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Der Israelit · 1924-10-30 · Heft 44 (30.10.1924) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 44 (30.10.1924)
Date
1924-10-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 44 arbeiten hinaus und für eine höhere Lage reif. Es entstehen Jeschiwaus in Deutschland hier und da, und Frankfurt a. M. zählt sogar ihrer zwei. Eine unermeßliche Bedeutung kommt den östlichen Jeschiwaus, die nach Beispiel Frankfurts vielerorts in Deutschland entstehen, zu. Neben den deutschen und mit ihnen sind sie dazu berufen, die verschiedenen Methoden des Lernens auf neutralem Boden zu verbinden und so die geistige Vereinigung von Ost und West zu vollbringen. All diese Lehrstätten sind zurzeit infolge der Krisis in größter Not. Werden wir in Deutschland, die wir für würdig befunden werden, der Thora auf ihrer Rückwanderung von Ost nach West ein Asyl zu bieten,eine mir^ "av28 zu errichten, werden wir die uns aus dieser Auszeichnung sich in schwerer Zeit ergebende Pflicht ganz erfassen? Es ist dies eine Frage, von der Sein und Nichtsein des deutschen Judentums, wenn nicht des Gesamtjudentums, abhängt. Wochenrundschau. Dem neuen Reichstag entgegen. Wiederum stehen wir vor der Schicksalsfrage: Wen wählen wir: Wer in solchen Dingen nur nach seiner politischen Einstellung zu handeln hat, für den gibt es solche Frage gar nicht. Unter jüdischen Gesichtspunkten, d. h. unter dem Gesichtspunkte der jüdischen Ideale von Recht und Freiheit auf der einen Seite und zum andern unter d em unseres Rechtsschutzes wird für uns die Frage der Wahl zu einer Gewissensfrage, die schon mancherlei innere Kämpfe kosten kann. In negativer Richtung machen uns die Deutschnationalen die Beantwortung der Frage nicht gerade schwer. Sie waren als erste schon am ersten Tage nach der Reichstagsauflösung mit einer Wahlerklärung am Platze, die mit ungewöhnlicherKlarheit ihre antisemitischeNote dartut. Die Partei will „monarchistisch und völkisch" sein, sie will „christlich und sozial" sein und die „schwarz-weiß-rote Fahne" beibehalten. Das ist i h r e Sache. Aber sie bekunden in diesem Aufruf noch darüber hinaus den Willen, „ein Deutschland zu schaffen, das frei ist von Juden- Bemerkungen zum Wochenabschnitt. Don Rabbiner Ir. Winkler in Kopenhagen. I. a»»fi p'18 V'X na na mibin nbn- In meiner Kindheit pflegte ich diese Stelle so zu deuten: Die eigentliche Nachkommenschaft Noahs war jener 66 <n*a)"iährige vollkommen fromme Mann, das ist Abraham, der nach der Berechnung 58 Jahre alt war, als Noah starb; vgl, auch Jbn Csra z. St. II. 7, 9: na brr uta twj o-w . .Ke zwei kamen zu loah". — Unter den Wesen, dre Einlaß in die Arche egehrten, befand sich auch die Lüge. Doch wurde;r der Eintritt, da sie allein war und nur Paare nziehen dursten, verweigert. Ratlos umkehrend, egegnete ihr der Bettel. Sie schloffen alsbald einen steundschaftsbund, doch unter der ausdrücklichen lbmachung, daß alles, was die Lüge einnehmen 'Der I sraelit Herrschaft und Franzöfenherrschaft". Speziell mit diesem letzten Passus löste der Wahlaufruf frenetischen Jubel in der völkischen Presse-- an ihrer Spitze der „Deutschen Zeitung" aus. Bei allen taktischen Gegensätzen, bei allem formellen Widerstreit haben sie sich hier gefunden, die Nationalen und die Völkischen. Sie trafen sich beim Judenpunkte und „verstanden sich gleich.." Freilich mußte, um solche klare Parole möglich zu machen, erst der Führer, Hergt, gehen, der noch allezeit den angeborenen Ausstand bewahren, von dem Gassenantisemitismus der Völkischen abzurücken. Es