Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1924)
- Date
- 1924-09-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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11. September 1921 Der Israelit Nr. 37 Seite 3 diesem Falle wörtlich zu nehmen) „Jude heraus!", treffen. ' Ein grelles Licht auf dieses Verhältnis wirft auch der Hagener Prozeß. Halbwüchsige Burschen demolierten einen jüdischen Friedhof and begingen Leichenschändung von einer Art, lvie sie auch in der Pogromzeit in der Ukraine kaum gehört wurden. Das Gericht verhängte über die Haupttäter schwere Zuchthausstrafen. Was aber auffällt — und eigentlich nicht mehr auffällt — ist, daß sich die Rohlinge, nach den Zeiungsberichten, sämtlich als Angehörige der Kommunistischen Partei bezeichnen. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Leitung der Kommunistischen Partei Leichenschändungen predigt oder billigt. Feststehende Tatsache bleibt aber, daß der Geist, der bei den Kommunisten bezüglich der Judenfrage herrscht, der verrohten Horde gestattet zu glauben, daß man sich kommunistisch fühlen könne, auch wenn man mit Spaten und Hacke in jüdische Friedhöfe eindringt und die Denksteine, soweit man sie nicht Umwerfen konnte, mit Hakenkreuzen bemalt. Es ist gut und heilsam, von Zeit zu Zeit an diese treue Gemeinschaft der Radikalen von beiden entgegengesetzten Seiten erinnert zu werden. Der Welthilfsverband. Herr Universitäts-Professor Dr. Max Eisler, Delegierter der Agudas Jisroel auf der Welthilfskonferenz in Karlsbad, stellt das Konzept seiner für die Konferenz angesertigten, aber aus programmtechnischen . Gründen , ausgefallenen großen Rede der Wiener „Jüdischen Presse" zur Verfügung, der wir hiermit, bevor wir eigene Stellung zu den Beschlüssen der Konferenz nehmen, einiges entnehmen: Der vorliegende Bericht der ersten Exekutive eilt den Ereignissen ein wenig voraus. Denn er beginnt mit den Worten: „Dem Exekutivkomitee ist es gelungen, die jüdischen Hilfsorganisationen fast aller Länder um die jüdische Welthilfskonferenz (gemeint ist ihre erste Periode 1920 bis 1923) zu vereinigen." Und er setzt diese enthusiastische, das Ganze vorwegnehmende Sprache auch dort fort, wo von den durch feine Initiative neubegründeten Organisationen und von seiner Mittlerrolle, bei diversen Geldverteilungen die Rede ist — allerdings hier mit den unauffälligen Einschränkungen „in gewissen Schranken" und „ganz oder teilweise". Es wäre also alles schon in bester Ordnung und wir wären schon am Ziele, wenn nicht überall eben diese fatalen Wörtchen nachhinken würden. Unsere Arbeit muß darauf gerichtet sein, sie aus der Welt zu schaffen. Denn solange wir bestehen, sind wir, was das Bild dieserVersammlung zeigt: ein Rumpfparlament. Es wäre eine gefährliche Selbsttäuschung, das nich offen einzugestehen. Es fehlen hier noch verschiedene Orgnisaitonen und Persönlichkeiten von Bedeutung, und auch die Massen, aus die sich unsere Hilfe richtet, sind noch nicht gleichmäßig vertreten. Die Ursachen, die zu dieser offenkundigen Unvollständigkeit geführt haben, sollen nicht untersucht werden. Vieleicht wäre es der Zentrale, welche die Einladungen besorgt hat, auch beim besten Willen nicht möglich gewesen, eine einwandfreie Auswahl zu treffen. Jedenfalls wäre sie vorher leichter gewesen als jetzt, wo ex praesidio tunlichst schnell und in diplomatischer Weise begreifliche Bitterkeiten aus dem Wege geräumt werden