Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1924)
- Date
- 1924-10-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 44 Der Israelit 30. Oktober 1924 Keine andere Bezeichnung als „debithu", „die von seinem Hause" finden wir in der ganzen Gemara für die Frau eines der Tannaim und Amoraim. Im Buche der Sprüche finden wir das Wort: NIVN»'? -jk cpnas; Ynm1? rrrp 225 welches von einigen Erklärern so gedeutet wird: „An jedem Kummer (Erzürnung Gottes, selbst Götzendienst, vgl. 2^225) gibt es einen Vorteil (eine Ausrede, Beschönigung oder angebliche Begründung), und das Wort der Lippen ist nur zum Mangel", d. h.: Jede Sünde mag eine noch so fadenscheinige Begründung haben; es ist aber immer eine Begründung, z. B. für sittliche Verfehlungen die Leidenschaft, für Sabbatentweihung die Habgier und für Unehrlichkeit der Geschäftsübereifer. Aber für Entheiligung des Mundes durch Worte, die das Zarte in den Staub zerren, gilt keine von diesen Entschuldigungen. Nichts versönht den gesunden, geraden Sinn mit den „Geistesblitzen" eines Mundes, der über die Beziehungen zwischen Mann und Frau Niederträchtiges redet. Darum hat er auch vor Gott keinerlei Rechtfertigung. Es gibt keinen Vorteil vom Sprechen des Unflätigen, und es gibt auch keinerlei Leidenschaft, die man dem Spötter über diese zarten Dinge zugute halten könnte. Eine moderne seelenkundliche Richtung will gefunden haben, daß böse Veranlagung, die an tatsächlicher Entfaltung äußerlich durch Standesrücksichten gehindert ist, sich oft durch Träume, Gedanken und — Worte unwürdiger Art unbewußt, dem Täter vielleicht gar ungelegen, Luft schafft. Also haben mit Recht unsere Thoraforscher die Redeweise als den Spiegel der Seele, ihrer Erziehung und Herkunft angesehen. Es ist sehr schwer, die auf diesem Gebiete herrschenden Mißbräuche unseres Zeitalters treffend zu kennzeichnen, ohne selber in den Fehler der Unzartheit zu verfallen. - Soviel nur sei gesagt: Bei der gegenwärtig üblichen Unterhaltungsweise eines bedeutenden Teiles auch der gesetzestreuen jüdischen Gesellschaft ist die Gottlob zur jüdischen Weisheit heim st redende Seele der Jugend unseres Landes aufs äußerste gefährdet. Können wir unsere Kinder schon nicht vor der Grobkörnigkeit andersgläubiger Schulfreunde (und bisweilen auch der vorher soldatisch abgehärteten Lehrer) in jedem Orte bewahren, weil es leider so wenige orthodoxjüdische Schulen gibt, so sollen diese doch wenigstens im eigenen väterlichen Hause aus jedem gesprochenen Worte eine höhere Weihe herausspüren, damit sie den Unterschied bemerken und sich auf den Adel ihrer Seele besinnen. Uebrigens wäre diese Frage für sich schon eine ausreichende Begründung für die Notwendigkeit, überall die Forderung nach Wiederaufbau oder neuem Entstehen jüdischer Schulen zu erheben. Gleichzeitig hoffen wir durch die zitierten Talmudstellen bewiesen zu haben, wie sehr veredelnd auch auf Denk- und Redeweise der Jugend,' — entgegen feindlichen Behauptungen — das Studium des Talmud wirken kann. Kann; denn auch hier gibt es Unterschiede. Wo man, wie es leider stellenweise durch verständnislose Einübe-Talente geschieht, mit Kindern, die zu den Traktaten '221 raw 'N2'2 'v'nvs '3P2» reif sind, statt dessen zur Wetzung oes Geistes 'lai rvoiro lernt, da verfehlt man leicht dieses Ziel. Was aber kann erzieherischer auf die Zunge des Schülers wirken als die nach mühseliger, fünfseitiger Untersuchung plötzlich eintretende Wendung vp2 8^5» in wnvs! Es muß aber selbst für den minder fachlich ausgebildeten Pädagogen leicht fein, auch den kleineren Knaben, sowie die dem Talmudlernen fernbleibenden Mädchen mit dem jüdischen Geiste dieser Aussprüche unserer Weisen vertraut zu machen. Nicht umsonst ist der Marcheschwan der Beginn des Winterhalbjahres auch der jüdischen Lehrstätten. So nämlich, wie