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Der Israelit · 1924-06-26 · Heft 26 (26.6.1924) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 26 (26.6.1924)
Date
1924-06-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Sette 4 Nr. 26 Es ist ein wahres Glück, daß die palästinensische Regierung, so sehr sie bisher dem einseitigen zionistischen Einfluß unterliegt, wenigstens in diesem Punkte der Gewissensfreiheit und der Gerechtigkeit eine Gaste gebrochen hat. Möchte der gleiche Geist auch auf dem noch viel wichtigeren Gebiete der Gemeindegesetzgebung, das der Regelung harrt, zur Geltung kommen. Nur dann können dauernde, Verbitterung und schwerste moralische Schäden verursachende Kämpfe vermieden, kann der öftff gesichert werden. Ein verschwundener Menschen-Typ. Bon A. Mattttyeimer in Aettekvach. (Schluß.) Oft wurde darauf hingewiesen, daß der Wanderer durch seine Person, durch sein Erscheinen ein ganz falsches Bild vom Ostjudentum bei uns schaffen half. Und mit Recht. Der Deutsche meinte füglich, ganz Polen und Rußland bestehe aus Schnorrern, die von der Kultur nie beleckt wurden, und der schäbige Anzug nebst dem unsauberen Aussehen seien untrügliche Merkmale der Ostjuden. Ja, der Midrasch hat recht, das Reisen stört nicht nur das Familienleben, es zehrt auch am Geldbeutel und beeinträchtigt den guten Ruf. 'in dnm 'ja öjjöö ynn* Die Not der Zeit brachte in großen Fragen und Organisationen Ost und West näher, so daß jenes alberne Vorurteil wohl geschwunden sein dürfte. Jeder Armenkastenführer wußte jedoch schon längst, daß kaum mehr als 100 Männeken die Unterstützung in Anspruch nehmen. Sie kamen eben immer wieder. Auf guten Ruf hielt auch der Pollak. Er wollte sich nicht in einen Sack werfen lassen mit den zu Wagen reisenden Galiziern, die indes nur zur Sommerzeit eintrafen. Im österreichischen Reichsrat sagte der verstorbene Abgeordnete Schreiber s. A. einst: „Warum dürfen denn wir Juden nicht auch unser Proletariat haben?" Tatsache ist, daß die Herbergen wie Polizeibehörden so gut wie niemals über Diebstähle und dergleichen seitens der ostjüdischen Armen zu klagen hatten. Wo aber ja einmal eine Entgleisung vorgekommen sein sollte, na, sind alle Seßhaften und Vermögenden Engel in Menschengestalt? Darf nicht auch das Proletariat wieder sein Pro- Lariat haben? Und gibt es nicht im Strafrecht einen Paragraphen der Milde gegen solche, welche die Not zu Fehltritten führt. Setzen wir uns auch da — um eine Wendung aus der Selichazeit zu gebrauchen — ein wenig auf den Thron der Barmherzigkeit. Nicht selten stellten die „Pollakim", wie der hebräisierte Plural lautet, ein Kontingent ZUM Minjan in kleinen Gemeinden, natürlich gegen Bezahlung. Der Vorteil lag auf beiden Seiten: ein öffentlicher Gottesdienst nach längerem Ausfall eines solchen, für die Armen den Genuß eines Standquartiers, sicherer Verköstigung und geldlicher Entlohnung. Mitunter hatte der eine oder andere auch den pn zu spielen, besonders bei stimmlicher Begabung. Die Molltonart östlicher Lande konnte der Pollak natürlich nicht abstreichen. Der Volksmund drückte das zumeist mit dem Satz aus: „Es lautet wie am Tischoboav." Oft hielt man den Armen auch zur Jahrzeit zurück, zu Nachtwachen bei Toten, zra zu pn während der nyn&' *?"i< Zu freudigen Anlässen, wie Hochzeiten, n'12' Verlobungen usw. stellte er sich ohnedies pünktlich ein; da blühte sein Weizen. Freilich erwartete er oft mehr, als man ihm bot. Es ist tatsächlich nicht zu leugnen, daß man für allerlei Flirt und Tingeltangel verhältnismäßig mehr aufwendete als für den Schnorrer, obgleich es keine rftm rmöp niRisoi gibt als cion nrn.iV- Daß zwei polnische Schnorrer einmal in einer einsam gelegenen Dorfgemeinde einen Jomkippur inszenierten, um sich an dem fingierten Eres Jomkippur an gefüllten Hühnern und .Schalet gütlich zu tun, klingt nicht sehr glaubhaft. Zu den vielen D e r I s r a e I i t sonstigen Anekdoten über den Pollak mag dies als schön äusgedachte Schnurre noch hinzukommen. Ödet sollte am Ende doch zwei ganz Geriebenen solch ein Streich gelungen sein?