Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1924)
- Date
- 1924-06-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 Nr. 9 12. Juni 1924 trittsspiel 1914. S. 38-39.) Wenn die neugewonnenen Mitstreiter „auch in ei n e m Punkte taktisch politischer Natur, in der Austrittsfrage, nicht mit den bisherigen Leitern der Freien Vereinigung übereinstimmten", seien sie doch ihrem ganzen Wesen nach, mit ihrem ganzen Denken, Fühlen und Wollen mit den Begründern der Vereinigung einig. Also die ganze Austrittsfrage ist, soweit sie die ctkt» trennt, nur eine taktisch-politische Frage. Ich sage selbst: soweit sie trennt. Nicht etwa, als ob den Austrittsanhängern dieser nicht Gewissenssache wäre. Aber wenn ein anderer in diesem Punkte andrer Meinung ist, dann ist es bei ihm nicht Mangel an religiöser Gewissenhaftigkeit und religiösem Wissen. Dadurch wird das Trennungsprinzi^ eine taktisch-politische Frage. Jede Konsequenz aus der Stellung des Einzelnen zu ihr ist unberechtigt. Vor mir liegt ein Bericht der Freien Vereinigung vom Vereinstag am 28. Dezember 1908. Im Vorstände saßen damals u. a. Louis Feist, Hermann Gumpertz, Benjamin Hirsch und Jakob Strauß, alles Männer, die für ihre Person den Austritt nicht als absolut „bindendes" Prinzip anerkannten. Ist es denkbar, daß die übrigen Mitglieder, etwa Rabbiner Dr. Breuer Jacob Rosenheim, Adolph Stern u. a. m. diese ihre Kollegen nur als Juden minderen Grades, als nicht vollwertig und gleichberechtigt in jeder den Klall betreffenden Frage betrachtet hätten? Wenn aber nach der neuesten „Schittah" es so wäre, daß diese Herren die Thora „bloß als eine Richtung neben anderen gleichberechtigten Richtungen im Judentum" hingestellt und betrachtet hätten, wenn ihren Standpunkt als gleichwertig anzuerkennen, „eine schlechterdings unvollgiehbare Toleranz" gewesen wäre, dann hätten die Herren Dr. Breuer, Rosenheim, Stern u. s. f. sich auf das Schwerste desavouiert, hätten eine des hohen sittlichen Charakters dieser Männer unwürdige Unehrlichkeit und Unaufrichtigkeit sich zu schulden kommen lassen. Es ist nicht anders möglich, als schon in dieser Zusammensetzung des Vorstandes die Anerkennung zu erblicken, daß, wenn die Anhänger des unbedingten Austrittsprinzips auch dieses als ihre tiefste halachische Ueberzeugung proklamierten, sie dennoch zugestehen mußten, daß andere, gleichwertige tanm gleich ihnen auf der Basis der Thora stehende Männer auf einer anderen halachischen Ueberzeugung, aber eben einer h a l a ch i s ch e n stehen, daß n"rri i^rri V?K. In konzentrischer Erweiterung der Freien Vereinigung ist die Agudas Jisroel gegründet worden. Nachdem 1907 die Reorganisation der Freien Vereinigung erfolgt war, also feierlich das Austrittsprinzip als nur taktisch-politische Differenz erklärt war, über das die gemeinsamen Interessen der Glaubenstreuen nicht vergessen werden durften, wurde 1912 in Kattowitz, unter ständigem Hinweis auf S. R. Hirsch und seine Organisationsbestrebungen, die Gründung der Agudas Jisroel ausgesprochen. Hier wurde es in noch viel unzweideutigerer Weise immer wieder hervorgehoben, hier wurde es wiederum durch die mitwirkenden Männer (darunter auch Misrachisten), zur klarsten Anschauung gebracht, daß die Agudas Jisroel berufen sein sollte, alle Zersplitterung in den jüdischen Reihen auszuheben; „wir wollen das Große, Gemeinsame betonen, das unser Leben erfüllt und wollen fallen lassen, was uns scheidet" (Worte des. Vors. Dr. Abr. Hirsch „Schließlich sind es doch mindestens 90 Prozent, die uns in der Gemeinsamkeit unserer religiösen Empfindungen und Gesinnungen verbinden" (Dr. Breuer). Die Bauer am niedergerissenen Gotteszelt „haben auch da Frieden, wo sonst Unfriede