Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1924)
- Date
- 1924-08-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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28. August 1924 vir. 35 Seite 5 Der Israelit Zusammenhang mit dem Uebertritt Hans Herzl's zum Katholizismus erklärt, ein Jude, der die katholische Religion annimmt, bleibe ein Jude. Herr Angreß widersprach entschieden der Auffassung, daß ein zum Katholizismus übergetretener Jude sein Nationalgefühl verloren hat. Sollte dies wirklich der Fall sein, so wäre es die Schuld der Juden, aber nicht die der katholischen Kirche. Von der Seite der Judenheit erhebe man Einspruch, wenn ein Jude den katholischen Glauben annimmt, die kacholische Kirche dagegen läßt die Nationalität unangetastet. Die Juden könnten innerhalb der katholischen Kirche ihre jüdische Nattonalität behalten. . . . Bekanntlich erklärt auch Pater Schlesinger, der den Taufakt an Hans Herzl vornahm, er fei, obgleich getauft, ein nationaler Jude und Zionist. Er habe feine besonderen Ansichten hinsichtlich einer judenchristlichen nationalen Bewegung. Pater Schlesinger ist der Schwager des ebenfalls von Juden abstammenden Lichters und Dramatikers Hugo von Hofmansthal. (J.T.A.) London, 20. August. In einer Zuschrift an die I. T. A., die sich mit Hans Herzls Uebertritt zum Christentum beschäftigt, schreibt Israel Zangwtll, er glaube, daß Dr. Herz'ls Sohn eine Lösung in der Judenfrage auf dem Wege des Massenübertritts der Juden zum Christentum sieht, da er für sich erkannt habe, daß Palästina gegenwärtig keine Aussicht auf eine solche Lösung bietet. Zur Illustrierung des Gegensatzes zwischen Vätern und Söhnen weist Zangwill auf die Tatsache hin, daß der Sohn des konservativen Expremiers Baldwin ein Führer der Arbeiterpartei ist. Das Kolonisationsangebot des Präsidenten Calles. N e w y o r k, 20. August. Am 18. August begann unter dem Vorsitz des Herrn Louis Marshall die Konferenz des Notkomitees für jüdische Flüchtlinge, das sich aus den Vertretern fast aller jüdischen Hilfsorganisationen Amerikas zusammensetzt. Auf der Tagesordnung stand als erster Punkt das Koloniesationsangebot des neugewählten mexikanischen Präsidenten Dr. Calles. Dr. Calles hat bekanntlich «unmittelbar vor seiner Europareise den Newyorker I. T. A.-Vertreter empfangen und ihm gegenüber das Angebot gemacht, des Inhalts, daß die mexikanische Regierung für eine Kolonisierung der jüdischen Flüchtlinge und Emigranten, die infolge des Einwanderungs-Einfchränkungsgefetzes der Vereinigten Staaten nicht mehr in dieses Land kommen können, genügend bestellbares Land in Mexiko zur Ansiedlung bereitstellen, sowie die Möglichkeit einer umfangreichen industriellen Kolonisation jüdischer Arbeiter schaffen wolle. Die Konferenz beschloß, eine Kommission aus Sachverständigen zu ernennen, die das Angebot des mexikanischen Präsidenten auf seine Realisierbarkeit hin an Drt und Stelle prüfen soll. Die Kommission, die als eine repräsentative Vertretung der amerikanischen Judenheit ungesehen werden kann, wird sich in ganz kurzer Zeit mach Mexiko begeben. (Siehe auch Korrespodenz Berlin.) Palästina. Der Sabbat im Bahnbetrieb. Jerusalem, 15. August. Bei dem jüngsten Besuch von Vertretern des Waad Leumi beim Oberkommissar wurde auch die Sabbatsrage in Verbindung mit den öffentlichen Arbeiten erörtert. Es wurde darauf hingewiesen, daß während am Sonntag bei den Bahnen kein Ausladepflicht besteht, man am Sabbat bei Nichtausladung