Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1924-10-30 · Heft 44 (30.10.1924) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 44 (30.10.1924)
Date
1924-10-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450286-2450328--71651-2528965
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 Nr. 18 Der Israelit Blätter 30. Oktober 1924 Znm ersten Chefchwan. Das Büro der Palästinazentrale der Agudas Iisroel richtete in diesen Tagen ein Rundschreiben an alle früheren Spender für den Rosch chaudesch-Fond der Agudas Iisroel mit dem Hinweis darauf, datz nunmehr, nachdem stabile Geldverhältnisse in Deutschland eingetreten sind, schon im Sinne des talmudischen Grundsatzes, daß jede dreimal geübte gute Handlung den Charakter eines Gelübdes trägt, jeder frühere Spender sich verpflichtet fühle, wiederum sich an der Rosch chaudesch-Spende zu beteiligen. Nicht jeder Agudist wird diesen Aufruf lesen und nicht jeder Leser wird fühlen, welche unendliche Bedeutung in der Tatsache liegt, d ah 1000 Kinder in Crez Iisroel durch die Rosch chaudesch-Spende in echt jüdischem Geiste erzogen werden. — Will man einen Begriff haben, was Thora- Unterricht in Erez Iisroel bedeutet, dann lese man den jüngsten Appell Bialiks anlählich der Anwesenheit Professor Weitzmann^s in Palästina zu Gunsten der hebräischen Sprache. Die Kenntnis der hebräischen Sprache bedeutet für Bialik die kulturelle Aufgabe Palästinas. Ohne ihre Förderung ist nach Bialik die gesamte Aufbauarbeit wertlos. Wir wissen, datz der Wert der hebräischen Sprache ein bedingter ist, wir wissen, dah sie niemals Selbstzweck ist, wir wissen (vergl. Maimo indes Erklärung zu den Sprüchen der Väter, Kap. 1, Mischna 17), daß unjüdische Gedanken in hebräischer Sprache gesprochen noch mehr zu verdammen sind, als in einer fremden Sprache. Aber wir sollten doch von unseren Gegnern lernen. •anto n’pnaisD uVw ’naVw min "nri Wir sollten anstelle der hebräischen Sprache die Thora, anstelle der Form den Inhalt, zumindest mit derselben Begeisterung und mit derselben Hingabe fördern, wie unsere Gegner dieses für eine'Pseudo-Nationalkultur verlangen. Die zukünftige Entwicklung Palästinas hängt von den Erziehungsstätten der Jugend ab. Jede wirtschaftliche und jede politische Betätigung von Seiten der selbständigen Orthodoxie erhält erst Sinn und Bedeutung, wenn für ein orthodoxes Schulwerk gesorgt ist. So wie Rabbiner Samson Raphael Hirsch s. A. bei der Einweihung der Synagoge der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft es aussprach, dah sie nur das Sammelhaus sei, welches seine Besucher äußerlich verbinde, aber die Schule der Boden werden müsse, der die Gemeinde halte und trage und ihre Zukunft garantiere, so gilt dieses in verstärktem Matze für den Aufbau eines jüdischen Gemeindewesens in Erez Iisroel. Dieses haben unsere Gegner richtig erkannt und haben in allerjüngster Zeit wieder das strittige Budget des zionistischen Schulwesens im Sinne der antireligiösen Leiter desselben bestätigt. Aus diesem Grunde haben die zionistischen Instanzen, welche eine Gemeindeorganisation für Erez Iisroel der englischen Regierung unterbreitet haben, in ihrem Entwurf das Schulwesen den rabbinischen Autoritäten entzogen. Agudas Iisroel hat einen Gegenentwurf eingebracht und hat mit Recht darin die Leitung und Führung des Erziehungswesens durch die geistigen Führer der Gemeinden verlangt. Aber was nutzen uns alle Programme. wenn nicht die breiten Massen der Orthodoxie erkennen, datz es Pflicht der Diaspora ist, auch auf geistigem Gebiete das Wort zu bewahrheiten, datz .die Armen Palästina