Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1924)
- Date
- 1924-10-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450286-2450328--71640-2528954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 44 Se te 3 30. Oktober 1924 Der Israelit Kosten zu tragen. Darauf lief eine zweite Depesche, angeblich von der Heilanstalt, in Frankfurt ein, die meldete, daß die rituellen Waschungen vom dortigen Frauenverein besorgt werden, die jüdische Gemeinde sich aber weigere, die Beerdigung auf ihrem Friedhofe vorzunehmen und zwar wegen Platzmangels. Es komme nur Ueberführung oder „Anstaltsfried- Hof" in Betracht. Gleich nach Festausgang begab sich Herr S. nach E . .. und kam noch rechtzeitig vor der Beerdigung hin. Die Situation, die er vorfand, war folgende: Der jüdische Frauenverein hatte in der Tat seine Liebespflicht getan, der erste Vorsteher der jüdischen Gemeinde weigerte sich über beharrlich, die Pforten des jüdischen Friedhofs der Toten zu öffnen, mit der Begründung, Die Verstorbene stamme .aus Galizien und habe kein Anrecht auf einen B e g r ä b n i s p l a tz in einer deutschen jüdischen Gemeinde. Alles Bitten und Flehen half nichts. Der Gemeindegewaltige blieb bei seiner Ablehnung und die jüdische Frau fand ihren Ruheplatz auf dem katholischen Friedhof in der Reihe der kreuzgeschmückten Gräber. Einen Änstaltsfriedhof gibt es in E . >. so wenig wie anderswo. Diese Bezeichnung in der Depesche ging offensichtlich auf eine Täuschung der Angehörigen hinaus, wie übrigens auch die Unterschrift „Heilanstalt" unter Der Depesche. Die 'Heilanstalt hatte den Todesfall ordnungsmäßig an den Vorstand der jüdischen Gemeinde mitgeteilt und hatte damit nichts weiter zu tun. Die Depeschen nach Frankfurt gingen vom besagten Vorstand unter dem Namen der Heilanstalt aus und sprachen von mnem „Friedhof der Heilanstalt", den es gar nicht gibt, während sie in Wahrheit den ft ä d t i s ch e n k a t h o l i s ch e n Friedhof meinten. Wie sich die Angehörigen an Ort und Stelle überzeugen konnten, war der Grund des Platzmangels auf dem jüdischen Friedhofe zu E . . . nicht stichhaltig. Soweit der Sachverhalt. Die Depeschen der Gemeinde E . . . liegen uns im Originale vor, -ebenso die Abschrift des Antworttelegramms. Wir fragen: Handelt es sich hier UM den Mißgriff eines unjüdisch fühlenden Gemeindespoten, oder sollte, was wir keineswegs glauben möchten, eine Gemeinde als solche bereits soweit im geistigen Niedergange begriffen sein, daß sie sich mit einer so gröblichen Verletzung der jüdischen Liebespflicht identifizieren könnte? Was sagen Synode und Oberrat in Karlsruhe, was sagen die Herren Rabbiner in den naheliegenden Abschied vom Thorasreudenfeste erleben. Chasstdisches Feuer loderte, hell, und an ihm entzündete stch der Geist Litauens. Sprudelnde Freude und tiefe Innigkeit reichten sich die Hand zum Reigen. Beim Miggen" von Raw wurden Slobotkoer Tänze aufgeführt. Rabbi Schneider und ein Rabbi «us Ke lm gaben Thoraworte Israel Salantexs und des. ..Chöfez Chäjim" wieder, indes sich ,Chabäd"i-Me!odien ergossen und westlich eingestellte -Gäste auf gut deutsch - in wohlgesetzter Rede mit Ernst und Humor das Lob des Thoralernens anftimmten. , . Und vorne auf den Stufen zur heiligen Lade drängten sich die Kinder. Und den ganzen linken Flügel des viel zu kleinen Raumes nahmen Kind er ein. Auf Bänken und Tischen tanzten und tollten Kinder, die Alten überschreiend, überstrahlend, sie tn unbändiger Freude an der Thora und ihrem herrlichen Feste Übertreffend . Thora und Kind — sie sind der Inhalt unseres Simchas Thorafestes. „Frömmigkeit" auf dem Laude. Eine zeitgemäße Betrachtung von Fr. Wenn unsere Thora die religiösen Irrungen des israelitischen Volkes geißeln will, dann tut sie es mit den Worten-- nvs' wya nvn Jedermann tat, was ihm recht in seinen Äugen dünkte. Der Lebenswandel des Einzelnen richtet sich nicht nach den Forderungen der Thora, sondern jedermann tat das, was er nach seinem subjekttven Ermessen für richtig hielt. Wenn wir heute einen kritischen Blick in das Leben der meisten'Gemeinden, werfen, dann dünkt uns, daß - Städten, zu deren Gunsten wir