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Der Israelit · 1924-09-11 · Heft 37 (11.9.1924) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 37 (11.9.1924)
Date
1924-09-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 Nr. 37 Der Israelit 11. September 1924 reichen. Im Privatunterricht ist es mir begegnet, daß ein durchschnittlich begabter Junge von 12 Jahren nach 14 tägigen Hebungen längere, fast fehlerfreie Arbeiten geliefert. Ein jeder Lehrer kann sich zwar den Stoff seiner Diktate aus dem Wochenpensum der Pentateuchdurchnahme, aus Bibel und Gebetbuch zusammenstellen, dennoch wäre eine Sammlung hebräischer Diktatvorlagen nach sachgemäßen Gesichtspunkten geordnet eine gute Hilfe für den jüdischen Lehrer. Vielleicht sammeln die Lehrer, die hebräischen Diktatunterricht geben, ihre Terte: eine Lehrerverbandssitzung könnte das zur Verfügung gestellte Material dann durchsprechen und eine sachgemäße Herausgabe ermöglichen. Bevor wir uns dem Bedeutungsproblem des hebräischen Diktats zuwenden, wollen wir einer Reihe von Einwänden, die man gegen unseren Vorschlag erheben könnte, begegnen. Der Einwand, es mangelt an Zeit, die wenigen für den hebräischen Unterricht zur Verfügung stehenden Stunden dürfen Pit diesem neuen Lehrgegenstand nicht belastet werden, kann durchaus berechtigt sein. Bei einem wöhldurchdachlen Semesterplan wird es aber in den weitaus meisten Fällen gelingen, auch für das hebräische Diktat Raum zu gewinnen. Von modern empfindenden Seiten wird man .mir entgegenhallen: bei Annahme und Durchführung des Vorschlags erhalte der hebräische Unterricht noch mehr typische Züge der alten Lernschule. Der Schulunterricht soll aber „kindgemäß" sein, darum fort mit den philologischen Methoden, sje „belasten" den Schüler. Daß dieser Vorwurf das hebräische Diktat nicht zu treffen braucht, wird Noch äusgeführt werden. Hier sei mit einer prinzipiellen Bemerkung geantwortet. Es ist ein wesentlicher Unterschied im Ziel der. geistigen Erziehung, ob sie. zu beabsichtigen hat, den „Menschen" zu bilden — also Mittel ist —, oder ob sie den Schüler befähigen soll, ein Objekt zu erfassen, sich in eine bestimmte Kultur hineinzüleben, sie sich zum geistiigen Eigentum zu machen — also Ziel und nicht Mittel zur Zielerreichung ist. Das. Ziel der jüdischen Erziehung ist wesensverschieden von dem der modernen nichtjüdischen. Moderne-Erziehung schlechthin ist „Bildung des Menschen". Die geistige Erziehung des Menschen bezweckt, die volle und reife Erfüllung der „Idee" des Menschen zu ermöglichen durch das Hineinleben in den vorhandenen Kulturkceis. Jede Erziehungsmaßnahme hat auf das Subjekt als Ziel gerichtet zu sein und von ihm empfängt sie ihre Norm, sie „kann" nicht nur, sondern „muß" individualisiert sein. Bei der geistigen Erziehung des jungen Juden aber handelt es sich darum, ihn zum Träger der eindeutig firierten, unwandelbaren Idee des Judentums und der jüdischen Kultur zu erziehen. Die Erziehungsmaßnahmen haben sich am „Objekt" daher zu orientieren, die Kontaktmöglichkeiten zwischen „Objekt" und „Subjekt" sind zu erkunden und zu berücksichtigen,, der Bedeutungsakzent liegt aber auf dem Objekt. Die nicht vollkommen "durchführbare Kindgemäßheit einer Methode ist dem jüdischen Unterricht gegenüber kein negatives Kriterium. Im übrigen sind die Forderungen und Behauptungen der modernen Pädagogik und die der Schulreformbestrebungen keine Dogmen, sondern für sie gilt eine ruhige Kritik. Nicht selten wird ihr gegenüber das Wort währ: ni'iiv dh*?’ pia (Menachot 32 b) „der „Bau" der Jungen ist ein Einreißen". Auch ein Einwand soll hier nicht unbesprochen bleiben. den man von Seiten des religiösen Gefühls gegen unsern Vorschlag erheben könnte. Es sei eine Profanierung des jüdischen Unterrichts, so könnte man sagen, ihn in analoger Weise zu gestalten wie den französischen oder englischen. In Fachkreisen wird man aber immer hören, daß die Lehrer über die mangelnde Achtung der Schüler vor dem jüdischen Unterricht klagen. Erzählungen von Schülern. und Erinnerungen aus der Schulzeit sind fast immer so gehalten, daß man die hebräischen Stünden nicht recht ernst genommen, es gab am wenigsten Hausaufgaben. Im Rahmen des gegenwärtigen Schulbetriebs spielt die schriftliche Arbeit in der Stunde eine große Rolle in der Einstellung des Schülers auf den Unterricht. Eine „Arbeit" schreiben ist ein „Ereignis" im Schülerleben. Fächer, in denen keine Arbeiten geschrieben werden, gelten in den Augen des. Schülers als Nebenfächer. Es ist etwas Erstrebenswertes, beim Schüler diese falsche Einstellung dem jüdischen Unterricht gegenüber zu beseitigen und im Gegenteil Achtung und „Respekt" vor ihm zu wecken. Die hebräischen Fächer müssen nicht nur offiziell den profanen koordiniert sein, wie etwa durch Zensur auf dem Zeugnis, sondern mit Berücksichtigung der Schülerpsyche und ihres Wertbegriffs für wichtige und unwichtige Fächer müssen Maßnahmen ergriffen werden, um sie den jüdischen Unterricht ernst und wichtig nehmen zu lassen. Das Diktat stellt nun ein wesentliches Hilfsmittel dar zur Erreichung der eben besprochenen Forderung. Der jüdische Unterricht soll beim Schüler anders, erhebender wirken als der anderer Fächer, das ist selbstverständlich, schließt aber die Verwendung von Methoden anderer Fächer nicht aus. Es muß nun ein Einwand besprochen werden, der sich gegen das Schuldiktat überhaupt wendet. Bei nervösen Kindern — unsere jüdischen Schüler sind es leider zum allergrößten Teil — ruft das Diktat Angst hervor. Der Schrecken vor schriftlichen Schularbeiten zieht als Folge oft eine starke Abneigung gegen das Fach, das diese Anforderung stellt, nach sich. Liebe und nicht Abscheu vor jüdischen Dingen soll der hebräische Unterricht wecken. Durch zwei Maßnahmen kann diesem Nachteil fast vollkommen begegnet werden. Man zensiere die Arbeiten nicht, sondern gebe nur die Fehlerzahl an. Der Schüler entnimmt aus dieser Feststellung schon vollkommen den Wert resp. Unwert seiner Leistung. Das belastende Minderwertigkeitsgefühl. das eine schlechte Note auslöst, erspare man dem Schüler. Weicht man ferner von dem mechanischen Prinzip ab, die Quartalsnote als Additionsergebnis der einzelnen Leistungen, festzusetzen, sondern weih der Schüler, der Gesamteindruck des Lehrers, nicht die einzelnen Leistungen geben den Ausschlag, so wird die schriftliche Arbeit wohl wichtig genommen, aber dennoch nicht zu tragisch. Bei der Besprechung der Vorteile des Diktats wollen wir zunächst die objektiven, d. h. auf die Erfassung des Jüdischen bezüglichen besprechen und dann erst die subjektiven, d. h. die psychischen Wirkungen auf den Schüler. Den objektiven Vorteil, den das hebräische Diktat bringt, demonstriere ich am deutlichsten durch eine kurze Darstellung des Zustandes, ehe man das hebräische Diktat einführt. 9 Jahre lang hatte ich an der Talmud-Thora-Schule in Hamburg jüdischen Unterricht, außerdem hatte ich noch an manchem teilgenommen. Mit 16 Jahren versuchte ich nun einmal r^iv fns auswendig niederzuschreiben, der Versuch mißlang gänzlich, mehr als 20 Fehler konnte ich feststellen. Die Wiederholung dieses Versuchs in einer Esragruppe mit 16 jährigen Esräern hatte ein ähnliches Ergebnis. Die wenigen Brocken jüdischen Sprachgutes, die wir deutschen Juden uns trotz unserer Assimilation bewahrt haben, werden in einer haarsträubenden Orthographie geschrieben nvo mit n und ‘rispff wie tp geschrieben findet man nicht zu selten, von Verwechslungen zwischen ü und v gar nicht zu reden. Findet man etwas richtig geschrieben, so ist eben in der nVsn nachgeschaut worden. Dieser Bildungsmangel wird allerdings bei denen, die regelmäßig und fleißig lernen, mit der Zeit allmählich behoben, bei den meisten Gesetzestreuen bleibt dieses Manko aber bestehen. Bei einem Volk, das man das Volk der Schrift schlechthin nennen kann, ist es eine unendlich zw bedauernde Erscheinung, daß man nicht „richtig" schreiben kann. Diesem Mißstand abzuhelfen ist eine nicht