Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1924)
- Date
- 1924-07-24
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 12 Der Israelit Blätter '24. Juli 1924 kommenden Jnstitutionenin keiner Weise anerkennen. Wir können wahrlich nicht hoffen, daß die Mitglieder des Waad leumi billiger denken werden, als die Leitung der zionistischen Organisation, über deren Beziehungen zu den religiösen Institutionen doch wohl keinerlei tatsächliches Material mehr beigebracht zu werden braucht. Hat diese zionistische Leitung jemals auf die gewaltigen Klagen gehört, daß sie in ganz Israel für die „Erziehung in Erez Jisroel" Geld sammelt und für die religiöse Erziehung unter den nichtigsten Vorwänden nicht einen Pfennig übrig hat. (Selbst Herr Nachum Sokolov hat in einem seiner Briefe geschrieben, daß er die Berechtigung der Klage der religiösen Juden anerkenne, aber zur Abhilfe nichts tun könne.) Und wenn nun der freisinnige Block schon jetzt, am B e g in n e seiner Organisation, einen solchen Fanatismus für seine Ideale an den Tag legt, wenn er um des Frauenwahlrechts willen, das ganze jüdische Lager in Brand setzt, wenn er sich bereit zeigt, den Märtyrertod zu erleiden, für jeden I-Punkt seines liberalen Glaubensbekenntnisses — was soll uns noch zu hoffen bleiben, wenn die Herren erst die gesetzmäßigen Herrscher sein werden? Unter solchen Umständen^ meine Herren, frage ich, warum Ihr nicht wenigstens loyal genug sein, um anzuerkennen, daß die religiöse Gemeinschaft jedenfalls Grund hat, in Angst und Schrecken dem Gesetzentwürfe gegenüber zu stehen." Man sollte glauben, daß diese klaren, einleuchtenden und bei aller Entschiedenheit doch höchst objektiv gehaltenen Ausführungen selbst die englische Regierung stutzig machen und zunächst einmal zu einer entschiedenen Ablehnung des Gesetzentwurfes in seiner vorliegenden Form bestimmen müßten. Das Bedürfnis einer gesetzlichen Regelung der jüdischen Gemeindeverhältnisse in Palästina ist gewiß anzuerkennen, aber sie ist nur dann möglich, wenn man sich entweder entschließt, das Gesetz in allen seinen Einzelheiten auf den Bestimmungen des Thoragesetzes aufzubauen, das allein wahre Einheit verbürgen kann oder aber daß man diesem Thoragesetz zum mindesten freieste Entfaltungsmöglichkeit neben der nach anderen Prinzipien gestalteten Gemeinschaft gewährt. Die Unterdrückung des religiösen Judentums in Palästina unterdem Schein seiner Anerkennung kann nur zu endlosen inneren Kämpfen und zu einer schweren Schädigung des jüdischen Aufbauwerkes führen. Die Stellungnahme des Kutschen Kreises. Das offizielle Organ der zionistischen Weltorganisation, „Haolam", in London, meldet in einem Jerusalemer Brief, der am 11. Juli erschienen ist, über die Stellungnahme des Kutschen Kreises zu dem Gesetzentwurf folgendes: „Die Stellung der Agudas Jisroel in dieser Frage ist für die Oeffentlichkeit nicht weiter erstaunlich. Weiß man ja, daß ihre Absicht lediglich daraus gerichtet ist, das Ansehen des Zionismus, des nationalen Heimes und aller es fördernden Organisationen zu vermindern. Darüber braucht man sich nicht zu verwundern. Was aber befremdet und Unwille hervorruft, ist die Stellungnahme eines Teiles der gemäßigten Orthodoxen, diese, die sich an den Wahlen für die Delegiertenversammlung und zum Waad Leumi beteiligt haben und die soviel vom Leben und von den Vorgängen kennen, um zu wissen, daß diese Institutionen nicht die Absicht haben, die Religion zu gefährden. Besonders zeichnen sich in dieser Gegnerschaft die Rabbiner Kuk und seiner Partei nahestehende Kreise aus. Diese Kreise, die sonst für rein erklären, was den Agudisten