Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1924)
- Date
- 1924-09-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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4. September 1924 ■ ■ -- — ■— ihre Existenz aufgegeben haben. Die Hauptsorge mutz dahin gehen, diese Unglücklichen irgendwo ansässig zu machen. Der zweite Referent, Herr Weladzky, spricht über seine Erfahrungen in Argentinien und sagt, daß nach seiner Ueberzeugung die Zersplitterung in verschiedene Organisationen die ganze Auswanderungsfürsorge lahme. Auf ein Referat Dr. Jochelmanns wird die Frage einer jüdischen Volksbank diskutiert. Diese ist bereits gegründet verbreite vielen Segen, harre aber noch der weiteren Ausgestaltung. * ' * * Wie die I. T. A. sich aus Karlsbad berichten läßt, haben zwischen der Exekutive der jüdischen Welthilfskcnferenz und den Delegierten der Agudas Jisroel- Organisation am 24. August Verhandlungen stattgesunden, die zunächst einen privaten Charakter trugen. Wie verlautet, kann es als sicher angesehen werden, daß die Agudah an dem Hilfswerk der Konferenz teilnehmen wird. Karlsbad, 30. August. Die Generaldebatte über die Emigrationsfrage dehnte sich sehr lange aus. L. C h a ff a no - witsch unterzieht die Emigrations- und Kolonisationstätigkeit der I c ä einer scharfen Kritik. Ihre Millionen gehören dem jüdischen Volke, trotzdem habe sie noch nie einen Finanzbericht veröffentlicht. Er fordert die Einfetzung einer Untersuchungskommission. Andere bemängeln, daß das Emigrationsdirektorium der Welthilfskonferenz keinen Bericht über seine Tätigkeit erstatte! habe. Noch andere Redner halten scharfe Abrechnung mit der Jca. Ussischkin beschwert sich, daß auf der Konferenz von allen möglichen Einwanderungsländern gesprochen wird, aber am wenigsten von Palästina. Der jüdische Nationlsonds könnte den Boden für die Kolonisation liefern, wenn das jüdische Hilfswerk das Geld, für die wirtschaftliche Einrichtung aufbringe. Dr. Nathan sowie S l o s b e r g verteidigen die Jca und Motzkin berichtet über die Abmachung der Welthilfskonferenz mit der Jca. Die Jca erhalte dadurch keineswegs die Leitung, es fei eine paritätische Grundlage vorgesehen. Resolutionen werden nicht gefaßt. Dr. Gerson L e w i n- Warschau berichtete über den jüdischen Gesundheitsschutz und schließt seinen Vortrag mit einigen Vorschlägen. In der Abendsitzung von Dienstag wurde nach eifriger Diskussion die Schaffung eines W e l t v e r - bandes f'ür jüdische soziale Hilfe beschlossen. Mit einer gewissen Feierlichkeit wurde dann die sogenannte Genfer Deklaration vom Jahre 1923, die die Grundsätze für die Kinderhrlfe enthält, unterzeichnet. Die Deklaration lag in hebräischer und jiddischer Sprache, künstlerisch aus Pergament ausgeführt, den Delegierten vor. Dr. Zwi A b e r f o n berichtet über die freundschaftlichen Beziehungen der Welthilfskonferenz zu den internationalen Organisationen, insbesondere auch zu dem Völkerbund. Am Mittwoch wurde die Welthilfskonserenz nach dem noch Eitler- Warschau als Delegierter der Agudas Jisroel gesprochen hatte, mit der Annahme eines Dankvotums für die Exekutive geschloffen. Lin Bischof bezeichnet die Inden als Feinde Polens. W a r s ch a u, 26. August. Die jüdischen Einwohner der Stadt Stolbcy sandten ein Schreiben an die jüdische Presse, in welchem sie gegen das Verhalten des Bischofs Lefinsky Protest erheben. Als der Bischof Lesinsky die unlängst von einer Banditenbande heimgesuchte Stadt Stolbcy besuchte, wurde er unter anderen auch durch eine jüdische Delegation mit dem Rabbiner an der Spitze mit Brot und Salz empfangen. Der Rabbiner hielt eine Ansprache und drückte die Hoffnung aus, daß der Bischof helfen werde, den Frieden unter der Bevölkerung zu erhalten. Darauf erwiderte der Bischof: „Ich will glauben, daß Ihr mir das Brot aus vollem Herzen gespendet habt, leider muß ich sagen, daß sich unter Euren Brüdern zahlreiche Feinde Polens befinden. Ich meine nicht Euch persönlich, aber das