Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1924)
- Date
- 1924-06-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450286-2450309--71328-2528636- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Nr. 24 D er Israel i t 12. Juni 1924 funden und ausgebaut, die sie zur Milderung ihrer Notlage gebraucht hat. Im Gegensatz zu den Genannten leidet aber die jüdische Organisation der jüdischen Wohlfahrt noch an einem Mangel, der dringend der Abhilfe bedarf. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, deren segensreiche Tätigkeit in keiner Weise geschmälert werden soll, ist in ihrem Aufbau uneinheitlich, unorganisch. Nebeneinander gehören ihr als Mitglied der Deutschisraelitische Gemeindebund, die Großloge für Deutschland VIII tf. O. B. 33., der jüdische Frauenbund, andere Wohlfahrtsverbände, einzelne Synagogengemeinden. Stiftungen, Anstalten und Vereinen. Die Mitglieder wählen einen aus 30 Personen bestehenden Verwal- Lungsrat und dieser einen 9gliederigen Vorstand, dessen Vorsitzender die Geschäfte führt. Neben dem Vorstand besteht noch ein Arbeitsausschuß von 10 Personen. Organe sind genug vorhanden. Woran es fehlt, ist die sachliche Gliederung nach Zweigen der Wohlfahrt, als welche sich überall die Gesundheitspflege, die Erziehungs- und Wirtschaftsfürsorge herauskristallisiert haben, und die satzungsgemäße Heranziehung dieser drei Gruppen zur Arbeit innerhalb der Zentrale. Jetzt ist die Zentralwohlfahrtsstelle von oben nach unten organisiert und es ist dem Zufall überlassen, ob sie auch wirklich alle dazugehörigen Teile umfaßt. Manchmal stößt sie ins Leere, wenn z. B. Einrichtungen der Wirtschaftsfürsorge ihr überhaupt nicht angehören, andererseits sind Anstalten der Gesundheitsfürsorge doppelt vertreten. indem sie sowohl dem Bund der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten wie der Zentralwohlfahrtsstelle selber, deren Mitglied der Bund ebenfalls ist, beigetreten sind. 'Auch die gesamte Arbeit lastet infolgedessen nur auf der Spitze: es ist ein Zufall, ob die Fachgruppe, die naturgemäß einen kleineren Ausschnitt übersieht, diesen aber am besten kennt, zu wichtigen Fragen herangezogen wird oder vor vollendeten Tatsachen steht. Die Stimmen aus dem Reich kommen nur vereinzelt und nicht so ausgeglichen und gesiebt zu Gehör, wie es nach Verarbeitung durch die Fachgruppe geschehen würde. Diese Mängel würden bei einem Aufbau von unten verschwinden. Für die drei genannten Zweige wären, soweit es noch nicht geschehen ist, Fachverbände zu bilden. Nur ihnen, nicht der Zentrale, haben sich die Anstalten und Einrichtungen als Mitglieder anzuschließen. Die Fachverbände entsenden, entsprechend ihrer Stärke, Vertreter in die Zentrale und diese Vertreter sind die Bearbeiter der ihren Zweig betreffenden Angelegenheiten. Außerdem wäre für eine sachgemäße Vertretung der Gemeinden in der Zentrale zu sorgen. Bei einer solchen, hier nur im Prinzip aufzuzeigenden Organisation, an deren Durchführung alle jüdischen Wohlfahrtsstellen und'alle Parteien ohne Unterschied gleichmäßig interessiert sein dürften, würde die jüdische Wohlfahrt nach außen und nach innen gewinnen, die Selbständigkeit der Anstalten und Einrichtungen mehr als bisher gewahrt, ihre Interessen am besten gewahrt, ihre Interessen am besten gefördert werden. Und diesem edlen Ziele wollen ja alle, die sich der jüdischen Wohlfahrt widmen, möglichst nahe kommen! Korrespondenzen « ßaebriebten. gata... Deutsche« Reich. Für dev Gesundheitsschutz des osteuropäischen Judentums. Berlin, 6. Juni. Die Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden „Ose" vereinigt um diese Arbeit eine Reihe von Organisationen in verschiedenen Ländern. Auf einer Weltkonferenz im August 1923 waren die Resultate einer mehr als 10 jährigen Arbeit der „Ose" sestgestellt, und ein Wcltoerband der Gesellschaften für Gesundheitsschutz der Juden wurde geschaffen. Die Arbeit wird durch die Zentralverwaltung geleitet. Das Ehrenpräsidium des Weltverbandes „Ose" besteht aus den Herren Prof. Albert Einstein und Geheimrat Pros. v. Wassermann (Deutschland), Pros. Besredka (Frankreich), Dr. Redrliffc N. Salaman (England). Die „Ose" entwickelt ihre Tätigkeit in allen Ländern Osteuropas, in erster Linie aber in der Ukraine, wo sie bereits eine große und verantwortungsvolle Arbeit geleistet hat. Dom 1. April bis 31. Dezember 1923 haben 13 Ambulatorien und Polikliniken der „Ose" 210.000 Kranke ausgenommen. Ferner hat die „Ose" 8 Sanatorien für 575 Kinder (die Kinder haben 5—6 Pfund durchschnittlich zugenommen), 9 Krankenhäuser mit 120 Betten für 2330 Kranke, 15 Krippen für 583 Kinde: in den jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien nsw. geschaffen. Die gesamte HNssarbeit der „Ose" ist