Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1924)
- Date
- 1924-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der 3 sta e l it .18. September 1924 torischen Maßnahmen gegen die Religion, ihre Lehrer und Vertreter sind zur Genüge bekannt. Nicht minder bekannt ist es, daß die jüdischen Religionsfeiyde ihre Macht aus Amerika bezogen und die Gelder des „Zoint", dazu bestiimmt, das Massenelend in Rußland zu lindern und der Hungersnot zu steuern, in Wahrheit dazu dienten, diese Religionsverfolgungen zu finanzieren. Indem der Joint - im besten Glaubendie Jüdische Sektion in Moskau zur Verwalterin der Unterstützungsgelder gemacht hatte, wurde dieser eine Macht-in die Hand gespielt, die sie weidlich mißbrauchte,: um ihre unumschränkte Gewaltherrschaft zu proklamieren.Die Enthüllungen und Warnungen der jüidschen Presse — wir verweisen auf eine ganze Reihe von Artikeln im „Israelit" — kamen entweder zu spät oder waren nicht imstande, den guten Glauben des „Joint" zu zerstören. Den besten Beweis lieferte den Anklagen die Tatsache, daß mit der Liquidierung des Jointhilfswerkes die ganze Maschinerie der Jüdischen Sektion ins Stocken kam und sie bald ganz von der Bildfläche verschwand. Wie man nun hört, gibt die Jüdische Sektion wWer Lebenszeichen von sich, und zwar im Zusammenhänge mit dem Krimprojekte, von demsie die Hand nicht lassen möchte. Wenn dem so ist, da sollte sich , der „Joint" reiflich überlegen, bevor er die Riesensummen aus der Hand gibt, wenn nicht anders die gedachte Hilfe zu einer neuen Marter für die russische JUdenheit werden soll. -Auch die von der Söwjetregierüng vorgeschlagenen' Lokalk o m i t e e s bieten keine Gewähr für die zweckmäßige Verwendung der Gelder. Die Erfahrung hat gelehrtdaß diese Ortskomitees-nichts anders als kömmunistische' Lökalkörperschaften sind, die der Moskauer Zentrale in die Hand arbeiten. Erwirkt auch wenig ermutigend, daß die Moskauer radikal-bolschewistische Zeitung „Emmes" ein übermäßiges Interesse an der Sache zeigt und neben anderen Vorschlägen die Errichtung einer M o lo nisa tipn;sban k in Moskau anregt. - Man muß dieOpferfreüde und den guten Willen der Amerikaner hoch anerkennen, damit aber den Wunsch verbinden, daß sie vorsichtiger zu Werke gehen als sie es bisher taten. D i rekte Verhandlungen mit der Zentralregierung in Moskau mit Hilfe eigener Vertrauensmänner, die die Bedingungen und Verhältnisse an Ort und Stelle prüfen und die Gelber im steten Einvernehmen mit den amerikanischen Hilfszentralen verwalten, würden der juoischen Welt wie den russischen Juden selbst weit mehr Veretrauen einflößen und darum auch weit eher zum Ziele führen. Erstlinge. Ein Volk, das wie kein zweites in der Weltgeschichte so vieles der Welt, der Menschheit, den Völkern, der Geschichte zu verzeihen hätte, tritt vor Tagesanbruch vor seinen Gott und bittet um Verzeihung, weckt den Tag mit seinen inbrünstigen Gebeten um Gnade und Vergebung! Es kann nicht bloß kalendarischer Zufall sein, daß Der Sabbat, der uns zu den Selichoth hinüberleitet, uns in seinem Thoraabschnitte von den Erstlingen erzählt, vom Ersten und Besten und Frühgereiften in Feld und Weinberg, das der jüdische Landmann in hingebender Opferfreude an heiliger Stätte vor Gott niederlegt. Erstlinge sind es, die das jüdische Pflichtgesetz das ganze Jahr hindurch, auch im Golusleben, von uns verlangt: ob wir ein glückliches Volk, Jedermann bei seinem Weinstocke und Feigenbaum, uns-der sicheren Heimstätte erfreuen/jrpan *|rnwn.' ob wir auf dem Leidenswege durch die Völkerwüste von Stürmen und Wellen des Hasses, ohne Ziel und Richtung getrieben werden, •pTi' ob wir vom Goluthleide überwältigt tief zu Boden liegen, -"prwav oder ob wir von einem milden Hauch und goldenen Sonnenstrahlen in fremder Umgebung in die Höhe gehoben werden , i&iwi; immer fei es das Erstgegereifte, das auf den Gottesaltar gelegt wird. Der erste Gedanke beim Erwachen ist der Dank gegen Gott, der „lebt und ewig besteht", das erste Wort ist ein Gebet, unseres Brotteiges erstes Stück ist als Chalohspende Gott geweiht. Den Genuß vyn Speise und. Trank erkaufen