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Der Israelit · 1924-08-14 · Heft 33 (14.8.1924) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 33 (14.8.1924)
Date
1924-08-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette 2 Nr. 33 14. August 1924 schwachen, einander zu trüben, ja gegenseitig sich auftuheben. Die eine dieser Sphären, die höhere, ideale war bis zum Auftreten der Agudas Jisroel ausschließliches Reich der vom Chassidismus beherrschten Orthodoxie des Ostens, die zweite, weltliche Sphäre das Betätigungsfeld der Asiimilanten, die jetzt von den Zionisten abgelöst wurden. Diese merkwürdige Sachlage der Indifferenz gegenüber den irdischen Dingen und dem Weltengetriebe. der Beschränkung auf Innenwirkung aus der einen Seite, der aus voller Diesseitsbejahung entsprungene Tätigkeitssinn und die Außenwirkung auf der andern Seite gibt den Aufschlutz für manch merkwürdige Erscheinung im jüdischen Leben des Ostens — und der jüdischen Welt überhaupt. Sie erklärt z. B. die Tatsache, daß im Osten bis zu den jüngsten Kehillowahlen, die erst den Umschwung brachten, selbst die strengst orthodoxe Gemeinde eine durchaus neolvge Gemeindevertretung aufzuweisen hatte. Man war froh, die Lasten der Verwaltung auf andere übertragen zu können und vertraute in unbegreiflicher Leichtfertigkeit selbst das heiligste Gut der Erziehung der meist aus Assimilanten sich zusammensetzenden Körperschaft der Gemeindeverwaltung an. In diesem gleichgültigen Verhalten und der kalten Beziehung der Orthodoxie zu den Fragen des Lebens und den Geistesströmungen der Zeit liegt die Wurzel so vieler Uebelstände und durchaus behebbarer unheilvoller Zustände im jüdischen Volke. Die Mitschuld an dem Triumphzuge, den der Zionismus im Osten nehmen konnte, trägt in sehr hohem Grade der Umstand des NurmiL-sich-selbst-Veschäfligisein des Ostjuden. Man kümmerte sich im Osten gar zu wenig um die Mächte der Wirklichkeit und lieh sie gewähren. Als daher die Fluten des Zionismus hochgingen, stiehen sie weder auf Damm, noch Widerstand und konnten selbst in den heiligsten Bezirk verheerend eindringen, in das — Veth Hamidrasch, die Jugend mit sich fortreihend. Es konnte das Unmögliche zur Tatsache werden, dah der flache Zionismus und der jeder lieferen Ideologie entbehrende Nationalismus das reiche Seelenleben des Ostjuden mit seiner unendlichen Fülle innerer Feinheiten in so gewaltigem Mähe verdrängen und eine Zeit lang ersetzen konnte. Und muh in diesem Zusammenhänge noch auf das zionistische Werk in Palästina hingewiesen werden, um erst zu erkennen, welche Mitschuld die Orthodoxie durch Ueberlassung der Politik an die Zionisten, durch die Methode des laisser faire auf sich lädt! _Der. Israelit _ Es gilt der rauhen Wirklichkeit ins Antlitz sehen, sie zu erfassen, sie zu meistern und die Gefahren erkennen, die eine einseitige Betonung der Innerlichkeit in sich birgt. Iede Idealität bedarf der Realität als Gmndlage, soll sie nicht ins Leere greifen und sich zum Utopismus auswachsen, wie jede Realität der Erhebung und Erhöhung in die Sphäte der Idealität als des krönenden Abschlusses harret. Alles Gefühlsleben bedarf der Intention, d. i. des Strahls, der aus dem Ich auf das Objekt, auf die Wirklichkeit geht, wie jede Intention des Erlebnisses, da sonst keine Vollkommenheit möglich ist. Die Ueberwertung der Intention bringt das Gefühlsleben zum Absterben und die Ueberschätzung des Erlebnisses gereicht der Intention zum Schaden. Die Seligkeitder Schwermut. die sühe Qual der Sehnsucht, die Schauer der Begeisterung lassen den Sinn für die Wirklichkeit erblassen. Innere Begeisterung, inneres Feuer leuchtet nur in sich, für sich selbst. Die Berauschung des Ich tötet das Du, trübt das Verständnis für den Mitmenschen, für soziale Betätigung und birgt die Gefahr der Lieblosigkeit in sich. Höchste Verzückung als Feindin