Standgeld zahlen müsse, woraus den jüdischen Kausleuten ein Schaden . entsteht und in vielen Fällen sogar Sabbatentweihungen sich ergeben. Der Oberkommissar erwiderte, die Schwierigkeit liege darin, daß die Welt und mit ihr die europäischen Schiffe den Sonntag einmal als gesetzlichen Ruhetag hätten, wonach sich auch die Bahnen richten müssen, wenn nicht schwere Stockungen im Transportwesen eintreten sollten. Im Falle einer Berücksichtigung des Sabbat neben dem Sonntag werden sich die Araber ein gleiches Recht auch für den Freitag er- ,Zwingen, was zu unmöglichen Verhältnissen führen würde. Es müßte eine Lösung auf anderem Wege gesucht werden. Ein Veduinenstamm sucht Aufnahme ins Judentum. Scheich Mustapha, das Oberhaupt des Beduinenstammes Al Shmalni, der, wie berichtet, um feine Aufnahme in die jüdische religiöse Gemeinschaft nachgesucht hat, hat in einer Unterredung mit jüdischen Besuchern erklärt, daß der Entschluß des Stammes zum Uebertritt aus zwei Gründen, einem historischen und einem ökonomischen, gefaßt worden ist. Der histerische Grund ist der: Vor 80 Jahren kam ein Beduine aus Aegypten nach Palästina. Er hieß Simlon (hebräisch Simon) und war jüdischer Herkunft. Cr heiratete eine Frau aus dem ägyptischen Stamm Masarow, der in Transjordanien feinen Stammsitz hat. Sie brachte sechs Kinder zur Welt. Die Nachkommen dieser sechs bilden den Stamm Al-Shmalni. Simlon war jüdischer Religion, er wurde jedoch durch Verfolgungen seiner mohammedanischen Nachbarn gezwungen, zum Islam überzutreten. Vor einiger Zeit, berichtete der Mukatar weiter, hatte einer der Beduinenhäuptlinge, Ibrahim Abdualle, einen Traum: Einer der Stammväter erschien vor ihm und forderte ihn auf, daß er den ganzen Stamm wieder dem Judentum zuführen solle. Was die wirtschaftliche Seite anbetrifft, so hält sich der Stamm Al-Shmalni hauptsächlich in der Äegend von Tabghal an den nördlichen Ufern des Kinereth-Sees auf und ihr Land ist auf den Namen einer reichen mohammedanischen Familie Murad of Safed eingetragen, die das Land nun als eigenen Besitz ansieht. Der Stamm hofft, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft sein Recht auf Landbesitz zu erlangen. (I. T. A.) Aus aller,Welt. Deutschland. Antisemitische Blätter behaupten, Professor Einstein habe nach dem Kriege die schweizerische Staatsangehörigkeit erworben. Dem gegenüber stellen schweizerische Zeitungen fest, daß Professor Einstein bereits 1902 als eidgenoösfifcher Beamter und Professor der Technischen Hochschule Schweizer Bürger war. — Die Verhaftung des bekannten Rechtsanwalts Dr. Klee hatte in weiten Kreisen große Erregung heroorgerufen. Es wurde ihm zur Last gelegt, einem seiner Klienten zur Flucht oerholfen zu haben, was aber von eingeweihter Seite bestritten wird. Klee ist inzwischen aus der Haft entlassen worden. — In Ingolstadt wurde von antisemitischer Seite ein Bombenattentat gegen die Eisenhandlung Cohn u. Halber st adt verübt, ras noch rechtzeitig vereitelt werden konnte. Die Täter ind noch nicht entdeckt. — Der Direktor des Central- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Dr. Ludwig Holländer richtet in der „C. V.