s den Armen der eigenen Stadt gleichzusetzen sind. Wöchentlich erhält die Palästinazentrale Gesuche aus Palästina um Uebernahme und Erweiterung bereits vorhandener Thorastätten und um Gründung neuer, ganz besonders in den Kolonien und in Galiläa, aber die Masse der Agudisten hat bisher versagt. Man lese die Spendenausweise der Palästinazentrale, fast immer sind es dieselben wenigen Ortsgruppen, die sich an der Rosch chaudesch-Spende beteiligen, und von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, nur in dürftigem Matze beteiligen. Hier eine Besserung zu schaffen, ist Aufgabe eines jeden, der Verständnis dafür hat, daß die beste Kritik und beste Abwehr thorafeindlicher zionistischer Erziehungsmethoden nur in der positiven Betätigung für ein echt jüdisches Erziehungswesen zu. suchen ist. Was verlangt die Palästinazentrale? Ein jeder Agudist, eine jede Agudistin mache es sich selbst zur Pflicht, monatlich mindestens die geringfügige Summe von Mk. 0.50 zum Rosch chaudesch-Fond beizutragen. Wir sind überzeugt, daß der begüterte Gesinnungsgenosse sich nicht mit dem Minimum begnügen wird. Aber auch die kleine Spende soll zum Symbol werden dafür, datz jeder Agudist mindestens monatlich einmal seine Liebe zu Erez Iisroel, seine Liebe zur Thora werktätig ausdrückt. Das Jahr 5685 'fiat begonnen. Wer hat die Rosch chaudesch - Spende für Tischri schon bezahlt? Ein letztes Mittel. Von Dr. Cf. in 8. In Palästina ist mit der Einführung eines Gemeindestatuts. zu rechnen, dem wir Orthodoxen uns nicht fügen dürfen. Was ist zu tun? Ich sagte es schon vor der rfrrn rr>03D: Es muß in der N äh e von Erez Iisroel, am besten in Mesopotamien, eine orthodoxe Siedlung errichtet werden. Heute Näheres dazu, a) Ich bin zu der Erfahrung gekommen, daß nur in den westeuropäischen Großstädten, soweit sie sich nach Frankfurt richten, das Judentum seit 1h» Jahrzehnten im wirklichen Aufblühen ist.' Nur hier ist die ganze Hohlheit der Kultur durchschaut, die noch im vorigen Menschenalter junge Juden zur Abtrünnigkeit veranlassen konnte. Nur hier hat man es mit angesehen, wie die Wissenschaft, ihrer historischen Gründe für den Antisemitismus gegen die Bibel entkleidet, sich in immer engere Hypothesen und schließlich in den Nebel der Mystik flüchtete;' nur hier hat man die pädagogische Ohnmacht der „Bildung" im Kriege aus nächster Nähe bewerten gelernt oder erlebt. Nur hier betrachtet die Jugend in ansteigendem Maße das ausschließliche Thoralernen und -leben als Ideal. Nur hier wird vor allem auch der orthodoxen Erziehung der weiblichen Jugend die ererforderliche Aufmerksamkeit geschenkt. b) Anderwärts, wo die Zivilisation noch im Ansteigen ist, im Osten besonders, wo diese ganze Firniskultur noch den verlockenden Reiz des Nellen besitzt, ist es um die Jüdifchkeit des kommenden Geschlechtes schlecht bestellt. Ebenso sieht es in den Kleingemeinden Ostdeutschlands und ähnlichen deutschen Gegenden aus. Verpflanzungen und Ansiedlungen sind unter solchen Umständen ohne Zweck für die Hebung der Jüdifchkeit. Hinzu kommt die Bedrohung der Judenheit in reaktionär regierten und des Judentums in revolutionär regierten Ländern aller Weltteile. Datz eine Neusiedlung nötig ist, läht sich nicht bestreiten. Leider kommt da es sich mehr und mehr als ein Land der z w e i t e n von den erwähnten Kategorien entpuppt, für diese Neusiedlung gar nicht in Frage. Mit erziehungsbedüftigen Kindern sich zwischen die dortige Gesellschaft zu setzen, ist schon jetzt ein gewagtes Experiment. In Mesopotamien ließe sich zweifellos unter regierungsseitigem Schutze ganz gut ein