— In der Synagoge gab man dem Gast selten eine.i'Vv. ja man überging ihn zuweilen sogar als jra oder -?iV und raubte ihm so ein angestammtes und seit Jahrhunderten heilig verbrieftes Recht. Wenn er dagegen protestierte, so hatte er allen Grund dazu. Als Träger des demokratisch durchwehten Thoragesetzes, als Verfechter demokratischen Geistes im staatsbürgerlichen Leben haben wir gerade an der geweihten Stätte des Gotteshauses nicht das Recht aristokratischen Gepflogenheiten zu huldigen, gar noch mit Brechung kodifizierter öW Solange man Baalebatim zur Thora ruft, die im Leben oft dieselbe in den wichtigsten Forderungen ignorieren, solange darf auch der Arme nicht ausgeschlossen werden. Da gibt es kein Wenn und Aber. Keinerlei Dialektik vermag hier die klare Linie des Rechtes zu verwischen. Wer vor etwa 50 Jahren den Pollak kannte, wird konstatieren können, daß auch er dem „Zahne der Zeit" unterliegt, dem Zettgeist Könzeffionen macht. Der Kaftan, die hohen kräftigen Schäftenstiefel der Heimat, die Tuchfchildmütze schwanden mehr und mehr. Fußbekleidung, Rock und Hut sind der ünsrigen ähnlich geworden. Kein Wunder; meistens steckte zuvor ein deutscher Kaufmann, Viehhändler, Gelehrter oder sonstwer drin und der Gast machte kein Geheimnis daraus, wer der edle Schenker sei. Das diente zugleich äls Ansporn zur Nachahmung. Und nun betritt der Arme aus Polen nicht mehr unsere Schwelle. Die Alten sagten: „Wenn viele Orchim kommen, so bedeutet dieses ein gutes Jahr." Verstehen wir heute den Sinn des Wortes? O, zu gut! Wenn man diese Leute unbehelligt gehen läßt, muß Friede und Wohlstand im Lande sein. Kein Mißtrauen, „kein Rachegefühl gegen andere Staaten schafft Schikanen oder Ausweisungen fremder Menschen, in erster LinieJuden, die stets den Pulsschlag der Zeit zunächst fühlen. Man weiß kaum etwas von lästigen Ausländern strengen Grenzsperren und Paßschwierigkeiten. Und heute? Oder gar im Kriege, als man uns selbst das tägliche Stückchen Brot vorschnitt? Verstehst du lieber Leser, freudliche Leserin, nun die obige Redensart der Voreltern?-— Möchte die schöne Bitte in Erfüllung gehen, mp mnoris i2ivr' «Vff und es jedem vergönnt fein djt 112221 unVw Vsr 01VW2 nvnb K ..l'tllirv ll'pVl NUN '1212 pldpV 1N'2 Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland. Eine Besprechung von Dr. Ed. Bibekfeld in Berlin. Ein umfangreicher Band von fast 700 großen Seiten*) liegt vor uns, der dabei nur der erste von vier geplanten ist; eine Aussicht, die mindestens für den Recensenten, der, es mit seiner Aufgabe ernst nimmt, des Verlockenden nicht allzuviel hat und nur durch den Erfahrungssatz tröstlicher wird, daß nicht alle geplanten Vielbänder dann auch geschrieben und, wenn geschrieben, nicht auch immer gedruckt werden. Das Buch trägt die Widmung: dem Andenken Karl Lamprechts. Das soll zweifellos besagen,^, daß der Verfasser nach dem Vorbilde Lamprechts die letzte Aufgabe der wissenschaftlichen Geschichtsforschung nicht in archivalischer Detailarbeit und pragmatisch-nüchterner Sicherstellung der Tatsachen als erschöpft: erblickt, sondern in einer die großen Zusammenhänge der Geschehnisse und ihre in der Tiefe wirkenden Ursachen und Antriebe klarstellenden Darlegung das lebensfördernde und darum voranzustellende *) Der Geist der jüdischen Kultur und das Mendland von Friedr ich.Mückle, Ricolaverlag,: 18>23. Salzburg. 