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Der Israelit · 1924-06-26 · Heft 26 (26.6.1924) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 26 (26.6.1924)
Date
1924-06-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6 Nr. 26 Fällen nachgewiesener Bedürftigkeit können Preisnachlässe bewilligt werden. Auch der Arba Minim-Beschaffung hat der Vorstand seine Aufmerksamkeit zugewandt. Allerdings ist der Vorstand der Meinung, daß gerade auf diesem schwierigen Gebiete das freie Spiel von Angebot und Nachfrage möglichst wenig gestört werden sollte. Da immerhin die Befürchtung nicht ganz von der Hand zu weisen ist, daß unter den Nachwirkungen der illusionären Preise der Inflationszeit leicht im freien Verkehr unangemessene Preise verlangt werden könnten, ist der Vorstand gegenwärtig bemüht, mit einem fachkundigen Lieferanten eine Preisvereinbarung zu treffen, um auf diese Weise regulierend auf die allgemeinen Preise wirken zu können. Die fortschreitende Verarmung Deutschlands hat es uns zur Pflicht gemacht, der Frage der Sonntagsruhe uns erneut zuzuwenden. In einem an angesehene orthodoxe Firmen gerichteten Rundschreiben haben wir um Mitteilung ihrer Erfahrungen auf diesem Gebiete gebeten. An der Hand des in unseren Händen befindlichen Materials waerden wir versuchen, Erleichterungen in der Gesetzgebung oder zu mindesten in ihrer praktischen Handhabung zu erzielen. Die Sorge für die Reinerhaltung unserer heiligen Ueberlieferung hat die „Freie Bereinigung" von jeher genötigt, sich mit den jüdischen Organisationsfragen zu befassen. Die Prinzipien der Freien Vereinigung, wie sie in der Persönlichkeit ihres großen Gründers s. A. verkörpert waren, sind der Oeffentlichkeit bekannt. Gegenüber manchen falschen Auffassungen, die bis in die jüngste Zeit in der jüdischen Oeffentlichkert vielfach verbreitet worden sind, stellen wir fest, daß die Freie Vereinigung in der jüdischen Organifationsfrage auch bei der im Jahre 1907 erfolgten Erweiterung ihren Standpunkt nicht verändert hat. In der hochbedeutsamen programmatischen Rede, mir der unser verehrter Herr Vorsitzender im Jahre 1907 die zum erstenmal in Berlin abgehaltene Vereinstagung eröffnet hat, ist folgendes ausgeführt: „Mehr als zwei Jahrzehnte sind verstrichen, seitdem mein hochverehrter Vorgänger, der unvergeßliche Rabbiner Samson Raphael Hirsch s. A., diese Vereinigung ins Leben gerufen. Die Ziele, die er mir dieser Schöpfung verfolgte, sind jedermann bekannt, sie sind statutarisch festgelegt. Für diese Ziele wollte er alle vorhandenen Körperschaften und Gemeinschaften, die ihre heiligsten Gefühle demselben Heiligtum des göttlichen Gesetzes weihen, für das er mit seinem Herzblut gekämpft, zu gemeinsamer Arbeit vereinigen. Jeder einzelne Jude jedoch, der nur i - n er sein Scherflein ideeller und materieller Kraft zu dieser gemeinsamen Arbeit ernst und aufrichtig beitragen wollte, war ihm willkommen, und er begrüßte ihn als Mitträger und Mitarbeiter auf das Freundschaftlichste. Nur mit Körperschaften, die auf einem von dem seinen grundsätzlich verschiedenen Boden stehen, wollte er in rein religiöser Beziehung keine gemeinsame Sache machen. Das konnte und durste er nicht. Von diesem Prinzip ausgehend hatte er unter Mitwirkung gleichgesinnter Freunde Jahre vorher seine Mustergemeinde, die Israelitische Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. gegründet, hat er auch die „Freie Bereinigung" geschaffen. Daß er mit diesem feinem Prinzip nicht allein stand, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden, kein Geringerer als Rabbiner Dr. Esriel Hildesheimer f. A. hat mit dem ganzen Einsätze seiner gotttbegnadeten Kraft für das gleiche Prinzip erfolgreich gekämpft. An diesem Prinzip ihres großen Begründers hat die „Freie Vereinigung" bis jetzt unerschütterlich festgehalten und an ihm muß sie mit zäher Ausdauer weiter festhalten, will sie sich nicht den Boden unter den Füßen entziehen." In diesen Sätzen ist der grundlegende Unterschied zwischen den jüdischen Einzelnen und den jüdischen Organisationen mit aller Klarheit dargelegt. Auch nach dem Jahre 1907 hat gemäß dieser programmatischen Kundgebung die „Freie Vereinigung" es stets abgelehnt, mit jüdischen Organisationen gemeinsame Sache zu machen, die nicht die