annehmen, daß - sie von der Sache nichts wußten, zu diesem uner- - hörten Vorgang. t Die Tatsache, daß es in der Gemeinde E . . . , noch einen jüdischen Frauenverein gibt, der in - diesem Fall auch seine Pflicht tat, läßt daraus - schließen, daß die Gemeinde als solche noch nicht - auf das Niveau des Mannes an der Spitze ihrer Verwaltung gesunken ist. Darf sich die . Gemeinde eine solche Tat ihres Vorstandes, die : sie in der ganzen jüdischen Welt an den Pranger , stellt, gefallen lassen? : U. A. w. g.! Die Weihe der Zunge. - Von Rabbiner Dr. W. Hohen in Werkin. Der in diesen Tagen begonnene Monat Marscheschwan, dessen Name in Wirklichkeit ' Jerach schemini, achter Monat bedeutet, wird von ' unseren Weisen als die Zeit erklärt, in welcher! niipma irrtsp, unsere Lippen wie im Traum 1 weiterflüstern, was wir an den heiligen Tagen ■ des Jahresbeginnes gebetet haben. In diesen Tagen nun, in welchen die Weihe der Festzeit verklungen und verrauscht ist, kann sich an uns die Nachhaltigkeit ihrer Weiterwirkung erproben, Dies soll nun, nach erwähntem Worte unserer Weisen, zuerst an unserem Sprechen geschehen, •irinan» imstf Die Sprache ist das äußere Zeichen der geistigen Herrschergewalt über die Welt, das Gott dem Menschen erteilt. Sie unterscheidet den Menschen von den niederen Geschöpfen. Um so schwerwiegender sind die Sünden, die der Mensch durch die Sprache begeht. Wir wollen aus dem uferlosen Bereiche dieser Sünden nicht die vielbesprochette üble Nachrede noch auch die Verstöße gegen Wahrheit, Treue und menschliche Sitte herausgreifen, so nötig dies vielleicht auch wäre; wir sprechen vielmehr nur von nsrt riiVia, der Entweihung des Mundes durch eine gewisse Rauheit der Redeweise und Unzartheit der Aeußerungsart. Das ist nämlich bei unserer heutigen Jugend ein besonders trauriges Kapitel. Mag die ernste Zeit, in der wir leben, gottlob manche Verfehlungen aus dem Kreise der Jugend gebannt haben; das Unreine ist nicht von ihren L i p p e n gewichen. Es ist vielmehr soweit gekommen, daß man im Religionsunterricht überhaupt keine grammatischen Wortzerlegungen vorführen kann, ohne durch irgendeine Silbe, mit der die Kinder anzügliche Bedeutung verbinden, die kein Lehrer kennen kann, alberne Stimmung auszulösen, daß im Kreise der Erwachsenen und der Heranwachsenden auch bei auch bei den deutschen Juden in der überwiegenden Majorität das geißelnde Wort nw»- iV'.i in V'x als Maßstab gelten darf. Wir brauchen nicht in die Werkstätten der Reform zu gehen, um schwere Verstöße gegen das jüdische Gesetz festzuftellen. Leider müssen wir alltäglich die Wahrnehmung machen, daß -man auch in vielen anscheinbar noch, frommen Gemeinden sich allmählich von den Vorschriften des Gesetzes emanzipiert. Man hat sogar Religionsgesellschaften, die eine große Anzahl von Gesetzesübertreter zu ihren Mitgliedern zählen. Es mag dies feinen Grund haben in der sträflichen Unkenntnis der Einzelnen und in dem Bestreben, dem modernen Zeitgeist Rechnung zu tragen. So. laßt sich es erklären, daß allmählich ein Steinnach dem anderen aus der Mauer des Pflichtenlebens herausgerissen wird, bis zuletzt der morsche Bau einstürzt. In der Regel beginnt der Abfall mit dem Fernbleiben vom Gottesdienste. Das Leben erfordert so viele Ausgaben, daß man unmöglich regelmäßig ins Gotteshaus gehen kann. Das Beten machts nicht aus. Man kann doch fromm fein, wenn man auch nicht so viel betet. Die Frau tritt in die Che. Cs kommt vielleicht der fromme Rabbiner und Lehrer und suchen die zukünftige Ehefrau zu belehren, daß das schönste Diadem der jüdischen Frau dieHaarverhüllung sei. Doch nur in den seltensten Fällen werden sie Erfolg haben. Es ist Simchas Thora. Die Jugend will auch mal ein Vergnügen haben. Vergebens macht man darauf aufmerksam, daß das Tanzen und Geldausgeben ein schwerer Verstoß gegen das Religionsgesetz sei. Die alten Leute waren gewiß fromm und hätten auch an jüdischen Feiertagen getanzt. Es ist ein Fasttag. Der Rabbiner auf der Kanzel verkündet die Bedeutung des Fasttages. Er predigt jedoch tauben Ohren. uns Juden der derbste „Witz" der am liebsten gehörte und die rrnVw f'hin nri'V