unrein ist und verurteilen, was diese anerkennen, sie halten es plötzlich aus irgend einem unbekannten Grunde für nützlich, sich den Intriganten und Streitstiftern zuzugesellen. Ganz plötzlich, als ob Midjan und Moab Frieden miteinander geschlossen hätten, und der Kol Jaakauv, das Organ der Kukpartei fängt an, im Tone des Kol Jisroel in prophetischen Zungen zu reden, so daß man die beiden Kaulaus nicht mehr von einander unterscheiden kann. Vielleicht ist daran teilweise die Abwesenheit M Rabbiners Kuk selber schuld, der sich zurzMtn Ästnerifä befindet, v, Immerhin Rabbiner Kuk iWbereitE> dex Gefangene in den Händen der ihn umgebenden Clique." Dieses Zeugnis für die Stimmung, die der Gesetzentwurf, wie man jetzt wohl sagen darf, in der gesamten palästinensischen Orthodoxie ausgelöst hat, kommt von einer in dieser Hinsicht so unverdächtigen Seite, daß man ihm die Glaubwürdigkeit nicht wird absprechen können, denn es läge natürlich im zionistischen Interesse, die Opposition vor der englischen Regierung als Mache einer zahlenmäßig unbedeutenden Gruppe darzustellen, wie das in der Tat an einer anderen Stelle der gleichen Nummer des Haolam versucht wird. Es wird abzuwarten fein, ob die Hoffnung auf eine den Wünschen des Waad Leumi entsprechende Haltung des Oberrabbiners Kuk selber sich verwirklichen wird. Die Herstellung einer orthodoxen Einheitsfront in diesem Falle wäre jedenfalls freudig zu begrüßen, so wenig wahrscheinlich sie uns bei den vorhandenen Gegensätzen auch scheint. Wiederaufbau. Von Rabbiner I. Horovicz (Ierusalem) Frankfurt a. M. „Die Rücksichtnahme auf Thora und Mizwos kann und darf sich im heiligen» Lande nicht auf eine bestimmte Klasse beschränken, sondern muß auch das ganze Erwerbs- und Genußleben durchdringen und beeinflussen und wie Jerusalem infolge seiner historischen Bedeutung die Metropole der ganzen jüdischen Diaspora ist, so ist die heilige Stadt berufen, auch für Thora und Mizwos, für ihre Aneignung und Verwirklichung, für ihre Pflege und Verbreitung, der Zentral- und Mittelpunkt aller jüdischen Zerstreuten auf weitem Erdenrund zu metbem Hier darf die Thora, die Erfüllung ihrer Vorschriften nicht etwa nur Privilegium einer Gelehrtenkaste sein, hier müssen auch Kausleute und Gewerbetreibende bis zum letzten Handwerker hinab, alle vom Geiste der Thora getränkt und von der praktischen Erfüllung ihrer Pflichten durchdrungen ein Leben entfalten, wie es aus der aktjüdischen Zeit mustergiltig in die Gegenwart hineinleuchtet. Das i ft d a s Ideal, deisen Erreichung wir mit allen Kräften an zu streben haben. Zur Erreichung dieses Hochzieles ist es erstes Erfordernis, daß alle dafür zutreffenden Maßnahmen im Geist und mit Einverständnis mit den hiesigen berufenen gottesfürchtigen Wort ührern, den Rabbinen Jerusalems getroffen werden. Alle Schritte und mögen sie noch in so reiner Absicht erfolgen, tragen, wenn sie im Gegensatz und gar im Widerspruch mit den maßgebenden hiesigen Autoritäten geschehen, den Stempel der Erfolglosigkeit an der Stirne. Es sind hier selbst die äußersten Extreme zu berücksichtigen, sogar in solchen Punkten, bei welchen die Annahme berechtigt erscheint, daß den Vertretern dieser Ertreme das volle Verständnis für die Forderungen der Zeit und was sie zur Hebung der Thora verlangt, abgeht. Abgesehen davon, daß jede Meinungsverschiedenheit die Tatkraft lähmt und so jeden ersprießlichen Erfolg in Frage stellt, dürfte eine besonnene Würdigung auch des extremsten Standpunktes zu einer milderen Beurteilung desselben führen. Extreme können nur durch Ertreme bekämpft werden. Dem maßlosen Fanatismus des Unglaubens gegenüber