jüdische Volk im allgemeinen ist unser Feind." > V _ Der Z s r aektt _ Diese Rede hat auf die jüdische Delegatton umsomehr einen niederdrückenden Eindruck gemacht, als während des Ueberfalls sowjetruffischer Banditen auf die Stadt die jüdischen Bürger noch mehr zu leiden hatten, als die nichtjüdischen. In einer späteren Rede anläßlich der Grundsteinlegung für das Denkmal der Opfer des Ueberfalls sagte der Bischof: „Ich wiederhole es und ziehe nichts von meinen Worten zurück: Die in Polen lebende jüdische Masse ist unser Feind, da helfen keine schönen Reden. Auch wenn Christus , selbst das leugenen sollte, würde ich es trotzdem wiederholen. Polen ist k^in Aufenthalt für Staatsfeinde. Der Boden gehört den Polen und nicht den Weißrussen, nicht den Juden. Diejenigen, denen es hier nicht gefällt, mögen fortziehen." In der jüdischen Bevölkerung herrscht wegen dieser Pogromhetze eines Bischofs große Empörung. (I. T. A.) Massenverhaftungen jüdischer Arbeiter. W a r s ch a u, 26. August. Am 21. August wurde das Haus Lechnerstraße 31, in welchem sich die Büros der Gewerkschaften der jüdischen Textilarbeiter und der Lastträger befinden, von einer großen Polizeitruppe umzingelt. Agenten der politischen Polizei durchsuchten beide Lokale, beschlagnahmten sämtliche Bücher und Dokumente und erklärten alle im Hause sich befindenden jüdischen Arbeiter für verhaftet. In vier Transporten zu Fuß und in einem Lastautomobil wurden 80 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen auf die Polizei gebracht. Unter den Verhafteten befinden sich die Sekretäre und die meisten Verwaltungsmitglieder der beiden Gewerkschaften. Ueber die Ursache der Verhaftungen konnte man nur soviel erfahren, daß der Polizei Mitteilungen über angebliche kommunistische Betätigung gewisser Mitglieder dieser Gewerkschaften zugegangen sein sollen. Weitere Verhaftungen jüdischer Arbeiter. Warschau, 27. August. Die Polizei nahm in dem Büro der Gewerkschaft jüdischer Schneidergehilfen eine Haussuchung vor und verhaftete vier Vorstandmitglieder. Obwohl man nichts Verdchtiges gefunden hat und es sich herausstellte, daß der Befehl zur Haussuchung einer anderen Körperschaft galt, wurden die vier Verhafteten nicht freigelassen. Auch in den Wohnungen verschiedener Arbeiter wurden Haussuchungen vorgenommen und mehrere Arbeiter verhaftet: allein in der Wohnung des Funktionärs Bergin sieben Personen. Von den anläßlich der Haussuchung in den Büros der Textil- und Lastträger-Gewerkschaft verhafteten 80 jüdischen Arbeitern wurden bis jetzt 15 befreit, aber unter Polizeiaussicht gestellt. Von den Verhafteten gehören die meisten dem „Bund", dem „Poale Zion" und einige sogar dem agudistifchen Verband „Poale Emune Jisroel" an. (J.T.A.) Sehrvei;. Die jüdischen Minderheiten auf der Interparlamentarischen Konferenz. Bern, 29. August. i In der Sitzung der Interparlamentarischen Union vom 25. August sprach der lettländische Deputierte Rabbiner N u r o k über die jüdische Minderheitsfrage und trat in entschiedener Weise für den Schutz der jüdischen Minderheit ein. Seine Rede wurde von sämtlichen Delegierten mit großer Aufmerksamkeit angehört und besonders von den Vertretern der Minderheitsnationen, sowie den sozialdemokratischen Parlamentariern mit starkem Beifall bedacht. (I. T. A.) Türkei Der Konstantinopeler Oberrabiner beim Innenminister. K o n st a n t i n o p e l, 20. August. Der Oberrabbiner von Konstantinopel, Chaim Bojarano Effendi und zwei andere Mitglieder des Rabbinerrates wurden von dem soeben in Konstantinopel eingetroffenen Minister des Innern Redjeb Bey empfangen. Der Oeberrabbiner schilderte dem Minister die kritische Lage der jüdischen Gemeinde in Konstantinopel und bat um die Hilfe der Regierung. Der Minister des Innern sagte, er hege hohe Achtung für die jüdische Bevölkerung und er werde alles, was in seiner Macht steht, tun, um Hilfe zu schaffen. _itlx. 36 Sette 5 In Verbindung mit diesem Besuch bringt die türkische Tageszeitung „Jkdam" einen gehäsiigen Angriff auf die Juden. In dem Artikel heißt es: „Diejenigen, die mit den kommerziellen Angelegenheiten unserer Stadt vertraut sind, wissen, daß das in der Türkei herrschende Element die Juden sind. Schon vor dem Kriege waren viele reiche Juden in Konstantinopel, seicher hat sich ihre Zahl enorm vergrößert. Sie beherrschen den Markt vollkommen." Ungewisses Schicksal russischer Palästina- Emigranten. Jerusalem, 14. August. Mit dem Dampfer „Kertsch" sind am 7. August 187 russische Emigranten in Jaffa eingetroffen, von denen aber nur 37 die Einreisedokumente besitzen und im Lande bleiben dürfen. Das Schicksal der restlichen 150 Emigranten ist ungewiß. Man hat sich an die Regierung mit der Bitte gewandt, diesen Personen zu erlauben, daß sie im Lande bleiben, da sie in Rußland Verfolgungen ausgesetzt waren und dorthin nicht zurückkehren dürfen: sie wären demnach als politische Flüchtlinge anzusehen. * * * Laut einem von der „Jnvestia" veröffentlichten Telegramm aus Odessa find dort an Bord des „Novoros ist" mehrere jüdische Emigranten eingetroffen, denen die palästinensischen Behörden die Erlaubnis zur Landung in Palästina verweigert haben. Das Schiff hielt sich drei Tage lang im Hafen von Palästina auf. Nachdem es nicht gelungen war, für die Emigranten die Landungserlaubnis zu erhalten, kehrte das Schiff nach Konstantinopel zurück. Aber auch dort wurde den jüdischen Emigranten die Landungserlaubnis verweigert. Der Dampfer fuhr sodann wieder nach Jaffa, die Erlaubnis zur Landung wurde aber auch diesmal nicht erteilt. Eine an die jüdische Gemeindeverwaltung in Port Said gerichtete Bitte, zugunsten der Emigranten zu intervenieren, daß sie dort an Land gehen dürfen, führte zu keinem Erfolg. (J.T.Ä.) Sperrung kommunistischer Klubs. \ Jerusalem, 20. August. Dieser Tage wurde in Jerusalem der Klub der extrem linken Fraktion der Arbeiter von der Polizei gesperrt. Dasselbe geschah vor zwei Wochen mit dem Klub der extrem linken Arbeiter-Fraktion in Haifa. Diese Klubs galten als die von Moskau materiell unterstützten Exposituren der dritten Internationale. Interessant ist, daß dieser „Fraktion" kein einziger Arbeiter aus Rußland angehörte» sondern durchweg eingewanderte minderjährige Jungens aus Polen. Es sind ihrer nicht viele, kaum hundert in Palästina, und sie standen der allgemeinen Arbeiterorganisation Palästinas feindlich gegenüber. Die Kommunisten haben hier den Spitznamen „Mopse" und werden von dem Gros der Arbeiter nicht ernstgenommen. Ans aller Welt. Litauen. Im Städtchen S ch w e k s ch n e kam es infolge des Verschwindens eines kleinen christlichen Mädchens zu einer Ritualmordhetze, wobei der Ladenbesitzer Rubin S r o l o w i tz mit dem Tode bedroht wurde. Das Kind hatte sich verlaufen und wurde am folgenden Tag in einem naheliegenden Dorfe aufgefunden. — In Wilkowifchki bei Kowno wurde eine Gruppe Gymnasiasten, die in der Nacht jüdische Schilder beschädigten, frergesprochen. Ein jüdischer Stadtrat, der in der Ratssitzung den Fall besprach, wurde auf die. Klage des Gymnasialdirektors vom gleichen Gericht z^ einer Geldstrafe von 300 Lit (30 Dollar) verurteilt. England. Sir Alfred Mond, der bekannte frühere Minister im Kabinett Lloyd George, ist bei der Nachwahl im Walliser Wahlkreis Carmathan ins Unterhaus gewählt worden. Sir Alfred Mond erhielt 12 000 Stimmen. Palästina. Die Voruntersuchung gegen den Chaluz Gußmann in Verbindung mit der Ermordung de Haans fft nun endgültig e i n g e st e l l t worden. — Das Technikum in Haifa ist fertiggestellt und wird im Herbst unter Leitung des Regierungsingenieurs Bloch seinen Lehrbetrieb aufnehmen. — Ein Chaluz Namens Binik aus der jüdischen Kolonie „Tel Adas" ist von dem Gerichtshof zu Nablus zu zwölfmonatiger Gefängnisstrafe verurteilt worden unter der Beschuldigung, daß er auf eine Gruppe arabischer Hirten, die im vergangenen Frühjahr mit ihren Herden in Tel Adas lagerten, geschossen' hat. — Vor der Alliance-Schule in