Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 41-42 (9.10.1924)
- Date
- 1924-10-09
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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6 die 28 9tr 41/42 Der Israelit 9. Oktober 1924 schwärmte in der Welt herum und führte wirre Reden, besessen von einer Idee, die keiner rechverstand. Nun hatten die Anhänger Sabbatais wieder Oberwasser, besonders als jetzt das Wunder von Livorno bekannt wurde, und die Augen der Amsterdamer wieder nach Kairo lenkte, wo sich just der Messias anschickte, die Vermählung mit Sarah, der Messiasbraut, zu feiern. Auch der Teilerfolg in England wurde schließlich auf Konto Sabbatais gesetzt. Unter dem Einflüsse des Mannes, dessen Geist die Welt beherrscht, sei dieses Befreiüngswerk als ein kleiner Anfang zustande gekommen. Und Manasse hatte unbewußt in höherem Auftrag gehandelt . . . Nun stand die Vermählung des Messias mit der ihm vom Himmel zugewiesenen Braut bevor. Und aller Augen waren nach Kairo gerichtet, denn mit dieser Vermählungsfeier brach der Anfang des letzten Endes an . . . 21. Hach Kairo. Das Schiff, das Jachini und Sarah trug, näherte sich nach wochenlanger ruhiger Fahrt der Landzunge von Alexandria. Und je näher der Hafen dem Auge kam, um so banger wurde es Sarah zu Mute. Ihr Herz pochte hörbar. Wie immer, wenn das Spielerische in ihrem Wesen und Leben von Ernst und Handlung abgelöst wurde, fühlte sie sich bedrückt, fast geängstigt. Sie war ein volles Jahrzehnt und mehr, seitdem sie, eine Sechzehnjährige, nach Amsterdam gekommen, einem Idol nachgegangen und - hatte mittels dieses Idols mit aller Welt nach Lust und Laune gespielt. Noch beim Schaukeln des Schiffes und im Wirbeltanze der Wellen sah sie dieses Idol vor sich spielen. Nun nahte fester Boden, an dem all das auf einmal zerschellen könnte . . . Die Worte Kassatos: „Da jagst einem Phantome nach; deine Träume verfliegen!" klangen ihr jetzt wie schrille Musik, wie ein Fluch nach. Viel Volk sammelte sich am Hafen. Alt und Jung, Gelehrte und Leute von der Straße, alle wollten die Auserkorene des Messias sehen, der feit Jahren, Träger aller jüdischen Hoffnungen, in Aegypten nun weilte. Rafael Josef Chelebi hatte aus Kairo Diener und goldbeschlagene Wagen mit feurigen Rossen gesandt. Es herrschte Aufregung und Feststimmung in Alexandria, als Sarah mit ihrer Bedienung durch die engen Gassen des Judenviertels, begleitet. vom Jubel der Menschen, fuhr. Sarah, jetzt groß, stattlich und vollerblüht, sah suchend in die Ferne. Unter den wogenden Menschen war er nicht vorhanden. Noch war alles Phantom . . . Aber noch am gleichen Abend sollte der Weg weiter nach Kairo gehen. Sarah wurde es feierlich und zugleich bange ums Herz bei dem Gedanken an Kairo. Indes Sarah im Hause eines alexandrinischen Freundes von Chelebi sich wie eine Sultanin auf kostbarem Diwan streckte und von türkischen Dienerinnen mit Kaffee und Süßigkeiten bewirten ließ, stieß Abraham Jachini draußen vor dem Hause auf einen Mann, den er überrascht und nicht mit ungeteilter Freude begrüßte. „Ihr hier, Rabbi Nathan?" (Fortsetzung folgt.) Der Hirte. Von Israel Otzmann. Alle großen Männer hatte Gott erst auf der Weide geprüft, und nachdem er ihre aufopfernde Liebe zu den stummen Geschöpfen ersehen hatte, sie zu Führern seines Volles gemacht. Auch Benjamin der Hirte, der zu den „Sechsunddreißig" zählte, wurde erst auf diese Weise erprobt, bevor ihm alle Schlüssel zu den Geheimnissen von Welt und Leben in die Hand gelegt wurden. Benjamin war ein zartes, verträumtes Kind in einem Hause, .in dem Gelehrsamkeit und Frömmigkeit ihre Stätte hatten. Auch-reich und angesehen war die Familie, und sie übte Wohltätigkeit mit vollen Händen, aber in aller Sli le im Dorfe ihres Wohnsitzes. Da fielen eines Tages die Haidermaken über das Dorf her, plünderten und brandschatzten und schlugen alles nieder, was ihnen in die Hand kam. Wie durch ein Wunder entging der kleine Benjamin dem Tode und gelangte nach vielen Irrungen, Leiden und Entbehrungen in eine fremde, weitentfernte Stadt, wo seine Leiden von neuem begannen.- Unbarmherzige Menschen nahmen sich angeblich seiner annutzten aber seine junge, schwache. Kraft über Gebühr aus und mißhandelten ihn ohne Mitleid. So entlief er dem Kaufmann, dem Schneider und dem Schuster, bei denen er nacheinander als Gehilfe' gearbeitet und kehrte zum Dorfleben zurück, suchte Schutz in Feld und Flur und versteckte sich mit seinen einsamen Gedanken im Walde. Die Dorfmenschen hielten ihn für dumm und unfähig einer besseren Arbeit und vertrauten ihm ihre Schafe an, so wurde er Dorf Hirte. Indem er aber seine Herde draußen im Felde unter freiem Himmel hütete und betreute, fand er seinen Gott, hörte er seine Stimme, sah seine große Hand in allen Erscheinungen der Natur. Das Bewußtsein der Gottesnähe war ihni Ersatz für alle entbehrten Genüsse des Lebens, und er war zufrieden wie je einer in seinem Prunkpalaste. In seiner Hirtentasche trug er Brot, einige Zwiebeln und Salz, dabei aber ein kleines Gebetbuch und eine kleine Gemoro. aus der sein Vater mit ihm in den jüngsten Kindesjahren zu lernen begann, bevor die Mordbrenner ins Dorf kamen und mit ihien Alerten und Dolchen das Glück der jüdischen Familien zerstörten. Es war das einzige Familienstück, das er aus dem Zusammenbruche des Elternhauses gerettet hatte. Auch hatte er /ich eine Flöte aus Holz zurech^gezimmert. auf der er spielte, Leid, Sehnsucht und Hoffnung in die Berge hinausweinte. Seine Schäflein kannten die verschiedenen Signale und sammelten 'ich, je nachdem wie sie ertönten, vertraulich um hn oder schwärmten lustig aus. Zuweilen aber lag er auf dem grünen Teppich der Wiese, die Augen zum blauen Himmel gerichtet, die Flöte an dem Mund und sandte Lob- und Danklieder zum Schöpfer und Lenker der Welt, der über den Wolken thront. Er war glücklich in der Nähe Gottes und in Gesellschaft von Geschöpfen, die der 'Menschen Bosheit und Tücken nicht kannten, und er liebte die ihm anvertrauten Schafe von ganzem Herzen. Die kleine Gemoro war' aber sein Allerheiligstes, das er vor fremden Augen verwahrte. Wenn er in seiner Einsamkeit sich von der Sehnsucht überwältigt dünkte, zog er das kleine Buch aus der Tasche und überschüttete, es mit heißen Küssen und Tränen. Obwohl er nur wenig aus dem Inhalte kannte, sah er doch im heiligen Buch den Begleiter seiner Kindheit. Aus dieser Gemoro sprach die Stimme des Vaters zu ihm. Dann betete er und flehte Gott an, daß er ihm Verstand und Einsicht gebe, um die vielen Worte und Reihen ganz zu erfassen. . Je mehr er die Worte wieder-- holte, umsomehr merkte er, wie sie ihm näherrückten und ihm dann ganz vertraut wurden. Im Schlafe, der dann seine Augen überfiel, sah er die Worte und Buchstaben als lustige Vögelchen. die ihn umschwebten und ihn umsangen und mit bunten Strahlen übergossen. Frisch und munter erwachte er, und alles war so klar und einfach und schön um ihn herum. Eines Tages berührte ihn im Schlaf ein Greis mit leuchtendem Gesichte und funkelndem Auge, mit einem Barte, wie aus weißgebleichter Wolle. „Steh auf mein Kind," sprach der schöne Greis. „Dein Weinen und Flehen erreichten die Pforten des Himmels und lösten dort große Freude aus. Nun bin ich hergegangen. Dich in die heilige Lehre einzuführen, die ein schwarzes Feuer auf weißem Feuer ist. Auch wurde Deine Liehe zu den stummen -Tieren beobachtet, wie Du ihnen alle wortlosen Wünsche, abliesest und erfüllest. Dafür fei Dir als Gabe geschenkt das - Ohr für die Sprachen aller Tiere und Vögel, wie es einstens der weise König Salomo besessen hatte. Nacht für Nacht komme ich her und lerne mit Dir bis zur Zeit des Engelgesanges." Als Benjamin aufwachte, sah er sich Umringt von allen Schafen seiner He.de, und über ihm sangen die Vögel ihre Lieder, und vom Walde her kamen fröhliche Töne. Und Benjamin verstand alle . Laute, als wären es Menschen und hörte, wie Welt und Geschöpfe sich , in einem herrlichen Lobliede zu Gott ve!reinten. Und wenn sich die Nacht herabließ, kam um die zweite Nachtwache wie eine Feuersäule herab, und mit ihr erschien der sonderbare Greis, um mit ihm zu lernen. So ging es viele Jahre hindurch, bis Benjamin in die geheimsten Tiefen der Lehre eingefühd und groß an Geist geworden war, ohne daß ein Sterblicher was davon wußte. Bei all dem hütete er nach wie vor seine Schafe, liebte sie und betreute sie und teilte mit ihnen Leid und Freud. Eins war er mit ihnen und mit den Pflanzen und Bäumen. Sie liebten einander und beteten miteinander. Da erschien eines Tages der G'.eis wieder und sprach: „Benjamin, nun ist es wohl Zeit, daß Du unter die Menschen gehst, um d i e s e zu hüten. Sie bedürfen Deiner sehr. Du wirst sie. von der Ferne behüten, ohne, daß sie es selber merken, und die Bewohner von Feld und Wiese werden Dich vor der Menschen Bosheit schützen." Von nun ab zog Benjamin der Hirte an den Markttagen in die Stadt, traf dort mit Juden aus verschiedenen Gegenden zusammen und unterhielt sich mit ihnen, so daß er bald die Gedanken, die Schmerzen und Sorgen eines jeden kannte. Auch ging er durch die Reihen der verlassenen Tiere mit einem Wassertruge. in der Hand und einem Futtersacke am Arm und stillte ihren Hunger und Dp-st, woran die Eigentümer wohl nicht dachten, dieweil ihre Tiere nicht reden konnten. Wo er aber Not und Leid unten! Menschen sah, da betete er in stillen Nächten unaufhörlich, bis die Hilfe kam. So kam es denn» daß zu Lebzeiten des Hirten Benjamin. keine Seuche und kein Verderben unter Mensch und Vieh wüteten, keine Dürre und kein Regenübermaß. keine Heuschrecken und keine bösen Winde. Es sprach sich bald herum, daß ein Heiliger in ihrem Kreise wandele und sie schütze. Doch wußte Keiner, wer und wo der Heilige war. Da drang eines Tages ein Wehegeschrei von irgendwoher. . Vom Walde kam es und breitete sich aus über Feld, Forst und Stadt. Die Vögelchen zwitscherten und-klagten jämmerlich, alles Vieh und Getier schrie und heulte. Die Menschen gingen traurig daher und wußten nicht, was geschehen war. Der Zadik Rabbi Boruch. der am Tische inmitten seiner Getreuen saß, fing plötzlich an zu seufzen und sein Gesicht verzog sich in unsäglichem Schmerze, daß alle Anwesenden aufs Tiefste erschraken. Dann stand der Rabbi auf und sprach händeringend: „Wehe uns, der Hirte ist uns genommen. Unsere Sünden haben es bewirkt. Wer soll uns jetzt führen und wer das Lämmlein behüten in der finsteren Golusnacht inmitten der unzähligen wilden Wölfe?" ... Sprachs und zerriß seine Kleider, auch alle Anwesenden zerrissen ihre Gewänder und setzten sich dann um den Rabbi zu Boden, um wi^ vorgeschrieben, sieben Tage zu trauern. Erst am dritten Trauertage erzählte der Rabbi diese ganze Geschichte, daß nun allbekannt wurde, wer der Heilige war, der in all den Jahren seine schützenden Fittige über sie hielt.