Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1924)
- Date
- 1924-09-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Nr. 36 Der. Israelit 4. September 1924 M Symptom der Lage und für die Verheerungen,' an denen auch die Modernen nicht mehr mit geschloffenen -Augen' Vorbeigehenmischen uüd den BortraF^es jüdischen Führers können, find die Ausführungen immerhin sehr bezeichnend. Wir aber im gesetzestreuen Kreise sollten uns die Worte sehr zu Herzen gehen lassen und unsere Palästinaarbeit so gestalten, daß die Erhaltung der Thoralehranstalten wie auch ein Neuaufblühen des alten Jifchuw im altüberlieferten Geiste gesichert erscheint. Wochenrundschau. Die „Weisen von Zion" in zweiter Auflage. Das blöde Märchen von den „Weisen Zions", die irgendwo irgendwann irgendwie die Grundlagen der Weltordnung und des deutschen Staates erschüttert hätten, zieht nicht mehr, trotzdem ihm ein Ludendorff in seinen Kriegsbüchern Gewicht und Bedeutung zu verleihen sucht. Neues Material muß herbeigeschafft werden, und die Volkshelden aus Miesbach und Umgegend stnd nicht in Verlegenheit. So bekamen wir vor kurzem in völkischen Zeitungen folgende Schauergeschichte zu lesen: „Am Samstag, den 26. Juli, tagte in Elpershofen eine internationale Rabbineroerfammlung, an der 40 Rabbiner, auch solche aus Polen und Galizien, teilgenommen haben. Die Versammlung fand statt in dem dortigen katholischen Vereinshaus. Man nimmt mit Bestimmtheit an. daß diese heimliche Zusammenkunft jüdischer Rabbiner dazu diente, einerseits von ihren polnischen, russischen Genossen Weisungen für das Verhalten der jüdischen Gemeinden bei dem bevorstehenden kommunistisch-bolschewistischen Putsch, insbesondere bezüglich der Errichtung von Menschenschlachthäusern nach russischem Muster entgegenzunehmen, und andererseits die Träger der jüdischen Weltrevolution mit dem Stand der Dinge in Deutschland bekannt zu machen." Mit einigen Variationen bringt diese Legende auch das von W u l l e herausgegebene „Deutsche Tageblatt". Da das Betreten des Platzes durch Deutsche behördlicherseits verhindert war, berichtet das Blatt, so sei bis heute über den Inhalt der Beratungen nichts verlautet. Einer vaterländischen Organisation in Württemberg sei ein Bericht eines Beamten zugegangen, daß sich hinter der Veranstaltung eine strenge militärische Organisation, sowie Politik verbirgt. Auf dem Bahnhof in Blaufeltzeü gelätzg es dem' Beamten,- sich in-eine Gruppe von ungefähr 30 Juden zu wenigstens teilweise zu hören. Er führte u. a aus: „Die-Sache des Judentums ist in 20 bis 30 Jahren unbedingt verloren, wenn es uns in dieser Zeit nicht gelingt, die nationalen Staaten und Völker, vor allem das deutsche, zu brechen! Deshalb ist auch unsere Hauptarbeit nicht in Palästina, sondern in Deutschland! ..." Die Sache hat schon ihre Richtigkeit. Eine jüdische Versammlung fand Ende Juli in der Tat statt und zwar wirklich im Orte Elpershofen bei Morstein an der Jagst in Württemberg. Nur waren es nicht „40 Rabbiner" aus Polen und Galizien, sondern genau soviele j u g e n d - lichejüdifche Pfadpfinder aus Deutschland. Es stimmt auch, daß sie neue Wege suchten, aber nicht nach dem komrüunistifch-bolschewistischen Rußland, sondern nach dem Spessart und dem Schwarzwalde, um der jüdischen Sportjugend, die vom antisemitischen Wandervogel ausgeschlossen wird, eigene neue Wandermöglichkeiten zu schaffen. Mit diesen kleinen Abweichungen stimmt das Ganze ganz genau! . . . Jüdische Massenansiedlung in Mexiko. Zur