Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1924)
- Date
- 1924-10-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 40 Der Israelit 2. Oktober 1924 zu machen ... Die Schrift war bereits seit einigen Jahren in hebräischer und lateinischer Sprache erschienen, ohne größeren Widerhall zu finden als die andereen Erlösungsversuche, die täglich aus der Not und dem dunklen Drange der Zeit erwuchsen. Nun aber hatte dieser Ruf seine Adresse erreicht, das Ohr von Fürsten und Königen gefunden. Nach Jahren, in denen ein schwerer Krieg alle Beziehungen zwischen Holland und England durchschnitten hatte, kam mit der ersten Friedenspost ein Schreiben mitsamt Reisepaß von C r o m w e l l an Manasse, mit der Aufforderung, nach London zu kommen, um seine Sache zu Gunsten einer Judeneinwanderung öffentlich zu begründen und zu verteidigen. Und alle Weit sprach jetzt von Manasse ben Jisrael, der sich ungesäumt mit einem Gefolge nach London begab. In flammenden Reden wußte er vor seinem Abschiede in Amsterdam selbst so gründlich und einleuchtend seine Pläne auseinanderzusetzen, daß kei Zweifel am Ernste seiner Mission mehr aufkommen konnte. Manasse oen Israel war über Nacht zum berühmtesten Manne Hollands geworden. Man fing an, nachträglich seine Schriften zu lesen und fand darin so viel Großes und Herrliches über Israels Vergangenheit und Zukunft, daß man mit Stolz Manasse einen Sohn Amsterdams nannte und dem weiteren Verlauf der Dinge mit Spannung entgegensah. Viele, die ihrerseits die Zeit des Messias für gekommen hielten, denen aber der NameSabbatai fremd und fern war und nichts besagte, die vielleicht auch die Erinnerung an Sarah im Glauben an ihn irre machten, hatten jetzt einen neuen Angelpunkt ihrer messianischen Wünsche und Ahnungen. Alle, die sich klaren Kops und gesunden Sinn bewahrten, hatten Gefallen an diesem Rabbi des flammenden Geistes, der weit entfernt war von allen persönlichen Ansprüchen auf die Messiaswürde, dessen Wirken und Wecken an den bisher geschlossenen Türen und Toren der Weltmächtigen aber ohne Zweifel eine messianische Tat und der Erlösung Anfang war . . . Manasses Schriften, in denen er die Wege eines Urahns seiner Frau, Isaak Abarbanell einschlug, fanden jetzt große Verbreitung und Beachtung, auch in christlichen Kreisen. Es ging damals nach Beendigung des blutigen dreißigjährigen Krieges auch in der nichtjüdischen Welt ein starkes Suchen und Sehnen nach Erlösung, nach innerer Befreiung, nach einem besseren Los aus Erden, nach dem „fünften Reiche" des ungestörten Gottesfriedens. Wer die mystisch kabbalistischen Wege zu diesem Ziele zu dunkel und unsicher fand, klammerte sich gern an Manasse ben Jisrael, der in seinen Schriften die Bibel vor der Philosophie in Schutz nahm und in einfacher verständlicher Weise die neue Zeit und ihre sittlichen Ziele verkündete, und dann auch tatkräftig ans Werk ging, um diese Zeit ins Geleise zu heben. Das erste Werk Manasses „Mikwoh Jisrael. , das mit seinen Ehrenzeugnissen für das Judentum aus dem Munde der Märtyrer der Inquisition das Ohr Cromwells fand, fand jetzt auch den Weg zu den Herzen aller, die in Amsterdam nach Hamburg noch die Leiden der Inquisition im Blute und die Ueberlieferungen von den Vätern frisch im Gedächtnis hatten. Diese Marterleiden waren die Wehen für die Wiedergeburt des Gottesvolkes, das sich bald in all seinen versprengten Stämmen