und angesichts der -offenen Verhöhnung unserer heiligsten Heiligtümer durch von auswärts zugezogene, einflußreiche Elemente, die dem heiligen Lande ihr eigenes Gepräge aufdrücken wollen, erscheint der Einsatz der ganzen Persönlichkeit und die Enthaltung des gleichen Eifers seitens der gesetzestreuen, gotkesfü chtigen Kreise, wie ein Akt der Notwehr, jedenfalls aber als ein durch eine rücksichtslose Offensive gebMne Defensive, deren Notwendigkeit von keinem schmerzlicher bedauert wird, als von den über unser Heiligtum ängstlich wachenden Kämpfern, welchen dieser Kampf aufgedrungen wurde. Die harten Maßnahmen, zu welchen die hiesigen maßgebenden Autoritäten wiederholt genötigt waren und es heute noch sind, mögen dem Fernerstehenden oftmals befremdlich und unsympatisch erscheinen, bei näherer Kenntnis der wahren Sachlage wird ihnen kein Unbefangener mildernde Momente und selbst Billigung versagen. Die Toleranz, welche die Wortführer des Abfalls selbst für ihre Zerstörung unseres Allerheiligsten zu fordern nicht müde werden, wird man daher billigerweise nicht denjenigen versagen können, welche die Art und Weise des Unterrichts und der Erziehung zur Thora in der seit undenklichen Zeiten gehandhabten und bewährten Form unverändert erhalten wissen möchten und sich selbst gegen solche Neuerungen ablehnend verhalten, die vielen zur Erhaltung und Festigung der Thora wünschenswert ja geradezu unerläßlich erscheinen. Man mag über diese alte, von den Vätern überkommene Art und Weise der Erziehung zur Thora denken, wie man immer will, man mag sie für vervollkommnungsfähig und verbesserungsbedürftig halten; daß sie ihren Zweck zu allen Zeiten erreicht, daß sie die Geister und Gemüter für Thora und Äboda gewonnen und erhalten hat, das wird stiemand in Abrede stellen. Ebensowenig läßt sich leugnen, ' daß die an vielen Orten versuchten Neuerungen ' aus diesem Gebiete dem Studium der Thora und der 'Festigung der Gottesfurcht nichts weniger als förderlich waren. Dieser eine Umstand dürste genügen, um die Abneigung zu erklären., die man hier allen Aendvrüngen in des Heranziehung'der Jugend zu Thora und Mizwaus ohne weiteres entgegenbringt - und ebenso das unentwegte Festhalten an der überlieferten Art und. Weise des Thoraunterrichts, selbst wenn veränderte Zeitverhältnisse auch hier eine Aenderung und. Anpassung, an die bestehenden Tatsachen geboten erscheinen lassen. Auf Grund dieser Erwägungen, die man achten und denen man hier Rechnung tragen muß, auch wenn man sie für seine Person nicht teilt, ist z. B. der Unterricht fremder Sprachen bei allen Thoraschülen ausgeschlossen. Es kann aber nicht oft und entschieden genug betont werden, daß das diesbezügliche rabbinische Verbot nicht etwa eine Folge lichtscheuer, wisfenfeindlicher Rückständigkeit ist, da es durchaus nicht die Erlernung fremder Sprachen untersagt, sondern sie nur nicht in den für Talmud-Thora-Zwecke gegründeten Schulen gelehrt hüben will. Diese grundlegenden. Bemerkungen sind für das Verständnis der hier in Betracht kommenden Verhältnisse unerläßlich und mußten deshalb vorausgeschickt werden. Sie bieten einen Maßstab, nach dem die hiesigen Pflanzstätten der Thora zu messen sind. Es fehlt daran Gottfeidank nicht, besonders bei den Afchkenasim. Jerusalem besitzt Talmud-Thora-Schulen und Jeschibot in großer Zahl. Es fehlt ihnen lediglich die einheitliche Leitung, die harmonische Verbindung der einzelnen Schulen untereinander. Diese verschiedenen aus ein und dasselbe Ziel der Verbreitung her Thora gerichteten Bestrebungen zu einem harmonischen Ganzen zu vereinigen, wäre eine rettende Tat, die nur durch Initiative