gleichen Zeit, da in Karlsbad Vertreter jüdischer Organisationen über das Problem aller Probleme zu Rate sitzen, das jüdische Wanderproblem und scheinbar bis jetzt mehr Berichte und Bilder des namenlosen Elends zu entwerfen vermögen, als Pläne zur rationellen Lösung der Frage, wird von anderer mehr oder weniger verantwortlicher Seite die Frage einer jüdischen Kolonisation in großem Maße in Mexiko ventiliert. Der neue Präsident des Staates Mexiko, der sich zurzeit, auf einer Weltreise begriffen, in Europa befindet und dieser Tage auch in Berlin weilte, machte glänzende Versprechungen. Man will die jüdischen Ansiedler, die überall geschlossene Türen finden, mit offenen Armen empfangen, ihnen alle denkbaren Vorteile bieten und die günstigsten Bedingungen und Voraussetzungen für die Gründung großer jüdischer Kolonien schaffen. Bei der geringen Auswahl an Einwanderungs- und Siedlungsgebieten werden die jüdischen Organisationen nicht achtlos an diesem' Plane vorübergehen können, wiewohl man sich darüber klar ist, daß der Plan nicht aus reiner Liebe zu den Juden, nicht allein aus Mitleid mit den armen ziellosen Wanderern geboren ist. Der Herr Präsident braucht Geld, er braucht ein gutgesinntes Europa und auch -eine gute Presse für die DFrchMWlng-seinex^Reformpläne in Mexiko, und es ist schon nachgerade das ^BMeMMM'LMe'schkäUEeK'HEMHeM, obwohl es'bei den heutigen Verhältnissen kaum noch gerechtfertigt ist) Kapital und Judentum in eine Synthese zu bringen. Immerhin sollen die letzten Absichten der mexikanischen Regierung kein Hindernisgrund in diesem Falle sein. Was Mexiko in seinem eigenen Interesse tut, kann darum nicht minder und vielleicht erst recht auch den Juden zum Segen gereichen. Es kommt nur darauf an, wie und von wem die Sache anpackt wird, worüber bald Näheres zuhören, die jüdische Oeffentlichkeit hoffen darf. Die „Vierzeiler" Jacob Israel de Haans. Während es den Bemühungen der Jerusalemer Polizei bis zum heutigen Tage nicht gelungen ist und wohl auch kaum mehr gelingen wird, den Urheber des Meuchelmordes an Jakob Israel de Haan zu entdecken, während also nach wie vor mit der natürlichen Annahme gerechnet werden muß, daß der Unglückliche aus politischem Hasse von denen getötet' wurde, die ihn mit Todesandrohungen bei Lebzeiten verfolgt hatten, wird man in der Beurteilung der menschlichen Persönlichkeit des Ermordeten durch das Erscheinen eines holländischen Gedichtbandes aus seiner Feder vor ein schweres Problem gestellt. Diese Gedichte, Mehrere Hundert „Vierzeiler", sind schon im April oder Mai ausgegeben, aber erst einige Wochen n ach s e i n em Tode weiteren Kreisen — auch uns und erst recht den palästinensischen Freuden des Heimgegangenen — bekannt geworden. Sie spiegeln ein von den schwersten religiösen Kümpfen und sinnlichen Leidenschaften zerrissenes Selenleben, nicht dasjenige eines zur Wahrheit und abgeklärten jüdischen Treue Heimgekehrten wider. Neben Gedichten heißester religiöser Gottesliebe stehen solche von geradezu blasphemischer Empörung und Zeugen eines schwer in die Irre gehenden Trieblebens. Man mag und soll inniges Mitleid empfinden mit dieser Dichterseele, die auf heiligem Boden den Frieden zu finden h o f f t e der ihr in stürmischer Jugend versagt geblieben war, Mitleid mit dem aus assimilatorischer und zionistischer Gottesvergessenheit zum Gottesfrieden der Thoratreue den Weg verzweifelt Suchenden — daß diesem Hoffen und Suchen leider keine Erfüllung ward, beweisen die dichterischen Geständnisse zu Wj! mm- Bemerkungen zum Wochenabschnitt. Von Rabbiner Ir. Winkler in Kopenkagen. 