Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1924)
- Date
- 1924-06-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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. iitr. 26 Seite 5 2g Juni 1W4_ KöMtemM Schöpfung von dieser Frau die Lehre mit Nutzen annehmen,. daß auch andere, Menschheitswerte. als der achtstündige Arbeitstag u. a., deren Bedeutsamkeit gewiß nicht bestritten werden soll, den Pfad der menschlichen Kulturentwicklung säumen?! Daß Mückle die Bibel nur in derjenigen Textgestaltung kennt und anerkennt, die die zünftige kritische Schule ihr zu geben beliebte, ist ebenso oexständlich, wie daß er, der sie als Kulturhistoriker und nicht als Älttestamentler anschaut, sich bei kritischwisienschaftlichen Zweifelsfragen überhaupt nicht aufhält. Aber dieses Zugeständnis schließe-nicht die Toleranz gegenüber verletzender Unwissenschaftlichkeit ein, wie sie hier an der Tagesordnung ist. Wendungen wie „fo wird das gewesen sein?, ^sicherlich", „gewiß" und viele andere, von denen einzelne Kapitel geradezu, wimmeln, sind bessere Zeugnisse beschwingter Phantasie als für eine gezügelte wissenschaftliche Arbeitsart: und wenn dem Kulturhistoriker auch eine ausreichende Befreiung von der Erdenschwere des rein wissenschaftlichen Detailballastes zugestanden sei, so doch nimmermehr der Flug aus Jkarusflügeln in das dimensionslofe Reich der Fabulistik. Vielleicht begeht man an Mückle aber sogar ein Unrecht, wenn man ihn für die Kulturhistorie in Anspruch nimmt, anstatt ihn als Dichter anzufprechen und zu bewerten! Es ist sogar nicht zu bestreiten, daß, außer dem Phantasiereichtum, auch die Sprachgebung und Sprachbildung und seine bewundernswerte Befähigung zur Einfühlung in die poetische Sentenzweisheit aller Zungen ihn den Dichternaturen verwandter als dem Historiker erscheinen lassen. Aber neben Aeußerungen echten, dichterischen Empfindens, die nach Form und Inhalt das Herz erfreuen, stehen, doch auch wieder Sätze von so erschreckend kindlich-oberflächlicher Distanznahme zu den Erscheinungen des Innenlebens, daß der Zweifel, ob hier wirklich dichterische Intuition am Werke ist, nur allzu berechtigt erscheint. „Wenn kein Lebewesen einen Laut gibt und selbst nicht einmal der Wind die Gräser umspielt, und wenn nun plötzlich eine ihrer Herde entlaufene Ziege oder ein Bock vor den Äugen des von Schauern durchrieselten Menschen auftaucht: ist es denn da nicht ein Geist, der ihn erschreckt?" Man vergleiche mit diesem Zitat etwa Willy Pastors „Stimme der Wüste", um zu verstehen, welcher Unterscheid zwischen restlosem Sicheinsenken in die letzten Regungen seelischer Sensibilität und einer in Äußerlichkeiten steckenbleibenden Oberflächenspannung der Empfindung besteht. Und es sollte gestattet sein, auf ein Substrat von solcher seelisch-geistigen, Bescheidenheit den Aufbau einer Kulturhistorie zu türmen, die eine andere, wohlüberlieferte, in allen Ausmaßen stilgeschlossene und in allem Hin und Her des Weltgeschehens erprobte,, einfach bei Seite schiebt?! /Es ist tief bedauerlich, daß Mückle, dessen ernstes Wollen keiner Anerkennung bedarf, mit aller Anspannung seiner Kräfte trotzdem, aus den eingangs erwähnten Gründen, der Lösung des Problems, das ihn tiefinnerlich erregt, nicht näherkommen konnte, dein Problem, worin es begründet ist, daß die jüdische Kultur mehr als irgend eine andere in die Kultur des Abendlands einwirkt. Dem Juden als Leser aber imponiert an diesem geistigen und physischen Kräfteaufwand nur das eine: daß es nämlich möglich ist eine Frage, die doch gar keine ist, zum dankbaren Objekt einer vielbändigen Arbeit zu gestalten Und für eine interessante und farbenreiche Darstellung zu verwerten. Lesern, die mit diesem Vorbehalt an die Lektüre des Buches Mückles herantreten und durch eignes Wissen -gegen die Gefahr gewappnet sind, von seinem vorwärts über alle Hemmnisse hinwegstürmenden. Phantasiereichtum gefangengenommen zu werden, darf um dieser Vorzüge willen ein Genuß, wenn auch kein Gewinn, von dieser Lektüre