Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1924)
- Date
- 1924-08-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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14. August 1924 gesteckt Beide treffen zusammen und 'bedingen einander. Streben nach" außen wie nach innen, soziale Betätigung und innere sittliche Vervollkommnung stellen das Ideal wahren Lebens dar. Es gilt die Kreuzung und Durchdringung aller Lebenssphären. Die Erhebung der Realität zur Idealität, die innige Vermählung des Irdischen mit dem Himmlischen, des Seins mit dem Sollen. Materielles Wohl und geistiges Gedeihen, äußeres Glück und innere Seligkeit, Sicherheit und Fortschritt, kurzum '.die Synthese von Welt und Geist, die Harmonie von . Leib und Seele geben das zu erstrebende Ideal. Dieses Ideal muß auch das Programm der Aguda sein,, die nichts anderes sein will als der organisatorische Ausdruck dös: m,?n, jenes ewigen Vermächtnisses des sterbenden Vaters Israel an die unsterblichen „Kinder Israel", das da lautete: „Eintracht und Geist", und also die Vereinheitlichung der divergierenden Lebenssphären forderte. Denn Eintracht, einträchtiges Zusammenhalten, also straffe Organisation oder nilirr und Geist, der ja kein anderer sein kann als der von geben die Synthese dieser beiden Begriffe zu jenem höheren Einheitsbegriff von: rniirr.' Wochenrundschau. fmm Eine Ehrenpflicht der jüdischen Gesamtheit. Vor uns liegt der Jahresbericht des „H i l f s - vereins fürjüdische Lungenkranke in der Schweiz" für 1923, der seit sieben Jahren die Lungenheilstätte „Etani a" in Davos erhält und in dieser Zeit beinahe 1000 von Krankheit und Untergang bedrohten jüdischen Seelen Erholung, Genesung, Lebensrettung gewährt hat. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß in diese „Jahressabbatperiode" die schwersten Zeiten der wirtschaftlichen Kriegs- und Nachkriegskrise hineinfallen, so muß man die tiefste Dankbarkeit für die Tatkraft und die Zuversicht der Männer empfinden, die dieses wunderbare jüdische Liebeswerk ins Leben gerufen und unter fortgesetzten schwersten finanziellen Schwierigkeiten entwickelt haben. Sie sind dabei vom Ausland bisher keineswegs in genügendem Umfang unterstützt _ Der 3 5i q e l i t Word e n. Wir möchten darum den Aufruf a n die Judenheit aller Länder, der dem Berichte vorausgeschickt wird, der besonderen Aufmerksamkeit unserer Leser empfehlen. Andere Wohlfahrtsinstitutionen können in jedem Lande errichtet werden, hingegen ist Davos, das dank seiner einzigartigen klimatischen Verhältnisse zum Weltkurort für Lungenkranke geworden ist, durchaus einzig.in seiner Art und der Ausbau eines großen Sanatoriums für jüdische Lungenkranke daher tatsächlich ein gemeinsames Anliegen der gesamten jüdischen Diaspora. Angesichts der leider allzugroßen Rolle, die gerade für die Nachkriegsgeneration eine großzügige Bekämpfung der Tuberkulose auch unter den Juden spielen muß, geben wir an anderer Stelle dieser Nummer einen lehrreichen Aufsatz von Prof. Bloch in Zürich über die medizinische Bedeutung der Davoser Heilstätte wieder. Vielleicht finden sich doch irgendwo in Europa oder Amerika begüterte jüdische Mäzene, die sich einmal entschlössen, durch belangreiche' Kapitalstiftungen der „Etania" eine kräftige extensive und intensive Entwicklung zu ermöglichen: b'rrn iVio Vxna”» nnx trsj b’xan Makkabi und Olympus. Eine internationale Oly mp i a d e ist in Sicht, die Welt mag frohlocken. Denn was tut den geschlagenen Völkern heute mehr not als eine internationale Olympiade? Daß unsere Leser wenig davon erfuhren, ist unsere Schuld, da wir sie, rückständig wie wir find, in Verkennung der Wichtigkeit dieses Ereignisses für die Gesundung der Welt nur wenig darüber informiert haben. Der Bevollmächtigte des Makkabi-Weltverbandes in Paris hält aber dort treue Hut und und bemüht sich zu Ehren des jüdischen Namens eine Anteilnahme der „Juden als Nation" an den internationalen olympischen Spielen zu bewirken. Zunächst ohne Erfolg. Die Frage, so gibt er wehmütig bekannt, ist noch nicht geklärt, und