müssen, um aus den ungeladenen Gästen werkwillige Freunde unserer Sache zu machen. Vorderhand aber läßt sich das Spiel der beteiligten Kräfte, mit denen wir für die Zukunft rechnen, noch nicht ganz überblicken. Die kommende Exekutive wird diesen Umstand im Auge behalten müssen. Sie wird deshalb bei der Aufstellung ihres Programmes die weitestgehende Rücksicht nehmen müssen auf die Abwesenden, auf die wichtigsten zum Teile maßgebenden Lücken, und wird das Problem der Organisation mit im Sinne dieser Lücken zu lösen haben, die wir ja mit der Zeit aufzufüllen hoffen. Zu ihrer schwierigen Aufgabe — einer Rechnung mit offenen Posten — gehört noch eins. Darüber ein offenes Wort: Wir sind — oder waren es wenigstens bis zum Beginn der Konferenz — in Wahrheit noch sehr weit von der selbstverständlichen Gemeinsamkeit in humanen Dingen. Selbstverständlich war und ist uns nur der Wunsch nach Zusammenarbeit mit den internationalen Gesellschaften, nicht aber der mit den jüdischen Hilfswerken. Es ist eine traurige Tatsache, daß bisher die unterschiedlichen jüdischen Parteien ihre Hilsswerke mehr oder minder als Faktoren ihrer politischen Aspirationen — also der Macht, nicht der Liebe — betrachtet und behandelt haben, daß sie einander nicht nur konkurrent, sondern geradezu feindselig gegenüberstanden, wobei die schuldlosen Objekte, die Waisen und Emigranten, als Opfer herhalten mußten. Ich kenne genug Beispiele eines unbarmherzigen Bruderkampfes auf dem Felde der Barmherzigkeit. Namentlich in letzter Zeit sind Hilfswerke nicht selten zu Werkzeugen der Parteipolitik erniedrigt worden. Ich will nicht, auch nicht für den künftigen Weltverband, die leere Forderung aufstellen, daß er aus unpolitischen Männern bestehe, wohl aber: daß diese Politiker aller Parteien sich ihrer Sonderinteressen Da ruft der Schofarton in die Welt: Wollt ihr, — so wird das Werk vollbracht! Und Leid zerschellt. Und Nebel fällt . . . — Wann wären wir wohl sonst erwacht! I. Raphael. Das Judenmädchen. Das prächtige Feuilleton des Herrn Dr. Artur Kahn in Eharlottenburg in Nummer 33 Ihrer geschätzten Zeitschrift rief wehmüttge Erinnerungen in mir wach. Auch ich hörte jenes ergreifende Lied: »Das Mädchen von Juda" mit der bekannten, fchwermütigen Melodie von meiner seligen Mutter Helene Freimann Unter ihren Papieren fand ich eine Abschrift des Liedes von der Hand des Herrn M. L. Meyer, der um "1860 viel im Hause meines Großvaters. R. Jakob Ettlinger in Altona, verkehrte. Der Text lautet : Das Judenmädchen. Verstummt ist die Harfe, die Saiten entzwei, Das Wünschen und Sehnen des Herzens vorbei, Bang ~ 1 ~ ~ ’ - Stirbt D Vaterland Wo» * Wann wirst Du mir wieder die Nuhestatt sein? ^Vaterland süß, o.Vaterland mein. Wann wirst Du mir wieder die Ruhestatt sein? Gefüllt mit der blutig erschlagenen Zahl O Vaterland süß, o Vaterland mein. Wann wird der Allgütige ein Schutzgott Dir sein? ,:j: Es klirren die Ketten, ein widrig Getön, Am Arme der Töchter, einst blühend und schön, Die Tage sind länger, voll Grauen die Nacht, Der Jude in Fesseln der Knechtschaft verlacht O Vaterland süß. o Vaterland mein, Wann wird der Allgütige Dein Rachegott sein? :|: Frau R. Freimann-Posen. Wochenkalender. 13. - 20. September 1921 / 14. — 21. EU' 8k Samstag Sept. daxn'o 14 Wk Sonntag 14| 15 Montag ia 16 Dienstag 16] 17 Mittwoch 17] 18 Donnerstag 1« 19 Freitag 19J 20 Samstag 2o|inrpD 21 MiM und Kaltee »Rotel Wo sind sie die Söhne vom alten Geschlecht? gefallen im dunklen, finstern Gefecht. . Stadt, liegt in Trümmern, verwaiset das Tal, BAD HOMBURG LouisenstraBe 16 Ellsabethensfr. 