Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1924)
- Date
- 1924-08-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1! I! I i i i j t § z v?< i E \ ■t 5? i i 'i i j k l i? % r! i i >!• 1 \ Seite 4 Nr. 34 Der Israelit 21. August 1924 der Tragweite dieses Eingriffes in die feit ungezählten Generationen verbürgten Rechte einer Massenbevölkerung inne werden. Wo die Toleranz versagt, sollte die Klugheit vor einem solchen Schritte zurückschrecken lassen, in einem Lande und einer Stadt, wo die Juden den produktivsten Teil der Bevölkerung bilden und für den Aufbau einfach unentbehrlich sind. Hans Herzl katholisch. Am 20. Juli, an dem Tage, da, nach Wiener Berichten, 20 000 Juden zum Grabe Theodor Herzls auf dem Wiener jüdischen Friedhof wallfahrten, um den Begründer des Zionismus an seinem zwanzigsten Jahrzeitstage zu ehren, just zu dieser Stunde vollzog der einzige Sohn Theodor Herzls, Hans Herzl, im Dominikanerkloster zu Kaltenleutgeben bei Wien den liebertrittzumkatholischenChristentum. Eine Tragödie der Weltgeschichte, aber Tragödien haben ihre Vorspiele und Vorgeschichten. So wird auch diese sensationelle Taufe nicht als Einzelfall abgetan werden können. Wir sind weit davon entfernt, den Zionismus als solchen mit dieser Fahnenflucht zu belasten, noch weit weniger wird man den toten Vater für den Verrat des Sohnes verantwortlich machen können, der den zehnjährigen Knaben vaterlos mit dem schweren' Erbe eines großen Namens hinterlassen hat. Und bei dieser Gelegenheit wird es dem Zionismus zugute geschrieben werden müssen, daß dieser Taufe gegenüber unzählige Fälle stehen, in denen der Zionismus Wegeverlorene vom Taufbecken zurückgehalten hat. Zum Nachdenken stimmt dieser Fall nichtsdestoweniger, auch wenn es wahr sein sollte, was die zionistische Presse betont, daß da rein psychopathische Gründe mitspielten, er ist und bleibt von tiefer tragischer Symbolik. Symbolisch für die Verwirrung, die die Doktrin der Lostrennung des jüdischen Nation a l ismus von der jüdischen Religion in jugendlichen Köpfen angerichtet hat. Denn, und das macht die Sache noch tragischer, Hans Herzl will Zionist bleiben, christlicher, katholischer Jude, wie es fein Lehrer und Führer, richtiger Verführer Pater Schlesinger ist, der das Ressort „christliches N a t i o n a l j u d e n t u m" innerhalb der katholischen Judenmission vertritt und bearbeitet, wie man es auch vor Jahresfrist in Prag erlebt hat, wo bei einer Volkszählung auf den Listen so und so viele jüdische Juden, katholische Juden und evangelische Juden figurierten. Das Wort von der „Religion als Privatsache" stammt vom Vater, die T a t der Religionsabstreifung vom Sohne, der, nicht als erster, das Wort so deutet, daß es Privatrecht des Zionisten ist, unbeschadet seines jüdischen Nationalismus, den Väterglauben zugunsten einer anderen Religion, die vielleicht mehr politische und soziale Bewegungsfreiheit verspricht, ganz über Bord zu werfen. So hat es Herzl selbst nicht gemeint und sicherlich will das Gros der Zionisten das Wort n i ch t so gedeutet haben. Herzl sprach auch von der „Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland", worunter er allerdings nicht die Rückkehr zur jüdischen Religionstreue, sondern i zur jüdischen Kultur einschließlich des traditio- ' nellen religiösen Einschlags verstand. Aber; Herzl hatte es mit Moses Mendelssohn gemein,! daß sie im besten Wollen und Glauben kein Auge für die nächste Zukunft hatten, keinen Sinn für i die Folgen von Lehr- und Grundsätzen, die nicht < auf jüdischem Boden gewachsen, sondern von i außen hineingetragen werden. Bei Mendelssohn ] hieß es für den Einzelnen: sich im Kulturleben i dem Wirtsvolke