herrscht, da sind die verschiedenen Ansichten rrKi i^ki i^K (Dr. Hoffmann >'i). Die Organisation muß volkstümlich sein. Jedes Mitglied muß das Gefühl haben, ein Glied des Ganzen zu sein, und mit dem Stimmzettel in der Hand seine Meinung verfassungsmäßig zur Geltung bringen DerJsraelit Blätter_ tonnen (Rosenheim). Es muß vonden Landesorganisationen eine gewisse Selbstbeschränkung in der Uebertragung ihrer besonderen Grundsätze auf die Gesamtheit gefordert werden. (Derselbe.) Es haben sich wohl schon bei der Gründungsversammlung die „stahlharten Ungarn" — um Birnbaums Wort zu gebrauchen — energisch dagegen gewehrt, daß das feste Gebäude ihrer religiösen Existenz durch die Agudas Jisroel durchlöchert und erschüttert werde. Sie forderten entschieden: in getrennten Gemeinden dürften nur Trennungsmitglieder der Agudoh angehören (Dr. Schächter-Budapest). Aber sie forderten das aus politischen Gründen, zum Besten der in schweren Kämpfen errungenen Stabilität ihres gemeindlichen Aufbaus. Sie forderten es nicht im Namen der Halachah, weil ein Nichtausgetretener in einer „Kabinettsfrage des Judentums" versagt und daher seine Vollwertigkeit eingebüßt habe. Sie forderten redlich: nicht einmal Mitglied der Agudah sollte ein Status quo-Anhänger werden können. Dieser ungarische Standpunkt, so sehr man ihn aus den Verhältnissen verstehen und'würdigen konnte, war eine ernste Schwierigkeit für das Zustandekommen des ganzen Werkes.. Aber er war dennoch zu überwinden, weil e^ eine praktische Maßnahme, keine theoretische Maxime zur Grundlage hatte. Für Deutschland hatte er überhaupt keine Bedeutung, weil, wie schon angeführt; selbst die Frankfurter Gemeinde des Austritts diese Schärfe der Einstellung nicht übte und forderte... Aber was bedeutete die Verschiedenheit des Austrittsstandpunktes gegenüber solchen Differenzen innerhalb der Orthodoxie, wie die der Misnagdim und Chassidim? Sind das nicht wirklich Weltanschauungsfragen, tief st gehende Auffassungsverschiedenheiten, die die ganze Lebens - und DenkgestaltungdesEinzelnenundderMassen beeinflussen? Sind das nicht in vollstem Sinne Kabinettsfragen, Seinsfragen und Grundprobleme des Judentums, die in keine Paragraphen des Sch.-A. einzufangen sind? Oder ist das Bildungsproblem nicht eine viel, viel tiefer greifende Scheidung der Geister, als alle Meinungsverschiedenheiten innerhalb der frommen deutschen Juden? Und dennoch sollte die Agudas Jisroel sie alle überbrücken — und hat sie überbrückt. Der große Gedanke an die Gefährdung der Thora ließ alle Nuancen verschwinden, ließ alle Trennungsmomente vergessen. Nur diese eine Frage, ob die Frommen der Einheitsgemeinden den Trennungsorthodoxen gleichwertig sind, die sollte den Rahmen der Agudas Jisroel sprengen?!? Ein ungeheurer Jubel ging durch die gesamte gesetzestreue Welt bei Gründung der Agudas Jisroel. Jeder fühlte, daß der Alpdruck des gegenseitigen Mißtrauens, der Verkennung, der Verketzerung nun in dem Feuer der zentralen Klallidee schweigen wird. Denn es kann nicht laut genug betont werden: so wahr es ist, daß pan p 12'8 Q’snzn bv ntfp, daß wir uns mit den Leugnern und Verächtern des Gottesgesetzes in keine Majoritätsabstimmung einlassen, so gewiß ist es auch, daß in jeder Vereinigung der Gesetzestreuen alle gleichberechtigt sein müssen. Ein Gesetz und ein Recht hat für alle zu gelten. Daher war die Gründung der Agudas Jisroel, wollte sie auf Basis der Thora erfolgen: die Proklamierung, daß alle Gesetzestreuen, alle, die für sich und die Gesamtheit die Lebensfragen im Geiste der Thora entscheiden wollten, gleiches Recht und gleiche Bedeutung und Wertschätzung besitzen. Ein Beschluß daher, der grundsätzlich eine Differenzierung unter den Agudisten