in ihm Unsere Lippen nwma noch weiterflüstern in den verklungenen Gebeten des Jahresbeginnes, soll im ganzen Leben der menschliche Geist erfüllt sein vom Nachhalle der heiligen Worte, die der bin Y'2i?n bv? n.Y’ö unschuldige Mund des Schulkindes dem Thora-Lehrer nachgesprochen, und an denen es feines erwachenden Gedächtnisses und Geistes reine Freude genossen hat. Nur wer den Mund von Bösem behütet hat, wird zeitlebens dieser Nachfreude teilhaft, — und darüber hinaus MLV 22V7 find reine Worte über das Leben ihres Sprechers hinaus unsterblich. Es wird zu ertragen fein, wenn jüdische Kinder nicht die großen Kenner der neusten jeweiligen Schlager, Liedchen und ähnlicher Unanständigkeiten sind. Es wird ihnen nicht schaden, wenn sie nicht überall „mitreden" können, tpaw b'i hx brr-w' nawn Muß man überall mitreden können? Ein Weiser hat gesagt: Gezählt sind die Worte des Menschen von Anbeginn für sein ganzes Leben. Und wenn das letzte davon verklungen ... Nur Worte der Thora und der Mizwa zählen nicht ... Korrespondenzen « ßacbricbttn. -eirtsHer JWtd». Ein deutscher Verband für die Jerusalemer Bibliothek.' Berlin, 27. Oktober. , Man schreibt uns: Die medizinische Fakultät der neu errichteten Universität in Jerusalem, von der das Röntgeninstitut und das Mikrobiologische. Institut in diesem Jahre ihre Tätigkeit beginnen werden, wird neben anderen wichtigen Aufgaben auch der Bekämpfung und Verhütung von Volksseuchen dienen, die vom Orient aus Europa bedrohen. Die Mittel zur Gründung der medizinischen Institute werden durch einen Verband amerikanischjüdischer Aerzte aufgebracht. Es haben sich auch in anderen Ländern Komitees gebildet, um die medizinischen Veröffentlichungen ihrer Sprachgebiete der Universitätsbibliothek zuzuwenden. Auch in Berlin haben sich eine Anzahl von Aerzten und Universitätslehrern zusammengefunden, um einen deutschen Verband zu gründen, dessen Aufgabe die Versorgung der Jerusalemer Bibliothek mit deutschsprachiger medizinischer Literatur sein soll. Der Verband richtet an die Aerzte, die selbst literarisch tättg sind, und an die medizinischen Verleger die Bitte, ihm in der Weise zu unterstützen, daß sie ihm Exemplare ihrer Werke und Sonderdrucke hrer Arbeiten übersenden. Bücher- und Zeitschriftensendungen werden am besten direkt an die Hebrev Unkversity Library, Jerusalem (Ducksachen bis 3 Kg. unter Kreuzband) oder aber an Herrn Professor Dr. Citron, Berlin, Kurfürstendamm 66, erbeten. Eine Aktion für die Gesellschaft „Ort" in Deutschland. Berlin, 23. Oktober. Die Abteilung „Deutschland" des Verbandes für jüdisches Handwerk und jüdische Landwirtschaft „Ort" geht nun daran, eine Propagandaaktton in Deutschland durchzuführen, um weitere Kreise der deutschen Judenheit über die Ziele der „Ort" aufzuklären und sie für die Aufbauarbeit der „Ort" zu gewinnen. Die Erfolge, die die Arbeit des „Ort"-Verbandes in dem Territorium des früheren Rußland, in Rumänien, in den Emigrationszentren und unter den Ostjuden in Mitteleuropa gezeitigt hat, beweisen zur Genüge, daß der schwere Prozeß des Ueberganges der ostjüdischen Massen zu produktiverer Tätigkeit erleichtert werden kann, wenn die Organisatton der beruflichen Ausbildung, sowie die Versorgung der Handwerker und Landarbeiter mit Kredit, auf einen festeren Boden gestellt werden würde. Die Sicherung der ökonomischen Zukunft der Ostjuden durch eine rationelle Schulung und eine ausreichende Kreditaktion ist eine unerläßliche Aufgabe der Zeit. (I. T. A.