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Der Israelit · 1924-09-04 · Heft 36 (4.9.1924) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 36 (4.9.1924)
Date
1924-09-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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4 September 1924 Der Israelit unserem Schmerze in kaum widerlegbarer Klarheit. Und es ist ebenso sicher, daß Männer, wie Rabbiner Sonnenfeld, Sanitätsrat Dr. Wall a ch, Dr. Moses A u e r b a ch den, leidenschaftlich und uneigennützig zu ihnen und ihren Idealen sich Bekennenden nicht in so vorbehaltloser Freundschaft ausgenommen und als aufrichtigen naiffn ton begrüßt hätten, wenn sie hätten ahnen können, was in dieser Seele vorging. Die tiefe Dankbarkeit, die die gesetzestreue Judenheit dem Ermordeten für feine aufopfernde selbstlose Tätigkeit und für seinen schließlichen Opfertod auf dem Schlachtfelde der politischen Ueberzeugungen schuldet, bleibt von diesen peinvollen Feststellungen unberührt: nspa nnpn nna und unsere Freunde in Jerusalem brauchen sich des Irrtums nicht zu schämen, dem sie sich in reinstem menschlichen Vertrauen hinsichtlich des Wesens des Heimgegangenen hingegeben haben. Auch ehrt es sie durchaus, daß sie gegenüber dem häßlichen Geheul der zionistischen Presse-Meute den Mann, der mutig sein Leben für die Orthodoxie in die Schanze schlug, jetzt erst recht Nicht fallen lassen wollen. Aber wenn irgendwo, so gilt hier der Satz: naaa ms» j'« nYasr» Die Orthodoxie sollte daher! die Verdienste des zum Lichte Ringenden nimmermehr vergessen, sein Andenken ehren als das eines um der Wahrheit willen Gefallenen, im übrigen aber die Wahrh ett selb er und die jüdische Sittlichkeit in der ganzen Strenge ihrer Anforderung immerhin höher stellen als alle menschliche Rücksicht auf die strauchelnden und wegverlorenen Söhne einer kranken Zeit, deren einer der unglückliche Jacob Israel de Haan offenbar gewesen ist. An heiligen Gräbern. Line Ellulbekrachkung. Von Heinrich Einstadter. Wenn die Erde dem Landmann als Frucht seiner Arbeit die Frucht des Bodens reicht und Anstalten trifft, nach erfüllter Pflicht dem Tode ihren Tribut zu zollen, wenn die Pflanzenwelt gerade zu der Zeit, wo sie dem Menschen ihre reichsten Gaben darbietet, ihm auch wehmutsvoll die Hand zum Abschied hinstreckt, zum Abschied vor dem Sterben, wenn der Herbstwind die Klage singt und der trüve Himmel die Träne weint, dann beschleicht auch den kräftigen, gesunden Menschen eine Ahnung von der Vergänglichkeit alles Irdischen. Im Winter hat er gehofft, im Frühling gejauchzt, im Sommer froh genossen, als ob das Leben ein ewiger Aufstieg wäre. Die Natur in ihren mannigfaltigen Erscheinungen! hat das bewirkt: sie hat die vereinzelten Erleb-« nifse, die sich nicht in das Gesamtbild einreihen wollten, beiseite geschoben, hat die Laute, die nicht in das Jubelbild der Schöpfung mit einstimmen mochten, übertönt, hat Tag für Tag die Sinne beschäftigt und den Geist so angeregt, daß er nicht Muße gefunden hat zu Betrachtungen und Erwägungen trüber Art. Aber jetzt, wo die gesamte Umgebung einen Abstieg zeigt, wo die Erdoberfläche ihre frische Farbe verliert, der ragende Baum schwach und hager, der heitere Himmel trüb und müde wird, wo selbst dit lachende Sonne an Glanz und Wärme verliert und, wie alternd: täglich später erscheint und um so früher zur Rüste geht, da schleicht sich in das Herz das Bewußtsein, daß dex menschliche Körper keine Ausnahmestellung einnimmt gegenüber den ihn umgebenden Naturwesen, aber im Zusammenhänge damit auch das je nach seiner Eigenart sich stärker oder weniger deutlich meldende Empfinden, daß der Mensch sich vermöge seines Seelenlebens mit Dingen befassen muß, die nur ihm zur Behandlung überantwortet sind, mit Betrachtungen über Lebensziel und Lebenserfolg, über Tod und Jenseits. Die hierdurch angeregten Gedanken schaffen die Grundstimmung für Rausch haschono. Religiöse Bräuche und Uebungen treten hinzu und helfen einen Seelenzustand Herstellen, der für das zukünftige Verhalten richtunggebend fein kann und dadurch dem Beginn des jüdischen Jahres seine hohe Bedeutung einräumt. Unter den Büchern, in denen wir lesen, steht das Buch der Natur an erster Stelle. Es