schafft, der eine Beschränkung in welcher Richtung und in welchem Sinne ausspricht, ist daher unseres Erachtens ein Unglück. Denn jede Vereinigung soll jedem Einzelnen, jeder Gruppe zum Bewußtsein bringen: weil d u der Ergänzung bedarfst, weil du selbst nur ein halber bist, schließt du dich mit andern zusammen, die dich rektifizieren, so daß ihr zusammen erst das Rechte findet: k£i pwi ),to «wiK. Aber eine Vereinigung ist ein Unding, worin der Einzelne oder eine Gruppe sagt: ich habe in allem allein den rechten Weg. Ihr andern dürft kommen und euch zu eurem Besten mir unterwerfen. Solche Gesinnung ist Agudas Jisrael-widrig. Wir kommen zum Schluß: Wir bedauern die Achduthgründung als Verletzung des Prinzips von der Einheit der Gesetzestreuen. Wir glauben und vertrauen auf die Möglichkeit der organisatorischen Zusammenfassung aller Gesetzestreuen, ganz gleich welcher Nuance und Besonderheit. Wir fordern die prinzipielle Gleichheit aller in Agudas Jisroel zusammengefaßten Gesetzestreuen, ebenso wie in der Freien Vereinigung die Gleichheit aller deutschen Gesetzestreuen. Wir fordern dies als Einlösung feierlicher Versicherungen bei der Gründung dieser Vereinigungen. Wir wehren uns gegen jede religiöse Ver^ unglimpfung von B'kt und D*ato, von verschiedenen halachischen Üeberzeugungen. Seelische Schwierigkeiten und Konflikte, die dem Einzelnen aus der Zugehörigkeit zu /andren Organisationen erwachsen, hat der Einzelne mit seinem Gewissen auszumachen. Wie weit ihm die Führung eines Amtes möglich.ist, darüber hat von Fall zu Fall seine Wählerschaft zu entscheiden und er der Agudah durch den Erfolg seiner Amtsführung Rede und Antwort zu stehen. Nur so können wir hoffen, den Riß in unsrer Mitte mit göttlicher Hilfe wieder zu heilen. iav imns m Offene Antwort an Herrn Dr.'Jsak Unna, Aaöörner in Mannheim. Don Dr. Aaphak Mreirer, Rabbiner in Aschaffenöurgt Sehr geehrter Herr Rabbiner! In einem Artikel des Jüdischen Wochenblattes setzen Sie sich mit meinem Aufsatz^ „Discite moniti", der vor kurzem an dieser stelle erschien, sachlich auseinander, sodaß ich gerne bereit bin, Ihnen Rede und Antwort zu stehen, insbesondere auf die speziell an mich gerichtete Frage einzugehen, für deren öffentliche Beantwortung, wie Sie schreiben. Sie mir dankbar wären. Was zunächst Ihre Behauptung betrifft, „daß die Gegner des Austritts von den Separatisten ihrem Standpunkt nach als religiös minderwertig angesehen werden und daß dieser Standpunkt selbst als gegen die Thora gerichtet betrachtet wird," so möchte ich Ihnen in aller Offenheit sagen, was ich von dieser Behauptung halte. S. R. Hirsch hat es wiederholt ausgesprochen: „Für den aufrichtigen, seiner Pflicht bewußten gesetzestreuen Juden gibt es nur einen von Jssur freien Weg: den Austritt aus der Gemeinde nach dem Gesetze vom 28. Juli 1876. Wer seine gesetzestreuen Brüder zu etwas anderem beredet, der ist Schogeh Umaschgeh, der geht irre und führt irre." Es ist aber doch wohl ein Unterschied, ob ich von einem gesetzestreuen Bruder sage, er gehtirre und führt irre, oder ob ich von ihm sage, er ist religiös minderwertig. Bei der ersten Aussage konzentriere ich meinen Blick und mein Urteil auf ein bestimmtes Gebiet, wo unsere Wege auseinandergehen. Es ist ein ganz bestimmtes Jrregehen und Jrreführen, das ich hier verurteile. Dagegen liegt der zweiten Aussage eine Verallgemeinerung zugrunde, die den Blick und das Urteil vom Tun und Lassen des Jrregehenden und Irreführenden zur Betrachtung seines Charakters und seiner Persönlichkeit erhebt. S. R. Hirsch ist es niemals eingefallen, seinen Gegner in der Austrittsfrage, den Würzburger Rabbiner 'S. V. Vamberger, als „religiös minderwertig" zu erklären. Wohl aber