versprochen werden. Die Anderen lassen besser ihre Hand davon. Än einer Einleitung, die allgemeinphiloso- _ Der Israelit_ Wischen ' Charakters ist, gibt' Mückle als dck< letzte Ziel seiner breit angelegten Untersuchungen die Sicherstellung der Erkenntnis des Urphänomens, auf das alle geschichtliche Lebeysäuherung zurückgeht, an. Als dieses Urphänomen (in Goetheschem Sinne) erkennt er, und diese Erkenntnis zu erhärten, dient sein Werk, das nie rastende Wechselspiel von Machtwille und Erlösungsdrang, die Urpolarität, wie es Goethe benennt. Es kann unsere Aufgabe nicht sein und liegt jenseits der Grenzen unserer Besprechung dem Verfasser, sy reizvoll die Aufgabe an sich wäre, auf diese Pfade zu folgen. Aber hingewiesen sei wenigstens an dieser Stelle auf einen in Heft 13 der „Naturwissenschaften" veröffentlichten Vortrag von H. Freundlich über Kolloidchemie und Biologie, der das Thema vom Urphänomsn, zunächst wenigstens für das Gebiet der Farbenlehre und damit der Hauptgrundlage der Goetheschen Jdeenbegründung in ganz neuem Licht betrachten und behandeln lehrt. stomrpsnaenre« * Dacbricbien 2>cutReich. Vereinstag der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums". Frankfurt a. M., 20. Juni. Der Bericht des Vorstandes, erstattet von Herrn Rechtsanwalt Dr. Breuer, hatte folgenden Wortlaut: ' Der letzte Vereinstag hat im Jahre 1921 stattgefunden. . Der Bericht erstreckt sich daher auf den Zeitraum der letzten drei Jahre. Die unserer Vereinigung anvertraute Wahrnehmung der Interessen des orthodoxen Judentums umfaßt die Sorge für die praktische Verwirklichung der religiösen Vorschriften, sowie die Sorge für die treue Bewahrung und Vererbung der uns überlieferten Lehre in ihrer unverfälschten Reinheit. In programmatischer Hinsicht stand die Vereinigung während des verflossenen Zeitrums noch ganz unter den verheerenden Nachwirkungen des verlorenen Krieges. Unser ansehnliches Stammkapital sowie unsere Stiftungsgelder, die vorschriftsgemäß mündelsicher hatten angelegt werden müssen, sind durch die zunehmende Inflation mehr und mehr der Entwertung anheim gefallen. Erst die im vergangenen Jahre eingetretene Stabilisierung setzte uns wieder in die Lage, für die Auffüllung des Kapitals und der Stiftungen Sorge zu trägem Auch die Mitgliederbeiträge bedürfen einer völligen- Reorganisation. Wir sind mit Erfolg bemüht, allmählich die finanzielle Grundlage unserer Vereinigung wiederherzustellen. Wenn es uns trotz, der furchtbaren . Zeit der. Inflation möglich gewesen ist, praktische Aufgaben unter nicht geringem Kostenaufwand zu lösen, so haben wir dies in erster Reihe opferwilligen Freunden zw verdanken, die uns,-in verständnisvoller Weife zu Hilfe gekommen find. Besonderer Dank gebührt der tschechisch-slowakischen orthodoxen Landesorganisation, die uns in hochherziger Weife zur rechten Zeit erhebliche Beträge zur Verfügung gestellt hat. Wir sind hierdurch in. die Lage versetzt worden, im Jahre 1924 eine großzügige Mazzosaktion durchzuführen, die eine Fülle von Segen gestiftet hat. Mit einem Kapitalaufwand von 15 500 Goldmark haben wir vielen notleidenden Gesinnungsgenossen kostenlos Mazzos liefern, zahlreichen minderbemittelten Familien eine wesentliche Preisermäßigung und namentlich Beamten eine in der schweren Zeit gewiß willkommene Hilfe leisten können. Unter Berücksichtigung der für die Lieferungen bei uns eingegangenen und noch zu erwartenden Zahlungen hat die Gesamtaktion mit einer von uns geleisteten Zubuße von ca. 6000 Mark abgeschlossen. Von allen Teilen Deutschlands laufen fortgesetzt Gesuche bei uns ein um Subventionierung von Mikwaoth oder Wiederherstellung .baufällig gewordener Synagogen. In den meisten Fällen sind wir in der Lage gewesen/namhafte Beiträge zur Verfügung zu stellen. Ein ganz besonderes Augenmerk haben wir der Frage der religiösen Jugenderziehung namentlich auf dem flachen Lande gewidmet. Es ist unserer Aufmerksamkeit nicht entgangen, daß gerade dort der Krieg verheerend gewirkt hat. Viele Juden, die im Kriege zur