> Die Lage der jüdischen Emigranten in Shanghai gesichert. Berlin, 24. Oktober. Das Vereinigte Komitee für jüdische Auswanderung. (Emigdirekt) erhielt soeben von der juvpchen Emigrationsgesellschast in Chardin die folgende Mitteilung: Aus Amerika trafen zahlreiche Anfragen über das. Schtcrial der in Shanghai weilenden jüdischen Emigranten ein. Ihre Verwandten in Amerika sind im Hinblick auf den Bürgerkrieg in China ihretwegen besorgt. Wir haben deswegen in unserem Büro in Shanghai angefragt, wo gegenwärtig einige hundert jüdische Emigranten weilen. Wir erhielten die folgende Antwort unseres Büros in Shanghai: „Das ausländische Viertel in Shanghai wird von allen ausländischen Militärabteilungen, die in Shanghai stationiet sind, bewacht.. Die Stadt ist vollkommen ruhig. Das Leben der Ausländer und der Emigranten ist gesichert. Schiffe aus Doiran (in der Nähe von Wladiwostok) treffen hier regelmäßig ein, der Postverkehr ist ebenfalls regulär. Wir bitten, die Nachricht in Amerika zu veröffentlichen, damit die Angehörigen der Emigranten beruhigt sind. Gleichzeitig finden wir es für nötig, mitzuteilen, daß die Einreise nach Tientsin und in die anderen chinesischen Hafenstädte für russische und andere Bürger vorübergehend gesperrt ist." Rabbinerkonferenz. Gleiwitz, 24. Oktober. Der Verband der Rabbiner Oberschlesiens trat am 22. Oktober im Gemeindehaus zu Gleiwitz zu einer Tagung zusammen. An erster Stelle gedachte der Vorsitzende, K r e n g e l - Ratibor des Heimgegangenen Oberrabbiners Dr. Kopfstein, dessen Tod eine schmerzliche Lücke gerissen habe. Er widmete der überragenden Persönlichkeit des Verewigten einen Nachruf des Dankes und der Ehre. Darauf wird in die Tagesordnung eingetreten. Der Verband hatte an die oberschlesischen Rabbinergemeinden ein. Rundschreiben gesandt, in welchem er für die Verwirklichung eines Beschlusses eintrat, der in einer erweiterten Ausschußsitzung! des Verbandes der Synagögengemeinden des Regieungsbezirks Oppeln gefaßt worden war, daß in den neuen Gemeindesatzungen die Bestimmung aufzunehmen sei, der Rabbiner sei kraft seines Amtes Mitglied des Vorstandes. Ferner sei er grundsätzlich auf Lebenszeit anzusrellen. Die eingegangenen Antwortschreiben der Gemeinden Beuthen, Neiße, Oppeln und Rattbor sowie die mündlichen Berichte werden zur Kenntnis genommen und besprochen. Darauf wird die Neuwahl des Vorstandes oorgenommen. Zum Vorsitzenden wird Braun schweizer - Oppeln und zum Stellvertreter Ellgüther -Neiße gewählt. Dann referiert Ochs- Gleiwitz über die Wahlen zum Preußischen Landesverband. Nach eingehender Debatte wird beschlossen, an den oberschlesischen Gemeindeverband heranzutreten und demselben zu empfehlen, eine Einheitsliste aufzustellen. Für die durch den Tod des Oberrabbiners Kopfftein freigewordene Stelle im Vorstand des Gemeindeverbandes wird K a tz-Hindenburg nominiert. Eine längere Aussprache entspinnt sich" über den folgenden Punkt: Ausarbeitung eines Lehrplanes für den Religionsunterricht an höheren Lehranstalten. Es wird beschlossen, sich mit dem Vorstand des Allgemeinen Rabbinerverbandes über diese Frage zu verständigen. Ferner werden Braunschweiger und Ochs beauftragt, bei der nächsten Sitzung ausgearbeitete Lehrpläne oorzulegen.Hierauf folgt der wiffenschaftlicheTeil inwelchem zunächst zwei talmudische Themen behandelt werden. Kaatz beleuchtet eine Stelle in B. Kamma 113b, die von Kommentatoren verschiedenfach erklärt wurde. Ochs bespricht die rätselhafte Mischna Cdujot 8,4 und bietet einen originellen Lösungsversuch. An beide Vorträge knüpft sich eine längere Polemik. Den Schluß des wissenschaftlichen Teils bildet ein zweites Referat von K a a tz, der im Anschluß an die Broschüre I. Heinemanns über den „jüdischen Geist" spricht. Der Referent geht von dem Werke „Der deutsche Genius" aus, das eine sachliche Widerlegung einer von Frankreich unter dem Titel „Der französische Genius" in deutscher Sprache erschienenen und in deutschen Länden verbreiteten Schmähschrift bildet. Der „Deutsche Genius" schildert die Kultur, die Literatur, Philosophie, Wissenschaft und Kunst Deutschlands und führt in positiven Darstellungen