Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1924)
- Date
- 1924-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. r- 1924 Verhülltes Jahr. Von Karl Darmstädker in Ladenburg. Du Jahr kommst unsichtbar, wie Gott, gegangen, Du weckst in mir ein unruhiges Verlangen, Dich zu durchdringen und dich einzufangen In Bildern, wie wir sie von Ihm gebrauchen. Wenn wir gar kindlich in sein Wesen tauchen, Wenn wir. — o sündhaft Spiel — im Spiegel von Gestalten Es wagen würden, Gott selbst festzühalten. Du bist die Nacht, die jede Schau beendet. Du bist das grelle Licht, das mich jäh blendet, Dü bist der Berg, zu dem die Kühnen steigen, Du bist das Tal, vor dem sich Greise neigen. Du bist das Meer der unbekannten Klippen, , Du bist so stumm, wie jene stummen Lippen Fremder Gesichter, die mir oft begegnen Im dichtesten Gewühl und im entlegenen Gebirg. wo Wanderer, Vogelruf und Wind Zu jeder Stunde die Begleiter sind. , Dich messen, hieße sagen: Ach, ein Flug, Der einer Schwalbe flüchtigen Schatten trug... So warst du gestern, heute bist du groß, Verschleiert Bild, unendlich, grenzenlos ... Sehr nahe bist du! Schon ertönt der Ruf Des Horns, das Gott einst dem Ahnen schuf ... Wohlan! ich schreite hin zu meinem Dienst, Wenn du dein dunkles Rätselwerk beginnst. Und wenn Dein Herold an der Pforte steht, Umhüllt mich Schauern, Stille und Gebet. mm kZ* Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) Der Zug schloß sich. Iachini stand erschrocken und wollte warnen, wußte aber nicht, wie; er verlor die Zügel. Seine Klugheit verließ ihn diesmal. Indes er noch überlegte, zog die Menge hinter Sarah her schon zum Ghettotore hinaus. Die Männer hielten brennende Kerzen in der Hand und sangen Psalmen. An der Seite Sarahs schwangen Jünglinge Fackeln, und das rote Licht umgab das in Erregung glühende Gesicht Sarahs unter der Haar- und Bänderkrone wie Heiligenschein. Noch nie hatte jemand Sarah so strahlend schön gesehen wie in diesem Augenblicke. Sie zogen durch die engen Gassen, die dunkel in nächtlicher Ruhe lagen.. Am Montonero ängelangt, verlangsamten sich die Schritte. Vom Markte hinter dem Busche kam das volle Brausen des Festgewühls. Die Mutigen wurden zagbafter, die Zaghaften stockten, traten zurück und hielten sich abseits. Sarah sah nicht um sich. In fiebernder Erregung schritt sie, groß und hochaufgerichtet, durch das Gebüsch, daß die Zweige unter ihren Füßen knackten. Die nächsten hinter ihr und die Jünglinge mit den Fackeln wurden, willenlos, einfach mitgerissen. Mitten im Jubel und Trubel des abendlichen Festplatzes stand Sarah, umgeben von ihren Fackelträgern. Schon wurde sie bemerkt, man deutete mit Fingern, es schossen neugierige, verwunderte und feindselige Blicke nach ihr hin. Es Hub ein Raunen und Tuscheln an, und immer größer wuchs die Zahl. „Juden", rief man. „Sie wagen es . . .!" Eine Weile schien es, als würde sich die verblüffte Meute in entfesselter Wut auf die Jüdin und ihre Begleiter stürzen, um sie in Stücke zu zerreißen. Sarah stand hocherhöbenen Hauptes, amazonenhaft, mit funkelnden Augen die Feinde musternd. Wie eine Tierbändigerin mitten unter ihren Bestien. Die Leute standen in einiger Entfernung, abwartend, sprungbereit. „Die Patronin", flüsterte jemand und stockte. Da geschah ganz plötzlich etwas, das allen das Blut in den Adern stocken lieA Die Karusselle hielten still, der Tanz brach jäh ab, alle Instrumente verstummten mitten in der Melodie, Flöten und Lauten der Serenaden schwiegen, die Ruder hielten inne. Alles drängte sich nach der Richtung, wo Sarah stand. Und nun teilte sich das Volk wie zur feierlichen Prozession in zwei lange Reihen. Von irgendwo ertönte der scharfe Klang eines Glöckleins. Und wie auf Kommando fielen die Menschen zu beiden Seiten auf die Kniee, leise Gebete murmelnd. Vom Turm der Wallfahrtskirche her läuteten die Glocken. Durch das endlose Spalier der Knienden und Betenden schritt stolz und groß Sarah, ein wenig gehemmt durch die Vielen, die auf dem Boden kauernd bei ihrem Vorübergehen nach dem Saume ihres Rockes haschten, um ihn zu küssen. „Die keusche Susanna, die heilige Madonna, unsere Patronin!" ging es durch die Masse der Aufstehenden, geheimnisvoll, beglückt und von heiligen Schauern durchzittert. „Sie schritt leibhaft durch unsere Reihen, die Heilige . . .!" „Seht doch das Bild an, es war sie, sie selbst . . .!" Indes die Vordersten noch mit zur Erde gesenktem Haupte knieten und Gebete sprachen, schritt Sarah zum anderen Buschausgang hinaus, wo sie die dichte Dunkelheit der Nacht aufnahm. Die heilige Erscheinung war wieder verschwunden, nachdem sie die Gläubigen beglückt und beschenkt hatte ... Jenseits des Gebüsches bewegte sich im Schatten der Nacht eine verhüllte Gestalt, die rasch auf Sarah