Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1924-08-14 · Heft 33 (14.8.1924) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 33 (14.8.1924)
Date
1924-08-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450286-2450318--71477-2528795
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 4 Nr. 33 Der I s r a,e i f t 14. August.1924 Ueberall aber ist die möglichst an Zahl und Wert großeMenge derBesucher die wahre„Hadras Melech", Ehrung des Weltenkönigs. Wo gar erst neue Lehrhäuser im Entstehen sind, sollte man, falls nicht großstädtische Entfernungen es notwendig machen, in ihnen eine ständige Betgelegenheit nicht schaffen. Es steht vieles auf dem Spiele. Nicht zu vergleichen ist die Treue eines in wohlgeordnetem Gemeindegottesdienste aufgewachsenen europäischen orthodoxen Juden mit der eines geborenen Winkelbeters zu seiner Liturgie und. ihren Melodien. Freilich müssen manche orthodoxe "großen Schulen" vorher ihre schablonisierte, traditionslose Musik ablegen. An den Thoragelehrten wäre es ferner, Klarheit über folgende Fragen zu schaffen, die in vielen Synagogen zum Unfrieden führen: 1. Darf eine orthodoxe Synagoge Piutim kürzen? 2. Darf sie, um. dies am gewöhnlichen Sabbat zu dürfen, eine „Haschkomo" veranstalten, und bis zu welcher Tageszeit ist diese Veranstaltung als solche zu bezeichnen? 3. Darf von der Ununterbrochenheit des Jomkippur-Gottesdienstes und von den „fünf Tagen des Frühaufstehens" (ö.tuk) abgewichen werden, oder ist dies als tu aüß uns allen zu betrachten? Unabhängig davon, wie die gelehrte Entscheidung über dies alles ausfallen mag, gestatte ich mir die Feststellung: Nur eine große orthodoxe Gemeindesynagoge, die alle diese Fragen im erschwerenden Sinne behandelt, und die außerdem dem ästhetischen Sinne der Beter in jeder Beziehung genügt, kann ein frommes Kehillomitglied aus einem jüdischen Kinde machen, welches h i e r h e u t e den Verlockungen des liberalen Kultus widerstehen soll. Denn nur in ihr lebt unzerstört die das ganze Jahr umspannende harmonische Vollkommenheit des um» als eine garnicht hoch genug einzuschätzende erzieherische Macht. Gegen dies weitsehende Argument müßten in Praxis alle halachifchen Hetterim zurückgestellt werden. Als größter und wichtigster Nebenraum der so gearteten Synagoge wäre das Lehrhaus der Gemeinde anzubauen. Dies müßte stets direkt vom Hauptraum aus nach dem Gebete erreichbar sein. (Wenn nachher winters der Lehrraum gelegentlich als Wochenbetsaal mitdient, so ist dies zwar auch schon ein Abweichen von unserem Prinzip der ästhetischen Macht der Synagoge, und sollte unter gewaltigsten Opfern vermieden werden; aber wenn schon, dann besser so, als die Synagoge, wie vielfach geschieht, ganz anderwärts auszuquartieren.) Aufs schlechteste bewährt haben sich in erzieherischer Hinsicht diejenigen Winkelsynagogen, die eigens geschaffen waren, um Knaben in Vorbeter- und Thoravorlesedienste einzuführen. So etwas geschieht viel besser in solchen Veranstaltungen, wie es z. B. früher der rühmlichst bekannte „Jugendgottesdienst" der Adaß-Jisroel in Berlin war und wie es noch bester der freiwillige Chordienst in anderen orthodoxen Gemeinden ist. Jede „große Schul" muß so eingerichtet sein, daß in ihr die Kinder beim Vater bezw. bei der Mutter zwecks praktischen Einführens in die Gebetordnung stehen können. Am Schluffe noch eine Frage an die Thoragelehrten: 4. Darf in einer Gemeinde, in der notorischer Weise niemand außer den 4—5 