lehrreiche, heilsame Profanunterhaltung, wie sie von unseren Thoragrößen geistreich gepflegt wurde, zur Seltenheit geworden ist. Und kommt man in die Lage, Kinder sich unterhalten zu hören, so bemerkt man, daß, wie Hirsch in seiner „alten Kosmetik und Makrobiotik" sagt, „die Siebenjährigen wissen, was noch den Hundertjährigen ohne Schaden verhüllt bleiben könnte." Was sagen unsere Chachomim zu dieser Sünde? Sie sagen: „Jeder weiß, wozu die Kallo unter die Chuppe geht; wer aber (öarüber) seinen Mund entheiligt, dem kann selbst ein auf 70 Jahre zum Guten festgesetztes Geschick ins Gegenteil verwandelt werden." Warum 70 Jahre? Weil das Unheil, das ein solcher stiftet, zwei Menschenalter hindurch allen Segen in bittern Fluch verkehren muh; denn erbringtsichundseine von Gott ihm geschenkten Kinder zu bösen Gedanken und Worten. Außerdem lehren unsere Weisen: Der Anfang der ersten Mischna in Pessachim sollte lauten „in der N a ch t zum vierzehnten Nissan sucht man das Chamez"; er heißt statt dessen: am Lichte zum vierzehnten." Dies fei zwar minder deutlich, dafür habe diese Bezeichnungsweise den Vorteil des zarteren Klanges. Im Anschlüsse daran weist die Gemara darauf hin, daß die Thora selber in unserer heutigen Sidra Noach die verbotenen Tiere als diejenigen bezeichnet, welche „nicht rein find" und also den Ausdruck „unrein" vermeidet, obwohl die Deutlichkeit und Kürze darunter leidet. Eben dort wird erzählt, daß von zwei Gelehrtenschülern der eine fragte,«weshalb bei der Olivenernte „Reinheit nicht erforderlich" fei, der andere aber, weshalb sie „in Unreinheit geschehen dürfe"; nur der erstere sei ein namhafter Gelehrter geworden. Ferner findet sich dort die Erzählung von Cohanim, die alle in gleichem Maße schlecht bei der Austeilung von Schaubroten abgeschnitten hatten, und deren einer sein Quäntchen mit einem Eidechsenschwanze. verglich. Dieser sei daraufhin auf seine Herkunft untersucht und als untauglich zum Priesteramte befunden worden. So erweist sich harte. Redeweise als Zeichen schlechter Abstammung. Es wäre zwar nicht im Sinne unserer Ueberlieferung, Zusammenhänge der Schöpfungswelt vor dem klaren Blicke eines Menschen, selbst eines Kindes zu verhüllen oder mit Märchen zu vertuschen; hakkvl jodim, alle können und sotten sie wissen, aber Worte sotten nicht erschallen. Bon einem anderen Amora hören wir: „Meine Frau habe ick stets nur mein Haus, und memen Stier stets nur meinen Acker gekannt". Das schöne Sukkothfest hat feinen Einzug gehalten. Jedoch die Hauptsache, die Krone des Festes fehlt. Man hat es unterlassen, eine Sukköh anzufertigen. Das Anfertigen einer Laubhütte fei so umständlich und das Verzieren derselben so zeitraubend. Man kann doch fromm sein, wenn man auch nicht in der Laubhütte wohnt. So wirft man unter dem Deckmantel der Frömmigkeit eine Mizwoh nach der anderen über Bord. Und nun noch eine Episode aus meinem Leben. Vor Jahren verlebte ich einige Tage in einem Moselorte, woselbst die religiösen Verhältnisse schon damals sehr im argen lagen. Ein Verwandter erzählte mir von einem selten frommen ManNe im Orte, der sich mit jedem frommen Rabbiner messen könnte. Am Freitag abend wird mir der junge Mann vorgestellt. Er schimpft darüber, daß die Leute so spät ins Gotteshaus kommen. Aus der weiteren Unterhaltung mit feinem Nachbar vernehme ich, daß er l'schem Mizwoh jeden Sabbat mit der Eisenbahn fährt. Desgleichen war sein Geschäft am Sabbat geöffnet. Dabei hielt sich der Mann für sehr - fromm. Ja, man kann heute den Sabbat schänden, die Ehegesetze mit Füßen treten, sich rasieren lassen und die Speisegesetze übertreten — und noch noch sehr fromm sein. Iruckfeyker Berichtigung. In der Notiz „Zur Kalender-Bettachtung" von Leopold Mosbacher m der letzten Nummer ist durch Versehen des Setzers und Korrektors ein Druckfehler stehen geblieben, der als solcher von den Lesern gleich erkannt wurde. Es heißt da: „Der späteste Termin für den ersten Tag Rosch Haschono ist für die ersten 290 Jahre der 5. September". Natürlich mutz es hier, so auch bei den folgenden zwei angeführten Daten Oktober heißen, wie es auch im Manuskripte richtig gestanden hat.