er hält es für ratsam, daß die Juden erst durch eine große interterritoriale jüdische Sportveranstaltung den Beweis der Ebenbürtigkeit erbringen und sich den Zutritt zum modernen Olympus erkaufen. Die Inszenierung dieses allweltlichen jüdischen Sportfestes hat nun der Makkabi- Weltverband in die Hand genommen. Wenn das nicht hilft! ... Wir aber können nicht umhin, einige Bedenken zu äußern und einige Fragen an den Makkabi-Weltverband und dessen Bevollmächtigten in Paris zu richten: , Nr. 33 Seite 3 - Der Makkabi-Weltverband hat jüdischnationalen Charakter. Eine Forderung des Nationalismus ist aber das Studium der eigenen Geschichte, aus der sich Eigenart, Geist und Tradition der Nation ergeben. Haben aber die Herren nur je ein jüdisches Geschichtsbuch in der Hand gehabt, so müssen sie doch wissen, daß der jüdische Held, dessen Namen zu führen sie sich anrnahen, Juda Makkabi, in erster und letzter Reihe seine an Zahl und Kraft geringe Schar gegen den Olympus führte, gegen den Geist, der, von diesem ausgehend, verseuchend in die jüdischen Kreise emschlich. „Makkabi und Olympiade!" ein Paradoxon der Weltgeschichte, wie es nur eine vom Sportkult besessene Zeit schaffen konnte. Die „große Schul". Ein Wort an die Großstädter. Don Rabb. Dr. B. Cohen in Berlin. Zur Zeit der Tannaim galt es als eine besondere Mizrva, wenn ein Thoragelehrter, statt im Gotteshause der Gemeinde, nur in den vier Wänden der Halacha seine täglichen Gebete verrichtete. Es will mir scheinen, als ob dies heutzutage stellenweise nur mit Vorsicht nachgeahmt werden sollte. Im Posenschen konnte in manchen Gemeindesynagogen isich im vorigen Jahrhundert bie v Reform deshalb so ungestört breitmachen, weil die einzigen, welche diese Gefahr bannen konnten, die Thoragelehrten, nicht in den Gemeindesynagogen, sondern in ihren Lehrhäusern zu beten pflegten; vielleicht in der edlen Absicht, der Stätte des Lernens viele Menschen zuzuführen, leider aber mit dem Erfolge, daß der Gemeindesynagoge die Besten fernblieben und in ihr der Gottesdienst verkam. Wir sollten heutzutage durch diese geschichtliche Erkenntnis gewarnt sein. Wir brauchen zur Erziehung unserer Kinder unerläßlich einen regelmäßigen, ästhetischen orthodoxen Gemeindegottesdienft., Rabbiner S. R. Hirsch s. A. hat in der „Mappe eines wandernden Juden" einen solchen Gottesdienst als ein Bedürfnis der Zeit bezeichnet, und auch wir heutigen können seiner nicht entraten. In den Städten, wo eine orthodoxe Gemeinde ihn pflegt, sollte es jeder Thoragelehrte als eine ihn und die Gemeinde ehrende Pflicht betrachten, nicht immer nur Zein eigenes Lehr- und Bethaus, sondern in regelmäßigen Abständen das Bethaus dieser Gemeinde zu besuchen. Denn dies bedeutet die wahrste Anerkennung ihrees Prinzips. keitt Lied in unserer Hausmusik, das den Charakter eines „jüdischen" Liedes in nichthebräischer Sprache trägt. Ein solches Lied hat es aber schon einmal in Deutschland gegeben und wurde fast in allen jüdischen Häusern, in denen musiziert wurde und ein Klavier stand, gesungen. Dieses einst so populär gewesene- Lied trug den Titel: Das Mädchen von Juda. Anfangs der sechziger Jahre hörte ich es "zum ersten Male in meinem Elternhause singen und bald darauf war es so populär geworden, daß es zum Musikalienbestand jeder jüdischen Familie und Gesellschaft gehörte. Der K o m p o n i st hieß, soweit ich mich erinnern kann, Gompertz; Ferdinand Gompertz. Von dem Text sind mir nur noch folgende Strophen (Fragmente) im Gedächtnis geblieben. Es begann mit den Worten: Verstummt ist die Harfe, die Saiten entzwei. Das Wünschen und Sehnen des Herzens vorbei. Lang flattert der Vögel von Netzen umstellt. Stirbt hier, wenn gefesselt der Jäger ihn hält. O, Vaterland süß, o, Vaterland mein. Nie wirst du mir wieder eine Ruhestätte sein! Wo sind sie/die Söhne vom alten Geschlecht? Gefallen im blutigen, finstern Gefecht. Lang klirren die Ketten, ein schaurig Getön, Am Arme der Jungfrau, einst blühend und schön. O, Vaterland süß, o, Vaterland mein, Wann wird dir Elokim ein Rachegott sein? Es