zueilte. „Sarah, Messiasbraut, Dein Messias naht.." Sarah, die nicht wußte, was um sie geschehen war, wurde durch die Stimme, die ihr bekannt schien, aus allen Höhen gerissen. Sie wandte sich fröstelnd ab. Ihre jungen Begleiter warfen die erloschenen Fackeln weg, nahmen Sarah am Arm und führten sie, trugen sie fast über Gestein und Geröll rund um die Stadtmauer herum wieder in die Judengasse, in den Garten Massolis. Dort empfing sie unbeschreiblicher Jubel. Das Wunder, nach dem die Gläubigen schrien, an das die Abseitigen nicht glaubten, war eingetroffen. Das Zeichen vom Himmel war gegeben. Man konnte sich ins Lager der Feinde wagen, ohne von ihnen zerrissen zu werden. Der Messiaskönigin wurde wie einer Heiligen gehuldigt.. Minkower und viele der Zaghaften und Furchtsamen von früher fielen ihr abbittend zu Füßen und küßten den Saum ihres Gewandes, wie es vorhin auf dem Markte unter dem Geläute der Glocken die anderen getan. Iachini stand wie ein sieggekrönter Feldherr da, ohne vorerst den Zusammenhang der Dinge zu erfassen, und Sarah war wieder ganz wach und ganz Königin. Eine Welle von Freude und Begeisterung erhob sich in der Judengasse von Livorno, die Jeden bis zum letzten erfaßte und noch in der gleichen Nacht weiter durch und über Italien hinaus flutete. 19. Sarahs Schatten. Ais mit dem Morgengrauen der Wagen bereits angespannt war und, zur Abfahrt nach dem Hafen bereit, vor dem Gartentor Massolis wartete, näherte sich die dunkel verhüllte Gestalt, die Sarah nach Verlassen des Marktes erschreckt hatte, langsam wie ein letzter Schatten der Nacht dem Hoftore. Von den Leuten im Toreingang angehalten, erklärte der Mann, er heiße N e - hemja ha Kohen, komme aus Holland und müsse dringend Sarah, die Messiasbraut, sprechen, noch vor ihrer Abfahrt. Mit einem innern Unbehagen, dessen Grund sie selbst nicht kannte, empfing Sarah, schon reisebereit, den fremden Mann, dessen Gesicht so tief in der Mantelkapuze steckte, daß sie es im Morgendämmer nicht erkannte. Als er aber zu sprechen begann, rief sie erschrocken: „Kassato, Du hier?!" „So hieß ich einst, nun bin ich N e h e m j a h a K o h e n." „Was machst Du hier unter fremdem Namen?" „Es ist mein eigentlicher, richtiger Name, denn jetzt bin ich endlich i ch. Und nun bin ich da, und werde immer da sein, wo Du bist. Werde aus der Nacht und aus den Schatten herhervortauchen, wo Du am wenigsten meiner denkst . .. ." „Was machst Du hier und was willst Du von mir?" „Ich will Dich. Ich suche die Messiasbraut." „Messiasbraut. Du sprichst es ja selber aus. Was bewegt und berechtigt Dich, nach ihr, die für Höheres bestimmt ist, die Hand auszustrecken?" „Mein Herz, meine Seele und die Tatsache, daß Du in Holland das Feuer in mir entzündet und auch alle Zeit geschürt hast. Hast das alles vergessen, Sarah, im Taumel der Huldigungen, die Dich hier umrauschen?" Sarah senkte ein wenig das stolze Haupt. Das Erlebnis der stacht war der zweite starke Eindruck ihres Lebens. Der erste war die Flucht aus-dem Kloster auf den jüdischen Friedhof vor zehn Jahren gewesen. Was dazwischen lag, war Spielerei, eitel Tändelei, ein Taumeln von Rausch zu Rausch zwischen Anbetung und Verehrung, die, wie sie wußte, ihrer Schönheit, ihrer Mystik, ihrer Laune auch, galten. Die Huldigung der vergangenen Nacht aber war von anderer Art. Hier hatte sich in Wahrheit ein Wunder vollführt, und sie fing an, ernstlich an sich, an ihr eigenes Phänomen zu glauben . . . Sie war gewachsen in den wenigen Stunden, über ihre Vergangenheit, über ihr eigenes Leben hinaus. Was wollte der Mann, der da plötzlich kam, um sie in die Vergangenheit zurückzurufen, um sie an Tränen und Perlen, echte und falsche, zu erinnern? Sie war mißmutig und antwortete stolz und sehr gereiz: „Wenn Du die Perlenkette meinst, dann kannst Du sie wieder haben. Mein Sinn steht nicht mehr nach Gold und Schmuck, seitdem mir das Volk, ja die Völker, die höchste Krone zu Füßen legen ..." Kassato überlegte eine Weile, wie einer, dem es davor graut, einen zerbrechlichen Gegenstand auf eine harte Platte abzusetzen. Dann sprach er langsam und vorsichtig: „Du sprichst vom Vorgang auf dem Markte zu Montonero?!" „Ja, und ich denke, Du hast das Wunder mit angesehen, denn Du standest vor dem Eingang." „Ich habe das Wunder mit angesehen." „Und Du wagst es danach, mit mir so zu sprechen und mich von meiner hohen Aufgabe abzulenken." „Ich darf es wagen, denn — ich habe das Wunder, zum guten Teil wenigstens, gemacht und . . ." „Du? . . „Ja, ich habe das Bild von Holland hergebracht, da ich grade nach Italien fuhr." „Das Bild . . .?" Kassato sah düs Mädchen prüfend an, als wollte er feststellen, ob die Frage gespielte Naivität war. j „Ja, das Bild, Sarah. Es ist das Bild, das Membrandt gemalt hat und den Titel