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Der Israelit · 1924-10-09 · Heft 41-42 (9.10.1924) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 41-42 (9.10.1924)
Date
1924-10-09
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 20 Nr. 41/42 Amderecke. In Gottes Schutz. Von Heinrich Einstädker. Im Mittelalter gehörte zu den schönsten Schlössern des südlichen Frankenwaldes die Sternburg. Ihre Besitzer wären angesehene Adelige, die sich seit Jahrhunderten im Kriegsdienste ausgezeichnet hatten. Außer vielen Feldern und Wäldern gehörte ihnen auch das Dorf Sternburg, das am Fuße des Burgberges lag. Die Verwaltung des großen Besitztums und die Gerichtsbarkeit über das Dorf übten die Freiherren durch einen Amtmann aus, der in einem Seitengebäude des Schlosses wohnte. Als der alte Amtmann Rehhorn gestorben war, hatte Freiherr Bodo von Sternburg aus Anhänglichkeit an den treuen Beamten dessen Sohn Franz zum Nachfolger eingesetzt, obwohl ihm der junge Mann nicht in allen Dingen gefiel. Er wußte, daß er während seiner Studentenjahre etwas wild gelebt und seinem Vater viele Sorgen gemacht hatte. Doch hoffte der Gutsherr, daß nunmehr der Jugendleichtsinn geschwunden wäre, und Franz verstand es, bald auch den Rest des Arrgwohns zu besiegen. Er zeigte sich ungemein diensteifrig und bescheiden, wenn sein Herr ihn beobachtete. Daß er den Bauern gegenüber aber desto anmaßender war, erfuhr der Baron nicht. Auch war ihm unbekannt, daß Rehhorn noch große Schulden von früher her hatte, zu deren Tilgung sein Einkommen nicht ausreichte. Der Amtmann verbarg vor ihm sorgfältig, daß seine Gläubiger ihn immer und immer wieder bedrängten, und hoffte auf einen günstigen Zufall, der ihn in den Besitz einer größeren Summe setzen werde. Im Dorfe wohnte auch der Jude David, der in geschäftlichen Dingen das Vertrauen seines Gutsherrn besaß. Er kam häufig auf das Schloß und in enge Berührung mit dem jungen Amtmann, der bald erkannte, daß der Jude verschwiegen war. Daher fand er auch den Mut, ihn um ein Darlehen anzugehen. David war das sehr unangenehm. Er war kein reicher Mann und könnte eine größere Summe nicht entbehren. Er wußte auch, daß er sich durch Zurückfordern den Beamten zum Feinde machen werde. So lieh er ihm wohl einen kleinen Betrag, erklärte sich aber außerstande, weitere Gelder vorzustrecken. Der Amtmann hielt seine Beteuerungen für Ausreden und suchte im Laufe der Zeit, das Vertrauen des Freiherrn zu seinem Hofjuden durch allerlei Bemängelungen zu erschüttern. Aber zunächst gelang ihm das nicht. Eines Tages vermittelte David den Ankauf einer Wiese, die zur Abrundung des Sternburg'- schen Besitzes erforderlich war. Der Baron war über das Geschäft sehr erfreut und beauftragte David, zugleich mit dem unterschriebenen Kaufvertrag seinem Gutsnachbarn auch den Kaufpreis Zu überbringen. Der Betrag wurde abjgezählt und von dem Amtmann in Gegenwart seines Herrn verpackt und versiegelt. Der ungetreue Mann aber hatte heimlich eine Goldrolle an sich genommen und das Siegel absichtlich recht nachlässig angebracht. Gern hätte er das veruntreute Gold auch alsbald in ein sicheres Versteck gebracht. Aber er mußte seinen Herrn auf die Jagd begleiten, und so beschloß er, das Geld einstweilen im Tischkasten seines Amtszimmers zu belassen, das er sorgfältig abschloß. Der Zufall wollte es, daß der Freiherr auf der Jagd seinen Gutsnachbarn traf und nach beendigtem Iagdvergnügen eine Einladung nach dessen Schlosse zu einer Flasche Wein annahm. Auch der Amtmann mußte ihm folgen. Inzwischen hatte David dort das Geldpaket abgegeben und war heimgeeilt, da der Vorabend des Suckausfestes herannahte. Der Baron öffnete den Umschlag im' Beisein seiner Besucher. Doch sieh! Es fehlte ein wesentlicher Teil des Geldes. Der Baron erbleichte und wandte sich sogleich seinem Verwalter zu: „Habe ich Ihnen nicht das Geld genau vorgezählt? Es fehlt eine Rolle Dukaten." „Gewiß, Herr Baron," erwiderte der Beamte, „und ich weiß noch genau, daß ich die Rolle mit eingelegt habe." „Aber wie erklären Sie nun das Fehlen?" „Der Jude wird gewiß die Rolle herausgenommen haben," erwiderte rasch Rehhorn. „Gestatten Herr Baron, daß ich das Siegel untersuche?" Dem Freiherrn mißfiel es, daß sein Amtmann sogleich den Juden, von dem ihm noch nie eine Unehrlichkeit berichtet worden war, beschuldigt hatte. Er griff selbst nach dem Umschlag und betrachtete genau das Siegel. Auch fein Nachbar, Graf Bechhof, schaute gespannt zu. „Das Siegel ist lose," rief er. „Es scheint nachträglich, vielleicht nach Oeffnung des Paketes wieder aufgeklebt worden zu sein." Dem Freiherrn leuchtete diese Erklärung ein. Während er aber