Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1924)
- Date
- 1924-06-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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19. Juni 1924 -1 nehmenden mochte er nicht verzichten. Das 8 I Beispiel des edlen Christen wirkt beschämend e I gegenüber der Tatsache, daß für ein Nachtlager e I jüdischerseits äußerst selten gesorgt war. Unser r > Stammvater legte einen „Eschel" an, das ist nach dem Midrasch eine Herberge, m der er 1 I Essen, Trinken und Nachtlager bot - An- ' I fangsbuchstaben der Worte ,i!?'28 ^.) 1 I Vor mehr als 30 Jahren wurde schon in diesen r » Blättern auf den Mangel der irrend hingewiesen, die Mißstände, die sich daraus ergaben r I erörtert und scharf gegeißelt. Geholfen hat es 1 I wenig. Es geht ja leichter, über den „Pollak" - I schimpfen, der gezwungenermaßen in die Spe- 1 » tunke hinabsteigen, dort mit Rücksicht auf den 1 I Wirt Bier und Schnaps trinken muß, um nur ' » eine nächtliche Unterkunft zu finden, als durch 1 ■ eine Tat die Dinge von Grund auf zu ändern. Wie oft klagten die Armen, daß ein großer Teil der npiL hierdurch absorbiert wurde. Wenn hier und oa ein Viehhändler seine Scheune zu einem Strohlager für nachts hergab, so richtete der Arme „seine Tour" im Hinblick auf diese „Vergünstigung" lange zuvor ein. Außer der pekuniären Ersparnis konnte er dadurch auch noch einen anderen Gewinn buchen: er brauchte nicht fürchten, den Schikanen, Hänseleien und Belästigungen roher Wirtshausgäste ausgesetzt zu sein. Es wurde seinerzeit in diesen Blättern mit Recht betont, daß der Staat durch Einrichtung der offiziellen „Herberge" ein uns beschämendes Beispiel gab, wie man für schütz- und obdachlose Menschen menschlich zu sorgen habe. Wir haben dem Armen diese Sorge täglich überlassen und ihn täglich mit dieser Sorge belastet. Tatsache ist, daß der Arme oft bei Nacht und Winterskälte eine Stunde und noch mehr laufen mußte, um einen Ort Zu erreichen, wo er Logis bekam. Hätte man nicht an Fährnisse aller Art denken sollen? Und hätten wir wie zur Zeit der Egla-Arufa dann unsere Hände in Unschuld waschen können mit dem Hinweis: i2sw zb ipt mn am ns wir ließen den Mann nicht ohne Speise, Nachtlager oder Begleitung? Abrahamitische Gastfreundschaft strahlte in grauer Vorzeit als das leuchtende Gegenteil fodomitifcher Hartherzigkeit gegen Freunde und bot gerne eine Stätte p*?*? und p1?5?-— Der „Pollak" war fleißig. Ihm war kein Weg zu weit, kein Wetter zu schlecht, keine Stunde zu spät oder zu früh, keine Last zu schwer. Dabei lebte er nüchtern, Trunkenheit kam so gut wie gar nicht vor. Dafür brachte er auch „was zusammen". Bei besonders vertrauenswürdigen Freunden hatte er dann eine Art Konto, an welches er von Zeit zu Zeit größere Summen abstieß. Und nicht selten erreichten diese die Höhe, einer schattigen Bergesspitze schweift mein Blick über die weite Ebene, von sanftem Hügelzug unterbrochen. Wie, ists nicht, als dringe süßer Flötenton an mein Ohr? Dort in der Ferne wird Staub sichtbar, eine Karawane zieht die Landstraße daher. Wanderv-? Ah pal Solch moderne Einrichtungen kannte das Altertum nicht. Oder heimkehrende Wallfahrer? Kann auch nicht stimmen. Sie nehmen ja den Weg nach Jerusalem zu! Bornher zieht der kraftvolle Anführer, hinter ihm schreiten Spielleute mit allerlei