-Zeitung" ein offenes Schreiben an den Reichsminister Dr. Jarres in Verbindung mit der Nichtzulassung eines jüdischen Feldgeistlichen bei der von der Reichsregierung veranstalteten Kriegsopfergedenkfeier. — Im „Deutschen Tageblatt" verlangt der bekannte Antisemit Mulle eine staatliche Uebersetzung des Talmud. Die Verunglimpfungen in der Schlögelchen Uebersetzung scheinen ihm nicht zu genügen. — In Berliner Zeitungen geht eine Aussprache zwischen dem Nationalverband deutscher Offiziere und dem Verbände nationaldeutfcher Juden. Auf einen offenen Brief Max Naumanns antwortete der Nationalverband der Offiziere in wenig schmeichelhafter Weise, worauf jetzt Dr. Naumann eine neue Erklärung in den politischen Zeitungen veröffentlicht. — Arthur Sinter wurde von seiner Partei gezwungen, die Obmannschaft seiner Fraktion niederzulegen.' Es verlautet, daß ihm auch das Reichstagsmandat genommen wird. — An der Synagoge des Talmud-Thora-Vereins in Leipzig wurde von Bubenhand Brandlegung versucht, was glücklicherweise von Polizisten noch rechtzeitig bemerkt wurde. Der Brand wurde gelöscht. — Das Borkumlied, das auf der Insel zu mannigfachen Prozessen zwischen Gemeinde und Badeverwaltung geführt hat, wird demnächst das Oberverwaltungsgericht beschäftigen. Oesterreich. Das staatliche österreichische Verkehrsbüro veranstaltet eine Gesellschaftsreise nach Palästina und Egypten, die vom 22. Oktober bis zum 11. November dauern wird. — Die Notlage unter den jüdischen Studenten in Wien hat sich noch wesentlich vergrößert, seitdem die Mensa Academica aus Mangel an Mitteln geschlossen werden mußte. Schweiz. Auf der Ende August in G e n f und Bern tagenden Interparlamentarischen Union werden auch Juden vertreten sein. Die Abgeordneten Rabbiner Nurok aus Lettland. Dr. Leon Reich aus Polen und Dr. Abraham Nobinsohn aus Litauen werden an den Beratungen teilnehmen. Rumänien. Eine Gruppe Faszisten hat dieser Tage sämtliche Fensterscheiben der Jassy er Synagoge auf dem sogenannten Holzplatz eingeschlagen. Persien. Rabbiner Josef Kornfeld, der bisherige Gesandte der amerikanischen Union in Persien, hat, wie bereits berichtet, sein Amt niedergelegt und verläßt am 1. September Teheran. Bei den vielen Verfolgungen, denen die Juden in Persien ausgesetzt sind, wird der Fortgang dieses tättgen Mannes allgemein bedauert. Personalien. Fulda, 25. Juli. In der Nacht zum nnanar? schloß hier Frau Witwe Adelheid Stern geb. Gerber im 85. Lebensjahre ihre müden Augen. Von Jugend an war ihr ganzes Schaffen und Streben in erster Linie der genauesten Befolgung auch der kleinsten Mizwoh gewidmet und in ihrer Heimatstadt Gersseld war sie schon als junges Mädchen als Trägerin edler jüdischer Jugenden bekannt gewesen. In ihrer Ehe war sie ihrem Gatten eine wahrhafte ^rrnsm, von der man mit Recht ausrufen durfte: nV’V nis?a vpni. In aller Sorge um den Alltag aber hat sie in unerschütterlicher &■>»» nan» jedes Gebot de-; jüdischen Pflichtenkreises geübt. Und als sie nach dem Tode ihres Gatten von Hammelburg nach Fulda zu ihren Kindern übersiedelte, war auch hier der Kreis ihrer Verehrer und Bewunderer bald ein großer geworden. Und in der Tat war es staunenswert und rührend zugleich, wie diese Frau als 83 jährige o’Vin mpa ni»v und wjk bv ivn übte, wie sie in den Slichaustagen allmorgendlich in „Schul" zu sehen war. Aber auch zu Hause sah man sie in ihren Greisentagen nicht müßig sitzen und wenn sie sich nicht im Haushalt noch irgendwo nützlch machen konnte, so las sie in irgendeinem nao' sei es noia oder n^rm. All diese Eigenschaften der Heimgegangenen echten und treuen Jüdin schilderte Herr Provinzialrabbiner Dr. Leo Cahn, Fuldain ergreifenden Worten bei der nmap* rraxim. Bremen, 23. Aug. Amianr '»fand die feierliche Einführung unseres neuen Rabbiners statt. Nach beendetem nraa