Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1924)
- Date
- 1924-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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H5. Jahrgang. Frankfurt a. M., den Nr. 44 ' I Abonnement ab Januar 1924: Deutschland 1 Goldmark monatlich;' Ausland: Merteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: 60000 Kronen; Anrertta l Dollar; England 4 w.; Frankreich 16 Fr.; Belgien 16 Fr.: Hollands fl.; Italien 26 Lire; Jugoslawien 70 Di«.; Litauen 7.50 Lit.; Rumänien 100 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 8 Zloty; Schweiz 8 Fr.; Tschecho-Slowakei 85 Kronen; Ungarn 90000Kronen; Dänemark 5 Kronen; Norwegen 5 Kronen; Schweden 8.50 Krone«. - : ■ Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 80 Goldpfennige, für Stellensuchende 80 Goldpf., für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Die 75 mm breite Reklamezeile: letzte Tertseite 1.20 Mk., vorletzte Tertseite 8.— Mk.; Thiffregebühr in Höhe eines fdoppelten Fernbrtefportos. Ravatt nach Tarif. 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Es ist dieses Lied der Wandermarsch des Volkes, dessen Schicksal gezeichnet ist mit den Worten laVnmi ra brr rn». Es ist nicht angängig, von einer Renaissance des Thoralernens zu sprechen, so wenig wie der Thora selbst, die unwandelbar und unabänderlich die Zeiten und Generationen verbindet. Man hat in der Hauptsache immer gleich gelernt, von den Lehrhäusern des Schein und Eber bis zu Hilel und Schamai, von den Hochschulen zu Sura und Pumpedita bis zu den Jeschiwaus in Slabotko und Preßburg. Aus den Wurzeln der schriftlichen Lehre erwuchs der Baum der mündlichen, immer weiter von diesem Wurzelwerke getragen. Dennoch ist nicht zu verkennen, daß auch das Lernen auf seinen Wanderungen nach Art und Umständen verschiedenen Wandlungen durchgemacht hat. Verfolgen wir kurz die Thora auf ihrer tausendjährigen Wanderschaft. Ihre Heimat ist E r e z I i s r o e l, es ist die Heimat des schriftlichen Gesetzes in seiner Praxis und Auswirkung, wie der Mischna. Von Palästina wanderte die Thora zur Zeit der zweiten Amarajimgeneration nach Babylon, von Babylon im zehnten Jahrhundert nach Spanien. Von da nach Frankreich und Deutschland, von wo sie in dem späteren Mittelalter nach P o len und Litauen kam. , In Erez Jisroel trägt das Produkt des jüdischen Geistes den lieben Erdgeruch der Heimat. Alles ist klar und schlicht und gegenwärtig und an konkreten Lebensformen veranschaulicht, von „Serajim" bis „Kodofchim" und „Taharot". Und auf diesem sicheren breiten Weg arbeiten die Palästinenser weiter, da sich die Mischna in „Talmud jeruschalmi" fortsetzt. ' In den babylonischen Schulen läßt schon die räumliche Entfernung Platz für Deutungen, komplizierte Diskussionen, ' tiefere Problematik. b22 bV n-llvbn 17 vblv M22 '2'2'VIN Das soll kein Werturteil sein, sondern nur eine Begründung für mancherlei . Unklarheiten, die im Dunkel Babylons entstehen mußten. Mit der letzten Entscheidung wartete man ja auch in Babylon auf das, was sie „im Westen" sagten 'las snnvaa und auf die Sendboten 'mm, die von dort daherkamen, vnnb iona- Jrn zehnten Jahrhundert verpflanzte sich unter der Herrschaft des Islam das Thorastudium von den Ufern des Euphrat nach dem maurischen Spanien, das seine Ausstrahlungen auch nach der Levante und Nordafrika schickt. Die kastilische Blütezeit beginnt, und das Thorastudium entbehrt hier, in seiner äußeren ästhetischen Einstellung wenigstens, nicht des Einflusses der griechischen Philosophie und der arabischen Poesie. Jehuda Halevi mit seinem Kusari, Gabirol mit seinen unsterblichen Liedern, Eben Esra, Dunasch den Labrath und Menachem ben Saruk mit ihrer exegetischen Wissenschaft sind unter anderen die Träger dieser Zeit. Und über allem steht der nicht minder von kastilischem Geiste vollgesättigte Maimon i d e s, dessen halachische Werke