Beamten und 4 bis 5 zufällig „Verschlafenen" niemand Schachris mitbetet, weil nämlich jeder bei der Haschkomo öder zuhause, um essen zu dürfen, Schachris gebetet hat, um 6 Uhr jvnm? und dann um 9 oder %10 Uhr -p»D pt» - Lei'nen qvi» gebetet werden? — Auch hier rate ich, wieder ohne die Antwort theoretisch vorwegnehmen zu wollen, in erziehungspraktischer Hinsicht jedem Lehrer, Vorsteher und — Vater, darauf zu verzichten. Wer auch am ttu? nicht in den Tag hineinschlafen will, meint es gut; nur soll er dann in den Frühstunden durch Ler.nen Gott dienen und danach, durch nichts als einen warmen Trunk gelabt (zu dem nicht einmal die Früh-rron? gesagt sein müssen) am Gemeindegottesdienste teilnehmen. (Nur den Schulkindern und den Pflegebedürftigen, die nicht so spät nch im Gotteshause weilen können, mag weiterhin die „Haschkomo" ihre Dienste tun. Vesser jedoch, wenn auch das Schulkind am Sabbat frei ist.) Denn die schönste und heiligste Freude eines jungen jüdischen Gemütes ist: Die große Schul! Die Epochen des Niedergangs und die Genien des Ausstiegs in der jüdischen Geschichte. Don Dr. Adokf Mmamr, Oberrabbiner in Trier. (Fortsetzung.) groß uud seither nicht nennenswert bereichert worden sind. Und nicht zuletzt, dürfte ein Lied wie das „Mädchen von Huda" in der gegenwärtigen Zeit der Rückkehr zu uns selbst auch unsrer Gefühlswelt zugute kommen. Und das ist uns besonders von nöten. Wochenkalender. 16. — 23. August 1924 / 16. — 23. Ab 6684 Samstag Aug. 16 pnnm 16 Sk mm rav Sonntag 17 17 Montag 18 18 Dienstag 19 19 Mittwoch 20 20 Donnerstag 21 21 Freitag 22 22 Samstag. 23 23 Rosch-Chaudesch-Benschen Familiennachrichten. Barmizivo: Max Mani Freund, Sohn des Herrn Emanuel Freund, Rücker'str. 54. Synagoge Friedberger Anlage. — Gustav Schwab, Sohn, des Herrn Leopold Schwab. Rückertstraße 45. Synagoge Friedberger Anlage. Geburtstag: Herr Albert Einstein aus Fellheim (Schwaben) begeht am 25. August seinen 81. Geburtstag in geistiger und körperlicher Rüstigkeit. Als nach dem jwin rra pm die Exulanten Jehudos in das ^22 mV* gingen, die besten schier verzagen wollten und der Glaube an den guten Stern des Judentums ins Schwinden kam, da trat die hoheitsvolle Gestalt Jecheskels vor die Verzagten und Indifferenten hin und mit der Macht seiner zündenden und flammenden, von. Weisheit und rorw getragenen Gleichnisse und Reden gelang es ihm, den Mut und dadurch die Tatkraft aller zu heben. Besonders bewirkte das die erhabene mma von den irmsy ntmvi.'bte dazu gebracht würden, das m 121 zu vernehmen und Geist und Leben zu gewinnen. Wenn man diese Prophetie auf sich wirken läßt, so ist es einem, als spräche Jecheskel, über die Jahrtausende hinweg, direkt zu uns. Wenn die wenigen, noch übrig gebliebenen, unverfälschten Jereim unserer Zeit die Menge der so grundanders Gearteten betrachten, muß sich ihnen da nicht die wehmütige Frage auf die Lippen drängen: niassm N2"iir>N' können diese für das Judentum fast abgestorbenen Gebeine noch aufleben? Sind nicht die großen Massen der heutigen Juden, die teils aus Unkenntnis der großen Vergangenheit, teils aus Versunkenheit in ihre kleine Gegenwart jenen verdorrten Gebeinen gleich, von denen der Spruch ging: Gechwunden ist jede Hoffnung, sie sind verloren? Ist nicht jeder Liebe Müh vergebens, ein müßiges Beginnen, Geist vom alten Geist der mzmp in diese Leblosen zu bringen? Gar viele rneinen das und man kann es ihnen gar nicht verargen. Und doch ist es nicht so. Der Hauch