Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1924-07-31 · Heft 31 (31.7.1924) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 31 (31.7.1924)
Date
1924-07-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450286-2450316--71447-2528763
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 Nr. 31 Der Israelit allmählich dazu gedrängt werden wird, gleich den andern Großgemeinden die Gleichberechtigung der Orthodoxie anzuerkennen und ihre Institutionen auf den Gemeindeetat zu übernehmen. Die hiesige Orthodoxie wird diese Entwicklung z u n ä ch st als Fortschritt empfinden und begrüßen; insbesondere wird das bei den zahlreichen Ausländern der Fall sein, bei denen sich der Kampf für die Geltung der Orthodoxie mit dem Ringen um die eigene soziale Emanzipation verknüpft. Die schweren Schäden der Eingemeindung der Orthodoxie werden erst später in die Erscheinung treten, denn sie wurzeln in der allmählichen Abschleifung der geistigen Eigenart und dem Verlust -es orthodoxen Selbstbewußtseins. ^Uit. Senator ZNendelsohn über die Rechte der jüdischen Soldaten. — Der konfessionslose Eid. Warschau, 23. Juli. Anläßlich der Behandlung des Gesetzentwurfes über Pflichten und Rechte der polnischen Soldaten im Senat hat Senator Mendelsohn (Aguda) eine großangelegte Rede gehalten, in welcher er gegen die Entrechtung der jüdischen Soldaten in der polnischen Armee mit großem Nachdruck eintrat. Nach der Antwort des Kriegsministers, die nicht ganz befriedigend war, brachte Senator Mendelsohn folgenden Vorschlag ein: Der Senator verpflichtet die Regierung alle geheimen Erlasse des Kriegsministers, die im Widerspruch mit den Grundgesetzen der Verfassung die Rechte der jüdischen Soldaten beschränken, zurückzuziehen. — Die Einführung eines konfessionslosen Eides, den die Linksparteien des Sejms beantragten, wurde jetzt im polnischen Senat behandelt. Der Entwurf yurde vom Senat verworfen. Entscheidend waren die Stimmen der agudistischen Senatoren, die mit der Mehrheit gegen den Entwurf gestimmt haben. Für den Entwurf stimmten alle andren jüdischen Senatoren inklusive der misrachistischen Rabbiner Kowalski und Rubinstein. Anläßlich der Behandlung des Gesetzentwurfes im Sejm hat es bereits in jüdischen Kreisen großes Aufsehen erregt, daß obwohl Abgeordneter Farbstein (Misrachist) mit den Agudisten gegen den Gesetzentwurf gestimmt hat, Rabb. Brod (Misrachist) für den konfessionslosen Eid eintrat. Rabbinerkonferenz in Mlna. Wilna, 12. Juli. Auf Veranlassung von „Chofez Chaim" und von Rabbi Chaim Oser Grodzenski, fand in Wilna Mittwoch, den 7. Tammus — 9. Juli — eine Konferenz der Rabbiner des Wilnaer Gebietes statt. Die Konferenz dauerte bis Donnerstag abends. An der Konferenz haben ungefähr 70 Rabbiner teilgenömmen. Den öffentlichen Versammlungen wohnte zahlreiches Publikum bei. Die Konferenz war hauptsächlich drei Fragen gewidmet: 1. Lage der Jeschiwoth, 2. Chisuk Hadas, 3. allgemeine Chinuchprobleme. Diese Fragen wurden schon an den Vorkonferenzen, die bei Rabbi Chaim Oser Grodzenski bereits Dienstag stattgefunden haben, eingehend erörtert. Die Konferenz wurde mit einer zweistündigen Ansprache des Chofez Chaim eröffnet, der zu allen Problemen der Tagesordnung Stellung nahm. Zur Frage der Jeschiwoth wurde beschlossen, die Sammeltätigkeit für die materielle Erhaltung der Jeschiwoth in erhöhtem Maße fortzusetzen, um die drohende Schließung der Jeschiwoth abzuwehren. Ferner bei der Regierung .Schritte zu unternehmen, um die rechtliche Lage der Jeschiwoth zu klären. Zur Frage „Chisuk Hadas" boten besonders die Referate derOschmaner und Suwalkier Rabbiner über die proletarische Jugend, neues Material. Es wurde beschlossen, erhöhte Aufmerksamkeit der proletarischen Jugend zuzuwenden. Es sollen überall Jugendgeruppen mit Abendkursen, mit spezieller Rücksichtnahme aus die proletarische Jugend gegründet werden. Es wurde ferner beschlossen, Frauengruppen zu gründen, um im Kreise der