wichtig genug zu nehmende Forderung. Schon in meiner noch kleinen praktischen Erfahrung konnte ich die Beobachtung machen, daß in allen Fällen, da Wn MK rein mündlichen Unterricht zu schriftlichen UÄüngen förtschreitet, der Tert mit viel intensiverer Aufmerksamkeit betrachtet wird. Det GräMmatikunterricht empfängt durch das hebräische Diktat eine wesentliche nicht zu unterschätzende Hilfe. (Eine kleine Andeutung gaben wir schon oben.) Im Diktat wendet der Schüler - die im Grammatikünterricht erlernten Regeln über Dagesch und Schwa an. Der Bildungswert des Diktats sowie des hebräischen Sprachunterrichts überhaupt beruht in nicht geringem Maße darin, daß er zur Ausbildung des Charakters des Jugendlichen beitragen kann. Neben der Mathematik ist kaum ein Fach so geeignet, charakterbildend, erzieherisch gestaltend zu wirken: im Schüler Liebe zu Ordnung, Wahrhaftigkeit und Treue dem Kleinsten gegenüber zu wecken, wie gerade der Grammatikunterricht der hebräischen Sprache und das zu ihm gehörige Diktat. Es liegt im Wesen der semitischen Sprachen, daß sie durch die besonders bevorzugte Stellung der Konsonanten durch die Unterordnung der Vokale, das Dreiwürzelbüchstabengesetz und die Möglichkeit, die allerverschiedensten Modalitäten einer Tätigkeit durch dasselbe Verb zu bezeichnen, eine Klarheit, Einfachheit, und Übersichtlichkeit erlangt, die sie. wenn nicht in weit größerem Maße, so doch in gleicher Weise zum Bildungsmittel der Jugend macht wie die klassischen oder modernen Sprächen. Die psychische Wirkung des hebräischen Diktats auf den Schüler ist eine durchaus positive. Das schon im Jugendlichen recht tark ausgeprägte Machtstreben kann sich durch die schriftliche Arbeit an der Bewältigung eines Objekts betätigen und erfüllt den jungen Menschen mit dem Gefühl seiner Kraft. Mir ist es im Privatunterricht fast immer so gegangen, die Schüler empfanden es als eine BeohNung, als etwas besonders Schönes, ein Diktat schreiben zu dürfen. Gewiß, auch beim UebersetzeN oder noch mehr beim „Gemorelernen" änn der Schüler sein Können zeigen, aber er hat keinen „konkreten" Beleg seines Könnens in Händen wie beim fehlerfreien Diktat. Bisher ist der Häuptäbsicht dieses Aufsatzes entsprechend ausschließlich von der Verwendung des Diktats im Schulunterricht gesprochen worden. Die Anregung und der Vorschlag des hebräischen Diktats gilt auch für Fälle, da die Schule diesem Mangel nicht abhelfen will öder nicht mehr kann. In vielen Gruppen der „Esra" besteht das Zusammensein mit dem Führer im gemeinsamen Lernen: es ist ein aw'V, in dem gewöhnlich Materien behandelt werden, die man sonst zu vernachlässigen pflegt. Wie man diese Erscheinung zu beurteilen hat, als Zeichen des Verfalls der Esraidee oder als Symptom ihrer Stärke, ist hier nicht zu untersuchen. Meiner Meinung nach kann das hebräische Diktat, natürlich nicht in der starren Ilnterrichtsform. seinen Platz in der „Esta" beanspruchen. Es genüge zunächst diese Anregung. Der Weg der Selbsthilfe bleibt für alle, denen äußere Möglichkeiten zur Erlernung der Festigkeit, orthographisch' richtig hebräisch zu schreiben. Für diesen Fall empfehlen rvit besonders das Ahswendigniederschreiben. Der Vorzug dieser Methode besteht unter anderem dahin, daß man keinen die Lücken des Wissens und Könnens merken zu lassen braucht. Man beginne zum Beispiel damit, ein Gebet, das Man gut auswendig kann, üiederzuschreiben,. korrigiere es sich sorgfältig. Man wiederhole diesen Versuch nach einigen Tagen, setze ihn so länge fort, bis man das betreffende Stück fehlerfrei schreiben kann. Bei regelmäßig fortgesetzten Hebungen werden sich bei Erwachsenen schön recht schnell Erfolge zeigen. . Ich schließe diese Ausführungen mit der Bitte, meine Vorschläge zu prüfen. Irriges zu berichtigen. Es dürfte auch für die Allgemeinheit von Interesse sein, zu erfahren, ob und in welcher Weise man die Förderung des hebräischen Diktates bisher erfüllt.

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