anpassen, bei Herzl hieß es für i die Gesamtheit: sich im Staatsleben den Völkern | anreihen. Uureifen und geiftigUnsteten haben diese ' Lehren die Tür nach außen ganz geöffnet. Hans i Herzl hat sich schwer versündigt gegen den Geist , und das Lebenswerk des Vaters. Aber Hand I aufs Herz! Wer kann ihm eine Verfehlung gegen i den „I irden st aa 2" vorwerfen, wo die Reli- 1 gion bei der Gründung der jüdischen Heimstätte überhaupt nicht in Betracht kommt; oder gegen „A l t n e u l a n d", wo sich gute Christen ohne Religionswechsel zum Nationaljudentum bekennen und auch am Jnnenbau und der Innenausstattung des nationalen Heimes kräftig Mitarbeiten?" Daß es heute wie damals eine Geschichte von „Vätern und Söhnen" ist, bringt die Synthese Mendelssohn-Herzl, die Wesensgleichheit der kulturellen Reform zu Beginn mit der nationalen Reform am Ende des vorigen Jahrhunderts näher, als alle rhetorischen und ideologischen Ausführungen es bisher vermochten. In der zionistischen Welt wird der Uebertritt als wahre Katastrophe empfunden. Mit den Versuchen, Hans Herzl als geistig minderwertig abzuschütteln, kann die symbolische Bedeutung ves Falles nicht abgeschwächt werden, er sollte in den leitenden Kreisen zum tiefen Nachdenken anregen. Die Epochen des Niedergangs und die Genien des Aufstiegs in der jüdischen Geschichte. Von Dr. Adolf Attmann, Oberrabbiner in Trier. (Schluß.) Aber wo und welche sind die etwaigen mächtigen, über die Zeit hinausreichenden und die Dauer aller Verhältnisse überragenden Ewigkeitserrungenschaften aus diesen beiden Epochen? Man wird sagen: Nun denn, naVtf selbst mit feiner hohen naan und das Bes Hamikdofch, das er erbauen durfte in der einen Epoche und die Emanzipation der Juden in der andern. Aber kann das nur annähernd in Vergleich gestellt werden mit den höchsten Ewigkeitswerten aus den Niedergangsepochen, die wir aufgezählt, mit dem Genius Maufcheh und der heiligen min, den d'8'22, den Hafchmaunoim, usw.? Die Weisheit Sch'laumaus war groß und gereicht uns zur höchsten Ehre, allein welchen Dauereinfluß hatte diese hocharistokratische, den Glanz des Königshofes erhöhende Klugheit auf die breiten Massen des Volkes gewonnen. Kaum hören wir aus dieser Zeit von hochragenden Propheten, gewaltigen Helden und dergleichen mehr. Die Ueppigkeit und das Wohlleben ersticken viele der besten Keime. Und was das Heiligtum betrifft, das gewiß immerdar unseren Stolz und unsere gläubige Sehnsucht bilden wird, so haben wir ja gehört, daß es zweimal den Anstürmen des Verfalls nicht standhalten konnte.Es war eben in seinem äußeren Sein keine so tiefeinschneidende, Sein- oder Nichtsein des Judentums berührende Macht, wie z. B. Thauroh und Newiim. Wie ja Rabbi Jochanans Hinweis Rabbi Josua den Ehananja tröstete: Der Tempel aus Stein und Holz kann stürzen, aber nicht das Heiiglum der Mizwaus. Aehnlich erging es auch mit der Judenemanziptiaon. Ein Weltkrieg hat genügt, um den ganzen schönen Traum in Frage zu stellen. Was haben wir von allen den herrlichen papiernen Rechten? Ein einziger Wechsel in der Stimmung der Massen oder der Regierenden genügt, sie alle über den Haufen zu werfen. Könnten ein paar jüdische Minister und eine Handvoll jüdischer Offiziere, ein paar Abgeordnete und dergleichen mehr von diesen verlockenden Dingen das Judentum retten? Haben sie es jemals gerettet oder auch nur zu retten versucht? Sind nicht gerade die, die am allerbesten die Früchte der Emanzipation genossen, zumeist die ersten gewesen, die den Judenmantel abgeworfen und sehr schnell nichts wissen wollten von dem jüdischen Ursprung? Und hat nicht gerade mit der Emanzipation und in deren Folge mehr der moderne wirtschaftliche