wir uns erst durch den Lobspruch. Die ersten Stunden und Tage des neuen Jähres gehören Ihm Und dem Leben der S e e t e, die, vom Gotteslicht ein Teil, unseren Lebensweg beleuchtet. Erstlinge, Frühgereiftes auf dem Felde unseres Denkens und Leistens bringen wir erst recht Gott dar in den Tagen, da es gilt, in Sammlung und Einkehr die religiöse und moralische Jahresbilanz zu machen. Denken wir im Dämmer des grauenden Morgens, da wir bekennen: -jtea*prr 7^ naw,v „Die Seele ist bei Dir und der Leib ist dein Werk", darüber nach, ob und wie wir das ganze Jahr hindurch Mit dem Ersten und Besten unseres Seins und Habens Ihm den Tribut gezollt haben, der Herr und Eigner unseres Lebens ist! Wie mit dem Erstlingen der Thora ein „Widui", ein Bekenntnis verbunden ist, so klingen auch unsere Slichoth-Gebete allmorgendlich in ein Bekenntnis aus. Es ist ein Sündenbekenntnis irr» 1MV«, während das Bekenntnis der „Bikurim"-Bringer ein frohes Bekenntnis zum Judentum ist, zum Volk, seiner Geschichte, zur Ge- Nr. 38 Seite 3 meinschaft und ihren Heiligtümern, zu Gott als Eigener des Alls und Lenker der Welt im Großen und im Kleinen. Das ist vielleicht, was die Goluserstlinge von den Erstlingen der Glanzzeit unserer Nation auszeichnet. Lob und Dank wandelten sich in Klage und Anklage, in Flehen um Liebe und Erbarmen; aus stolzem, frohem Bekenntnis zur Gemeinschaft wird düsteres Sünde n b e k e n n t n i s. Aber unverkennbar und unüberhörbar ist der heitere Ton, der auch bei diesem Oschamnu-Bekenntnis mitschwingt und mitklingt. Wir stehen vor Ihm, der „auf dem Throne des Erbarmens sitzt" und bringen Ihm unser Erstes. Es kommt nicht aus Feld und Weinberg, aber aus dem Weinberg, den sich, nach den Worten des Propheten Jesajas, der Herr gepflanzt, aus der Tiefe der bei allem Stürmen und Drängen aufrecht gebliebenen j^,.jchen Volksseele. Es ist unser Bestes! Was haben die. „Bikurim" des Thoraabschnittes mit dem Bekenntnis zu tllst? Welche Jdeen-Affoziation mag den jüdischen Bauer vom Anbilck seines Fruchtkorbes auf die jüdische Leidensgeschichte hinüberleiten? Die Frage wird von den Kömentaren gestellt und beantwortet: Ist das Land gut und ergiebig, von Milch und Honig übertriefend/ so kommen Esaus und Jsmaels Söbne, unt ebenfalls Anspruch auf den Segen zu erheben und auf das Land, das diesen gespendet, unter Berufung auf die Verheißung, die.Abraham für seine Kinder geworden ist. Auch sie, Esau und Jsmael, feien Abrahams Nachkommen. Diesem scheinbar berechtigten Anspruch werden aber die Worte Gottes an Abraham „bei der Erscheinung zwischen den Stücken" entgegengehalten, die da lauten: am» '■dt *pjnr '\t -k '2 snr> ,-Wissen, sollst du, daß Fremde sein werden deine - Söhne in einem Lande, das nicht ihnen ist und sie werden geknechtet und gepeinigt." Das war gleichsam die Bedingung, der Kaufpreis. Die heilige Heimat konnte nur durch Leiden erkauft werden, piiv' '"V Hatten Esaus und Jsmaels Söhne diesen Kaufpreis geleistet? Ein Vater hatte ein verfallenes Häuschen seinen Kindern hinterlassen. Von den Söhnen ist aber nur e i n e r aus Liebe und Pietät dageblieben, um das Häuschen zu pflegen, aufzurichten und auszubauen, mit viel Mühen und Tränen, unter unsäglichen Bitternissen und Enttäuschungen, indes die Brüder, unbekümmert um des Vaters Andenken und Erbe, in die Welt hinaus sind, um zu raschem Erfolge zu gelangen. Haben diese pflichtvergessenen Söhne später, wenn aus der Ruine, dank der Arbeit und der Opfer des einen treugebliebenen Sohnes, ein iettt hängt ein Rock, der einmal anderswo bessere Zeiten gesehen haben mag. Seine Augen hinter den' schlechtgeputzten Brillengläsern sehen aus wie die eines Menschen, der, entweder die ganze Nacht bei schlechtem Lichte gelesen hat oder sich mit einer Lebensweisheit» die nur sein Geheimnis ist, herumträgt. Seine Bücher- und Zeitungsauslage nimmt die ganze Mittelwand ein zwischen den Wartesälen I.-II. und m.