsequenzen aus der Schule der antisemitischen Wirtsoölker gezogen, sein Sohn zog die Konsequenz aus der Schuld seines an Europa assimilierten Volkes. Zwanzig Jahre jüdischen Nationalismus — sagen wirs gleich: zwanzig Jahre eines. europäischen Nationalismus — .und der letzte Herzl liquidiert fein Judentum. Darüber müßte man Nachdenken. Gibt es einen Ehrlichen, gibt es einen Fanatiker, der endlich ausschreit: Europa, Europas Idee trägt die Schuld an dieser und an tausend gleichartigen Liquidationen! Europa, das dem-Judentum einen Nationalismus bot als Surrogat für eine verloren gegangene Religiosität und für eine verschwindende Religion, die in den Hirnen der Staniolpapiersammler zur Privätsäche ward, in dem Augenblick, da das Judentum politische. Partei nach vorhandenen Mustern würde, KolonisationSverein ohne den Hauch religiösen, Antriebes. Europa trägt die Schuld an Hans Herzls Flucht, jenes Europa, das uns einen Zionstern ins Knopfloch steckte, damit wir. an unsere Einzigartigkeit, die einst keines äußeren Abzeichens bedurfte, vergessen mögen, das uns glauben ließ. , Der F s r a e IM , y,, " Dem Demütigen ward diese Thora auf Sinais Höhen, in der Stille des Stiftszeltes ihm, der sie nie aus eigener Seele erahnt, sondern ganz und gar vom Gotte der Wahrheit empfangen hatte, und der nichts fein wollte als der gehorsame Künder göttlicher Botschaft. Wenn die Söhne unserer Zeit das Gesetz nicht nur , sondern auch die Lehre in diesem Geiste täglich neu empfangen, dann wird ihr forschender Geist genug der Freude am Schaffen und Werden, an ewiger Verjüngung und Wiedergeburt empfinden. Und aus den steinernen Gesetzestafeln, an denen jeder Subjektivismus und Individualismus sich bricht, wird ihnen dennoch in den stillen Stunden des Lernens als süßester Lohn die Ahnung jener Thora reiner Geistigkeit entgegenleuchten, die Gottes Gespielin vor allem sinnlichen Werden war, und die der Engel eifersüchtige Liebe in Himmelshöhen dereinst umloderte. Wochenrundscha». Wieder ein Wahlkompromiß. Man sagt zwar mit einigem Recht, daß das Leben eine Kette von Kompromissen sei, im tiefsten Grunde ein Kompromiß zwischen Geist und Materie — allein es fragt sich doch, ob auf Gebieten, die dem Bezirke des Heiligsten angehören, dem religiösen Leben des Einzelnen wie der Gesamtheit, mit diesen Konzessionen an die menschliche Schwäche zuweilen nicht zu weit gegangen wird. Das scheint uns bei dem Wahlkompromiß der Fall zu fein, das unsere Gesinnungsgenossen in Wien soeben mit den Zionisten und Assimilanten imVorstand der Kultusgemeinde abgeschlossen haben. Zwar handelt es sich nicht etwa um ein Bündnis der Aguda (sei es des österreichischen Landesverbandes oder der Wiener Ortsgruppe) mit jenen Parteien, sondern um ein gänzlich privates Abkommen zweier dem Kultusvorstande ungehöriger führender Persönlichkeiten der Schiffschul mit ihren Kollegen für die Zwecke der Neuwahl; allein die Personal-Union, die hier nun einmal zwischen den verschiedenen orthodoxen Gremien in Wien vorhanden ist, gibt auch den. agudistischen Kreisen das Recht und die Pflicht, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Das Getöse der Wiener daß wir ein Volk wie alle Völker seien, ein Volk mit Nationalismus, der frei von jeder religiösen Komponente ist. Kein. Fanatiker steht auf, keiner ruft, es, keiner zielst die Könfeqüenzen,und vor den Toren eines europäisierten Palästina wird ein entorientalisiertes Judentum zur Kapitulation gezwungen: gezwungen, zu erklären, daß das „moderne Judentum" mit einem ins Geistige übertragenen Schweinefleischgenuß durchaus vereinbar, ja sogar sehr gut vereinbar ist, denn.: wir sind ein Volk wie andere Völker, und unser Nationalismus ist ein Nationalismus wie jeder andere, der morgen schon faschistisch fein kann oder programmatisch antireligiös. Herzls Sohn hat sich taufen lassen.. Macht nichts. Kein konseqenterjü di scher Nationa l i st dürfte ihm um dieser Kleinigkeit willen die Aufnahme in die Organisationv erweis ern, wenn er morgen darum an sucht, denn: Religion ist ja Privatsache. Höchstens kann ihn ein alter Friedhofsw.