steht jedem zur Verfügung, spricht zu jedem Alter, zu jeder Bildungsstufe eine andere Sprache, und die Lehren, die es einmal ins Herz gesenkt hat, läßt es nie der Vergessenheit anheimfallen, sondern vertieft und erweitert sie Jahr für Jahr. Dem, der tiefer in sie eindringt, gestattet die Natur Beobachtungen, die ihm die Ueberzeugung von der Zweckmäßigkeit jeder Einrichtung und jedes Geschehens aufdrängen. Aber auch dem, der nur feine gesunden Sinne gebraucht, erlaubt sie Schlüsse auf Gebiete, die der Beobachtung durch die Sinne entzogen find. Sie zeigt ihm die Tatsache, daß nach dem Tode ein Auferstehen folgt in so unendlich vielen Beispielen, daß sich daraus die Ueberzeugung ergibtdaß auch bei dem Menschen Tod und Verderben nicht gleichbedeutend sein kann, wie mannigfaltig auch die Vorstellungen von dem Weiterleben nach dem Tode und von dem künftigen Weiterleben sein mögen. Das Blatt, das zu Boden sinkt, geht nicht verloren: es liefert den Nährstoff dem kommenden Geschlecht, teils dem eigenen Stamm, i:*? \ti ansn cpat? mpm nrn *hp 's isnrn rrbn NLini banb pun rrn nrn am tou m "irr psn *m i’tmsi tonts” 221 annarr Y'inta btoan aan ’xto; Y'3K bioaff ajap n"a ja pnr Y'p 'i am nan zm'i lrnman v»a)r tot *]0*n n"j?j?n totoi tznnV av •nmsafi Hierzu noch einige Bemerkungen: Auffällig und besonders gekennzeichnet ist obige Inschrift schon durch das erste Wort, das hübsch umrandete vl'.Y Man fühlt gleichsam, wie wenn der Tod dieses Geistesfürsten rrn m to)1? nnsa eine schützende Sühne für alle seine Zeitgenossen warl Fast alle 2000 niarra aus diesem ehrwürdigen atoy jv»a tragen obenan dre üblichen Buchstaben resp. Wortabkürzungen 3"s oder auch wie auf den ganz alten Steinen v"L, 0. h.: Hier, wurde begraben, oder: Hier liegt ausbewahrt. Der biblische. Ausdruck ■ptnsi toni?'» 33Y ,Tvagen Jisroels und seine Reiter", den der Prophet Elischa seinem in Himmelshöhen scheidenden''Lehrer Ena nachrief, wird heute noch vielfach in den Nekrologen für .verstorbene Rabbiner angewandt. Dies fall uns belehren, daß zu jeder Zeit unsere Geisteshelden ihrem Volke soviel Schutz und Waffe waren, Ate eine ganze Heeresmacht mit Rotz und Reitern. Wenn die Memor-Bücher der elfäfsischen Gemeinden Balbronn und Westhofen nur einen Eisik Lundeschütz Mmlichst erwähnen, so ist dies doch der Obgenannte, vehr häufig bezeichnen die Grabsteine aus diesem Friedhof: ppn* nriaan pmr. d.h. Isaak, genannt Eisik Der Vornamen Awrohom erhielt Luntenschütz beim at?n »i2v-Gebet anläßlich seiner schweren Krankheit, die er glücklich überstand.— Der angegebene Wirkungskreis durch das Wort “irnma in der Pluralform läßt die Möglichkeit zu, daß Luntenschütz etwelche raobinische Funktionen auch noch von Endingen- Lengnau aus im benachbarten Elsaß ausübte. Zum Schluffe sei noch erwähnt, daß man der Geistesgröße Luntenschütz auch in der Wahl seiner Grabesstätte gerecht wurde. In 18. Reihe rechts die unvergeßlichen Rabbiner Raphael und dessen Sohn Abraham Ris; links Reb Iehuda Arie. Sohn des Jubele Wyler; dazwischen liegt Luntenschütz begraben — w» irmr Eine weibliche Talmudislin. Frau Flora Sassoon, der berühmten indisch-jüdischen Familie Sassoon- Bombay entstammend, hat ihren Wohnsitz seit einer langen Reihe von Jahren in Londonund gehört fast ebensolange dem Kuratorium des Londoner Rabbiner-Seminars (Jews College) an. Anläßlich der alljährlichen Prüfung und Diplomerteilung an diejenigen Rabinatskandidaten, die ihre Studien vollendet haben, wird aus Mitgliedern der Prüfungskommission ein Vorsitzender ernannt (Chairman). In diesem Jahreäm 9. Nisan, wurde mit dieser Prüfung die Feier des 70. Geburtstages des Sir Adolph Tuck, eines der, Gönner dieser Anstalt, verbunden und das Amt des gewählten Chairman bekleidete Frau F. S ä s s 0 0 n. Wie sich diese im jüdischen Schrifttum so sehr bewanderte Dame ihrer Aufgabe entledigte, zeigt uns eine kleine für den Kreis ihrer näheren Freunde und Verwandten hergestellte Schrift, in der unter dem Titel: Iviv niv 7i3B? die Rede, die sie bei dieser Gelegenheit hielt, wiedergegeben ist. Eingangs ihrer Rede erinnert Nr. 36 Seite 3 teils seinen Genossen. Die Pflanze, die vorzeitig dahingerafft wird, erlebt in irgendeiner Form eine Auferstehung. Und sogar der