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Der Israelit · 1924-09-04 · Heft 36 (4.9.1924) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 36 (4.9.1924)
Date
1924-09-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 36_ „O teure Mutter, ich komme zu dir. Du hast dich ja niemals mir entzogen, wenn ich in Seelennöten mich zu dir geflüchtet habe. Der Weg, der von meiner Seele zu ihrem Schöpfer führt, geht durch dein Herz. In ihm wird jeder Gedanke geläutert, jede Regung gerichtet. Zwar spricht dein weiser Mund nicht mehr zu mir! Aber deine Seele spricht zu meiner Seele, so vernehmbar, so überzeugend wie je. Hier bin ich wieder dein unmündiges Kind und lausche den Lehren, die rein und klar mir Zuströmen und mir meinen Weg weisen." Und zur Ruhestätte des früh vollendeten Kindes kommst du: „Mein gutes Kind! Du bist nicht mehr bei nur, und ich kann dir nicht mehr ins treue Auge schauen. Aber deine Seele ist verknüpft mit meiner Seele auf ewig. Zahllos find die Fäden, die uns verbinden. Sie reißen nie, sie erschlaffen auch nicht, sie bestehen für ewig. Durch den unerforschlichen Ratschluß des Höchsten bist du mir entfernt worden. Meine Seele lechzt nach dir, zu dem ich emporschaue, wie zu einem höheren Wesen, für dessen dauernden Besitz ich nicht würdig gefunden werden konnte." Mit solchen oder ähnlichen Gefühlen trittst du, Kind Israels, hinweg von den Gräbern der Deinen, in der Brust Reue und Liebe und — guten willen, und trittst hin vor deinen Schöpfer. Früh, wenn kaum der Tag zu grauen beginnt, lenkst du deinen Fuß zum Hause Gottes. Noch bevor du an dein Tageswerk gehst, strömen deine Lippen über von Worten der Selbsterkenntnis, der Buße und von guten Vorsätzen. „Die Glaubensstarken sind dahin, die durch ihre Taten auf Gewährung ihrer Bitten hoffen konnten." „Wir klopfen an deine Tore gleich Armen und Dürftigen; denn bei Dir ist die Milde." „Erhöre uns, laß uns nicht leer zurückkehren." „Gedenke oeines Bundes mit den Voreltern!" „Du schlägst und heilst, Du tötest und belebst, Du führst aus der Gruft zum ewigen Leben. Du wirst auch uns nicht völlig zugrunde gehen lassen." Können wir in kurzen Worten wiedergeben, was die Frommen der Vorzeit in ihren Selichaus niedergelegt haben? Können wir dre Empfindungen schildern, die bei diesen Gebeten unser Herz durchzittern? Genug! Wir werden des Abstandes vewußt, der zwischen unsrem Handeln und unsren Pflichten gähnt, und nehmen als Gewinn mit den festen Willen zur inneren E r - Neuerung. So vorbereitet gehen wir ins neue Jahr. In dieser Stimmung hören wir den Schosarruf. Erder jetzt 87 jährige Herr Louis Hein, geboren am 15, März 1837 in Pollnow Bezirk Schlawe. Er hat am Feldzug 1864 im Sturm auf die Düppeler Schanzen teilgenommen und hat dafür das Düppelkreuz erhalten. Im Feldzug 1864 hat er die Schlacht bei Königgrätz mitgemacht. Den Krieg gegen Frankreich 1870—71 hat Hein ebenfalls mitgemacht. (Mit dem Auto durch die Wüste Paran.j Eine Gesellschaft unternahm es, mit dem Auto von Jerusalem aus durch die Wüste auf den Wegen, die Israel vierzig Jahre lang gewandert ist, bis' Kairo zu fahren. Am Freitag, den 27. Juni, morgens, verließen die Touristen Jerusalem mit der Richtung nach Bersba und den Südgrenzen Palästinas. Am folgenden Morgen erreichten sie Tel Arisch, wo sie sich bis Mittag aufhielten. Trotz vieler Störungen und Zwischenfälle gelangten sie am Dienstag, also am fünften Tage nach ihrer Ausreise in Suez an, von wo sie auf der geebneten Landstraße weiter nach Kairo fuhren. Die Maschinen blieben vollkommen unbeschädigt, doch war der Benzinverbrauch ganz enorm. Wochenkalender. 