ärter, der ihn trotz seiner Verkleidung erkennt, vom Friedhof weisen, wenn es ihm einfallen sollte, am Grabe des Vaters ein Kaddisch zu sagen. Aber er wird wohl kaum Zionist werden, und das Kaddisch hat er sicher nicht gelernt. Zu oberflächlich war das Judentum im Kinde einer Zeit, dem Europa das Judentum auf ein paar Religionsstunden im Nebenfach reduzierte. Mit irrem Blick sieht der haltlos, entwurzelt in fremden Räumen Schwebende um sich: kein Führer des Irrenden wird ihm, religionsloser Nationalismus blitzt irgendwo auf (der Zeitströmung gemäß) — vergebliches Bemühen, den Haltlosen zu halten: schon grinst die Assimilation an Eropas Ideen hinter diesem Nationalismus hervor. Und wenn schon Assimilation, dann vollkommene! Auf tut sich 'das Tor der Kirche, ungeahnte Möglichkeiten erschließen sich dem auf seine Vergangenheit Verzichtenden, und Theodor Herzls Sohn hat - aufgehört, Jude zu sein im Sinne des Judentums. Nr. 45 (Seite S „Misrachi"- und „Achdus"-Kreise, die sich gegenseitig wild bekämpfen und einig nur in ihrer Abneigung gegen die Aguda sind, beeinflußt uns dabei keineswegs, denn diese Gruppen haben gewiß keinerlei moralisches Recht dazu, der Orthodoxie ein technisches Zusammenwirken ad hoc mit den Liberalen und Zionisten vorzuwerfen. Allein die Tatsache dieses Zusammenschlusses selber muß verwirrend auf die Köpfe der Jugend einwirken. Man hat sich seit einigen Jahren daran gewöhnt, daß die Wiener Einheitsgemeinde, aus der auch die Schifffchul nicht rechtzeitig den Weg ins Freie gefunden hat, orthodoxe und liberal-zionistische Männer zur Gemeinschaftsarbeit vereinigt — aber es, bedeutet einen weiteren gefährlichen Schritt zur Verwischung der geistigen Grenzen und zur Trübung der politischen Moral, wenn nun der greise Führer der Wiener Orthodoxie in einer Wahlversammlung an der Seite eines Robert Stricker auftritt, dem er gewiß jede Legitimation zur Vertretung jüdischer Interessen abspricht. Auch „technische" Wahlkompromisse verharren nicht im Technischen. Sie wirken sich unfehlbar im Seelischen aus, mögen auch die Führer selbst in ihrer Charakterstärke über jeden Verdacht des Schwankens erhaben fein. Wir halten dahe/ das Wiener Wahlkompromiß für einen ebenso schweren Fehler wie es der berühmte technische Wahlblock der polnischen Orthodoxie mit den Zionisten war. Die hebräische Kultur in Palästina. Seit einiger Zeit weilt der Nestor der hebräischen Dichter, Chajim Nachmann V i a l i k, in Palästina, wo er das Erbe Ben Iehudas: die Hebraifierung Palästinas, angetreten hat und es, man muß es sagen, mit großer Liebe und Energie verwaltet. Er nutzte auch die Anwesenheit Weizmanns aus, um bei ihm an der Spitze einer Deputation Klage zu führen über die mangelhaften Leistungen der Zionistischen Organisation, auf dem Gebiete der hebräischen Kultur in Palästina. Er wünscht von der Leitung wie von der gesamten zionistischen Welt, daß sie bei den Aufbauarbeiten dem „jüdischen Geiste" mehr Aufmerksamkeit schenken, keinesfalls weniger als den materiellen Interessen des jüdischen Volkes. Natürlich erkannte Weizmann die Forderung als vollauf berechtigt an und stellte Abhilfe in Aussicht. Es ist das gute Recht Bialiks, für die hebräische Sprache/in der er uns wirklich gute Poesie vermittelt hat, einzutreten. Es ist aber weniger schön und objektiv ehrlich von ihm, wenn er von der hebräischen Sprache schlechtweg als vom Wer soll Schiwe sitzen am Taufbecken Hans Herzls? Mag auch vielleicht die Tat dieses recht kleinen Sohnes eines großen Vaters hysterische Demonstration gegen den übermächtigen» Schatten seines Vaters gewesen sein, der zu schwach war, ein ganzes Leben die Verpflichtung zu tragen, Sohn feines Vaters zu fein, ohne in den eigenen Augen ein Geringer zu werden, — f i e hebt unfere Schuld nicht auf, die wir nicht verstehen, zurückzukehren zu denQuellen (und dennoch an unsere nationale Sendung zu glauben), weil wir uns der Rückkehr schämen, weil wir zu feig sind, zu sagen: es gibt keinen jüdischen Nationalismus ohne jüdische Religion, kein JudentumohneSynagoge. Und keinen Hans Herzl ohne seine Zeit, die Tausende seinesgleichen schafft: Juden, denen das Judentum nichts weiter i&. als eine von den Denkkategorien Europas. Historische Funde in Mainz. Grabsteine berühmter Rabbis des frühen Mittelalters. Alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften sind im Jahre 1922 in Mainz gefunden worden. Sie sind nunmehr in langer mühsamer Arbeit durch den um die Erforschung der Geschichte der Juden am Rhein, hochverdienten Professor Dr. Siegmund Salfeld-Mainz, entziffert , worden. .* Die Sterne vermehrten in bedeutender Weise, das zahlreiche Maerial, das bereits um die. Mitte des vorigen Jahrhundert auf - den klassischen Boden, der alten Moguntia gehoben worden ist. Fast 150 Steine und viele Bruchstücke, bewahrt heute der - Vorhöf des.. Mainzersogenannten „Eisernen Turms" an der Rheinstraße, das städtische Museum i 'i 1 i

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