jüdischen Frauen und Mädchen fü den religiösen Gedanken zu werben. Es wurde ferner beschlossen, sobald 500 Abonnenten sich melden, eine orthodoxes Wochenblatt zu gründen. Die Debatten über die Fragen von Chisuk Hadas haben den ganzen Donnerstag in Anspruch genommen, so daß die Erörterung von Erziehungsfragen auf eine später einzuberufende spezielle Konferenz vertagt wurde. Ein großer Teil der Rabbiner ist noch über Schabbos in Wilna geblieben, um dem Schlußappell von Chofez Chaim: „nicht nur Beschlüsse zu fassen, sondern sie auch einer Berrvirklichung entgegenzuführen", nachzukommen. In allen Schulen und Klausen. wurden von den fremden Rabbinern Droschoth gehalten, die um Spenden für die Jeschiwoth warben. Aus der orthodoxen Gemeinde. Budapest, 21. Juli. In der vor kurzem stattgehabten Generalversammlung der hiesigen orthodoxen Kultusgemeinde, die unter Vorsitz des Präsidenten Abraham von Freudiger stattfand, kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen. Die Opposition wandte sich vor allem gegen die Finanzwirtschast der Gemeinde, die sich im wesentlichen aus dem außerordentlich geschickt ausgenützten Koscherfleisch-Monopol aufbaut, wodurch die Lasten zwar wenig empfunden, im Grunde aber der gesamten Fleisch konsumierenden Bevölkerung ohne Berücksichtigung ihrer Cinkommenverhältniffe auferlegt werden. Der Gemeindeverwaltung wußte die Opposition durch den Nachweis zu entwaffnen, daß die Gemeinde nach innen und außen auf allen Gebieten ihrer weitverzweigten Tätigkeit eine außerordentlich erfreuliche Entwicklung aufweist, und daß ein stärkeres Anziehen der direkten Steuerschraube noch viel schlimmere soziale Uebel zeitigen würde, als die geringen Aufschläge auf die rituellen Lebensmittel. Die Verordnung über die jüdische Gemeinde in Palästina vor dem Ankerhaus. L o n d o n, 24. Juli. In der Sitzung des englischen Unterhauses vom 21. Juli erklärte Herr I. H. Thomas, der Staatssekretär für die Kolonien, daß er vorläufig keinen Bericht über die vorgefchlagenen Statuten der jüdischen Gemeinde Palästinas erstatten könne. Der gesamte Komplex dieser Frage wird jetzt unter seiner Aufsicht bearbeitet. Leutnant Colonel Howard Bury fragte den Kolonien-Staatssekretär an, ob ihm die seitens der orthodoxen Judenheit in Palästina und der ganzen Welt erhobene Opposition gegen die vorgeschlagenen Palästinagesetze, nach welchen sämtliche Juden unter die Herschaft der zionistischen Organisation gestellt würden, bekannt sei; ferner, ob er die Sachlage vor Ratifizierung der Verordnung einer neuen Erwägung unterziehen wolle und ob die Palästinaregierung bereits zahlreiche Bittschriften über denselben Gegenstand erhalten hätte. Herr Thomas antwortete folgendes: Ich setze voraus, daß Leutnat Colonel Howard Bury sich auf die vorgefchlagenen Statuten der jüdischen Gemeinde bezieht. Ich werde die Frage reiflich überlegen und ziehe es vor, über den Gegenstand gegenwärtig noch keinen Bericht zu erstatten. Tfmettifa. Ein traditionelles jüdisches Schulwerk in Rewyork. Zürich, 27. Juli. Der bekannte Führer der Ohew-Zedek-Gem einde in . Newyork, Mr. Morris Engemann, der zurzeit in Europa weilt, hat einem Vertreter der I. P. Z. die interessante Mitteilung gemacht, daß seine Gemeinde die Errichtung einer höheren jüdischen Schule nach dem Muster der Schöpfung Samson Rafael Hirschs zu Frankfurt beschlossen hat. Man will für diesen Zweck eine Million Dollar aufbringen und hofft für die Verwirklichung der Idee insbesondere auf die Tätigkeit des vor kurzem an die Gemeinde berufenen jungen Rabbiners Jesaja Levi aus London. Man werde in allen orthodoxen Kreisen Amerikas die Errichtung einer solchen Anstalt als Musternnstalt für das ganze Land sicherlich zu würdigen wissen. Amerika müsie endlich durch eine grundlegende Aenderung seines Erziehungssystems sich unabhängig von Europa machen. Die Rückreise der Rabbinerdelegation für Amerika. Berlin, 26. Juli. Wie die I. T. A. erfährt, hat die