49 (am Markt) Telefon 297 (am Kurgarten) voll und ganz entledigen, bevor sie sich mit Fragen der sozialen Hilfe befassen. Das ist ihre ethische, ihre jüdische Pflicht. Es wäre die schönste, grundlegende Aufgabe des Weltverbandes, den unjüdischen Unfug der politisierenden Humanität, diese widernatürliche Vermischung, die als Ausfluß der politischen Hypertrophie in unseren Tagen leider erschreckend um sich greift, endgültig aus der Welt zu schaffen. Denn mehr als jemals brauchen wir, um leben zu können, eine gründliche Reinigung der Atmosphäre. Die jüdische Journalistik muß uns dabei helfen. Ich spreche nur von dem anständigen Journalismus, also von seiner weitaus überwiegenden und maßgebenden Mehrheit. Auch sie wird, will sie — was in ihrer Macht gelegen ist — unser Werk entscheidend fördern, eine neue Einstellung finden müssen. Schärfer als bisher muß sie die Grenze ziehen zwischen dem parteipolitischen und dem allgemein jüdischen, d. i. dem humanitären Teile und diesen in unzweideutiger Weise für sakrosankt erklären. Doch damit nicht genug. Will sie im Sinne unserer reorganisierten Arbeit wirken, dann muß sie die Angelegenheiten der sozialen Fürsorge auch grundsätzlich anders behandeln als bisher. Denn bisher waren wir gewohnt, derlei Dinge in den Zeitungen an zwei seltsamen Stellen zu begegnen: im Senfationsbericht und im Vergnügungsanzeiger. Vorn im Sensationsbericht, wo unter anderen Aktualitäten auch die katastrophalen Heimsuchungen unserer Brüder in Ost und West verzeichnet standen, und hinten im Vergnügungsanzeiger, wo unter den Tanzunterhaltungen die ähnlichen Veranstaltungen zugunsten entrechteter, vertriebener und vergewaltigter Juden angekündigi waren. Run haben wir uns ja vorgenommen, die soziale Fürsorge aus dem peinlichen Dilemma zwischen Katastrophenhilfe und Tanzvergnügen auf einen ordentlichen, geräuschlosen Weg zu bringen. Wir wollen sie sozusagen als Volkswirtschaft betreiben. Und die jüdische Presse könnte hier keinen besseren Dienst leisten, als durch eine ständige, mit warmer Sachlichkeit geführte Rubrik das Publikum zu dieser ernsten, der sittlichen Würde des Gegenstandes angemessenen Auffassung zu erziehen. Nachdem in den letzten Jahren die soziale Fürsorge das Stadium des Almosens glücklich überwunden, muß sie jetzt — nicht zuletzt durch eine planmäßige Arbeit der Presse — für das allgemeine Bewußtsein auf die höhere Stufe der Volkswohlfahrt gebracht werden. mm Korrespondenzen « Hacftricftten. Kundgebung der jüdischen Oberschlesier. Berlin, 1. September. Eine vom „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" veranstaltete Kundgebung führte tausende Juden, die infolge der politischen Verhältnisse Oberschlesien verlassen haben, zusammen. Es sprachen die Herren Rabbiner Dr. Braunschweiger -Oppett-I Justizrath Dr. Brodnitz, Oberrabbiner D. Kopfstein- Beuthen und Rechtsanwalt Dr. Lustig- Gleiwitz. Alle Redner schilderten die hohen Verdienste der Juden um die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung Schlesiens und forderten auf, unbeirrt von Haß und Kampf, weiter im Sinne des Friedens und der Versöhnung zu wirken. Die Zenlralralssihung der „Ofe“. Berlin, 3. September. Am 2. September fand im Versammlungssaal der Synagoge Fasanenstraße die diesjährige Tagung der