19 ü. 659 6. Lex. 8. ' ' 1 26. Juni.1924 Ziel der Historiographie erblickt. Ohne zu dieser, seit Jahrzehnten die zünftigen Kreise lebhaft beschäftigenden Standpunktsfrage hier Stellung nehmen zu wollen: auch von den Vertretern^ dieser Richtung wird nicht bestritten werden^ können, daß Geschichte in ihrem Sinne zu schreiben, doch nur derjenige berufen erscheinen mag, der das Gebiet der Tatsachen souverän beherrscht, gesichertes Ergebnis von hypothetischer Unterstellung zu scheidest weiß und über eine genügende Weitsichtigkeit verfügt, um in dem Gewühl der Einzelheiten den durchgehenden Allgemeingedanken nicht aus den Augen zu verlieren. Vor allem aber darf und muß auch von ihm jene absolute Voraussetzungslosigkeit hinsichtlich des Ergebnisses seiner Forschung verlangt werden, die dem pragmatischen Historiker selbstverständlich und geläufig ist, weil bei tJjm, anders als bei jenen, die Werturteile völlig ausscheiden und nur die eindeutige Sprache der sichergestellten Tatsache zum Worte gelangt. Referent ist zu höflich in Zweifel zu ziehen, ob der Verfasser über alle oben genannten Vorzüge sicher genug verfügt, um das Wagnis unternehmen zu. dürfen, das Wesen der j ü d i s ch e n Kultur auf ihrem Wege von den ersten Anfängen bis zu ihren Aeußerungen in den Schöpfern des Christentums darstellen und ihren Einfluß auf die anderen Kulturen Nachweisen zu wollen.. Aber einen Vorzug, und zwar gerade den allerwichtigsten, die absolute Voraussetzungslosigkeit hinsichtlich des Endpunktes, zu dem der Forscherweg führen würde, vermag ich ihm nicht zuzubilligen. Ohne daß dieses Manko in meinen Augen einen Vorwurf für ihn bedeutete! Aber Mückle, der erste GefandteEisners inBerlin, mag in konfessioneller Hinsicht noch so ungebunden sein und denken, dem positiven Christentum — so vermute ich — noch so desinteressiert gegenüberstehen: als Christ geboren und in einer Geisteswelt aufgewachsen und von ihr durchtränkt, die in dem Christentum die Vollendung der jüdischen Kultur erblickt, vermag er aus dieser Vergangenheit heraus nie und nimmer die Hemmungen zu überwinden, die in seiner geistigen Verfassung sich einer voraussetzungslosen Würdigung der Wischen Kultur entgegenstellen. Wer in Paulus die „Vollendung der jüdischen Kultur" zu sehen, durch seine ihm zur Natur gewordene religiöse Struktur gehalten ist, vermag nicht zu glauben und anzuerkennen, daß das Urphänomen der jüdischen Kultur — um in der Terminologie des Verfassers zu reden — von dem Tage an, da überhaupt von ihr als einer spezifischen Kultur geredet werden kann, bis zur Stunde, in der wir stehen, die in ihr zu anderweitig noch nicht erklommener Höhe emporgewachsene reinste monotheistische Gottesvorstellung ist. Es gibt kein Entrinnen aus diesem Kreis; die immanente Logik dieses Tatbe-" stands kann gar nicht anders als den Verfasser dahin zu führen, daß er die fester als irgendeine andere historische Ueberlieferung fundierte Einsenkung der jüdischen Kultur in den Monotheismus überhaupt nicht als beachtlich behandelt, und statt dessen die dem vorurteilslosen Blick sich als artfremde Einschüsse aus andersvölkischen Kulturen präsentierenden, pathologischen Erscheinungen des Dämonenglaubens und des Götzendienstes als Wesensteile der jüdischen Kultur anspricht. Vor dieser Betrachtungsart verschwinden die Gestalten der Patriarchen in der Versenkung des ewigen Vergessens, steigen die Ueberlebensgrößen der Führer Israels auf die Stufe von Condottierikraftnaturen herab, lösen sich die Wellenlinien der jüdischen Geschichte — in ihren Hebungen und Senkungen das lebendigste Zeugnis des Gottes in der Geschichte! — in einen episodenreichen sozialen Entwicklungsprozeß, in dem die allermodernsten Prägungen wirtschaftspolitischer Problematik sich zum Worte melden, auf. „In euch ist nichts" — ich zitiere Worte einer klugen Frau, unserer Tage (L. Andre in ihrem nachdenklichen Roman) — „als eine kleine, dumpfige Welt: wenn ihr die dann noch über ein paar andere ausbreitet, nennt . ihr' das: - sozial denken".

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