6. — 13. September!0Q4 / 7. — 14. mUtl 6681 Samstag Sept. 6 V'VSV 7|w>s Sonntag? 6 Montag 8 % Dienstag 9 10 Mittwoch 10 11 Donnerstag 11 12 Freitag;12 13 Samstag i13 Ksn’3;i4 __Der Israelit_ Neuerung unserer ganzen Persönlichkeit die .Grundlage, Erneuerung unsres Volkslebens die. Folge, Erneuerung der Gesamtmenschheit der Ausblick: das bedeutet uns Juden die Erneuerung des Jahres. -> * Korrespondenzen * Nachrichten Deutsche» Reich. Rabbiner in Jugendämtern. Berlin, 30. August. Im preußischen Wohlfahrtsministerium ist eine Mustersatzung für eine städtische Deputation für Jugendwohlsahrt (Jugendamt) oder einen Jugendwohlfahrtsausschuß im Rahmen eines städtischen Wohlfahrtsamtes entworfen worden. In dieser Mustersatzung ist bemerkenswert, daß außer für die leitenden Beamten der Stadt eine Anzahl Sitze im Jugendamt für die in der Jugendwohlfahrt erfahrene Männer und Frauen vorgesehen sind. Die Mustersatzung sieht ferner vor, daß außer je einem katholischen und evangelischen Geistlichen auch der Rabbiner der Synagogengemeinde dem Jugendamt angehären soll, sofern der Rabbiner auch in der Stadt seinen Wohnsitz hat. In Orten, wo mehrere Rabbiner sind, dürfte die Gemeinde das Recht der Entsendung erhalten. Die Ernennung des Rabbiners soll nach vorheriger Aufforderung durch den Magistrat erfolgen. Hohe Zuchthausstrafen für die Schänder jüdischer Friedhöfe. V e r l i n, 1. September. Aus Hagen wird telegraphiert: Vor dem Hagener Schöffengericht fand am 28. August die Verhandlung gegen vier Angeklagte statt, die Verwüstungen aus dem jüdischen Friedhof in Hagen-Eilpe angerichtet hatten. Nach fünftägiger Verhandlung verurteilte das Gericht den Fuhrmann Wilhelm de Haas zu sechs Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust, die übrigen Angeklagten wurden zu Gefängnisstrafen von zwei, drei und vier Jahren verurteilt. Um Hans Herzt. Wien, 26. August. Im Hinblick auf eine Erklärung Hans Herzls im „Jewifh Cronicle", daß er nicht zur katholischen, sondern zur protestantischen Kirche übergetreten wäre, hat der Wiener I. T. A.-Vertreter Untersuchungen angestellt und ermittelt, daß Hans Herz! in der Tat am 20. Juli vormittags, während des Anmarsches der Zehntausende Juden zum Grabe Theodor Herzls, in der protestanttfchbaptistischen Kirche durch den Prediger Georg Sarre getauft worden war. Pater Schlesinger ist an der Sache unbeteiligt. Vielmehr war Hans Herzl aus eigenem Antrieb in die baptistische Kirche gekommen und habe gebeten, ihn in den Schoß der Kirche aufzunehmen. Nachdem er die kirchlichen Prüfungen abgelegt hatte, wurde der Taufakt vollzogen. Antisemitische Provokation in österreichischen Kurorten. Wien, 26. August. Die jüdischen Kurgäste in Baden bei Wien sind darüber empört, daß die Kurverwaltung die Verteilung antisemitischer Literatur unter den Kurgästen widerspruchslos duldet. In den letzten Tagen wurden in Baden auch noch großePlakate angeschlagen, in welchen die Juden beschimpft. und aüfgefordert werden, Baden sofort zu verlassen. Der in der Wagnerfchen Universitätsbibliothek in Innsbruck erschienene „Führer durch Nordtirol" enthält folgende Stelle: „Im Walde, wo sich heute die Wallfahrtskirche Judenstein befindet, verübten durchziehende Juden im Jahre 1462 an einem Knäblein, dem Anderle 4. September 1824 o. Rinn, einen Ritualmord." Gegen diest Provdkation des TirolerBäedeckers sindüieBehörde^M nicht eingeschritten. (J.T. A) •. - Zentralrakssitzung der Ägudas Jisryel. Wien, 31. Äugust. Aus dem Büro des Zenttalrats der Agudas Jisroel in Wien wird uns geschrieben: Wir ersuchen alle Mitglieder d e s Zentralr a t e s, einige Tage vor Beginn der Tagung vom 16. Ellul an die „Schlome Cmune Jisroel, Krakow ul. Katarzyna 1, Tag und Stunde ihrer Ankunft in Krakau bekannt zu geben und mitzuteilen, ob sie Besorgung von Quartieren wünschen. Die Jüdische Welthilfskonferenz. Karlsbad, 29. August. Wie bereits kurz berichtet, wurde am 21. die Zweite Jüdische Welthilfskonferenz im Karlsbader Kurhaus eröffnet. Es sind vertreten 75 Organisationen aus 22 Ländern. Wie bekannt, hat auch die Agudä unter der Voraussetzung einer völlig unpolitischen Hilfsyrbeitsgemeinschaft die Einladung angenommen. Es ist auch eine Reihe von großen Gemeinden und Gemeindeverbänden vertreten. Die Eröffnungsrede hielt Leo Motzkin, in der er über die vierjährige Tätigkeit der Jüdischen Welthilfskonferenz im einzelnen berichtete. Die Hilfsarbeit erstreckte sich aus Rußland und die Ukraine. Es wurden 31 Kinderküchen eingerichtet. In den letzten Jahren fei eine Abnahme des Interesses für die Welthilfskonfernz zu konstatieren, dabei sei die Not in Rußland noch lange nicht zu Ende, ebenso in vielen anderen Ländern. Groß sei das Elend der Emigranten in den Hafenstädten. Nach Begrüßungsansprachen der Regierungsvertreter gibt der Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes und der I nie r n äi i o n a l e n U n i o n für K i n d e r h i l f e eine längere Erklärung ab, in der er sich sehr sympathisch über die Arbeit der Hilfskonferenz ausspricht und die volle Mitarbeit seiner Organisation in Aussicht stellt. Nach weiteren Begrüßungen im Namen der jüdischen Organisationen erfolgt die Wahl des Präsidiums, deren Resultat wir in der Hauptsache in der jüngsten Nummer bereits bekannt gegeben haben. In der Vormittagssitzung von Freitag, dem 22. August, wurde die Generaldebatte über den Bericht der Exekutive eröffnet, die auch viel Kritik brachte. Man warf der Exekutive vor, nicht genügend für die Arbeiter gesorgt und nicht den richtigen Konnex mit der I u g e n d gefunden zu haben, besonders mit der Studentenschaft. Andere weisen diese Aufgaben als nicht in den Rahmen der Hilfskonferenz liegend zurück. Der Vorsitzende, Leo Motzkin, betont in seinem Schlußworte gegenüber denen, die mehr Aufbau für die Zukunft wünschen, daß die sofortige Hilfeleistung und die Rettung von Menschen für Leben und Arbeit der b e st e Aufbau sei. Es fei bedauerlich, daß die Welthilfskonserenz dem unbeschreiblichen Elend der nach Zehntausenden zählenden Auswanderer in den Häfen fast macht- und mittellos gegenüberstehe. Ein trauriges Bild entwirft Dr. Jochelmann- London in seinem Bericht über die Juden in Rußland, den er auf Grund eigener Anschauung und Prüfung erstattet. Verfolgung und Unterdrückung im eigentlichen Sinne haben aufgehört, aber wirtschaftlich sei der Boden den Junden unter den Füßen entzogen. Das Judentum in Rußland gehe dem Untergang entgegen, wenn nicht durchgreifende Hilfe vom Ausland erfolgt. Dr. Bernstein aus Kiew beftätgit diese Angaben auch für die Ukraine. Sonntag, den 24. August, berichtet Dr. W. Adler über die Not der K i n d e r in Rußland. Die meisten schutzlosen jüdischen Kinder sind in nrchtjü bischen Kinderheimen utergebracht, wo es überdies um den Gesundheitsschutz sehr traurig bestellt ist. Hunderttaufende von jüdischen Kindern in Rußland werden körperlich und geistig verkommen, wenn nicht bald etwas geschieht. Ueber das Emigrationsproblem berichtet Dr. S. T i o m k i n. Ungefähr 10 000 jüdische Auswanderer befinden sich zurzeit in den verschiedenen Hafenstädten, die infolge der neuen Einwanderungsgesetze nicht weiter kommen, aber auch nicht zurück nach der Heimat können, da sie dort Hab und Gut veräußert und

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