lohnt nicht, sich bei diesem Gebaren der Deutschnationalen lange aufzuhalten. Wen er nicht wählen soll, weiß der deutsche Jude im allgemeinen ganz gut. Komplizierter ist für ihn die positive Seite der Frage, die Frage, wen er wählen soll und kann. Daß die Juden im Deutschen Reiche zum großen Teile in all den Jahren ihre Rechte, ihre Aspirationen, ihre politischen Ideale bei der Demokratie am besten geborgen glaubten, hat gewiß Berechtigung. Auch das Wort Sozialdemokrat hat im neuen Deutschland der Republik längst seine Schrecken verloren, seitdem sich die Sozialdemokratie in ihrer großen Mehrheit als staatserhaltendePartei von hohen sittlichen Grundsätzen bewährt hat, und wir Juden haben auch dieser Partei vielfach zu danken für entschiedene Abwehr, für mannhaftes Eintreten. Es ist nach alledem vorauszusehen, daß die bisherige den beiden genannten Parteien gewordene jüdische Stimmhilfe sich in dem neuen Wahlkampf nicht vermindern wird. Der gesetzestreue Jude aber, der im Staate nicht zuletzt auch einen Schutzwall der Religion erblickt und den Ausgang der Wahlen so sehen möchte, daß sie ihm auch Gewähr für freie, aufwärtsstrebende religiöse Betätigung bieten, wird nicht umhin können, auch diesesmal, wie bei den letzten Wahlen, der Partei seine Aufmerksamkeit und seine Hilfe zu schenken, die die Religion, ihre Religion, zum Mittelpunkt ihrer Parteipolitik hat und aus eigenstem Lebensintere sie Und natürlicher Sympathie für die religiöse Weltanschauung überhaupt sich mit aller Kraft und mit der ganzen Wucht ihrer numerischen- Größe und Autorität auch für die Religionsfreiheit der anderen Konfessionen von je eingesetzt hat, dem Zentrum. Es gibt für uns Fragen, heilige Anliegen, Dinge des Herzens und der Seele, die wir Demokraten und Sozialdemokraten bei allem Danke, den wir ihnen schulden, nicht in die Hand legen können, am wenigsten den eigenen Stammesbrüdern, die in diesen Parteien so reichlich ver- 30. Oktober 1924 x treten sind, wenn wir nicht anders äußeren Söhüß mit unserem Heiligsten erkaufen wvllen,- .Pennen wir vom großen- Komplex der Fragen nur eine: die . der K o n f e ff i o n s f ch u l e. Die ^Anhänger der Mitte und der gemäßigten Linken (von der radikalen Linken nicht zu reden), die dem Lebensirrtum verfallen sind, politische Freiheit mit religiöser Ungebundenheit zu identifizieren^ würden in der Frage der Konfessionsschule in der Meinung, uns einen Dienst zu leisten, uns einen Todesstoß versetzen. Das Zentrum sieht in der Konfessionsschule die Garantie für Leben und Fortbestehen der katholischen Kirche, und indem es diese für sich durchsetzt, sichert es uns u n s e re Schule und unsere Zukunft. Wir kennen all die Einwendungen und sind uns vollkommen klar darüber, daß unter dem Dache des Zentrums mancher Vollantisemit haust. Das trifft aber leider auch bei den andern Parteien einschließlich der Demokraten und in hohem Maße bei den weiter links Stehenden zu. Weil aber dem so ist, fühlenwir uns um so ungebundener bei der Verteilung unserer Sympathien und nichts spricht dagegen, denen die Hand zu bieten, die in allen drei Beziehungen, die für uns als deutsche gesetzestreue Juden in Betracht kommen, uns am nächsten stehen: in der Vertretung einerauf Völkerversöhnung und Weltfriede gerichteten Außenpolitik, der Verurteilung alles Raffen- und Religionshasies im Innern und der entschiedenen Verteidigung der positiv religiösen Interessen auf kulturellem und schulpolitischem Gebiete. Der „Anstaltsfriedhof" zu E . . Von durchaus zuverlässiger Seite wird uns ein Fall unerhörter Pietätslosigkeit