hervorragender, einflußreicher, gesetzestreuer Persönlichkeiten möglich wäre. Auch wenn man persönlich auf dem Standpunkt steht, der in Europa der allgemein verbreitete ist, daß die gründliche Kenntnis der Landessprache heute nicht nur wünschenswert, sondern auch höchst notwendig ist, so dürste man unseres Erachtens denn doch nie die Hand zu einem Schritte bieten, der nicht den Intentionen der maßgebenden rabbinischen Autoritäten Jerusalems entspricht und nicht von ihnen rückhaltlos gutgeheißm So offenkundig aber gewisse Schäden, besonders hinsichtlich der Kindererziehung auch allenthalben sich bemerkbar machen, so leidet doch kein Ort des heiligen Landes so schwer unter ihnen als die Kolonien. Denn das Judentum — darüber sind alle redlichen. Kenner der Verhältnisse einig — sieht in den Kolonien vor einer Krisis, die durch unser tatkräftiges Eingreifen zur Gesundung führen kann und die einer furchtbaren Katastrophe entgegentreibt, wenn wir als lässige, müßige Zuschauer, den Verfall sich vor unseren Augen vollziehen lassen, ohne ein Glied zu rühren, um ihn aufzuhalten. Die Schulen in den Kolonien stehen ausgesprochenermaßen auf dem Boden eines lediglich national orientierten Judentums, während das spezifisch Religiöse im besten Falle als Privatsache behandelt wird, dessen vollständige Ausrottung man fchickllchkeitshalüer nicht ausdrücklich fordern und auch nicht auf einmal erreichen kann. Aber die Mehrzahl der Lehrer begreift ihre Pflicht, die ihre Anstellung an solchen Schulen von ihnen fordert und sie erfüllen sie treulich in diesem Sinne, indem sie diesen Geist, den ihnen anvertrauten Kindern beibringen, und die Keime dieses Abfalls sogar heimlich in die Kreise der Eltern tragen, die sich diesem verderblichen Einfluß nicht entziehen können. Diese dem ganzen thoratreuen Jischuw gefahrdrohenden Schäden der bestehenden Schulen haben bereits zur Gründung des Verbandes „Schomre Thora" geführt, welcher Schulen, durchdrungen von dem Geiste des unverfälschten Judentums und getragen von der Rücksicht auf unser heiliges Thoragesetz bereits gegründet hat. Aber die Sache steht noch in den ersten Anfängen und hat schwer mit den Schwierigkeiten zu kämpfen, mit welchen jeder Anfang verbunden ist. Zwei Hauptmängel machen sich hier besonders fühlbar: 1. fehlt die solide, gesicherte materielle Grundlage, deren Uuzu'ä'glichkeit allenthalben die Dürftrgkeit der vorhandenen Mittel verrät; 2. fehlt die rechte, den veränderten, neuen Lebensverhältnissen und dem durch die anderen Schulen ausgedrängten Konkurrenzkampf entsprechende Einrichtung und Organisation- Diese neu zu reorganisierenden bezw. neuzugründenden Schulen müßten alle Vorzüge au Ausstattung und Einrichtung besitzen, welche diejenigen Schulen auszeichnen, die den religiösen Leichtsinn und Abfall fördern und deren schädlicher Einfluß aus diese Weise bekämpft werden soll. Auch die Persönlichkeit des Lehrers^ fein ganzes Auftreten, seine Haltung, Kleidung, sein Streben, sich die Sympathien der Kinder zu erwerben,, seine Selbstbeherrschung, Unterlassung körpellicher Züchtigung, alle diese durch die moderne Pädagogik geforderten Qualifikationen müßten unsere Lehrer in demselben Maeß besitzen, wie sie sich bei unseren Gegnern ausgebildet finden. ~ So gewiß es sich hierbei um bloße Aeußerlichkeiten handelt, so bedeutsam sind sie. Denn die Persönlichkeit des Lehrers entscheidet über den Wert oder Unwert der von ihm geleiteten Schule. Dabei handelt es sich um Qualifikationen, die ausnahmslos an. rund für sich löblich und erstrebenswert sind, es aber doppelt: und dreifach werden, wenn sie in den Dienst von Thora.