sammele . . . (Fortsetzung folgt.) Versöhnung. (Eine chassidische Erzählung.) Im Dorfe Michalovka wohnten einige jüdische Familien, die das Jahr hindurch außer an hohen Feiertagen, wenn es hoch kam auch noch am Sukkothfeste, keinen gemeinsamen Gottesdienst hatten, da ihnen die nötige Minjanzahl fehlte. Wenige Tage vor dem Rosch Haschonoseste pflegte ihrer einer ins nahe Städtchen zu fahren, um sich Vorbeter und Baal Tokea zu besorgen. Als auch dieses Jahr kurz vor dem Feste ein Dorfmann zu diesem Zwecke auf der Landstraße zur Stadt war, erblickte er einen armen, abgerissenen Wanderer, der so abgehärmt und abgemagert aussah, daß er das Mitleid des Landmannes erweckte. Dieser hielt den Wagen an und fragte: „Wohin ein Jude?" „Ich suche eine Dorfgemeinde, um dort Festvorbeter zu sein," antwortete der Wanderer. Der Dorfmann lächelte: „Wie hoch soll der Lohn sein?" „Ich pflegte nicht um Lohn zu beten/ „Seid ihr auch guter Sänger? Die Juden unseres Dorfes sind große Freunde desGesanges." „Es kommt nicht auf den Gesang an, vielmehr aus die Inbrunst." Der Dorfmann forschte weiter halb ernst und halb spöttisch: „Können wir auf Euch vertrauen, daß Euer Gebet Erhörung findet?" „Ich will meine Kraft erproben," seufzte der Wanderer. „So fahret mit mir nach Michalovka." „Gut so," stimmte der Arme ein und setzte sich in den Wagen. Im Dorfe empfing man den fremden Vorbeter mit einigem Mißtrauen. Sein Aeußeres und sein Auftreten waren nicht gerade imponierend. Er aß kaum etwas und feine Lippen bewegten sich dauernd im Gebete. Am Rüstetage zum Feste ging er in den Wald und badete kalt in dem Teich, ungeachtet des kalten Regens, der vom Himmel strömte. Man war beunruhigt und nicht sicher, ob man es mit einem Menschen klaren Sinnes zu tun hatte. Wie erstaunt war aber nun die Dorfgemeinde, als dieser sonderbare Fremde abends vor den Vorbeterpult trat und unter Strömen von ränen, wenn auch ohne eigentlichen Gesang, mit seinen Gebeten alle Herzen öffnete und aller, mit sich hinriß. Und am Morgen war die Andachtsstiminung noch gewachsen. Nie hatte das Dorf einen solchen Vorbeter gehabt und nie hatten sie es so sehr empfunden, wie ihre Gebete die Himmelspforten stürmten. Viele rissen sich um die Ehre, den Vorderer beherbergen zu dürfen, aber er kehrte in das Haus einer armen Familie ein. 2. Am ersten Festtage hörte er, da er nach dem Mittagessen im Nebenraume seine Psalmgebete sang, wie ein Streit zwischen Mann und Weib ausbrach. Die Frau machte dem Mann Vorwürfe wegen einer Erbschaft, bei der der reiche Bruder ihres Mannes ihn, den Armen, benachteiligt und betrogen hatte. Sie hielt ihrem Manne vor, daß er nicht die Gerichte gegen seinen gewissenlosen Bruder in Anspruch genommen hatte und sparte nicht mit Flüchen und Verwünschungen für den herzlosen Schwager. Da trat der fremde Vorbeter ins Gemach und bat die Frau, den heuigen Tag nicht mit harten Reden zu entweihen. Sie aber weinte bitterlich und erzählte dem Fremden den Sachverhalt. Ihr Schwager, ihres Mannes Bruder, habe sie vollkommen ausgeplündert und der Not ausgesetzt. Haus und Laden aus der väterlichen Erbschaft nahm er an sich, seinen armen Bruder mit den fünf halbnackten Kindern uverließ er einfach ihrem Schicksal. Nicht einmal ein kleines Darlehen hat er ihnen bewilligt, als sie sich vor ihm demütigte und an seine Türe klopfte. „Beruhigt Euch, liebe Frau, Gott wird Eure Gebete schon erhören", tröstete der Fremde. 