Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 41-42 (9.10.1924)
- Date
- 1924-10-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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9, Oktober 1924 D er Israelit vtr. 41/42 Seit. 8 Absicht, Martin Vuber zur theore ischen Anerkennung des „Gesetzes" zu bekehren, das er bisher links hat liegen lassen. Diese pädagogische Absicht der RösenzweigMen Gedankenentwicklung ist wohl im Auge zu behalten, und wir werden auf sie später noch zurückkommsn. Einstweilen sei die Haupttendenz seines Aufsatzes charakterisiert. Wie der Liberalismus die jüdische Lehre^ ihres Reichstums beraubt, sie vereinseitigt und zugleich an den KantianismuZ angepatzt, d. h. sie verfälscht hat, so habe die westdeutsche OrthodvXie (hauptsächlich S. R. Hirsch) der Verpflichtung zum „Gesetz" eine einseitige, mangelhafte und daher abstoßend wirkende Begründung gegeben, indem sie diese Verpflichtung nur auf die „Nadelspitze" des ’ro ‘in gestellt habe. Nosenzweig schreibt: Denn zwar auch hier sind die formelhaften Verengerungen nicht erst im 19. Jahrhundert geschaffen: wie die Formeln, in die der Liberalismus der Reformer den jüdischen Geist zu bannen suchte, so können sich auch die Gründe, aus denen Hirschs „Jisroel-Mensch" das Gesetz halten soll, auf eine lange Ahnenreihe berufen: aber erst-Hirsch und die ihm folgen haben.auf die schmale Basis dieser Gründe ernstlich das jüdische Leben. aufzubauen gesucht. Hat wohl je ein Jude früher, wenn er nicht gefragt wurde, gemeint, er hielte das Gesetz — und das Gesetz ihn — nur deswegen, weil es von Gott Israel unterm Sinai auferlegt sei? Gewiß, wenn man ihn fragte, so mochte vielleicht dieser Grund sich in seinem Bewußtsein nach vorne drängen, und die Gefragten von anlagewy.gen, die Philosophen, haben immer gern so geantwortet; und als von Mendelssohn ab unser ganzes Volk sich der Folter all dieser wahrhaft peinlichen Fragen unterzog und das Judensein jedes Einzelnen nun auf der Nadelspitze eines Warum tanzte, da mochte es an der Zeit sein, wenn ein Baumeister kam, der aus dem Gestein dieses Grundes eine Ringmauer zog, hinter der das von. Fragen bedrängte Volk sich bergen konnte. Aber den fraglvs- Lebenden war dieser Rechtsgrund des Gesetzes nur einer neben anderen gewesen und kaum der stärkste. Gewiß war die Thora, schriftliche wie mündliche, dem Mose am Sinai gegeben, aber war sie nicht vor der Welt geschaffen? mit Buchstaben finstern Feuers auf einen Grund von lichtem Feuer geschrieben? und war nicht um ihretwillen die Welt geschaffen? und hat nicht schon Adams Sohn Seth das erste Lehrhaus gegründet, worin sie gelernt wurde? und haben die Väter ein halbes Jahrtausend vor dem Sinai sie nicht schon gehalten? und ward sie, als sie schließlich am Sinai gegeben wurde, nicht in allen Siebzig Sprachen der Welt gegeben? und umschloß sie nicht in ihren „613 Geboten", dieser Zahl, die, im voraus aller Versuche, Unzählbares zu zählen, spottend, doch selber wieder nur der um die beiden aus dem Munde der Allmacht unmittelbar vernommenen Worte vermehrte Zahlwert des Worts Thorah ist und die Summe aus den Tagen des Jahres und den Knochen des Menschenleibs, — umschloß sie nicht in dieser Zahl alles, was der Scharfsinn der Späteren, unfern Lehrer Mose selbst beschämend, in ihren Krönlein und Häklein noch entdeckte? ja auch was in Zukunft je und je ein eifriger Schüler in ihr finden wird? sie, die Gott selber täglich lernt? Und dieses Gesetz, diese Thorah sollte Israel gehalten haben nur wegen der einen „Tatsache, die jede Täuschung ausschloß", daß die Sechshunderttaufend am Sinai die Stimme Gottes gehört hätten?! Gewiß: auch ihretwegen, aber nicht minder auch wegen all der zuvor genannten und wegen der andern, die den Alten aus jedem „Heute" der Thorah spricht: daß auch die Seelen der Nachkommen mit jenen Sechshunderttausend am Sinai standen und vernahmen, was diese vernahmen. Dem ungefragten und fraglosen jüdischen Bewußtsein ist dies alles gleich sehr Tatsache wie jenes eine, und jenes eine um kein bißchen mehr als dies. Nein, das Nur der Orthodoxie darf uns genau so wenig vom Gesetz zurückschrecken, wie