Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1924)
- Date
- 1924-08-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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y<r. 33 Seite & 14 August 1924 lieber den Nutzen und die Existenzberechtigung des jüdischen Lungensanatoriums in Davos vom ärztlichen Standpunkte aus. Von Prof. Dr. Mruno Wkoch in Zürich. Die neuere Forschung über die verheerendste, kein Alter und keinen Stand verschonende Volksseuche, die Tuberkulose, hat uns vor allem zwei Tatsachen kennen gelehrt, deren Kenntnisse heute wohl ganz allgemein geworden sind. Es sind das die enorme Verbreitung der tuberkulösen Infektion, die über 90 Prozent aller Menschen einmal im Leben befällt, und — als Gegengewicht — die Ueberzeugung, daß die meisten dieser Infektionen restlos erlöschen und daß es ^gelingt, auch sehr viele Fälle, die einstmal einen schlimmen Verlauf nahmen, wenn sie früh genug erkannt werden, durch geeignete Maßnahmen völlig auszuheilen. Dieses Ziel zu erreichen gibt es mannigfach e W e g e. Es, steht aber heute über allem Zweifel test, daß es für denjenigen, der das Unglück gehabt hat, an Tuberkulose zu erkranken, kein besseres Mittel gibt, seine Gesundheit wieder zu erlangen, als sich einer Kur an einem geeigneten Orte im.Hochgebirge zu unterziehen. Zwar verfügt die medizinische Wissenschaft auch über Mittel, um im Tieflande zum Ziele zu gelangen, und es ist, allerdings mehr aus einer äußeren Notlage heraus als aus innerer Ueberzeugung, in den letzten Jahren, speziell in Deutschland, auf diese Möglichkeit hingewiesen worden. Aber die Erfahrung, daß die Tuberkulose, vor allem ihre häufigste und gesürchtetste Form, diejenige der Lungen, nirgends so rasch und, falls nicht, zu weit fortgeschritten, nirgends auch nur mit annähernd derselben Sicherheit wie in den Gebirgsstationen ausheilt, ist durch so viele Tausende von Beobachtungen unterstützt, daß sie heute als eine der sichersten und unerschütterlichsten Tatsachen in der Medizin gelten kann. Die Ansicht, die etwa in Laienkreisen herrscht, es genüge einfach eine bestimmte Höhenlage, um diese günstige Wirkung hervorzurufen, ist keineswegs richtig. Erst das Zusammentreffen einer ganzen Reihe von klimatischen Faktoren stempelt einen Ort zu einer Stätte der Tuberkulosenheilung. Eine solche Kombination günstiger Heilfaktoren findet sich nur selten vereinigt und deshalb kennen wir nur wenige Punkte, die sich im Kampfe gegen diese gefürchtete Krankheit bewährt haben. An der Spitze dieser Stätten steht, was Alter und Bedeutung angeht, der Kurort D a v o s. Es gibt keinen anderen Punkt der Erde, mit dessen mit den Jahäszeiten wechselnden klimatischen Verhältnissen wir so eingehend vertraut sind, wie gerade über Davos. Diese Kenntnisse verdanken wir den über Jahrzehnte sich hinziehenden genauen Beobachtungen und Forschungen von Prof. Dorno. Seine allgemein anerkannten grundlegenden Untersuchungen haben gezeigt, auf welchen meteorologischen und physikalischen Grundlagen das Klima von Davos sich aufbaut. Sie.bilden gewissermaßen die Erklärung dafür, warum sich der Lungenkranke in Höhenkurorten wie ^-avos so viel wohler fühlt als im Tale und weshalb so viele -.ranke, die im Tieflande keine Fortschritte machen, bier Gesundheit und Kraft wiedererlangen. Diese klimatischen Vorzüge sind: niedriger Luftdruck, ausgiebiger Windschutz, geringe'Bewölkung, trockene Luft — in bezug auf die Trockenheit der Luft yr Davos etwa dem"um Rande der Sahara gelegenen TimbuktU gleichzustellen — intensive Sonnenbestrahlung, die Nebelfreiheit und eine ca. 5 Monate andauernde, vor Staub schützende