Rabbiner-Delegation für Amerika, die aus Oberrabbiner Kook-Jerusalem, Rabbi Schapiro-Kowno und und Rabbi Epstein- Slobödka besteht, ihre Mission in Amerika beeendet und tritt demnächst die Rückreisean. Der Kownoer Rabbiner Schapiro begleitet Oberrabbiner Kook nach Palästina, um einen neuerlichen Versuch zu machen, die gespaltene 31. Juli 1824 jüdische Orthodoxie Palästinas zu einigen. Die Aussichten für eine solche Einigung sollen sich in , der letzten Zeit stark gebessert haben. Mit den Rabbinern reist eine Gruppe amerikanischer Geschäftsleute nach Palästina, um dort Handelsverbindungen anzuknüpfen. : Ein Ehaluz im Zusammenhang mit dem Atord an de Haan verhaftet. Jerusalem, 25. Juli. Am 24. Juli wurde hier in Verbindung mit dem Mord an dem agudistischen Führer Dr. de Haan ein Chaluz verhaftet. Näheres hierüber liegt noch nicht vor. (J.T.A.) I e r u f a l e m, 29. Juli.. Ueber die Verhaftung des Chaluz im Zusammenhang mit dem Mord an Dr. de Haan ist noch zu melden: Der Chaluz Jacob Gußmann, der am 26. Juli verhaftet wurde, ist ein schwächlicher Mensch, der nicht einmal seiner täglichen Beschäftigung als Milchausträger regelmäßig nachzugehen imstande ist. Die Angehörigen Gußmanns glauben bestimmt, daß ein Irrtum vorliegt, und daß er bald freigelassen werden wird. L o n d o n, 29. Juli. Die „Daily Expreß" berichtet, daß Gußman auf die Aussage einer geisteskranken Nachbarin hin, die zudem ihren eigenen Gatten als Mitschuldigen bezeichnete, verhaftet worden ist. Die palästinensischen jüdischen Orthodoxen senden einen Vertreter nach London. Jerusalem, 24. Juli.' Die jüdisch-orthodoxe Gemeinschaft Palästinas hat, wie die Palästinensische Telegaphen-Agentur erfährt, dem palästinenjijchen Advokaten Herrn Horace Samuel, beauftragt, nach London zu reisen und dort als ihr legaler Vertreter zu handeln. Cr soll im Kolonialamt gegen die Ratifizierung der palästinensischen jüdischen. Gemeindeordnung Einspruch erheben. Enthüllungen über das Gemeindegeseh im Heiligen Lande. Heifa, 13. Juli. In einer kleinen Konferenz hiesiger Gemeindemitglieder machte der Sekretär des Waad leumi, Herr Tchernowitz höchst interessante Mitteilungen über die Vorgeschichte des Gemeindegesetzentwurfes, der von der Orthodoxie so lebhaft befehdet wird. Drei Jahre lang hatte der Waad leumi mit der palästinensischen Regierung um die Anerkennung seiner drei Prinzipien gerungen: 1. Einheitliche Zwangsgemeinde an jedem Orte, 2. Anerkennnung des Waad leumi als Rechtspersönlichkeit und 3. Steuerrecht für Waad leumi und Einzelgemeinden. Sowohl die Regierung als auch der Oberkommissar hätten sich ursprünglich dem Forderungen widersetzt. Als dann Herbert Samuel eingesehen hatte, daß ohne zwangsweise Vereinheitlichung der Jerusalemer Gemeinden die Streitigkeiten kein Ende nehmen würden, sei es die konservative Regierung Baldwins gewesen, die sich auf den Standpunkt gestellt habe, man könne niemand gegen seinen Willen in eine Gemeinde hineinzwingen und die infolgedessen sich schützend vor die Sonnenfeldsche Partei gestellt habe. Ebenso verweigerte die konservative Regierung das Steuerrecht mit der Begründung, daß auch die Araber das Steuerrecht beanspruchen könnten, um sich der Steuern dann zu politischen Zwecken zu bedienen. Erst die Regierung Macdonalds habe nach Prüfung der Akten sich entschlossen, die drei Prinzipien des Waad leumi anzuerkennen. Zwar bleibe dem Einzelnen als Indioiduum das Recht, außerhalb der Gemeinden zu bleiben oder aus ihr auszutreten, aber diese Einzelnen hätten dann keinerlei Recht sich etwa zu einer besonderen Kehilla zusammenzu sch liehen. Um zu verhindern, daß viele Einzelne von ihrem individuellen Rechte Gebrauch machen, könne ihnen die Gemeinde die Erfüllung der Bedürfnisse verweigern, auf die der Einzelne angewiesen ist; z. B.: die religiöse Eheschließung, die Beschnei düng, das Begräbnis .usw." Der Redner versuchte nach diesen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.