Instrumenten, ein Ochse mit vergoldeten Hörnern, einen Kranz von Olivenlaub um den Kopf geschlungen, trabt mit. Das Ganze verrät eine ordnende Hand, ein wohldurchdachtes Arrangement. In einer Bezirksstadt stellte man den Zug zusammen und dem erkorenen Führer leistet jeder willig Gehorsam. „Ich freue mich, so man zu mir spricht: „Lasset uns zum Hause des Ewigen gehen", stimmt einer an. Und jubelnd fällt ein Chor von Männerstimmen ein, Flötenklang dazwischen. So gehts weiter, bis im Westen der goldene Sonnenball sinkt und des Abends erquickende Kühle eintritt. Da entwickelt sich im nahen Dorfe ein gar beschauliches Leben. Um nicht etwa mit einer Leiche in Berührung zu kommen, um nicht durch „Tumas mes" am Erscheinen im Heiligtume gehindert zu sein und so das eigentliche Ziel der Wanderung zu verfehlen, übernachtete man auf öffentlichem Marktplatze, wo man sich so gut als möglich zu Quartieren einrichtete. Bald lag alles in süßem Schlummer, über ihnen die Tausende von Sternen, welche am orientalischen Himmel mit besonderem Glanze funkeln. Stunde um Stunde entrinnt. Schon zeigt sich am östlichen Himmel der milde Schein der Morgenröte und der treubesorgte Führer schreitet durch die Reihen mit dem Weckrufe: „Auf, lasset uns! hinaufziehen nach Zion, in das Haus unseres ewigen Gottes!" Ein solches Wort wirkt wie ein Zauberstab. Gebanntist alle Müdigkeit, in kurzer Zeit ist alles auf; Der Israelit von 1000 M. und darüber, wohlgemerkt: Goldmark. Bon solchen Filialstellen hob er dann das Ganze ab, um — gewöhnlich um die Peffachzeit — es mit nad) Haufe zu nehmen, oder aber er ließ es direkt per Postanweisung einzahlen. Wer solche Dienste im Ehrenamts zu versehen hatte, mußte auch die von daheim kommende Korrespondenz entziffern. Jawohl: entziffern. Denn abgesehen davon, daß die russisch-jüdische Kursivschrift in ihren Charakteren stark abweicht von der unsrigen, bot auch der Jargon, in dem die Briefe gehalten waren, Schwierigkeiten in Hülle und Fülle. Meistens zeigte der Stil Anklänge an die talmudische Diktion bei der Entwicklung logischer Beweise. Es ist eigentümlich, daß nicht alle des jüdischen Schreibens und Lesens kundig waren, selbst solche, die „lernen" konnten. Doch sind ja die östlichen Methoden nicht die des Westens und umgekehrt. Den Schluß der Briefe bildete eine ebenso ermüdende Einzelaufzählung von Grüßen, wobei kein Angehöriger vergessen war und auch nähere und entferntere Freunde upd Verwandte bedacht wurden, keiner ohne den liebevollen Wunschzusatz „soll bleiben", „soll g'sind sein", „soll sech ältern," usw. Der Wanderer hatte auch auf der Reise nichts eingebüßt vom altjüdischen Familiensinn und verwendete jeden Pfennig für die Versorgung von Weib und Kind. Wir kamen dadurch unwillkürlich zu vielen 7mm für die wir eigentlich dem Schnorrer zu danken gehabt hätten, nicht umgekehrt. Tatsache ist es, daß sehr viele das Geld direkt zu im*?