-IV. Klasse. Zu finden ist dattn so ziemlich alles, was - im Garten der deutschen Literatur täglich oder wöchentlich blüht. „Frankfurter", „Allgemeine^, „Vorwärts-, „Berliner Tageblatt-, „Deutsche Tageszeitung-. Zwischendurch schreien grelle Farben: „Nimm mich mit", und das Titelblatt des „Simplizisfimusbemüht sich vergebens, die paar gelangweilten, .unausgeschlafenen Gesichter zum. Lachen zu bringen. Unser Johannes Büchner hat Zeit zum Frühstücken. Er sitzt auf einem Stuhl ohne Lehne, mit dessen Sitz aber, nach der KörperstelluNg unseres Büchners zu schließen, es auch nicht ganz in Ordnung sein mag. Vor ihm auf dem Tisch, auf einem großen Siinnesblatt. das als Tischdecke dient, seine gefüllte Kaffetasse ohne Unterteller. Er schlürft laut und knabbert dabei an einem Stück Weißbrot, das er sich von Ditz zu Biß aus feiner Rocktasche holt. Neben ihm steht Kaspar Süßerl (er heißt vielleicht anders, aber die „Fliegenden" würden ihn sicherlich nicht anders nennen). Es ist ein kleiner untersetzter Mann, mit breiten knochigen Schultern. Hat einen hängenden, für seine kurze Figur zu langen, verschlissenen Rock aus Baumwollstoff an zu einer ebenfalls zu langen Hose, die einmal in lhrer ersten Existenz hellgestreift gewesen sein mag. Er ist sonst „tipp topp". Hat einen frischen Papier- Kragen an mit einer breiten Krawatte, die auch durchgehende Tucheweste sein kann. Das Gesicht ist glattrasiert und verschönt durch einen schwarzen gut abgezirkelten breiten Schnurrbartstreifen über dem vorstehenden Munde. Auf dem Kopse sitzt eine flache Kappe mit knallrotem Seitenteile und über dem Schirm prangt es messtnghell: „Dienstmann-. Kaspar Süßer! ist der Mann von Welt und Leben im Gegensätze zu seinem Gegenüber, dem Philosophen, dem Büchermenschen, der abwesend kaut, mit den halbgeschlossenen Augen nach seinen Büchern und Zeitungen. Kaspar Süßer! hat jedenfalls das Frühstück schon längst hinter sich. Er hält die linke Hand selbstbewußt in die, Hosentasche eingegraben^wodurch das linke Hosenbein auf der abschüssigen Bahn des gewölbten Knie noch weiter nach unten drängt, mit der rechten Hand schiebt er den Stumps einer Zigarette in den rechten Mundwinkel. Und nun unterhalten, sich Weltmann und Philosoph in anregenster Weise, unterhalten sich über „sie". „Sie, sie haben alles gemacht, sie sind an allem schuld". „Sie haben den Bogen zu stramm gespannt, bis es los ging-. „Sie haben den Krieg gemacht". „Wenn sie daheim es anders gettieben hätten, wir hätten noch durchgebalten". „Sie haben die Valuta gemacht". „Wenn sie in Versailles nicht unterschrieben hätten, es wäre dann alles nicht gekommen-. „Und haben sie es in Spa anders gemacht"? „S i e haben auch die Inflation verschuldet". „S ie zahlten hier alles mit dem Dreckpopier und dort im Auslande legten sie sich sichere Kontos an". „Sie haben auch den Erzberger und den Rathenau ermordet". »Jetzt haben sie auch in London alles dem Herriot (sie sprechen den Namen aus, wie der Berliner den Gottesnamen ausspricht) zu Willen getan". »Ja. sie, sie-. Ich wäge mich leise heran. „Erlauben Sie, mein Herr-. Der Dienstmann sieht mich groß und prüfend an. Und da er konstatiert, daß ich gepäcklos bin und auch sonst nicht gerade danach aussehe, bewahrt er Haltung und behält die Hände in den Hosentaschen. „Was wolle Sie"? „Erlauben Sie, mein Herr. Wer sind denn sie, die das alles getan haben und aus die Sie so losziehen"? Kaspar Süßerl unterzieht mich einer zweiten Prüfung und vretzt dann zwischen den Zähnen, die den Zigarettenstumpf nicht los lassen: „Aber Sie, tun Sie doch man nicht so. Sie wiffe schon ganz gut, wer sie sind". „Ich weiß es wirklich nicht. Meinen Sie die Deutsch-Völkischen oder die Schwerindustrie"? „Natürlich, auch die. Aber ich moane doch in erster Reihe s i e-. „Sie meinen wohl die Franzosen?“ Er wirst einen vorsichtigen Blick nach dem Mann in der schwarzblauen Joppe und schüttelt bejahend den Kopf. „Auch sie", soll es heißen, oberer meint doch vor allem sie ... . „Na da meinen Sie sicher die Kommunisten, die die Revolution gemacht haben"? „Ja die. Das sinn mir schon gerade die rechte. Aber sie sind noch schlimmer". „Na wer sind denn um Himmelswillen die „sie"? Da platzt der Philosoph am Büchertische aus vollem Munde heraus, denn die Sache wird ihm doch zu bunt und stört seine philosophische Ruhe.