höchster Bruderliebe. Aber andererseits strahlt wahre Aktivität nur aus der Seele. Die tiefe Willigkeit zur wahren Tätigkeit kommt nur von dem willigen Menschen, der sich hierzu erzogen hat. Es kann nur der der Menschheit wahrhaft dienen, der auf seine Vervollkommnung bedacht ist und sich als ein Werkzeug in der Hand Gottes betrachtet. Tätigkeit auf eigene Faust ohne Glauben an ein höheres Wallen ist leeres Getöse und ist Lärm um nichts: in i'H3 ito rriV jv»3 ni3' xh n 38» Es kann somit weder der Chassidismus in seiner Weltfremdheit, noch der Zionismus in seiner bloßen Außenwirkung einer Organisation wie der Agudas Iisroel, die beide Sphären umfaßt, die für Soziales und Geistiges sorgt, allein die Wege weisen. Für eine wahrhaft jüdische Organisation gilt in noch höherem Sinne als für den einzelnen Iehudi der Leitsatz: „Wähle das Leben, damit du am Leben bleibest, du und deine Nachkommen." Es gilt, das Leben in seiner Tiefe, in allen seinen Formen und Aeutzerungen zu durchdringen und zu erfassen. Cs ist ja dies das große Wunder des Menschenherzens, dah es seinen Kreis zu sprengen und über ihn hinauszubrechen vermag. Und das Leben ist ja weder rein subjektiv, noch rein objektiv, sondern beides zusammen: der Kontakt von Subjekt und Objekt. Es lebt der Mensch nicht für sich und an sich. Denn Leben geht aus Leben hervor, zeugt Leben und enthält Leben. Daruin tragen wir die Verantwortung für das Leben Jeder ist Glied einer Familie, eines Ganzen, weil das Leben Zusammenhang, weil es organisch ist. Darum ist Nächstenliebe Grundpfeiler des Judentums und soziale Betätigung hohes Sittengebot. Das Leben ist ein großes Streben. Ein Streben über die bloße Wirklichkeit hinaus. Wir leben in der Gegenwart, aus der Vergangenheit, für die Zukunft. Wir sind aber nicht bloße Knechte unserer Vergangenheit, sondern auch Gestalter unserer Gegenwart, und indem wir bauen und planen für das Kommende auch Schöpfer unserer Zukunft. Darum können wir auf die Politik, als eine Bildnerin der Zeiten nicht verzichten. Dem Judentums, das das Diesseits weder rein bejaht, noch absolut verneint, sondern das Dasein erhöht, heiligt, ethisiert, wird jedes Können zu einem Sollen. „Nicht liegt es dir ob, das Werk zu seinem Ende zu führen, aber du bist auch nicht * frei, dich seiner zu entschlagen," denn so lautet die stillschweigende, logische Ergänzung, wenn du kannst, sollst du. Können verpflichtet. Jedem Können stellt der Jude ein Sollen entgegen. Du sollst, weil du kannst, und du kannst, weil du sollst. Gibt es ein Hebel, ein Unheil, — und liege dieses auf materiellem, geistigem oder religiösem Gebiete — das nur durch Politik vermieden. werden kann, so ist 'Politik heiligste Pflicht, jüdischesGebot. Das Leben als Streben muß eine bestimmte Richtung, ein positives Ziel besitzen. Es kann daher die Politik sich nicht auf bloße Abwehr beschränken. Ihre Aufgabe kann daher nicht rein koerzitiv sein, nur abwehrend, gewissermaßen negativ. Sie muß vielmehr positiv, aufbauend, nach bestimmtem Programm arbeitend, auftreten, Das Leben enthält mehr als die bloße Gegebenheit. Es erstrebt über die Realität die Idealität. Das Leben ist daher nicht bloß immanent, sondern auch transzendent, es strebt nach einem Sollen, ist sich selbst nicht genug: Werde, der du bist. Wir sind nicht bloß was wir sind, sondern strebende Wesen. Das Leben ist „Mehrleben" (Simmel). Ist Streben zu einem Sollen, ein Keim, der zur Vollendung strebt, ein Aufwärtsstreben. Es ist daher eine müßige Frage, was das Ziel menschlichen Lebens sein sollte, die innere sittliche Vervollkommnung oder der Dienst zum Heile der Menschheit. Das eine wie das andere Ziel find dem Menschen wie der Menschheit W'mmk Bemerkungen zum Wochenabschnitt. Don Rabbiner Dr. Winkler kn Kopenhagen. 3. 