jener wundertätigen Neubelebung eines Jecheskel ist nicht verschwunden und niemals verweht aus Jisroels Mitte. Damals hat sich für das größte seiner Wunder, für Tchijas Hameistim Hafchem des Propheten Jecheskel bedient, und heute mag sich vielleicht Hafchem für das Wunder der Techijas hanefchomaus eines anderen Zeitgenius bedienen, das ist die Jugend. Allem voran aber und die anderen Jugendlichen mit sich fortreißend, ist das Aufgabe der gesetzestreuen Jugend. Jugend steht der Jugend am nächsten, Und wenn auch die alten berufenen Führer es immer wieder versuchen müssen und gewiß gerne wollen, an die noch unbefangene Jugend heranzukommen, die taurotreue Jugend wird es doch am besten und sichersten treffen. Sie muß Jisroel aus den Gräbern der Selbstverleugnung, der Lethargie, des Umrüstens und der Selbstzerfleifchung herausheben. Sie muß Und wird die Zerfahrenheit, den Bruderhaß, den Unfrieden nicht durch künstliche neue Gebilde, sondern durch natürliche Wahrung und Betonung des Alten, Vorhandenen überwinden lehren. Diese Jugend wird dann auch das Judentum dem außenstehenden Menschentum näherbringen und unsere Achtung in der Welt erhöhen, denn durch sie wird die Haschgocho auf der ewigen Warte in unser Dasein Leben und in unser Leben Geist und .Sinn bringen. So sehen wir denn, daß die Epochen des Niedergangs, die geeignet erscheinen könnten, Schwache und Wankelmütige zu Verzweiflungskonsequenzen zu treiben, in einem freundlicheren Lichte zu betrachten sind. Das soll aber, wie gezeigt wurde, keinen Optimismus des Sichgehenlaffens bedeuten, sondern einen solchen des Regens aller guten Kräfte, die uns, immer in verschiedenen Genienformen, Hafchem verleiht. Auch ist damit nicht gesagt, daß die Epochen des Glanzes, der Ruhe und des friedlichen Wohlbefindens, weil sie sich an Genienproduktivität ärmer erwiesen, einfach nicht zu erstreben und zu beachten sind. Bewahre. Das Herz eines jeden guten Juden muß sich und wird sich immer erfreuen, wenn auf die Zeiten zurückgeblickt wird, da Jisroels Name geachtet war in der Welt, und der Jude etwas galt entweder in der alten heiligen Heimat oder in den sonstigen Ländern seiner Niederlassung. Wo, vor allem manche Mizwaus, deren Erfüllung nur von Jisroels rrfrun mbw rmi vpwn abhängen, fein Leben erhöhten und verschönten. Aber unsere Betrachtung soll lehren, daß Glück und Wohlergeehen, wenn sie an sich schon als Höheziele angesehen werden, zum Gegenteil des wahren Glückes sichren. Zudem ist bereits gesagt worden, daß das Judentum nur sehr wenige solche vollkommen glückliche und ungestörte Epochen aufweist. Es sind eigentlich bloß zwei (man höre und staune), bloß Zwei im Verlaufe von mehreren tausend Jahren. Und zwar sind es: erstens die Glanzzeit der ntöw nbrrnv, der Salomonischen Regierung und erst etwa dreitausend Jahre später, die Epoche der Judenemanzipation in Europa im vorigen Jahrhundert. Die übrigen sogenannten guten Zeiten, wie z. B. die Dowids, oder die der Geulas Bowel, oder der Chaschmaunoim u. a. m. sind nur sehr relativ glücklich gewesen. Zum Genüsse des Glückes kamen damals die Juden kaum, da vor allem die Ruhe und Ungestörtheit fehlte, was in der Salomonischen Zeit, wo jeder mm lasa rmn unter seinem Weinstock und Feigenbaum ein Leben der Ruhe führte, gegeben war und ähnlich in der Emanzipationszeit, wo man den Anbruch der Glückesmorgenröte im Geschicke des Judentums feiern zu müssen glaubte. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.