orthodoxer bnp aufbauen. Da zunächst das Land urbar gemacht werden soll, so wird sicher die englische Regierung Leuten, die aus zivilisierten Großstädten stammen, nicht ungern dort große Rechte einräumen, falls sie nur geeignet sind. Man fängt die Siedlung vielleicht am besten mit geschäftstüchtigen jungen Leuten aus deutschen gesetzestreuen Kreisen an, die ja jetzt im Lande wenig Erwerb finden. Vielleicht gründet man für sie zunächst höhere technische Schuten, da vermutlich in den ersten Jahrzehnten dort mehr technischer als kaufmännischer Unternehmungsgeist vonnöten sein wird. — Die Notwendigkeit solcher Schutzparks für die Orthodoxie ergibt sich nun aber vor allem daraus, daß hierzulande die Schulen nicht mehr wie in der humanistischen Zeit geistige Begabung der Kinder, sondern turnerisches Draufgängertum (verkappten Militarasmus) pflegen, der ihnen auch das Thora-Interesse raubt, und deshalb mutz bei jener Neusiedlung unser erstes Augenmerk darauf gerichtet sein, möglichst orthodox im Geiste Hirschs dort die Kinder erziehen zu können; dazu darf es uns nicht blamabel erscheinen, wenn wir in den ersten. Jahren des Unternehmens die Dortigen von hier aus am Leben erhalten müßten. Vielleicht aber hilft uns dariÜ>er ein wirtschaftlicher Sachverständiger hinweg. Uns liegt an nichts soviel wie an einer rein orthodoxen Gemeinschaft, einer völlig selbständigen, nur der Thora und dem Talmud unterstehenden Gemeinschaft, die, in des Erlösers würdig wird und seiner harrt. Ihre Aufgaben wären: 1. Pflege jüdischen und allgemeinen Wissens durch unzweifelhaft orthodox gesinnte Persönlich^ keiten, 2. Herstellen von Erwerbsmöglichkeiten füm Leute gleichen Sinnes durch wirtschaftliche Sachverständige gleichen Sinnes, 3. Konservieren des unverfälschten und unverkürzten, traditionellen, synagogalen Lebens durch Kundige gleichen Sinnes, (gemäß: Staatsbefugnis), 4. Eigene talmudifche Gerichtsbarkeit, 5. Nur jüdische Erziehung (nur in althebräischer Sprache), 6. Aufnahme erwiesenermaßen bewußt orthodoxer Unterstützungsbedürftiger zur Erfüllung einer der übrigen 6 Aufgaben und endlich 7. Abwendung aller „künstlerischen" unk „erholungsgemäßen" sogenannten Lebensverschönerungen europäischen Schnittes. Schließlich könnte ich noch als Begleiterscheinung zu allen diesen Dingen als allgemeinste Aufgabe eines solchen rrtmn Vnp bezeichnen: die Erziehung gleichgesinnter Nachsiedler aus allen Erdteilen. Andere Weltgegenden möge n "'«m davor behüten, daß sie erst durch Ereignisse, wie wir sie erleben, zur Einsicht der Notwendigkeit der Abkehr von der „Kultur" und der Gründung, eines Vnp gelangen. Möge es auch bald dort soviele wie hierzulande geben, die gerne solche ’aa sein wollen. Sicherlich, ohne Sachverständigenurteil, wage ich als ausführbar zu bezeichnen das Sichbekennen zur Schar dieser v'^13. Es besteht in nichts anderem als in wahrer -Stimmung^ die man wirklich heutzutage nicht erkünsteln braucht. Sie soll sich äußern: in unbedingtem Treue zu Sabbath, Speisegesetz, Trauerbräuchen^ Recht, Frieden und was uns noch von den Völkern des Uebermutes unterscheidet. Einem vor keinem Belächeltwerden zurückscheuenden a^ia br\p deutscher Orthodoxer kann die Zukunft: des Judentums gehören. Ohne Uebergriffe in das Leben der Judenheit anderer Gegenden, ohne Einfluß ihrerseits kann er gedeihen. Er müßte mit einem „Fonds für Sabbathgeschädigte" beginnen (entspr. dem Schmitta- Sedenhet dev Hofcfi cfinudefcfi Spende Tostjekeekkonto dev $afäsfina~ Zentrale dev Agudas Jisvoel Ifo. 53 900 Frankfurt a. M

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.