3. Am Nachmittage war die ganze Dorfgemeinde in der kleinen Synagoge versammelt, und ein Dorfmann sang, so gut er konnte, die Psalmsätze vor, in die die Gemeinde einstiimmte. Der Fremde lief hin und her und betete für sich und benahm sich dabei so sonderbar, daß er aller Aufmerksamkeit erweckte. Auch der reiche Mann, gegen den sich die Anklagen der armen Familien richteten, war dabei und ließ den sonderbaren Fremden nicht aus dem Auge. Mit Vorbedacht und Vorliebe hielt sich der Fremde in der Nähe des Mitleidlosen, und er betete wie im Selbstgespräche, indem er mit den Händen ausfuhr, sich auf die Brust schlug und sich nach allen Seiten umsah, wie einer, der sich aus einem Taumel wecken muß. „Was tatest Du, Susje," sprach er zu sich selbst, aber so, daß der Reiche es gut hören konnte, „was hast Du nur getan? Einen einzigen Bruder hattest Du, arm und verlassen, und brachtest ihn um Haus und Hof ..." Der Reiche wurde sehr aufmerksam, legte sein Gebetbuch aus der Hand und lauschte. Der Fremde führte das Selbstgespräch fort: „Glaubst Du etwa Susje, daß es kein Auge sieht und kein Auge hört? Fürchtest Du nicht den Tag des Gerichtes? Erbarme Dich Deines Bruders . . .!" Der reiche Dorfmann wurde kreidebleich und spürte wie ein Stechen in der Brust. „So beeile Dich denn, Susje, das Unrecht wieder gutzumachen und föhne Dich mit Deinem Bruder aus, heute noch, am Tage des Gerichtes, bevor die Bücher des Lebens und des Todes abgeschlossen sind ..." Und mit diesen Worten lies der Fremde hinaus, als hätte er eiligst etwas gutzumachen und keine Minute verpaffen dürfte. Eine Stunde später stand die Gemeinde am Teiche und sprach die Taschlich-Gebete. Vom Westhimmel strahlte die Sonne rot und glühend, als wollte sie sagen: Gut so, Juden, Eure Gebete sind erhört, Eure Sünden vergeben . . . Und der Fremde stano am Wasser, wiederum in der Nähe des reichen Dorfmannes und redete auf sich selbst ein: „Also, Susje, hast Du Deine letzte Sünde in den Fluß geworfen, so darf es nichts mehr geben zwischen Dir und Deinem Bruder ..." Da geschah etwas, was das ganze Dorf aufblicken ließ, ja erschauern machte. Die zwei Brüder, die seit Jahren in Feindschaft lebten, hielten sich fest umarmt. Der Reiche, von dem alle meinten, er habe kein Herz aus Fleisch, war auf den armen Bruder zugegangen, reichte ihm die Hand und sprach unter Tränen: „Verzeihe, teurer Bruder, wir werden von heute ab zusammen leben und uns das Brot brüderlich teilen." Und um sie bewegte sich der sonderbare Fremde und sang Psalmsätze. „Besser auf Gott vertraut als auf die Edlen Erst viel später erfuhr man, daß der sonderbare Fremde kein anderer war als der große RabbiSusjeausOnipol,der eigens ins Dorf gekommen war, um diesen Bruderfrieden zu stiften. Familiennachrichten. Barmizw oh -Feier. Simon, Sohn des Herrn in gi" Gabriel Efchwege 's nnw* Fulda, am 11. Oktober. Wochenkalender. 4. - 11. Okt. 1824 , 6. - 13. Tischrt 8685. Samstag" Okt. 4 6 nm aaw adv Sonntag sj 7 Montag « 8 Dienstag 7 9 nsipn msa bv Mittwoch d 10 USD M' Donnerstag 9 11 Freitag 10 12 Samstag ii prwn 13 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Sch achnowitz;Inseratei. V.: S. Schachnowitz, sämtlich tn Frankfurt a. M.; Pädagogische Beilage: Lehrer I. Spiro in Fulda. — Verlag „Israelit", G. m. b. Frankfurt a. M. Druck: Hermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.