selbst an Klarheit und Methotik alles übertreffen, was bisher und nachher aus der Werkstätte des jüdischen Geistes hervorgegangen ist. Als die Thora später in Frankreich und Deutschland ihre Residenz aufschlug, fiel dieses Ereignis mit den unsäglichen Leiden der Kreuzzüge und des späteren Mittelalters zusammen, die das früher schon empfundene Bedürfnis Nach einem fertigen Kompendium der praktischen Halacha auch als Wegweiser für die Fragen und Leiden des Tages noch vergrößerten. Die Herzen und Geister waren zu verworren, nmVnhüsram um noch wie früher von Fall zu Fall bis auf den Grund des'Talmusmeeres hinunterzutauchen und von dort das Gold der Halacha hervorzuholen. So entstanden in Deutschland u. a. der Rosch und der Baal Haturim als Extrakt, der Lebensarbeit eines R. Meier von Rotenburg und als Vorentwurf zu unserem „Schulchan Aruch". Vom vierzehnten bis zum siebzehnten Jahrhundert hält eine große Abwanderung .der deutschen Juden nach Polen an. Dort kehrte man unter geruhigen Verhältnissen zurück zur babylonischen Methode, zum Lernen des Lernens wegen, aus Freude am geistigen Ringen, mit einem Worte zum „Pilpul", dem vielverschrienen, der aber in Wahrheit nichts anderes ist als' eine Übertragung der Meethode, die der babylonische Talmud bei der Auslegung der Mischna anwendet, auf die Auslegung von Talmud und früheren Kommentaren. Zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts mündet mit der Entstehung des Chassidismus das Thorastudium hier und da in Polen in dunkle Gassen der Mystik ein, es will etwas mehr fürs jüdische Herz sein. Der Geist, das klare, scharfe, strenge Lernen zieht sich nach Litauen zurück. Und es ist bereits an dieser Stelle betont worden, wie rasch nach einigen Mißverständnissen und Unstimmigkeiten mit der Entstehung des M u s s a r in Litauen und andererseits der Errichtung von Jeschiwaus in Polen der Ausgleich geschaffen war. Daß man sich auch in Polen und Litauen im Pilpul nicht einfach weglos wie in einem Urwald verlor, daß man darüber hinaus das Auge klar für die praktischen Fragen des Tages behielt, das beweist die Fülle der Responsenliteratur, die um diese Zeit im Osten entstanden ist. Heute können wir drei Schattierungen (keine Richtungen) in der Methodik des Thoralernens unterscheiden: Litauen, wo das Lernen in der Hauptsache noch in alter Weise und in breiter Form gepflegt wird, auf eine Erwerbung reichen Wissens, ein großes Bewandertsein in allen Teilen des Talmuds, eine souveräne Beherrschung des gesamten Stoffes abzielend: Ungarn, wo langsam, aber tiefschürend zu Werke gegangen wird, den Jüngern mehr die Methode iia'^n als den geistigen Besitz selbst beibringend: Deutschland, wo abgesehen von der Breuerschen Jeschiwoh in Frankfurt a. M., in der das tiefgründige Lernen schon früh seinen Platz hatte — nach den geistigen Verheerungen in der nachmendelsohnschen Zeit in den letzten Jahren an der Grundlage angesetzt werden und im einfachen schlichten Lernen mehr auf die Heranbildung einer geistigen Mittelschicht gesehen werden mußte. Der Krieg hat im Osten in geistiger Beziehung Verwüstungen angerichtet, für die es noch kaum einen Wiederaufbau gibt. Von Litauen mußten die Jeschiwaus in Golus nach Jnnenrußland wandern. Dort herrschen jetzt die Sowjets, die in ihrem Bemühen, das jüdische Lebenslicht auszublasen, die Lehrhüuser schlossen und die Jünger auseinanderjagten. Die wenigen Jeschiwaus im selbständigen Litauen stehen, seitdem die amerikanischen Geleder ausbleiben, vor dem Ruin. Lublin ist zwar eine große Hoffnung, aber noch kein Kraftzentrum. Wenn aber nicht alle Zeichen trügen, so hat die Vorsehung auch hier schon das Heilmittel für den schweren Schlag zur Hand. Fast sieht es so aus, als fei die Thora auf einer gewissen Rückwanderung von Ost nach West begriffen. In vielen orthodoxen Gemeinden deutscher Großstädte fühlt man sich bereits über die Anfangs- 1