-Zwecken verwendeten. Wie aus der Korrespondenz zu ersehen war, entlohnte man damit den Melamed. Die hierfür fällige Quote, das s»i-Geld sollte pünktlich an den Chederlehrer entrichtet werden; er bekam es ohnehin postnumerando. Und zu einer anderen niL» trugen wir sehr häufig bei, von der uns unbegrenzter Lohn verheißen, a^isa nns 8 2«f nxpp ppm mn: wir meinen die Mizwah von T\bi nott.n. Wie oft sammelte der „Pollak", um mit wenigen hundert Mark seine Tochter zu versorgen und freudig erzählte er später, daß der •jnv zustande kam, ja er habe schon „Eniklech". Man muß sich den Abstand westeuropäischer Lebensauffassung vom echtjüdischen Ideal erst vor Augen führen, ehe man hier zur dornenumhegten Wahrheit, vordringt. Lachen, lachen, über einen „schnorrenden Schwiegervater," der für seine Tochter 500 Mark Mitgift zusammenholt, der sich über den „guten freut und mit innerster Genugtuung meldet, daß er n"2 schon Enkel habe — lachen über dergleichen Dinge kan nur derjenige, der die reine Sphäre jüdischer Lebensweisheit und Lebenswahrheit nie erreicht, ja sie vielleicht nicht kennt. den Beinen und im dämmerigen Frühlichte des jungen Tages zieht die Schar zum Städtlein hinaus. Fromme Gesänge und Flötentöne unterbrechen die Morgenstille ringsum, das Schweigen der taufrischen Fluren. Höher und höher steigt die Sonne, höher und höher schlägt auch das Herz, je näher man der heiligen Stadt kommt. Schon heben sich die Zinnen deutlich vom Gelände ab. Das heiß ersehnte Ziel winkt in naher Ferne. Rascher gehen die Pulse, aller Augen leuchten. Nun heißt es schnell die letzten Vorbereitungen treffen. Die Körbe werden gemustert, die Reichen prüfen den Inhalt ihrer goldenen und silbernen Schalen: die saftigsten und schönsten Früchte legt man obenauf und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer. Es erbieten sich einige Gefährten, vorauszueilen nach der heiligen Stadt, um die Ankunft zu melden. Nicht lange, und aus den Toren Jerusalems kommen Verwalter oder sonsttge Beamte alsVertreter derBehörde entgegen um dieTräger der Erstlingsfrüchte, derwii22in die Gottesstadt zu geleiten. Und wiederum setzt der Chorus ein: ">21 uMn vrt m-ivip „Es stehen unsere Füße in deinen Toren, 0 Jerusalem!" Bei Erklingen der schönen Psalmodie mögen nach einem sinnigen Worte der Weisen die Lippen des längst schlafen gegangenen Königs David, des „lieblichen Sängers in Israel", noch im Grabe sich bewegen. Ehrfurchtsvoll begrüßt alt und jung die Schar: „Ihr Brüder aus dem und dem Orte, euer Kommen sei zum Frieden." Jüdische Gewissenhaftigkeit siebt es als Diebstahl, als Betrug an, die Arbeit zu unterbrechen, für die man gedungen ist und bezahlt wird, und sei es auch nur für kurze Zeit. Eine Konzession machte man jedoch gerne den v'1122- Trägern gegenüber: den Handwerken in Jerusalems Straßen war es gestattet, Hammer, Kelle und sonstige Geräte wegzulegen und auch ihrerseits den Gruß zu entbieten solange die Karawane an ihnen vorüberzog. Das Solidaritätsgefühl erheischt solche Rücksichtnahme. Nr. 25 Seite 3 Ihm mag der Daseinsdienst aufgehen im modernen Götzendienst, im unausgesetzten Streben nach Besitz und Genuß, nach blendendem Glanz und schillernder Alltagspracht, die einst jäh endet mit dem Abstieg ins kühle, kalte Grab. Wie ein Tvtenfkeletl grinst uns hier das „Prinzip" der Ehelosigkeit entgegen, das kalt und grausam blühende, entwicklungsfähige und entwicklungsberechtigte Menschenleben knickt, hoffnungsfrohe Knospen im kalten Reif eines fluchwürdigen Mammonismus erstickt und obendrein noch dessen spottet, der in v'12 — stammverwandt mit mia bauen — natürliche Bausteine des Menschengeschlechtes erblickt, Bausteine des N'2' künftige Träger und Bürgen für den ewigen Bestand