Schneedecke. Ein besonderer Vorteil besteht noch darin, daß der Wind von der Seite her weht, die der Sonne entgegengesetzt ist. Daher kann der Patient auf der D' e r Israelit Loggia sich der Alpenluft und dem Lichte aussetzen,' ohne von dem Winde belästigt zu werden. All das hat zur Folge, daß der Kranke die anregenden Wirkungen, die vom Höhenklima auf seinen Organismus ausgehen und welche die direkten Folgen der verdünnten Luft und der Isolation, sind, in Davos in einem Mäße ausnützen kann, wie kaum anderswo. Ohne die üblen Folgen von Temperaturstürzen, Feuchtigkeit oder übermäßiger Luftbewegung fürchten zu müssen, kann er zu jeder Jahreszeit den größten Teil des Tages im Freien zubringen. Es bildet ja auch immer wieder für die Neuangekommenen eine Ueberraschung, zu erleben, wie unabhängig von Jahreszeit und zufälliger Witterung der Körper hier sich fühlt, wie wenig er von der Kälte des Winters oder der Hitze des Sommers zu leiden hat. Neben der rein medizinischen Behandlung und neben diesen klimatisch-physikalischen Einflüssen spielt aber noch ein dritter, oft verkannter Faktor eine große, oft sogar ganz präponderante Rolle im Ablauf der Tuberkulose: es ist das psychologische Moment, Seine nicht hoch genug einzuschätzende Einwirkung wird auch heute noch oft verkannt. Und doch ist es klar, daß die Trennung von der Familie, das Herausreißen aus der alten, liebgewonnenen Umgebung und Tätigkeit, die Versetzung, in ein so ganz anderes, fremdartiges Milieu schon für den Gesunden einen Ehock bedeutet, wie viel mehr erst für den sensiblen Lungenkranken. Derartige seelische Erschütterungen gehen auch an dem körperlichen Befinden nicht spurlos vorüber; sie können, wie die tägliche Erfahrung des Arztes lehrt, den Gesunden krank und den Kranken noch kränker machen. Zum Glück werden sie gerade in den Alpen -durch die freudigen und erhebenden Eindrücke mehr als wettgemacht und darauf beruht die hervorragende Wirkung der Schönheit der Alpenwelt auf das Gemüt und den Organismus des Menschen. Wer könnte sich auch dem Zauber der grünen Tannenwälder, der bunten Weiden, der strahlenden Schneefelder und kühnen Firnen entziehen! Nur am Meere vielleicht läßt, sich in gleicher Weise die Umsetzung eines rein ästhetischen Momentes in einen erquickenden und gesundmachenden Prozeß beobachten. Eine weitere ebenso wesentliche psychologische Rotte spielt aber auch die engere Umgebung des Kranken und auch das ist eine alte, immer wieder bestätigte Erfahrung. Man hat aber dieser Erfahrung nicht immer genügend Rechnung getragen und dadurch gefehlt, daß man in einem und demselben Sanatorium zu verschiedene Elemente vereinigt hat. Dadurch können Reibungen uno Unzufriedenheiten entstehen, der Kranke fühlt sich fremd und von seiner Umegbung unverstanden, und er leidet darunter seelisch und körperlich. In den letzten Jahren ist n an daher hie und da, in Erkenntnis der Sachlage, dazu übergegangen, Sanatorien, für bestimmte Kategorien. von Kranken, die einander sozial oder ihrem ganzen Herkommen, Fühlen und Denken nach nahe stehen, zu errichten, neben den eigentlichen Volkssanatorien, die daneben immer noch ihre hohe Bedeutung, auch den Unbemittelten die Heilchancen zugänglich zu machen, bewahren. Dahin gehören schon die nach. Nationalilui geschiedenen Sanatorien, wie z. B. das englische oder das holländische. Hier ist vor allem die gemeinsame Sprache das Bindeglied. Noch viel deutlicher prägt sich dieser Ge danke in den seit ca. einem Jahr bestehenden schweizerischen Universitätssanätorium in Leysin aus. Seine Gründung, ein gemeinsames Werk sämtlicher Hochschulen unseres Landes, war von der Idee getragen, den lungenkranken Studie-, renden und Dozenten ein Heim zu bieten, dessen Milieu ihrer Bildungsstufe entspricht und geistige Anregung zu vermittteln vermag. Wer die Gründungsgeschichte dieser, dem Opfer- und dem Gemeinschaftssinn der Studentenschaft entsprungenen idealen Schöpfung und die Beweggründe seines Bromotors und jetzigen Leiters, Dr. Vauthier, kennt, weiß, daß es vor allem solche Motive waren, welche zu einer Verwirklichung geführt haben. Es war die geistige Not und Verlassenheit, in welcher sich früher geistig höher Stehende in den Sanatorien oft befanden, die den ersten Anstoß gaben. Ich glaube, daß die Idee und die Existenzberechtigung eines jüdischen Sanatoriums, wie es die „Etania" darstellt, auf ganz gleichem Grunde ruht. Auch hier handelt.es sich darum, Menschen, kranke Menschen, bei denen sich zur Krankheit noch die seelische Depression der Trennung vom Altgewohnten und Geliebten gesellt, die Wohltat zu verschaffen, sich, an einer Stätte auszukurieren, die nicht durch ihre Fremdheit und durch den Zwang, religiöse Pflichten und.Gewohnheiten zu verletzen, die Vorteile des Höhenaufenthaltes zunichte macht. Solche Bestrebungen werktätig zu unterstützen, ist gewiß eine schöne Aufgabe der Nächstenliebe und in unserer heutigen materiellen Zeit mehr als je vonnöten. Es ist aber auch vom Standpunkte des Arztes aus, der weiß, wie sehr der Erfolg seiner Therapie durch die seelische Verfassung des Patienten beeinflußt wirb, ein Werk, das reiche Früchte trägt. Davon legen deutlich die Berichte des ärztlichen Leiters der Anstalt Zeugnis ab. Für die Judenheit ist es eine Ehrenpflicht, das ihrige dazu beizutragen, daß alle die Hoffnungen und Erwartungen, die sich auf die Weiterexistenz einer solchen Stätte gründen, nicht zuschanden werden. Es wäre ein schlechtes Zeichen für chr Wohstätigkeits- und Gemeinschaftsgefühl, wenn sie an einer Aufgabe versagen würde, die viel schwächere Kreise^ wie z. B. die Studenten, gelöst haben. Deirtscher Reich. Korrespondenzen « Dacbricbten Berücksichtigung rituell lebender kaufmännischer Angestellter bei der Reichsversicherung. Frankfurt a. M., 11. August. Aus unserem Leserkreise wird uns mitgeteilt, daß kaufmännische Angestellte, die der Reichsversicherung für Angestellte unterliegen, im Falle der Kurbedürftigkeit den Antrag auf Berücksichtigung ihrer rituellen Lebensweise stellen können. Solche Anträge werden durchweg berücksichtigt. Reue Leiden in der Ukraine. Berlin, 11. August. Laut den offiziellen Mitteilungen sind in diesem Jahre in der Ukraine 382 000 Malariakranke registriert worden; etwa viermal soviel als im Jahre 1923. Am stärksten wütet die Epidemie in den Gouvernements Jekaterinoslaw, Odessa und Charkow; besonders ist dort die jüdische Bevölkerung von der Seuche bedroht. Die durch die Gesellschaft „Ose" geleiteten jüdischen medizinischen Anstalten in der Ukraine, sowie die von der „Ose" speziell organisierten Maläriastationen entwickeln eine intensive Tätigkeit, um der Ausbreitung der Epidemie unter der jüdischen Bevölkerung Einhalt zu gebieten. '' (I. T. A.) Geste«r»eich. Der Salzburger Hakenkreuzlerkag. Wien, 11. August. Auf dem gegenwärtig in Salzburg tagenden Hakenkreuzlertag stand natürlich die Judenfrage im Vordergrund. Ein Antrag verlangt die Einleitung einer Voklsabstimmung über die Judenfrage. Die Einreise ausländischer Juden nach Oesterreich, bzw. der Aufent-. halt hier soll beschränkt werden. Den Juden ist weiters das aktive und passive Wahlrecht in die österreichischen Vertretungskörper zu entziehen und die jüdischen Kinder sind in besonderen jüdischen Schulen zu unterrichten.