26: nip »ton 131 *]0in *7K "]b 31 'b« '1 IvN'l nm W3» ..Gott sprach zu mir: Laß genug sein! Fahre nicht fort, noch weiter zu Mir zu reden in dieser Sache". Der Ialkut führt folgende Erklärung hierzu an: Dem göttlichen Beschlüsse, Moses von dieser Welt abzurufen, trat dieser mit dem Hinweis auf das Gesetz, das von dem hebräischen Sklaven gilt, entgegen: Heißt es nicht in der Tauro: imn lau' i»8 öki 'Ul ..Wenn der Sklave spricht, ich liebe meinen Herrn, mein Weib und meine Kinder, ich mag nicht frei werden, so soll er seinem Herrn für immer dienen"? Warum sollte ich schlimmer daran sein als der Sklave? Auch ich liebe meinen Herrn, will Ihm weiter dienen, und zwar im verheißenen Lande; ich mag nicht von dieser Welt scheidenJ Da die Rechtsgültigkeit solchen Einspruchs seitens des Sklaven von der Wiederholung der Worte bedingt ist, — löX' Ivrr heißt zweimal dasselbe saaen (oal. Talmud Kidduschin S. 22), — deswegen sagte Gott zu Moses: nm 1313 tw 'brr im *]Oir» brr .Fahre nur nicht fort, noch einmal dasselbe zu reden!" 4. 4: ülM V3bl3 D’T5 LQ'.lbX '.13 v'j?31,1 llNXI »Ihr aber, die ihr an dem Ewigen eurem Gotte hanget, ihr seid alle heute am Leben". — Der Anschluß an das Göttliche durch Bersittlichung, Veredelung und fortschreitende Vervollkommnung unseres Wesens kann nur ..bei Lebzeiten", nicht nach dem Tode getchehen Die Verpflichtung hierzuruht ferner nicht bloß auf einer bestimmten Klaffe, vielmehrvsbw au f eu ch all en", ohne Unterschied. Und alles schließlich, was nach dieser Richtung unternommen werden soll, darf nicht auf morgen hinausgeschoben werden, sondern aiii mutz gleich »heute" geschehen. 4, 6: örwjn tmiöEn Nach Raschi heißt das: Ihr sollt lernen und tun". — Dem Studium der Tauro muß die Absicht, ihre Gebote auszuüben, zu Grunde liegen. r tnasm 'i'pb 33M'31 ösnnsn um 'p. »Denn das eben gilt als eure Weisheit und eure Einsicht gegenüber oen Völkern". Bevor Israel die Tauro erhielt, wurde sie Esaus und Ismaels Nachkommen angeboten, doch diese lehnten, nachdem sie Kenntnis von ihrem Inhalte erhielten, die Annahme ab Auf Verpflichtungen, nicht zu morden, nicht zu ehebrechen und dergleichen, wollten sie keineswegs eingehen. Würde nun das Studium der Tauro. auch ohne die Verbindlichkeit, nach ihren Satzungen zu leben, genügen. dann hätten auf diese Weise ja auch die anderen Völker die Tauro annehmen können! »2'vb v'ap.i- Das oll ün war es doch eben, das euch vor allen anderen Völkern auszeichnete, daß ihr das Witt' -Wir wollen tun“ aus euch nahmt, somit muß der Zweck des Lernens das Dtwyi sein, daß ihr gemäß dem, was ihr lemt, auch lebt und handelt, (vll *ra T's mix 'v»b pnr)» Kleines Feuilleton. Ein verloren yegan,reiles Lied- Von Dr. Artur Kahn in Charlottenburg. So reichhaltig und mannigfaltig auch unser Melodienschatz an synagogaleN und häuslichen Gesängen von jeher war (trotzdem davon in den letzten 50 Jahren vieles verloren gegangen ist), so gering war stets die Zahl jüdischer Lieder mit profanem (weltlichen) Text. Das sott besagen, daß wir weder in deutscher noch anderer moderner Sprache Lieder besitzen, die etwa solchermaßen Gemeingut geworden wären, wie beispielsweise die Schubert- und Schumannlieder in Deutschland. Woher rührt dieser Mangel an ähnlichen jü» d i s ch e n Liedern, zunächst in deutscher Sprache? Lieder, die inehaltlich wie der Melodie nach als jüdisch bezeichnet und populär gemacht werden könnten? Hat es uns etwa an Vorbildern gefehlt? Mit Nichten. Man muß zunächst im Auge behalten, daß dem Lied das Gedicht oorauszugehen pflegt, das bei den Komponisten die musikalischen Epfindungen auslöst, aus denen das Lied geboren wird. Aber auch der entgegengesetzte Weg oder Werdegang, die Melodie, erweckt Gefühle, aus denen erst das Gedicht entsteht. Beide Wege sind auch bei jüdischen Liedern schon öfter gegangen worden. Und dennoch, haben wir gegenwärtig — in Deutschland wenigstens —

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