unserer heiligen mm. Das ganze Problem der jüdischen Volksbewegung mit ihren wirtschaftlichen Grunoiagen und sozialpolitischen Auswirkungen, mit all den betrübenden Erscheinungen sinkender Moralität, zunehmender Degeneration, Häufung von Mischehen und Selbstmord: dies alles existiert nicht für den sich kulturell erhaben dünkenden Westler, der ein Lächeln übrig hat für den mit überaus ernst-heiligem Empfinden der jüdischen Ehegründung zustrebenden Ostjuden. Man muß nicht erst Agudist oder Zionist sein, um sich zu freuen, wenn im fernen Osten von persönlich uns Unbekannten in schlichter Art ein neues Haus in Israel begründet wird, vielleicht unter gewissenhafterer Beachtung der mnm nsnij? als bei H»er pompöstheatralischen Aufmachung moderner Mitgiftfeiern. Die bescheidene Gabe an den armen Ostjuden führte oft direkt zu noiDn mehr als die ansehnliche Spende hierzulande. Wenn nach dem Talmud selbst eine Sünderin wie Jsebel für Ausstattung von Bräuten nicht unbelohnt blieb, so hätten wir allen Grund gehabt, im „Pollak" einen msa zu erblicken, der unwillkürlich uns zur Uebung eine der schönsten und erhabensten Liebespflichten verhalf, es uns leicht machte, die Gelegenheit dazu uns ins Haus trug. Auf wessen Seite wäre die Dankespflicht? (Schluß folgt.) Wochenkalender. 21. - Juni 1924 / 19. - 28. Silvan 6884 Samstag Juni 21 19 Sonntag 22 20 Montag 23 21 Dienstag 24 22 Mittwoch 25 23 Donnerstag 26 24 Freitag 27 25 Samstag 28 Ttbv 26 p'V Rosch-Chaudesch-Benschen Wie könnte man auch anders, ohne sich dem Tadel eines unwürdigen Verhaltens auszusetzen? Mit heiligem Schauer betritt man die geweihten Räume des Tempels, „lanpu "s Mn, Rühmet den Herrn in seinem Heiligtume, tönt es durch die weiten Hallen. Der Korb mit Früchten ruht neben dem Altäre, vor des Priesters Angesicht, im Heiligtums. Ist nicht das ganze Land ein Heiligtum? Sind wir nicht selbst ein Heiligtum? Sollen wir es nicht sein? Bekamen wir nicht das Land der Väter nur unter Kautelen? War es nicht eine bloße Kolonie, die uns ausspeien sollte wie die heidnischen Ureinwohner, sobald wir nur deren Greueltaten nachahmen? Gott ist gerecht! Schwebte nicht jene Strafandrohung wie ein Damoklesschwert über unserem Haupte? Ja. die stummen Früchte in dem Korb werden beredt. Geoanken von hohen! Schwünge ziehen durch die Seele des jüdischen Bauern '2« i2irr '»-irr, rückwärts wendet sich der Blick in die schlimmste Leidenszeit unseres Ahnen Jakob, ind die Jahre, welche er in schwerem Ringen um die eigene Existenz bei einem unnatürlichen Onkel verbrachte, der nicht nur alle verwandtschaftlichen Gefühle verleugnete, sich schnöden Betrug, Druck und Kränkung gegen den Neffen erlaubte, sondern in geradezu wahnwitzigem Hasse aus die Vertilgung der ganzen Jakobsfamilie ausging, nicht achtend, nicht schonend der leiblichen Töchter, der zarten Enkelkinder: '2« -nis '»irr, der Aramite trachtete zugrunde zu richten meinen Vater!- nanxa n»i „Und er zog dann hinab nach Aegypten." In rascher Wendung gehts über zur Zeit des Aufenthaltes im Pharaonenland. Neuer Druck, neue Leiden, neue Knechtung. Ein ganzes Volk seufzt, schreit auf, wehklagt. Gewaltig greift der Allmächtige ein, die Ketten sprengend, hier zerschmetternd, dort erlösend, befreiend, alle menschliche Kalkulation über den Haufen werfend.;i£U*ST**»*3*arrt*.V