übermittelt,, wie er früher in einer jüdischen Gemeinde, zumal auf dem Lande, wo die jüdische Liebe und Pietät immer im hohen Kurse stand, nicht denkbar gewesen wäre.. Wir wollen die Gemeinde noch nicht bei vollem Namen nennen, um ihr erst Gelegenheit zu einer aufklärenden Rückäußerung zu geben, wollen nur den Sachverhalt berichten, wie er uns mitgeteilt und mit Dokumenten belegt wird. Ein in Frankfurt wohnender Herr bekam am letzten Festtage die telegraphische Nachricht, daß seine in einer Heilanstalt im badischen Städtchen E . . . untergebrachte Schwester verstorben fetr er wurde zugleich verständigt, daß, falls keine Gegenwünsche geäußert werden, die Verstorbene auf dem „Anstaltsfriedhof" beerdigt werde. Der Bruder ließ sofort zurückdepeschieren, daß er eine Bestattung nach strengem jüdischen Gesetz wünsche und daß die Familie bereit sei, alle würde, dem Bettel als Eigentum zusallen sollte. So betraten sie dann als geeintes Paar die Arche. Seit jener Zeit beimst der Bettel, dem Abkommen gemäß, alles ein, was durch die Lüge erworben wird. Nach Midrasch Thillim 7, 15. M. na hü irra v'aw enaw. Hierzu bemerkt Midröfck haneelam: .. Dies sind die Tage, an denen ganz Halle! gesagt wird". Gemeint ist nämlich: o’W w je zwei Tage von Peßach und Schowuaus, irw hat den Zahlwert 9, das sind dieüSukkaustage und na V8 haben den gleichen Zahlwert wie nsian» Kleines Feuilleton Thora und Kind. (Simchas Thora-Nachklänge). Ich kenne den Simchas Thora der litauischen Jeschlwaus mit all seiner tiefen Innigkeit und glühenden Inbrunst, seiner aus einem asketischen Ernst eines vollen Jahres mit Macht heroorbrechenden Freude. Ich kenne den chasiidischen Simchas Thora als Höhepunkt eines frohgeftimmten Gottdienens von einem ganzen Jahre. Ich kenne auch den in qemätzigten Bahnen, aber in Schönheit prangenden Simchas Thora des gesttzestreuen Westens. Was ich aber in Ostkreisen Frankfurts dieses Jahr am Simchas Thora sah, habe ich noch nie geschaut und wird als wahrer Inhalt des Thorafreudenfestes ewig: unverwischlich in meiner Seele bleiben. Ich kam etwas spät in die Synagoge Langestraße. als beim Einheben der Thorarollen nach langwirigem Vorlesen sich noch ad hoc sozusagen außer Programm unter spontanen Tänzen und Gesängen Rundgänge um das einfache Pult, das hier als Almemor dient, bildeten. Da es nur weniga Thorarollen, aber viele Rundgänger waren, keiner aber mit leeren Händen den Rundtanz mitmacherr wollte, hob mankleine Kinder in die Höhe und ergänzte mit ihnen den Kreis. Es ergab sich ganz von selbst, daß zwischen je zwei Thoraträgern eiir Vater mit einem Kindchen auf dem Arm singend und tanzend daherzog. Das Kindchen, glückstrahlend, zuckend vor Freude und Wonne, hielt sich mit beiden Händchen an den Holzgriffen der Thorarollen zu beiden Seiten fest, so daß der Reigen ganz geschloffen schien. Es war kein Arrangements es lag keine Absicht darin. Es hatte sich alles von . selbst so gegeben. Und nie und nimmer werde ich die strahlenden Kindergesichter vergeffen. nie und nimmer werden die spontanen, immer von neuem anschwellenden wortlosen Lieder in meinen Ohren verhallen. Kind und Thora, zwei Grundpfeiler unserer Zukunft, sie schienen mir der. Inhalt des Simchas Thora-, festes. i * Simchas Thora-Ausgang feierte ich im Bes Hamedrasch Ostend st ratze. Hier hat sich das Beste von der Ideenwelt des polnischen Chassidismus, des litauischen Muffar und der deutschen Thorarennaissance auf neutralem Boden zusammengefunden. Wer das noch nicht wußte, konnte es beim

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