Alleinherrschaft der Thora anerkennen. Cs mag richtig fein, daß hinsichtlich der Beurteilung der jüdischen Organisationen Gegensätze innerhalb des deutschen Judentums bestehen. _Der Israel i t Ebenso richtig ist es aber, daß die Freie Vereinigung auch nach dem Jahre 1907 gemäß den oben zitierten programmatischen Worten in der jüdischen Organisationsfrage sich nicht etwa zu einer irgendwie gearteten Neutralität verpflichtet hat, daß sie es vielmehr r^a ch wie vor im Sinne ihres großen Gründers s. A. als eine ihrer vornehmsten Ausgaben erachten muhte, derjenigen Auffassung zum Siege zu verhelfen, die von der jüdischen Organisation die unbedingte Anerkennung der Alleinherrschaft der Thora fordert. Es entspricht somit ganz der allgemein anerkannten Tradition unserer Vereinigung, daß sie den nach dem Kriege einsetzenden Bestrebungen zur Bildung einer religiös-neutralen Gesamtorganisation entgegengetreten ist, selbst wenn diese Gesamtorganisation nicht mehr durch Zwang, sondern auf dem Wege der Freiwilligkeit herbeigesührt werden sollte. Für die Prinzipien der Freien Vereinigung bedeutet es keinen Unterschied, ob die religiös-neutrale Gefamtorganifation eine Zwangsorganisation oder eine Organisation der Freiwilligkeit darstellt. Maßgebend konnte und mußte vielmehr für unsere Vereinigung sein, daß die Gesamtorganisation vermöge ihrer religiösen Neutralität die Alleinherrschaft der Thora negiert und damit bewußt oder unbewußt zu einer Verfälschung der religiösen Wahrheit führt. Unsere Vereinigung hat es daher mit Freuden begrüßt, als sich gegenüber den auf die Gründung einer religiös-neutralen Gesamtorganisation gerichteten Bestrebungen der „Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden" gebildet hat. Wenn unserer Vereinigung mit diesem Bund seit seiner Gründung Hand in Hand arbeitet, so bedeutet dies nach den obigen Ausführungen kein Novum in der Geschichte unserer Vereinigung, und es ist daher die Stellungnahme des Vorstandes sowohl von dem Ausschuß wie auch von dem Vereinstage im Jahre 1921 gebilligt worden. Der Vorstand ist sich durchaus bewußt, bis zum heutigen Tagelang im Sinne der im Jahre 1907 getroffenen Vereinbarungen verfahren zu fein. Wir geben der Hoffnung Ausdruck, daß wir, getragen von dem Vertrauen der deutschen Orthodoxie und ihrer Opferwilligkeit, auch weiterhin in der Lage sein werden, die uns anvertrauten Interessen des orthodoxen Judentums mit Erfolg zu vertreten." Line Achduth-Erklärung. Frankfurt a. M., 22. Juni. Die Achduth-Vereinigung bittet uns um Veröffentlichung folgender Erklärung: Der Vorstand des Verbandes orthodoxer Rabbiner Deutschlands, derjenigen unter den gesetzestreuen Rabbinervereinigungen, der nach Entstehung und Wirksamkeit auf dem Boden des Austrittsgedankens steht, erläßt gegen unsere Vereinigung eine Erklärung, in welcher er die Auslegung des Arewuth-Gedankens, wie sie bei der Gründung unserer Vereinigung gegeben wurde, als irrig bezeichnet. Diese Auslegung, nach der es Pflicht ist, jede mögliche Gelegenheit zu ergreifen, und deshalb auch die Schaffung orthodoxer Institutionell in allen Gemeinden zu fördern, beruht auf der Auffassung namhafter. Gesetzeslehrer, insbesondere des Kownoer Raw, R. Jzchak Elchanan, und ist in einem auch im Druck erschienenen Referat ausführlich begründet worden. Der Vorstand des orthodoxen Rabbinerverbandes macht nicht einmal den Versuch, diese Begründung zu widerlegen, er setzt seine Ansicht der dort ausgeführten Ansicht entgegen und führt zur Begründung eine Stelle aus einem agadifchen Kommentar zu dem ethischen Traktat Aboth an, die für eine halachische Entscheidung nicht herangezogen werden kann. Er widerholt dann noch, ebenfalls ohne Begründung, die mehrfach widerlegte Beschuldigung, daß unsere Bereinigung zurStärkung der Neologie führe, während in Wahrheit nach Statut, Programm und Betätigung die Achduth lediglich die Zusammenfassung aller Gesetzestreuen zur Stärkung der Orthodoxie bezweckt. Gegen ein solches im Judentum bisher nicht übliches Verfahren, religionsgesetzliche Entscheidungen ohne halachische Begründung zu treffen, legen wir unsererseits Verwahrung ein. Wir werden uns in unseren Bestrebungen nicht irre machen lassen, und werden weiter dahin zu wirken suchen, dah die Zugehörigkeit zum orthodoxen Judentum