uns das Nur des Liberalismus, nachdem Sie (d. h. Vuber) uns sehen gelehrt hatten, noch die Lehre verstellen konnte. Das Judentum umfaßt jene Nurs, aber nicht als Nurs. Das Gesetz kann genau so wenig erledigt sein mit einem Ja oder Nein zu der pseudohi st arischen Theorie seines Ursprungs oder der pseudojuristischen seiner Verpflichtungskraft, wie sie von Hirschs Orthodoxie als Grundriß ihres festen, aber engen und in all seinem Prunk unschönen Gebäudes ausgezeichnet wurden, wie die Lehre uns abgetan mit einem Ja oder Nein zu der pseudologischen Theorie der Gotteseinheit oder der pseudoethischen der Nächstenliebe, mit denen Geigers Liberalismus die Fassade des neuen Geschäfts- und Wohnhauses der emanzipierten Judenheit bemalte, — pseudohistorisch, pseudojuristisch, pseudologisch, pseudoethisch: denn ein Wunder ist keine Geschichte, ein Volk keine Rechtstatsache, Blutzeugentum kein Rechenexempel und Liebe nicht sozial. Sondern Gesetz und Lehre, — zum einen mie zum andern führt uns der Weg nur, wenn wir wissen, daß wir noch an seinem Anfang stehen und jeden Schritt selber zu tun haben. Welches ist aber hier, beim Gesetz, der Weg? Der Weg zur Wahrheit ist nun nach Rosenzweig kurz der. Alles „ T u b a r e " mutz einbezogen werden in das Bereich des Gesetzes, jeder Brauch, jeder Minhag soll zur Würde des Gesetzes emporsteigen und die Scheidewand zwischen profanem und gesetz-unterworfenem Tun fallen. Was also Gesetz ist, das soll sich im voraus gar nicht feststellen lassen. Aus de ni Inneren der von jüdischem Thorawissen und Thorageiste erfüllten Menschen (so ist's doch zu verstehn?) soll fortwährend neues Tubare in den Bezirk des Gesetz-UnLerworfenen hineingerückt werden und das Gesetz damit die ihm fehlende „Heutigkeit" erlangen. Datz aus dieser Freiheit der erneuten Uebernahme keine Willkür werde, dafür soll — darin mündet die Darstellung — das „Grundgefühl" bürgen, „Binder der Väter zu sein und Ahnen der Enkel", Denn wir sind allesamt „Kinder" und die Ueberlieferung liest es: „Bauleute". Nosenzweig redet in dieser. Aussprache als „Wir": er gibt sich a's Wortführer einer Vielheit junger Juden: umsomehr Grund, seine Worte ^ner kritischen Be-rachmng zu unterziehen, wobei diese Worte im einzelnen noch klarer werden sollen. (Fortsetzung folgt.) WmpoiMimv « ßacbricbtt» Deutsch«» Bcidj. Das Wachsen der Adas JisiM-Gemrinds in Berlin. B e rl i n, 4. Oktober. Mit dem Wachstum Großberlins hat auch die zweite Berliner jüdische Gemeinde, die prthodoxe Adas Jisroel- Gemeinde, an Ausdehnung zugenommen. Sie unterhält jetzt vier Synagogen: ihre Zentralsynagoge in der Artilleriestraße, eine Synagoge im Norden Berlins, eine in Charlottenburg und, seit den hohen Feiertagen, auch eine im Hansaviertel. Daneben geht der Aufbau einer höheren jüdischen Lehranstalt (Gymnasium) und die Unterhaltung von Religionsschulen. In der Gemeinde wirken drei Rabbiner, die Herren Dr. Munk, Dr. Meier Hildesheimer und Dr. Klein. Nach der,jetzt erfolgten Eröffnung der neuen Synagoge im Hansaviertel ist aber die weitere Berufung eines Rabbiners zu erwarten. (I. T. A.) Eine Protestkundgebrng der Brr-iner jüdischen . Gemeinde an die Reichsregierung. Berlin, 4. Oktober. In der letzten Sitzung der Repräfentantenoersammlung der Berliner jüdischen Gemeinde wurde folgende Resolution beschlossen: „Die Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin gibt ihrer tiefsten Empörung darüber Ausdruck, daß die Reichsregierung anläßlich ihrer Gedenkfeier für die Gefallenen des Weltkrieges zwar Vertreter der christlichen Konfessionen als Redner bestimmt, die Zulassung eines Redners der jüdischne Religion aber abgelehnt hat. Sie erblickt in diesem Vorgang eine schwere Verletzung der verfassungsrechtlich gewährleisteten Gleichberechtigung aller Bürger, sowie vor allem eine schwere Kränkung des Andenkens der 12 000 jüdischen Toten, wie der vielen Tausende lebender Kriegsteilnehmer, die ihre Pflicht gegen das Vaterland in reichstem Maße erfüllt haben." Der Eindruck des Freispruchs der Cssngrader Mörder. Budapest, 2. Oktober. Die ungarische Judenheit stand während der hohen Feiertage unter dem schweren Eindruck des