17, 15: ow* „So kannst du einen König über dich fetzen, den der Ewige, dein Gott, erwählen wird. Aus der Mitte deiner Brüder sollst du über dich einen König fetzen." Dieser Nachsatz ist eigentlich nicht recht zu verstehen: Ist es doch selbstredend, daß der von Gott selbst ausgewählte König einer »aus der Mitte deiner Brüder" sein werde! Doch will mir scheinen, daß hier die Tauro zwei Zeitabschnitte im Auge hat: Während des Bestandes des ersten Tempels bediente man sich bei der Einsetzung eines Regenten des Urim und Tumim, um sich der göttlichen Zustimmung zu vergewissern. Daraus bezieht sich der Vordersatz: „Einen König, den der Ewige erwählen wird." Zur Zeit des zweiten Tempels dagegen gab es kem Urim und Tumim mehr; für diese Zeit ist der Nachsatz bestimmt: „Aus der Mitte deiner Brüder sollst du über dich einen König setzen." — Hin i'nrr nb iir?x '122 wx -pty nn1? ^2in xb> „Du darfst nicht über dich einsetzen einen Fremden, der nicht dein Bruder ist." — Als an einem Sukkosfest der Herodianssche Fürst Agrippa öffentlich aus der Tauro verlesend, zu dieser Schriststelle gelangt war: „du darfst nicht einen Fremden über dich einsetzen", kamen ihm die Tränen in die Augen. Daraus riesen ihm die Großen des Volkes zu: „Sei unbesorgt. Agrippa, du bist ja unser Bruder!" (Sota 41a.) Sie scheinen damit aus den letzten Satzteil angespielt zu haben: Zwar bist du deiner Abstammung nach ein '122 V'X» ein Fremder; die Tauro fügt aber hinzu Xi,1 i'NX X^ ivx »Der nicht dein Bruder ist", deiner Gesinnung und Führung noch aber bist du unser Bruder! — 19, 15: tp'X3 1NX 1V Dip" xb- »Ein einzelner Zeuge soll nicht wider einen Menschen auftreten" usw. — Diesen Satz gibt Targ. Jonatan durch die Umschreibung wieder: XV12N2^ '.11 X12'2 D12 121 INI X1.1V D"PN' X^ 1'NV21,1V N' 11222^ '21' in 1'NV *X’2 ^V X'121v 'l!?V' Dem Kommentator des Targum ist es nicht gelungen, den Sinn dieser Worte herauszufinden, und doch ist es eine Talmudstelle («2 'X 2"*? 7NV12V), die ihnen zu Grunde liegt. Targ. Jonatan führt zwei Fälle an, in denen nach jener Stelle die Aussage auch des einzelnen Zeugen gelte, a) in Sachen der des Ehebruchs verdächtigen Frau lSota), wobei der Gottesname ('.11 xi2'2) das Strafgericht (XV12N2^) über die heimliche Sünde (x'imv Vjr) durch den verhängnisvollen Trunk (k'2 bv) vollzieht, b) in Geldsachen, wo der einzelne Zeuge den zu einem Eid veranlassen kann, der seine Aussage in Abrede stellen will, vgl. auch ll'122 '12 in der Einleitung zu n"ix- Uleines Feuilleton. Das Grab des R. Abraham Luntenschütz. Endingen und Lengnau — die beiden Stamm- und Muttergemeinden der schweizerischen Iudenheit besitzen seit nahezu 200 Jahren ein gemeinschaftliches großes N112P.1 N'2welches dem heutigen Besucher wie eine Totenstadt mit über zwei Tausend Bewohnern vorkommt. Dieses alte ehrwürdige n'2 ist der schweizerischen Juden schönstes Kulturdenkmal, das ihnen — aber auch; uns Fernstehenden — Vieles und Interessantes aus vergangenen Zeiten erzählt. Manche mn 'Vm liegen da begraben, unter denen auch der berühmte Rabbi Luntenschütz über welchen der in Frankfurt in bester Erinnerung stehende Herr Lehrer Michael Neuberger in Lengnau im „Jüdische Wochenblatt" der Schweiz einiges mitteilt: Die Grabstein-Inschrift des vor 106 Jahren Heimgegangenen großen Gelehrten Reb Awrohom Jizchok Luntenschütz. Rabbiner von Endingen-Lengnau in den Jahren 1813—1819, lautet wörtlich: