Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1924)
- Date
- 1924-06-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Dfäffcr ßevnnsgegeben non dev landesovganifafion dev flgudas-Jisvoel In Denffefifand. 10. Jahrgang Frankfurt a. 2TL, den J2. Zum *924 / JO. Stroan 5684 Nummer 9 fandesorganifalion «lev „flgudas Jisvoel“ In DeutseKlanä Wir empfehlen den Ortsgruppen den Bezug folgender Broschüren: ». Dev Delegiertentag der Landesorganisation der Dgndas Alsvoek In DeutscKland ZU Halkevftadit Berichte und Materialien. 64 Seiten. Prrlr 4-?fg. II. : «ftefevafe erstattet dev Renesßo Sedaufb von Jacoö NoseuHeim, Dr. Isaak ISreuer Dr. Watßau ZLirnöaum. 36 Seiten. Preis so PTg. Bestellungen erbeten an den Vorstand der Landesorganisation in Halberstadt. Berfassmtgsfragen der „Agudas Jisroel". Von Direktor Dr. Aoscpk Garteöach in Kamöurg. Die Gründung der Achduth ist ein Ereignis, das vielleicht die Extremen auf beiden Flügeln der Gesetzestreuen als rin Glück bezeichnen und feiern werden: Sind sie doch jetzt einer leidigen Rücksicht ledig, können voll dem eigenen Stern vertrauen und ungehindert ihre Initiative entfalten. Rechts wird man sagen: Die Logik der Ideen war wieder einmal stärker als kompromißfreudige Urbanität und Friedensliebe. Links sehen die Männer des unentwegten, mit keinem opportunistischen Opfer zu teuer bezahlten Einheitsgedankens in diesem Zusammenschluß der Trennungsgegner eine moralische Rückenstärkung ihrer Position. . Wir können diese Freude nicht teilen. Wir können nicht umhin, mit der Achduthschöpfung die ideale Arbeit von vier Jahrzehnten vernichtet zu sehen. Sie < vertieft den Bruch innerhalb der deutschen Orthodoxie — und noch weiter hinaus — zu einem unheilbaren. Sie zerstört die hoffnungsvollen Keime der Zukunftssaat, die eine Wiedereinung aller Gesetzestreuen vorzubereiten bestimmt war. Die Not hatte das Austrittsprinzip geboren, ein hartes Muß der Selbsterhaltungspflicht den Trennungsgedanken als letzten Rettungsanker den Führern der frommen Judenheit an die Hand gegeben. Ob dieses Muß aus halachischen Erwägungen und Paragraphen des Schulchan- Aruch sich ergab, ob es aus weltanschaulicher jüdischer Gesamtaufsassung entstand, ob es als ein Akt politischer Notwehr, als Gebot der Stunde unvermeidlich empfunden ward, es war jedenfalls aus tiefstem religiösem Verantwortungsgefühl geboren, es geschah, als es geschah, mit Schicksalsnotwendigkeit. Aber diese Notwendigkeit wurde als eine tragische „Geschickeslast" angesehen. Sie wurde blutenden Herzens vollzogen. Wir müssen es tun, weil Gott uns höher steht als das Volk, aber wir tun es mit dem Gefühl, das schwerste Opfer auf dem Altar des Gesetzes gebracht zu haben. So sprachen die einen. Eben deswegen ward der Schritt nicht von allen getan. Es gab tief religiöse Gemüter, die den zufälligen Gegenwartszustand der Judenheit eben nur als zufälligen Gegenwartszustand, aber nimmermehr als definitive Ewigkeitsentscheidung aussassen konnten und wollten. Wenn sich die Reform noch so zukunftsgewiß gebärdete — die Machthaber einer Grohgemeinde find nicht die Würfel der Geschichte. Ihre großtuerischen Eingriffe in das Judentun konnte der nächste Sturmwind der wiedererwachenden Begeisterung jüdischer Seelen wieder fortblasen. Smd wir doch ein Volk der Ewigkeit; Eintagskönige imponieren uns nicht. Auf sie können wir eine Weltanschauung nicht einstellen. So sprechen die andern. Der die Trennung zuerst vollzog, das religiöse und politische Genie dieser kritischen Wende, Samson Raphael Hirsch, der die „einen" führte, hat die „anderen" nicht verstoßen. Er fragte für seine Gemeinde nicht: Folgst du meiner Entscheidung? Gehst du ganz mit mir? Einzelne der späteren Vorsteher, ja Präsidenten der Religionsgesellschaft, sind ihm in diesem letzten Schritte nicht gefolgt. Das Statut seiner Gemeinde spricht ihnen weder die subjektive Würdigkeit, noch die objektive Fähigkeit ab, sein Werk zu fördern, an führender Stelle es zu leiten und fortzuentwickeln. In dieser weisen Selbstbeschränkung, dieser Selbstlosigkeit der eignen halachischen Ueberzegung gegenüber lag und liegt eines der Geheimnisse für das große Wachstum seiner Gemeinde. Was Hirsch nicht wollte, worüber er erbittert war, das war, daß andere Rabbinen ihm in seinem eigensten Wirkungsgebiet entgegentraten. Einem Genie fällt man nicht in den Arm. Einem Archimedes stört man seine Kreise nicht. Nebenbei bemerkt: der dies tat, der in Hirschs Gerechtsame eindrang und der schöpferischen Gestaltungskraft dieses Feuergeistes damit doch wieder Schranken gesetzt hat, so daß sein Werk sich nicht vollenden konnte, war ein altmodisch frommer, naiv gläubiger Jude, ein wundervoller Typus der alten deutschen Rabbonim, dessen seelischer Abglanz noch heute in seinen ihn unendlich verehrenden Schülern nachlebt und fortstrahlt. In der Auseinandersetzung blieb Hirsch Sieger; er war der größere Kopf, der in der logischen Herausarbeitung des Standpunkts bei weitem Ueberlegene. Aber daß sein Gegner solch frommer Raw, solch jüdisch in edelster Einfalt gläubige Seele war, gibt zu denken. Als wollte die Vorsehung — ohne die wir die jüdische Geschichte nie begreifen dürfen — die reine Logik der Begriffe hier nicht gelten und siegen lassen. Aber daß Hirsch selbst den Austritt nicht zum Schiboleth der Gesetzestreue gemacht haben wollte, zeigt neben dem Statut seiner Gemeinde die letzte Gründung seines organisatorischen Talents — die Freie Vereinigung Es hatte sich gezeigt, daß so wie so die deutschen Gesinnungsgenossen nicht über einen Kamm sich scheren ließen, daß zwischen ihm und Hildesheimer und Bamberger leise Differenzen in großen und kleinen Fragen sich herausstellten, daß zwischen Nord und Süd auch eine religiöse Mainlinie zu entstehen drohte, doß die Entwicklung der einzelnen Kehillaus nicht nach einem einzigen Schema verlief. Was in Frankfurt galt, mochte in Hamburg falsch sein; was die Austrittsgemeinde auf das Panier schrieb, tonte in einer treugebliebenen Einheitsgemeinde geradezu religiös ein Unglück bedeuten. Sollte die thoratreue Judenheit nicht in ein Konglomerat von religiösen Atomen und Monaden zerfallen, sollte der jüdische Horizont des Einzelnen nicht an den Grenzpfählen seiner Heimatstadt mit Brettern vernagelt sein, so mußte eine größere Organisation die umfassenden Interessen der Mehrheit in den Vordergrund rücken und dem einzelnen die Ergänzung seiner engen Khillawett bieten. Schon der Namei^H dieses von ihm geschaffenen neuen JnstrurUnts zur Sammlung der Gesetzestreuen zeigt seine weitherzige Tendenz. Es ist auch bei Hirfchs Natur, deren Gradheit und Ganzheit alle diplomatischen Mittelchen als religiöse Unwahrhaftigkeit weit von sich wies, einfach undenkbar, daß er, der „die demokratische Gemeindeverfassung", vielleicht die einzig demokratische beabsichtigt und geschaffen hat, diese neue Vereinigung auf eine andere Basis als die von der Thora geforderte der völligen Gleichheit und Gleichberechtigung aller ihrer Mitglieder hat stellen wollen. Zweierlei Maß ist ein Greuel Gottes, und daher war es ein Greuel für Hirsch. Wollte Hirsch, daß die Orthodoxen sich frei vereinigen, so wollte er es ehrlich, so wollte er nicht ein Frankfurter Rezept andern suggerieren, s» wollte er nicht in Nüancen Andersgesinnte zu seinen Handlangern, freiwilligen oder unfreiwilligen, degradieren, so wollte er eine übergemeindlich? Interessengemeinschaft, eine über die Gegensätze hinwegführende Zusammenfassung in jüdischen Angelegenheiten. Damit war aber eo ipso gegeben, daß das Austrittsprinzip nicht Stigma und Kennzeichen der Zugehörigkeit zur Gottesgemeinde der Gesetzestreuen sein sollte. Hätte Hirsch solches für richtig und notwendig gehalten, dann hätte er eine Gemeinschaft aller selbständigen orthodoxen Gemeinden geschaffen und hätte auch damit Erfolg gehabt, denn das Vorbild Frankfurts hat Nachahmung und Verbreitung in vielen Orten seiner engeren und weiteren Nachbarschaft gefunden. Es scheint, daß diese Tendenz der Vereinigung sich im Laufe der Jahre etwas verwischt hat. Ich glaube, es lag das lediglich an mangelnder Demokratie, an der klaren Zubilligung des Mitbestimmungsrechts aller. Ich selbst war einmal in Frankfurt bei einer Mitgliederversammlung anwesend. Die ganze Art der Verhandlung, die Unfreiheit der offenen Meinungsäußerung, die Wahl zum Ausschuß nach gebundenen, vom Vorstand vorgedruckten Listen, kurz der ganze Geist schnürte die Brust ein, war nach Methoden des preußischen Herrenhauses unseligen Andenkens und mußte zur Entfremdung der aufrechten, selbständigen Persönlichkeit führen. Das ist eine Gefahr, der wir leichter anheimfallen als andere Kreise. Unversehens wird die hohe Autoritätsverehrung zu einer Unterdrückung, bringt Ehrerbietung zur Verkennung der Pflichten gegenüber den Anliegen der Gesamtheit. — Die Reorganisation der Freien Vereinigung im Jahre 1907 kam daher wie eine erlösende Tat. Sie erhob die ursprüngliche Tendenz der Vereinigung zum festen ausgesprochenen Grundzug und sprach es deutlich in einer neuen Statutenformulierung aus. (Z 3 Schluß.) „Die inneren Angelegenheiten der Gemeinden und das amtliche Verhalten ihrer Angestellten sind der Einwirkung des Vereins entzogen. Die Erörterung politischer Angelegenheiten ist ausgeschlossen." Den Sinn dieser Worte sprach der Vorsitzende Herr Rabbiner Dr. Salomon Breuer noch unzweideutiger aus. (Vgl. Fränkel: Aus-