Fels, den der gewaltige Frost im Hochgebirge abgesprengt und in die tiefste Schlucht gewälzt hat, erscheint im Unterland wieder als Kies beim Bau menschlicher Wohnungen und er, der in trauriger Oede den Zusammenhang mit seiner Umgebung im Sterben verlor, dient hier in seltsamem Gegensätze dazu in einem neuen Leben als Mörtel zur Bindung seiner Artgenossen. In der Zeit, wo sich Erkenntnisse solcher Art in vermehrter Folge bieten, fühlt der Jude das Bedürfnis, das Gefilde seiner Toten zu besuchen, das er bezeichnenderweise auch als „Haus des Lebens" und „Haus der Ewigkeit" benennt. Er pilgert dahin aus weiter Ferne. Er scheut nicht Zeitverlust noch Mühe, reist in Gegenden, die längst seine Glaubensgenossen verlassen haben, steigt auf Hügel hinauf, die im Laufe der Zeit schwer zugänglich geworden sind. Die Hemmnisse hindern ihn nicht. Was er sucht, das wird er finden. Doch was sucht er? Wohl die Ueberreste seiner Vorfahren? Nein, sicherlich nicht. Entweder sind sie tief unter der Oberfläche gebettet, oder überhaupt gar nicht mehr vorhanden. Was er aufsucht, ist rein geistiger Art: aber ein Zusammenhang besteht doch zwischen dem, was der Rasen deckt, und dem, was feine Seele hier erlebt, ein Zusammenhang, so dunkel und undurchdringlich für seinen Verstand wie all die Dinge, die jenseits der Grenze des verständnismäßigen Erfassens liegen, und doch so gewiß, so sicher vorhanden, daß er davon überzeugt ist, wie von — — sagen wir: wie von der Wiederbelebung der Toten. So tritt er ans Grab des Vaters: „Hier bin ich, Vater. Ich bin wieder dein kleines Kind. Fühle den warmen Druck deiner Hand. Fühle den warmen Blick deines Auges. Fühle die heiße Liebe deines Herzens. Deine Sorge um mich, dein Mühen, dein Aengstigen, dein Hoffen, dein Beten, dein Streben, dein Zittern — das alles sehe ich, sehe und empfinde ich vielleicht noch deutlicher als bei deinen Lebzeiten. Gewiß aber deutlicher als damals erkenne ich meine Pflicht, die dein Leben mich gelehrt hat, und — die Größe des Teils, der mir noch zu erfüllen übriggeblieben ist. Aufrichtiger und schonungsloser gestehe ich mir mein vielfaches Verfehlen, und von hier will ich mir Kraft holen zu. besserem Wollen und gedeihlicherem Vollbringen." Dem Grab der Mutter näherst du dich: sie daran, daß sie bereits einmal zwanzig Jahre vor. her — in der gleichen Halle präsidierte als der große Freund des Seminars Markus Nathan Adler s. A. dortselbst einen Vortrag hielt. Daß in einer solchen Versammlung auch ein weiblicher Präsident den Barsitz führen darf — dazu führt die Rednerin in überaus geistvoller Weife eine große Reihe treffender Zitate aus Bibel, Talmud, Midrasch, Boraithas ufw. an und in weiteren paffenden Belegstellen fordert sie die Jünger des Seminars auf, tüchtig und immerzu zu „lernen", da das „Lernen" die Quelle unserer Kraft sei und wir nur ihm es zu verdanken haben, daß der Allgütige uns — ein zartes Lämmchen unter reißenden Wölfen — in wunderbarer Weife jahrtausendelang erhalten hat und uns weiter lenkt und führt. Mit großmütterlichem Stolze erzählt auch Frau Sassoon von ihrem achtjährigen Enkelchen, das ihr, als sie voriges Jahr auf einer Reise in Deutschland begriffen war, ein Briefchen in hebräischer Sprache schrieb,- aus dem das Feuer für die echtjüdische traditionelle Sache des Judentums bereits hervorleuchtete. Cs, dürfte die; Leser des „Israelit" besonders interessieren, daß dieser Knabe auch ein Urenkel des Begründers dieser Blätter, Dr. M. Lehmann und von R. Liepryann Prins toN und das Söhnchen des bekannten Gelehrten David Saffoons ist, ein Zeichen dafür, daß hier die Thora sich schon im vierten Geschlechts von Zeitgenossen heimisch fühlt. Die Geschichte der Familie Sassoon hat bekanntlich der berühmte Gelehrte Rabbi Jakob Saphier s. A. in seinem Buche „Ewen Saphier" weiteren Kreisen bekannt gemacht. Die Familie stammt aus Schefchan (daher der Name), wohnte lange in Spanien und Portugal und gelangte bei der Vertreibung der Juden aus diesen Ländern nach Indien. (Der älteste jüdische Frontkämpfer in Deutschland.) Wie seitens des Bundes jüdischer Frontsoldaten mitgeteilt wird, ist der älteste Frontkämpfer der Ortsgruppe Berlin, *

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