Gebet wurde Herr Rabbiner Dr. Aber vom Gemeindevorstand in die festlich erleuchtete, bis auf den letzten Platz gefüllte Synagoge geführt, während Herr Kantor Seif iaiv-na sang. Der erste Gemeindevorsteher, Herr Marx M a r k r e i ch, sprach von Herzen kommende und zu Herzen gehende Worte der Erinnerung an den Mann, der vor einem Jahr uns allzufrüh genommen wurde. Soweit es Worte vermögen, zeichnete er noch einmal kurz das Lebensbild unseres unvergeßlichen Rabbiners Dr. Rofenak Vst, intfem er feine umfassende aufopferungsvolle Tätigkeit hervorhob. In einen herzlichen Willkommensgruß und den Wunsch, daß es dem Neugewählten bald gelingen möge, den Kontakt mit den einzelnen Gemeindemitgliedern herzuftellen, klang die Begrüßung aus. Nach dem Vortrag des 128. Psalms bestieg Herr Rabbiner Dr. Aber die Kanzel. Auch er gedachte der Verdienste, die Herr Dr. Rosenak b*w sich vor allem als Feldrabbiner erworben hatte. Die Pflichten eines Rabbiners unterscheiden sich - in nichts von denen eines jeden Jehudi. Das aa-pim run müsse das Leitmotiv für jeden sein, und wenn die Aufgabe eines Rabbiners schon eine besondere sei, so sei es die. darob zu wachen, daß dieser Geist bei jedem in der Gemeinde lebendig bleibe. Die Jugend vor allem müsse anhand der alten Geistesgrößen wieder für die n-nn gewonnen werden. Das entscheidende Alter sei die Zeit nach der man na, die Zeit des erwachenden Geistes und Herr Dr. Aber sprach die Bitte aus, daß mit dem Mißstande gebrochen werde, die Kinder sofort nach der rma na vom Religionsunterricht fernzuhalten, sondern wenigstens bis zum Ende des schulpflichtigen Alters ihnen die Unterweisung zu gewähren, die, wenn sie in richtiger Weise vermittelt werde, richtunggebend für das ganze fernere Leben fein könne. Zum Schluß bat er in einem tiefempfundenen Gebet den Lenker unserer Geschichte um seinen Beistand. Herr Kantor Seif sang dann noch in formvollendeter Weise 7i"na oii-v vn, woran sich das xiatr n^ap-Gebet anschloß. Möge es Herrn Rabbiner Dr. Aber vergönnt sein, als würdiger Nachfolger für Herrn Dr. Rosenak der nmn in Bremen weiterhin ihre Stätte zu bewahren und für die Ausbreitung zum Wohls für unsere Gemeinde und des ganzen Judentums zu wirken. Bratislava, 20. Juli. Vor kurzem verschied unerwartet Frau Selma Steiner, Gattin des allbeliebten und bekannten Herrn Hermann Steiner, des Altchefs der bekannten Buchhandlungsfirma Sigmund Steiner. Von einer Badereise aus Franzensbad zurückgekehrt, erfreute diese unvergeßliche w« durch ihr blühendes Aussehen noch ihre Familie, da wurde sie allen, die sie liebten und verehrten, plötzlich entrissen! was “jVa na nniaa i-a Als eine wirklich echt jüdische Frau lebte sie fast nur ihrer Familie! Aber diese mm hat sich stets und bis zum letzten Atemzuge über ihren familiären Wirkungskreis hinaus betätigt. In der nvn ni"»a-Tätigkeit ihres Gatten konnte man keine bessere innua nw, als diese leider allzu früh Verblichene als Muster aufstellen. Mit ihrem schlichten bescheidenen Wesen übte sie als Mitglied sämtlicher Wohltätigkeitsanstalten unserer orthodoxen Gemeinde eine bewundernswürdige Tätigkeit aus. Daß Frau Selma Steiner durch echte Herzensfrömmigkeit all ihre Kinder rirrn'ni rmm -»am bv leitete, oedarf nicht erst der Erwähnung. Im Trauechause sprachen der greise Gatte, dann der Präses des Mädchenwaisenhauses und der ältere Sohn in erschütternden Worten, auf dem Friedhofe hielt Rabbiner Donath einen ergreifenden sonn sowie der zweite Sohn. n"aam»