Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1924-10-09 · Heft 41-42 (9.10.1924) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 41-42 (9.10.1924)
Date
1924-10-09
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450286-2450326--71618-2528944
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9. Oktober 1924 „Nicht ein Haar gekrümmtsoll werden den Bürgern von-Babylonnicht ein Söldner geht in unsere Gefangenschaft/, 'und nicht—den hundertsten Teil nehmen wir vom Eigentum eines häbylonischen Vnrge.rsH-' wenn die 'Städf sich noch in dieser Stunde ergibt. Doch wenn die goldene Scheibe hinter den Hügeln hochsteigt, ehe hie Tore geöfftfet werdendann öffnen wir sie mit Gewalt. Und dann soll ein Blutgericht abgehalten werden über die Stadt Babylon, wie noch keines gewesen ist. Nicht geschont soll werden der Greis,, dessen Schläfe Silberhaar umwallt, und nicht das Knäblein an der Brust seiner Mutter. Alles, was männlichen Geschlechts ist, sei ausgekilgt unter den Menschen in der Stadt Babylon. Alle Frauen und Mädchen aber werden verteilt unter die Soldaten unseres großen Königs, und das gleiche geschehe mit allem, was wir finden an Gold und Silber, an Sklaven und anderem Wert. Dann wird die Mauer von'Babylon geschleift werden, und niedergerissen werden sollen alle Häuser, so daß die Stadt zu einer -Stätte der Wüste, zu einem Orte des Grauens wird für alle Geschlechter." Ruhig hört Belsazar die Drohungen an, ruhig antwortet er: . „Solange ich stehe, so lange steht Babylon." Leuchtenden Auges schaut Narea auf ihren Helden. Da bricht ein unbeschreiblicher Tumult aus. „Wir wollen die. Stadt übergeben, wir wollen sie übergeben", schreit es aus hundert kehlen. Doch lauter als alle Rufe tönt Belsazars Stimme: „Solange ich stehe, steht Babylon!" „Dann falle, damit Babylon fällt!" schrillt eine Stimme. Es ist die Stimme des Palasthauptmanns Samas-bani. Plötzlich klirren Schwerter auf,' Dolche werden gegen ihn gezückt, Speere fliegen durch die Luft. Die Hauptleute dringen auf ihn ein. Da stürmt aus dem Hintergründe ein Knabe vor, er stößt die Ueberraschten beiseite, die den Speer in der erhobenen Rechten schwingen. Er Der Israelit stellt sich mit ausgebreiteten Armen schützend vor seinen Herrn. „Flieh, Herr, flieh! Ich halte sie auf." Ein breites, zweischneidiges Schwert fährt ihm durch die Kehle und wirft ihn nieder. Belsazar beugt sich zu ihm hinab. „Joas,^ mein Knabe, du? Du allein von allen?" Da fährt auch ihm ein Speer in die Brust und reißt ihn zu Boden. Er fällt hintenüber und wird von Narea aufgefangen. Aus klaffenden' Wunden entströmt sein Blut. Einstimmiger, brausender Jubel kündet seinen Fall. „Belsazar ist tot! Belsazar ist tot! Jetzt wird bie Stadt übergeben!" Schaudernd verlassen die Perser die Stätte des Grauens; die Hauptleute laufen vor ihnen her, sie rennen'-hinter ihnen. „Belsazar ist tot! Belsazar ist tot! Jetzt wird die Stadt übergeben." Auch die Diener flüchten und die Edelknaben. Allein bleibt Narea in der großen Halle mit dem sterbenden Belsazar. Sie ist neben ihm niedergesunken und hält ihn im Arme und achtet des Blutes nicht, das ihr Gewand rötet. . „Luft! Luft!" gurgelt der Sterbende, roten Schaum vor dem Munde. „Luft! Ich ersticke." Da nimmt sie all ihre Kraft zusammen und trägt ihn hinaus auf die Altane, wo sie ihn langsam niederlegt und sein Haupt in ihren (Hchoß bettet. Weit hinten im Osten glüht das erste Morgenrot auf. Wie ein Lauffeuer durcheilt die Stadt die Kunde von dem, was geschehen ist. Schon werden die Tore geöffnet, den Sieger zu empfangen. Schon tönen die ersten Jubelrufe: „Heil Kyrus, dem Befreier, dem großen Kyrus Heil!" h Belsazar richtet sein brechendes Auge auf Narea. Sie beugt'sich dicht über ihn und legt den Nr. 41/42 Seite 27 Mund fest auf seinen Mund, um seinen letzten Hauch zu trinken. Dann nimmt sie seinen Dolch, bohrt ihn tief in ihr Herz und bricht über ihm zusammen. Drunten am Kanäle stehen die Judäer in ihrem Bethause und lobpreisen den Ewigen, der sein Volk nach 48 jähriger Verbannung zurückführt in das Land ihrer Väter. „Gelobt sei der Ewige, unser Gott. Denn er ist gütig, und seine Güte währet ewiglich." In den Straßen tönen Jubellieder, Heilrufe auf Gobryas. den Befreier, und auf Kyrus» seinen großen König. ' Die Einweihung der Kruskal-Schule in Retowo. Wie früher gemeldet, hat die Familie K r u s k a l in Frankfurt und Newyork in pietätvoller Ehrung des Andenkens ihres Vaters, der in Retowo, einem kleinen litauischen Städtchen nächst Memel, lebte, ein stattliches if 'J Die Einweihung der „Talmud Torah »Kruslal«" in Retowo (Litauen). Ein Festredner auf der Schultreppe. Haus für die Talmud-Thora des Ortes erbaut, das der Verwaltung der „Agudas Jisroel" unterstellt worden ist. Unser Bild zeigt eine Szene hei der feierlichen Einweihung des Hauses, die vor kurzem in Anwesenheit der Stifter stattfand. Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) Es sprach so alle Welt von dem Manne und seinem Werke, für das der allmächtige Beherrscher Englands, Oliver Cromwell, den Kampf gegen Geistlichkeit und Adel ausgenommen hatte. Zu einer seiner Schriften, „Das Traumbild N e bukadnezars" genannt, in dem nachgewiesen wird, wie nahe nach der bekannten Vision Daniels das Eintreffen des fünften Weltreiches sei, und dieses in dem Sinne, daß Israel über alle Völker gestellt wird, gaben viele gelehrte Christen ihre Approbation, und der Maler Rembrandt lieferte zu dem Buche vier k u n st v o l l e K u p f e r st i ch e, die das Traumbild Nebukadnezars in der Auslegung Manafses veranschaulichten. Rembrandt zeigte die Bilder mitsamt Text Spinoza, daß er sich die Sache ansehe. Spinoza betrachtete lange die Bilder, überflog den Text und legte das Buch aus der Hand. „Die Bilder zeigen, wie immer, den Meister, viel zu gut und zu schade für d i e s e s Buch." „Was hast Du an den Ausführungen, die doch die klaren Ideen der von Dir geliebten und hochgepriesenen Propheten wiedergeben, auszusetzen?" fragte Rembrandt. „Daß es die Propheten mit einem mystischen Nebel umgibt, den ich als Beleidigung gegen den Genius dieser ewigen Wahrheitsverkünder empfinde. Ich habe nichts dagegen und bin sogar fest davon durchdrungen, daß die Sammlung der Geister einmal kommt und die Läuterung so vollzogen wird, daß das Völkchen, das den Gott in und um sich zuerst erkannt und die Ethik aus der Hand dieses Gottes zuerst empfangen, freilich nach gründlicher, innerer, leidvoller Läuterung, die Führung über die erlöste Welt erhält. Aber wozu diesen einfachen Gedanken so komplizieren, wozu dieses ganze kabbalistische Beiwerk mit all den Träumen des Nebukadnezar oder richtiger des Manasse ben Israel: Auch seine anderen Schriften, auch die, die jetzt die geschlossenen Tore Englands öffnen soll, sind bei aller Klarheit ihres Wollens nicht frei von diesem nebelhaften Beiwerk, das ihren Wert herabsetzt, beeinträchtigt, ja zuweilen ganz in Frage stellt." „Aber Oliver Cromwell hat es dieses Werk angetan." Spinoza sagte bedächtig: „Auch Cromwell wie., alle Puritaner in England sind im kabbalistischen Denken befangen. Selbst seine politischen Erfolge strömen aus dem Unbewußten und haben auch ihren Rückhalt im Unbewußten der Zeit, was freilich eine sehr schwache Stütze ist. Die Aufklärung wird eines Tages wie eine junge Frühlingssonne mit ihren Strahlen den Nebel vertreiben und das Eis brechen, dann wird es auch mit der'Macht der Protektoren, die, wie Cromwell, Parlamente und Staatsräte einberufen, wenn sie ihnen dienen und heimschicken, wenn sie ihnen nicht mehr zu Willen sind, vorbei sein. Du merkst es nicht, Rembrandt, und es merken es auch die,Anderen nicht, ja Cromwell und Manasse selbst merken es nicht, daß sie auf einer breiten Plattform aneinander vorübersehen und vorüberreden.. Was der eine denkt und empfindet, ist im Grunde dem anderen fremd und fern, wenn sie auch nach außen das Gleiche wollen. Die gemeinsame Plattform ist die Messianität. Nur denkt Manasse an den persönlichen jüdischen Messias d e r Z u k u n f t, der mit Hilfe Englands kommen wird, um Israel an der Spitze der Völker, auch des britischen Volkes, zu stellen. Cromwell dagegen denkt an den Messias der Vergangenheit, der schon vor 1660 Jahren gekommen ist und zu dem sich nach dieser langen Zeit auf englischem Boden auch Ahasver findet, damit das tausendjährige Reich unter dem Stern von Bethlehem errichtet werde, und England die Palme des Verdienstes zuerkannt wird, dieses Ende herbeigeführt zu haben. Ich gebe zu, daß sich aus beiden Jdeeengängen, durch eine Verbindung des Messias der christlichen Vergangenheit mit dem der jüdischen Zukunft sich in der Tat etwas machen läßt für die geschlagene Menschheit. Und einckial wird es auch so kommen. Ich habe es in meinen Schriften schon oft ausgesprochen. Aber für diese Art von Erlösung ehlt beiden, Cromwell sowohl wie Manasse, und hinter ihnen den jüdischen Stockfrommen wie den englischen Puritanern, die Kraft des Willens und .die Klarheit des Geistes . . ." So tief wollte sich aber Rembrandt in die Erörterung der Frage gar nicht einlassen, und er zog es vor, mit den Juden den weiteren Gang der Sache zu verfolgen. Die Nachrichten aus London waren aber spärlich und unbefriedigend. Es setzte dort Kämpfe ab um die Juden, wie man sie nicht erwartet hatte. Und als endlich nach zwei Jahren es ausgemacht war, daß die Juden auf Umwegen und einzeln in England einwandern durften und dort Schutz und Religionsfreiheit erhielten, schien der Erfolg in Amsterdam wenigstens zunächst etwas gering im Verhältnis zu den hochgespannten Hoffnungen. Man sprach nicht mehr viel davon. Der Initiator, Manasse selbst kam nicht wieder. Und einer seiner Begleiter, Kassato, oder wie er sich nannte, Nehemia Hakohen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.