Freispruchs der der Attentäter von Csongrad, die seinerzeit die Bombe in den Saal geschleudert hatten, in welchem der Csongrader jüdische Frauenoerein ein Wohltätigkeitsfest abhiel*. Durch das Attentat sind drei Menschen ums Leben gekommen, mehrere andere Festgäste erlitten schwere Verletzungen und sind zum Teil fürs Leben zu Krüppeln geschlagen. Der Prozeß fand vor dem Strafgericht in Szolnok statt. Die Verteidiger, die beiden bekannten Antisemiten Dr. Main und Dr. Szeczenyi, führten aus, es handle sich hier um einen Prozeß der Juden gegen die Christen. Das Urteil lautete auf Freispruch sämtlicher Angeklagten wegen Mangels an Beweisen. In der Begründung wird erklärt, daß sich ein unmittelbarer Beweis für die Schuld der Angeklagten nicht ergeben habe, da die Angeklagten ihre in der Voruntersuchung gemachten Geständnisse zurückgezogen haben. Der Staatsanwalt hat gegen das Urteil Berufung eingelegt und einen Antrag auf Aufrechterhaltung der Haft gestellt. Der Gerichtshof wies diesen Antrag zurück und sprach die sofortige Freilassung aus. Die sieben Freigesprochenen wurden, als sie auf die Gasse traten, mit einem Sturm der Begeisterung empfangen. Es formierte sich ein Festzug, an dessen Spitze Franz Ulain und der berüchtigte Stephan Lendvai-Löhner schritten. Besonders gefeiert wurden die Attentäter Brüder Piroska, sowie Ginko und Bölöni. Der Urteilsspruch wurde von den Erwachenden Ungarn Szolnoks mit großem Enthusiasmus ausgenommen. Ihr Verein hat am Sonntag eine Versammlung abgehalten, in der die antisemitischen Abgeordneten Tibor Eckhardt, Franz Ulain, Melchior Kiß und Andreas Zsilinski als Redner auftraten und den „Sieg des christlichen Gedankens" verkündeten. (I. T. A.) Der (Ssrfnvfer ffteifprud) vor dem ungarischen Ministerrat. B u d a p e st, 2. Oktober. Ein außerordentlicher Ministerrat befaßte sich am 30. September bis in die späten Abendstunden mit dem Urteil in der Csongrader Bombenaffäre. Der Landesverteidigungsminister, Graf Csaki, teilte mit, daß er wegen gewisser, während der Verhandlung zutage getretener Erscheinungen sich mit einer schriftlichen Beschwerde an den Justrzminister gewandt habe. Der Innenminister wird nach Klärung des Tatbestandes, falls es sich als notwendig erweisen sollte, gleichfalls eine Beschwerde an den Justizminister richten. Der Justizminister wird dann in der Angelegenheit in der Lage sein, neue Untersuchungen anzuordnen und nach deren Ergebnis die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Da die Beklagten durch das erste Urteil freigesprochen worden sind, sollen nunmehr die Erhebungen nach den Bombenwerfern neuerdings wieder angenommen werden Oelett. Der Czsrtkswer Rsbbe von Banditen ÄbeLfaüen. Lemberg, 3. Oktober. Der berühmte „Ezortkower Rebbe", Israel Friedmann, der seit Beginn des Krieges in Wien wohnt, traf vor einigen Wochen in Czortkow, so berichtet die I T. A., ein, um dort die Feiertage zu verbringen. An einem der letzten Abende drangen drei maskierte Banditen in die Wohnung des Rabbi ein und zwangen ihn unter Drohungen, seine ganze Barschaft herauszugeben. Nach Erhalt des Geldes verschwanden die Banditen unerkannt. Der Rabbi ist vor Aufregung erkrankt. In Chassidim-Kreisen hat der Vorfall große Erregung hervorgerufen. £ii<»uen. Eine Strafuntersuchung gegen Minister Dr. Rosrnbaum. Kowno, 2. Oktober. Der Kownoer Kreisschef strengte gegen den Präsidenten des jüdischen Rationalrates und früheren Minister Dr. Rosenbaum die Klage an, weil sich Dr. Rosenbaum angeblich widerrechtlich den Namen Minister für jüdische Angelegenheiten beilegte. Auf dieses Vergehen steht eine Strafe von 1500 Lit. Wie bekannt, stet^ Dr. Rosenbaum auf dem Standpunkt, daß, solange der Staatspräsident seine Demission nicht angenommen hat, er das Recht habe, den Titel „Minister für jüdische Angelegenheiten" zu führen und als solcher den Jüdischen Natronalrat einzuberufen. Dr. Rosenbaum erließ einen Abschiedsappell an die jüdische Bevölkerung, in welchem er für das ihm geschenkte .Vertrauen dankt und der Hoffnung Ausdruck gibt, daß die Krisis eine vorübergehende bleiben und daß der Jüdische Nationalrat bald wieder aktiv werden wird.