und intellektuelle Antisemitismus eingesetzt, dieser gefährlichere Bruder des Glaubenshasses, weil er auf Neid und Mißgunst und nicht auf einem bloßen Geistesprinzip . aufgebäut ist? . V! Darum und nach alledem ist das Fazit der Sache für uns Juden so: Nicht himmelhoch jauchzen im Glücke, denn es gehört immer ein Fragezeichen dahinter; und nicht zu Tode betrübt fein im' Leid, denn wir dürfen danach getrost einen Gedankenstrich setzen. Viehexmut, wenn es uns gut geht, und Verzweiflung, wenn es uns schlecht geht, haben etwas Gemeinschaftliches: sie führen Heide zum Verfall. Lernen wir aus unserer erhabenen Geschichte, in beiden Fällen stark sein. Vom Staube hoch hinaufzublicken zu den Sternen und von den Sternen verständnisvoll herniederzuschauen zum Staube. Dann werden sowohl die Epochen des Niedergangs als die des Aufstiegs nur Genien des Heils für uns zur Folge haben. Möge uus der Genius unserer Zeit, die jüdische Jugend, und dieser als leuchtende Fackel voran die thoratreue Jugend einen heilvollen Aufstieg hinangeleiten. Das ist der Weg, der mit narr 'intim naK nwa anhebt, sich fortsetzt mit der Begeisterungsglut der önra* sich befestigt durch unsere treuen rnnaa , dabei hineinführt in die stille Klause des pyw.i rnu in das liebliche Idyll unserer rarnp n^np und in das tiefe Gemütsleben der v'av nm* zum festen Bestände unseres nimmer untergehenden, geliebten Judentums, dem wir mit allen Fasern unseres Lebens angehören wollen. llsnerponaenre« « NacbUcdteu. Wanderunterricht in lehrerlosen Gemeinden. Franksurta. M., 18. August. Aus dem Büro der „Freien Vereinigung" wird uns geschrieben: Seit Anfang dieses Jahres hat die „Freie Vereingung" im Verein mit dem „Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands" und der „Agudas Jisroel" in ungefähr -40 Gemeinden, in welchen sich keine Lehrer befinden und wo Kinder teilweise schon seit Jahren keinen Religionsunterricht bekommen, den Religionsunterricht erteilen lassen; gleichzeitig wird auch mit Erwachsenen gelernt, vor allem Kizzur Schulchan Oruch Und Chumisch mit Raschi. Die Erfolge, die bisher erzielt worden find, find außerordentlich erfreulich. Ein großer Teil der den Unterricht erteilenden Wanderlehrer sind Kaufleute sowie Hörer der Frankfurter Jeschiwoh, die alle ohne Vergütung sich ihrer Aufgabe widmen. Außerdem sind einige Wanderlehrer gegen Honorar angestellt, die oft in bewundernswerter Weife keine Strapaze scheuen, um in die entlegensten Gemeinden zu kommen. Dieses Werk könnte noch bedeutend weiter ausgebaut werden, wenn die nötigen Mittel dazu reichlicher flössen, denn trotzdem der größte Teil der Wanderlehrer sich der Sache ehrenamtlich widmet, müssen doch die angestellten Lehrer standesgemäß bezahlt werden. Die „Freie Vereinigung" bittet daher, dieses segensreiche schöne Werk zu unterstützen und ihr für diesen Sonderzweck reichliche Beiträge auf Postscheckkonto Nr. 9822. Frankfurt, ä. M. zukommen zu lassen. Vom jüdischen Friedhöfe zu Weißensee. Berlin, 17. August. In der Versammlung des Prenzlauer Torbezirks, zu welchem der jüdische Friedhof in Weißensee gehört, wurde auf einen Antrag des Berliner Magistrats verhandelt, der den Abschluß eines Kaufvertrages mit der Familie Bötzow über den Verkauf eines großen Geländes zur Vergrößerung des jüdischen Friedhofes in Weißensee betrifft. Bürgermeister John sagte, daß. der ganze wohldurchdachte Bebauungsplan durch diesen Eingriff in die Brüche gehe, ja, daß ganze Straßenzüge durch die Einlagerung des Friedhofes als Sackgasse enden mühten. So gern man jeder Religionsgemeinschaft alle Freiheit zur Bestattung ihrer Toten lassen wolle,' so müsse doch hiergegen Widerspruch,, erhoben werden. Es