folgen dann noch zwei weitere Strophen, deren Text mir nicht mehr geläufig ist, wohl aber der Refrain mit der bangen Frage: v 0, Vaterland? süß, o, Vaterland mein, - -, Wann wirsbdu wieder eine Ruhestatt fein? Diesem elegischen Text hat-der Kompomst eine schwermütige, in Mollakorden durchklingende Melodie beigegeben: unkompliziert und, man kann sagen spezifisch jüdisch, ernst stimmend. Wo immer ich das Lied singen hörte oder auf dem Klavier selber begleitete, stets war der Eindruck der gleiche bei den Zuhörern, auch den nichtjüdischen. Ja, eine den tonangebenden Kreisen meiner Vaterstadt angehörige, sehr musikalische junge Christin, die als Freundin meiner jüngsten Schwester viel in meinem?Elternhause verkehrte, pflegte das „Mädchen von Juda" häufig auch in nichtjüdischen Kreisen zu -singen. Das war allerdings 1869, als der Antisemitismus die Welt noch nicht vergiftet hatte. Ja, der Bruder des jungen Mädchens, mein ehemaliger Schulkamerad, war von diesem anspruchslosen Lied so entzückt, daß er es für Cello transponierte, ein Instrument, das. wir beide als das für die Melodie passendste feststellten. Dreißig Jahre später, als ich das Lied schon längst verschollen wähnte, hörte ich es noch einmal — in Newyork gelegentlich eines Gesellschaftsabends in einer sephardischen Familie, die an der achten Avenue, unweit des sephardischen Tempels ein schönes Haus bewohnte. Unter den ungefähr dreißig der jüdischen Elite Newyorks angehörenden Geladenen, befand sich auch ein Jeruschalmi, der, zu meinem Bedauern, nur wenig Englisch gar kein Deutsch verstand und das Hebräische in spaniolischer Mundart sprach. Rach aufgehobener Tafel begab man sich ins Musikzimmer, wo zwei Berufsmusiker abwechselnd und ziemlich gleichmütig in längeren Pausen ds Klavier entluden. Eine gemütlich heitere, zwanglose Stimmung ohne Höhepunkt beherrschte die Gesellschaft, bis die älteste Tochter des Hauses mit der ruhigen Unbefangenheit der Amerikanerinnen zum Klavier schritt. Sulamith, am Konzertflügel! Ein etwa 22 jähriges Mädchen von jener eigenartigen Schönheit der spanisch-amerikanischen Jüdinnen, die einen Typus für sich selber bilden, fraglos anders als .die. anderen Amerikanerinnen, die den Farbenkasten in Anspruch nehmen. Solche jüdische Mädchengestalten denkt man sich in den Straßen und Gassen Toledos, Saragossas, Granadas einherschreitend;auf blumenumsponnenen Balkonen und Veranden in mondscheinhellen Nächten zur Laute singend, die Lieder Halevis, Gabirols, Jbn Esras. Schon bei den ersten einleitenden Takten der Klavierbegleitung .ward ich, .aufs höchste überrascht, aus meinen Betrachtungen geweckt. Das „M ädchen von Iuda" klang an mein Ohr; die Melodie, die ich als Knabe in meinem Elternhause gehört und später selber gespielt und gesungen. Dasselbe Lied, das meine christliche Freundin am Rhein 30 Jahre zuvor mit so klangvoller Stimme und einer Gefühlswärme gesungen? als wäre sie selber aus Judas Stamm. Und nun hörte ich wiederum dasselbe Lied von einer jungen Jüdin in jüdischen Lauten gesungen, nunmehr ein wirklich jüdisches Lied, jüdisch im Wort und jüdisch klingend in der Melodie. Mich dünkte, als habe das schlichte Lied aus dem Munde der jugendschönen jüdischen Sängerin im Kreise auserlesener jüdischer Zuhörer jetzt erst feine wahre Heimat gefunden. Leider konnte ich nicht erfahren, aus welchem Weg oder Umweg das „Mädchen von Juda", nach Amerika gekommen. Seitdem sind wiedreum mehr als 25 Jahre dahingegangen, ohne daß ich das Lied noch einmal gehört habe. Auch aus meinem Notenschatz ists entschwunden. So wird denn das „Mädchen von Juda", das einzige jüdische Lied in deutschem Text, oder, richtiger ausgedrückt, das einzige deutsche Lied mit jüdischer Melodie uns verloren gehen. Vielleicht, daß ein älterer Leser dieser Zeilen sich des Liedes entsinnt oder gar es besitzt, so daß man es wieder unter Musik treibenden Juden verbreiten könnte. Vielleicht auch, daß irgendein Sammler es irgendwo entdeckt. Musikschätze dieser Gattung sollten der Nachwelt nicht verloren gehen, zumal sie nicht allzu