lediglich von der Anerkennung des 26. Juni 1924 schriftlichen und mündlichen Thoragesetzes abhängig gemacht werde. Dr. Albert Sondheimer -Frankfurt a. M. Rabbiner Dr. I. Unna-Mannheim. Professor Dr. Adolf Fränkel-Marburg a. d. L. M. A. Loeb-Berlin. (Siehe hierzu die Gegenerklärung an der Spitze dieser Nummer. Red.) Hilfsverein der deutschen Iuden. Berlin, 3. Juni. Am 25. Mai 1924 fand unter Vorsitz von Herrn Dr. James Simon die .ordentliche Mitgliederversammlung des „ Hilfsv e r e ins der deutschen Juden" in Berlin statt, zu der auch Teilnehmer von auswärts erschienen waren. Der Vorsitzende erstattete Bericht über die Arbeit des Hilfsvereins im abgelaufenen Jahre. In' der Tätigkeit des Hilfsvereins nahm die Auswandererfürsorge wiederum wie in den letzten vergangenen Jahren vor allem die Kräfte in Anspruch. Sie erstreckt sich zunächst auf Auswanderertransporte. die von Polen und den Randstaatdn (Litauen, Lettland und Estland) und von Rumänien durch Deutschland über Berlin nach Hamburg, Bremen oder nach den Häfen der Weststaaten geleitet wurden, von wo die Emigranten ihre Weiterreise über See antreten. Vom Korrespondenzblatt für jüdische Auswanderungsangelegenheiten sind in der Berichtszeit zwei umfangreiche 'Nummern erschienen. Die Verhältnisse im Reiche haben sich im letzten Jahre so entwickelt, daß sich auch unter der deutschen JUdenheit ein stärkerer Allswanderungstrieb bemerkbar macht. Das Korreschrndenzblatt hat auch in diesen Fällen gute Dienste getan. Die 25 ukrainischen Waisenkinder, für die der Hilssverein die Fürsorge übernommen hak, machen gute Fortschritte und entwickeln sich körperlich und geistig günstig. Der Hilfsoerein der deutschen Juden beteiligte sich auch im Berichtsjahre an dem Hilfswerke zum Schutze von Frauen und Mädchen. Am 26. April fand im Einvernehmen mit dem Jüdischen Frauenbund unter Vorsitz des Hilfsvereins der deutschen Juden eine Konferenz statt, von der eine Zentralstelle kn Berlin gegründet wurde. In großen Zügen entwarf der Redner sodann ein Bild von der Lage der Juden in Osteuropa und Palästina wie im speziellen der Flüchtlinge, die aus Rußland nach den Nachbarländern sich begeben hatten und von dem Hilfswerk für die osteuropäischen Juden, das von ausländischen Organisationen, in erster Reihe der „Jewish Colonization Association" und dem „American Joint Distribution Commitee" in die Wege geleitet sei. Sehr interessant ist die Tatsache, daß die Juden des Ostens begonnen haben, sich der Landwirtschaft in höherem Maße als bisher spontan zuzuwenden. Cs hängt dies mit den ungünstigen Verhältnissen im Handel zusammen. Diese Erscheinung zeigt sich in Litauen, in Polen, Beßarabien und Rußland. Darauf erstattete der stell». Schatzmeister, Herr Bankdirektor Joachimssohn, den Finanzbericht. Sodann ergreift Herr Dr. Paul Nathan als erster stellv. Vorsitzender das Wort zur Darlegung einer Aufgabe, die voraussichtlich den Hilfsverein in nächster Zukunft beschäftigen wird. Herr Dr. Paul Nathan bespricht noch einmal die Einwanderung in die Vereinigten Staaten, die auf ein Minimum herabgedrückt werde. Das belastet Deutschland wie Europa mit den allerschwersten Sorgen. Cs sek zu beachten, daß das Problem, bei dem bisher immer nur Teillösungen ins Auge gefaßt werden konnten, zur Zeit nur auf eine einzige Art zu lösen. wäre, nämlich dadurch, daß die jetzt noch zusammengeballten Massen an der Westgrenze Rußlands über das Riesenreich verteilt würden, in einer Weise, die zweckmäßig für die russische Bevölkerung, für die russischen Juden und auch für die Rußland benachbarten Länder sei. Die ungeheure Bedenklichkeit liege also darin, daß große Teile der russischen Juden, die längs der Westgrenze wohnen, dies aus alter Ueberlieferung auch heute noch tun, nachdem unter dem Zarenreiche einmal ein Zwangsansiedlungsrayon geschaffen war, der heute nicht mehr besteht. Der Vorschlag, den er zur Erwägung stelle, dessen Durchführungsmöglichkeit aber zunächst von der Zustimmung der russischen Regierung abhänge, sei eine Entlastung der mit jüdischer Bevölkerung überfüllten Westgebiete durch Organisierung einer Binnenwanderung in Rußland, selbst einer zweckmäßigen Verteilung der jüdischen Massen über das ganze riesige russische Reich.

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