still und ernst blieb, ergingen sich der Graf und der Amtmann in maßlosen Beschuldigungen gegen die Juden. Letzterer besonders wußte von allerlei schlimmen Vorkommnissen zu erzählen, und der Graf sprach von der Absicht, die Juden aus seinen Dörfern auszuweisen. Diesen Ausführungen machte schließlich der Freiherr ein Ende. „Ich möchte sogleich bei David eine Haussuchung vornehmen," sprach er. „Vielleicht darf ich Sie bitten. Herr Graf, mir Ihren Amtsvogt mitzugeben." Der Graf war damit einverstanden. Nur Rehhorn machte Einwände: „Die Haussuchung wird nichts zu Tage fördern. Der schlaue Jude hat doch das Geld längst vergraben oder sonst fortgeschäfft!" Ein merkwürdiger Seitenblick des Barons streifte ihn. Er dachte daran, daß es doch sonst bisher nicht die Art seines Untergebenen gewesen sei, ihm zu widersprechen: aber er schwieg einstweilen. So machten sich denn die drei Männer auf den Weg und gelangten nach einer halben Stunde an das Dorf. Sie näherten sich dem Hintergarten Davids, überstiegen den niederen Zaun Und gingen leise dem Hause zu. Da hörten sie Stimmen und hemmten ihren Gang. Än die Hauswand gelehnt war eine Laubhütte, in der soeben David mit feinen Angehörigen und einem fremden Gast nach beendigtem Abendessen plauderte. Die Männer schlichen näher heran und konnten nun in der Stille des Abends jedes Wort deutlich hören und die Stimmen genau unterscheiden. „Vater," sprach' eines der Kinder. „Du sagtest, daß die Festhüite uns daran erinnern soll, daß Gott uns auch' dort schützt, wo wir uns nicht gegen unsre Angreifer wehren können. Beschützt er denn auch alle Juden?" „Er ist der Schützer aller guten Menschen," erwiderte der Vater, „und besonders der Wehrlosen. Wer sich keine böse Handlung vorzuwerfen hat, der kann auf seinen Schutz ruhig vertrauen." „Uns aber läßt schon unser Herr Baron kein Unrecht geschehen." setzte ein kleiner Knabe hinzu. „Als ich gestern über den Anger lief, da wollte der Schäfer seinen Hund auf mich hetzen. Als er mir schön ganz nahe war, kam gerade unser Herr. Und da hättet ihr hören sollen, wie er den bösen Hirten ausschält." Die Erwachsenen lachten. Der Vater aber setzte hinzu: „Du hast ganz recht, Benjamin.- Unser Herr ist gut und gerecht, und wenn du jetzt mit deinen Geschwistern zur Ruhe gehst, bittest du den lieben Gott, daß er ihm noch viele gute Jahre schenken möge." Die Kinder erhoben sich darauf und wünschten „Gute Nacht", während die Erwachsenen die Unterhaltung fortsetzten. Zuerst vernahm man die Stimme des Fremden: „Euer Herr mag gut und freundlich fein; aber eurem Amtmann traue ich nicht. Ich kenne ihn schon seit manchem Jahr, als er sich noch bei uns in Brüchberg als Schreiber beim alten Amtmann aufhielt. Schulden hatte er über die Maßen, und die Leute preßte er auf alle Arten. Sag' doch, Schwager, ob er nicht auch von dir schon Geld geborgt hat." „Versucht hat er es wohl," entgegnete David, „aber ich habe ihm nicht viel geliehen. Seine Drohungen habe ich nicht ernst genommen und seine Andeutungen, daß er mich durch Gefälligkeiten - auf Kosten unseres Herrn schon schadlos halten werde, habe ich überhört. Deswegen wird er mir vorläufig nicht sehr gut gesinnt sein. Später wird er jedoch schon zur Einsicht kommen, daß es so am besten war. Ich hoffe darauf ganz sicher,- denn er ist doch ein Sohn meines guten, seligen Gönners Rehhorn." — Leise zog sich der Freiherr nach diesen Worten zurück. Schweigend folgten ihm der Amtmann und der Vogt. Als sie außer Hörweite waren, winkte Sternburg den jungen Mann zu sich heran und sprach: „Rum Rehhorn, was haben Sie mir jetzt zu sagen?" Der Angeredete zitterte am ganzen Körper. „Der Jude lügt," rief er. „Die ganze Sache ist abgekartet: er hatte uns gewiß schon lange kommen sehen." „So?" fragte gedehnt der Baron. „Dann folgen Sie mir." Er schritt auf das Amtshaus zu. ließ sich Rehhorns Zimmer aufschließen und befahl dem Vogt, alle Kassen zu öffnen. Schon nach wenigen Minuten fand sich das veruntreute Geld. Rehhorn sank auf die Kniee und bat um Nachsicht. Der Freiherr aber trat an das Fenster, schaute empor zum Sternenhimmel und dachte an den, der hoch oben wohnt und doch so tief hinabschaut, daß kein Geschöpf ihm entgeht im weiten Weltall und kein Gedanke im tiefsten Grunde des Menschenherzens. 8» ist dev Leser, die im JttseeatettteN Unsere allseitig bekannte Spezialität: Heveen-, Anaben- und in streng *1L? 3 Ver ar beitung Liebfrauenstr. 8-10 Neue Kräme 27 i» ffiwuiuii a. aw.; Pnoagoakirye roeuaae: Letzter in Fulda. — Verlag .Israelit", G. m. o. Frankstrrt a. M. Sermon Berlags-MtiengesellsHafl, Frankfurt ä. M.

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