Gesetzesübertretung gezwungen waren, sind der religiösen Uebung entfremdet, und da sie bei ihrer Rückkehr nicht von einem lebendigen jüdischen Milieu ausgenommen wurden, hat leider die eingetretene Entfremdung einen dauernden Rückschritt zur Folge gehabt. Die Bereitwilligkeit zu Leistungen für religiöse Zwecke -hat außerordentlich nachgelassen, so daß wir Grund zur Annahme haben, daß an vielen Orten jüdische Kinderohne jeden Religionsunterricht a u f w a ch f e n. Wir Haben uns mit einem Aufruf an die jüdische Oeffentlichkeit gewandt und Gemeindevorsteher wie Rabbinen gebeten, sich an uns zu wenden, wenn an Orten ihres Wirkungskreises jüdische Kinder ohne ausreichende religiöse Erziehung und Unterweisung aufwachsen. Wir haben Uns weiter bereit erklärt, . falls es erforderlich sein sollte, einen wesentlichen Beitrag für die Kostentragung zu leisten. Es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, daß unser Aufruf nur einen verhältnismäßig geringen Widerhall gefunden hat. Wir haben daher unter Vorsitz des Herrn Louis Kahn in Frankfurt a. M. eine besondere, von den uns befreundeten Organisationen mit beschickte. Kommission gebildet, die sich das religiöse Erziehungswesen auf dem Lände zur besonderen Aufgabe stellt. Die Kommission hat ihre Tätigkeit bereits mit Erfolg begonnen. Wir können immer wieder nur mit Nachdruck betonen, daß die religiöse Unterweisung auf dem Lande eine der wichtig st en Aufgaben der Gesamtheit darstellt, und daß wir mit allen Kräften dafür Sorge tragen muffen, daß nicht uns die Verantwortung anheimfällt, wenn jüdische Kinder in völliger Unkenntnis ihrer hohen Pflichten aufwachsen. Wir richten einen Appell an alle unsere Mitglieder, uns bei diesem hohen Werk nach Kräften finanziell zu unterstützen. Es wird Sorge getragen werden, daß die Kommission ihre Tätigkeit in stetem Einvernehmen mit den zuständigen gesetzestreuen Rabbtnaten und Vorsteherämtern ausübt, und daß auch die wohlverstandenen Interessen der amtierenden Lehrer oder Religionslehrer nicht verletzt werden. Die Frage der Zukunft der bestehenden öffentlichen jüdischen Volksschulen und der orthodoxen Lehrerseminarien hat uns gleichfalls beschäftigt. Die Frage befindet sich gegenwärtig-noch im Fluh; wir haben es aber bereits jetzt für unsere Pflicht gehalten, dafür Sorge zu tragen, daß ein Stamm thorakundiger und gebildeter Religionslehrer herangebildet werde. Wir haben uns zu diesem Zweck mit der unter Leitung unseres Herrn Vorsitzenden stehenden Thora^Lehranstalt „Jeschiwoh" in Verbindung gesetzt. Die Thoralehranstalt hat einen besonderen Lehrplan für die Ausbildung von Religionslehrern ausgearbeitet. Sie ist bereit, Anmeldungen entgegenzunehmen. Soweit es erforderlich ist, werden wir in Gemeinschaft mit der Thoralehranstalt und den uns befreundeten Organisationen für die Aufbringung der Kosten Sorge tragen. Mit besonderer Genugtuung können wir mitteilen, daß es uns gelungen ist, unsere aus Friedenszeiten altbewährte Organisation zum Zwecke der Beschaffung von den Anforderungen des Religionsgesetzes entsprechenden Tefillin und Mesusoth zu billigen Preisen wiederherzuftellen. Von den Ländern unserer Bezugsquellen äbgefchnitten, durch den Sturz der Mark außer Stande, im Auslände Einkäufe vorzunehmen, hatten wir namentlich während der Nachkriegszeit den Betrieb der Organisation nicht mehr durchführen können. Wir sind nunmehr in der Lage, Tefillin und Mesusoth zu billigen Preisen jederzeit liefern zu können, für deren rituelle Tauglichkeit unser Herr Vorsitzende die Verantwortung übernimmt. Auf diese Möglichkeit weisen wir unsere Mitglieder mit besonderem Nachdruck hin. Es ist bekannt, welche schwere Mißbräuche sich gerade auf diesem Gebiete häufig eingeschlichen haben, und es ist auch bekannt, daß vielfach die für diese lebenswichtigen Ritualien geforderten Preise nicht angemessen erscheinen. Möge allgemein von der durch uns geschaffenen Gelegenheit Gebrauch gemacht werden. Bestellungen sind an unser Büro, Rechneigraben st raße 5, zu richten. In