aber jetzt von einer schweren Gefahr bedroht: der Gefahr eines finanziellen Zusammenbruches. Die „Ose" sieht sich daher veranlaßt, sich an die jüdische Gesellschaft mit dem Ersuchen zu wenden, ihre Mttwirkung für die Erhaltung und den Ausbau für die russischen und namentlich ukrainischen Juden lebenswichtigen Werkes zu gewähren. Verband der Synagogengemeinden Ostpreußens. Tilsit, 2. Juni. Am 29. Mai fand hier die Hauptversammlung des Verbandes unter reger Beteiligung statt. Der erfolgte Anschluß der westpreußischen Gemeinden hat dem Verband einen bedeutenden erfreulichen Zuwachs gebracht. Hauptgegenstand der Verhandlungen war die Schaffung eines obligatorischen Schiedsgerichtes, durch das der Frieden in den Gemeinden gefördert und die Ausführung der Beschlüsse des Verbandes gesichert werden soll. Die Schiedsgerichtsvorlage, über die das Dusschußmitglied Arthur Cohn, Königsberg, referierte, wurde mit großer Mehrheit angenommen. — Rabbiner Dr. Röfel -Tilsit hielt einen Dortrag über die Bedeutung des Verbandes für die Synagogengemeinden. — Direktor Perih -Königsberg sprach über die inneren Verhältnisse der Gemeinde nund zeigte an reichem Material die Notwendigkeiten für die Verbesserung des religiösen Lebens der Gemeinden und für eine befriedigende Lage der Beamten. Er empfahl die Bildung von Bezirksverbänden kleiner Gemeinden und forderte die Besoldung der Beamten nach der Reichsbesoldungsordnung. Zum Verbandsvorsteher wurde Justizrat Holz -Königsberg, einstimmig wiedergewählt. Außerordentliche Sitzung des ritueSen Speisevereins und der jüdischen Gastwirte. (Schluß.) Hamburg, 25. Mai. I. R u b i n st e i n - Berlin-Charlottenburg erwähnt, daß er des öfteren Klagen über nicht genügende Sauberkeit in einzelnen Häusern gehört habe. Auch das Lokalkomitee Königsberg bittet, möglichst dafür zu sorgen, daß an großen Orten die vorhandenen resp. die noch zu begründenden Speisehäuser innerlich so ausgestattet werden, daß jedem zugemutet werden kann, dort mit Freuden fein Esten einzunehmen. Der Vorsitzende erwähnt dann, daß Anfang Juli die Mitgliederversammlung in Kissingen abgehalten würde, wo alle hier diskutierten Fragen noch einmal erörtert und zugleich neuerlich eine Besprechung mit den Wirten stattfinden solle, Der Verein hatte sich gedacht, daß die Wirte sich zu einer Vereinigung der jüdischen Wirte zusammenschließen, diese Bereinigung solle den Grundstein dazu legen, mit dem Verein zu arbeiten. Jeder Restaurateur kann Mttglied des Vereins werden, dessen Betrieb unter Aufsicht des Vereins steht. Der Vorsitzende ist der Ansicht, daß zwei oder drei Herren aus den Wirtekreisen gewählt werden, die die Vorarbeiten zur Gründung der Wirtekommisston in die Hand nehmen sollen. In Kissingen soll alsdann die Sache weiter besprochen werden. Der Dorfitzende hebt hervor, daß die von den Wirten zu zahlende Summe natürlich so bemessen sein muß, daß die Wirte sie mit Freuden bezahlen. Er regt dann noch die Frage der Büchsenaufftellung an. Jeder solle, wenn er gut gegessen, 10 Pf. in die Büchse werfen, aber frei, willig. Hoffmann -Norderney ist'gegen die Büchsen, er ist dafür, an die Rechnungen Reklamekarten des Vereins zu heften. Hermann- Berlin schlagt für die städtischen Betriebe kleine Blocks mit dem Namen des Vereins vor. Der Vorsitzende bittet die Herren Wirte, die Unterhandlungen, die heute geführt sind, möglichst ihren Kollegen zugänglich Zu machen. : Was Direktor Dr. C a r l e b a ch in seinem Referate verschiedentlich ausführt, daß der jüdische Wirt ein Kulturfaktor ist, ein Träger des jüdischen Lebens, ein Erzieher im besten Sinne, wird in weiten Kreisen starken Widerhall finden, und der jüdischen Gemeinschaft wertvolle Dienste leisten. psleu Die kehillokhwahlen in Polen. Warschau» 6. Juni. Die ersten Wahlergebnisse aus der Provinz zeigen nach einer ziffernmäßigen Aufstellung des „Jud", daß von 721 gewählten Gemeindevorstehern in 91 Orten 5 9 o/0 auf die „ Agudas Iisroel " entfallen, 14 o/o sind Zionisten, 3 o/o Misrachi, 7 °/o „unparteiische religiöse Juden", 3 o/o Radomsker und Alerandrer Chchidim, 11 o/o Handwerker, 1 o.'0 Bund und 1 o/o Dolkiften. Die Gemeindewahlen. Warschau, 6. Juni. Der Wahlkampf geht zu Ende und nimmt zuletzt die schärfsten Formen an. Alle linksstehenden Elemente haben sich zum Kampfe gegen die Aguda vereint. Die Chasfidimrabbis und polnischen Rabbiner von Namen traten einer nach dem andern in der Presse mit öffentlichen Erklärungen hervor, um die gesamte Orthodorie auf die orthodoren Mandate zu vereinigen. In Kalisch gehen Zionisten und Misrachisten zusammen mit den Assimilanten. An der Spitze der Kampagne gegen die Orthodorie in Warschau steht Grün bäum, und man ist hier mit den Kampfmitteln nicht gerade wählerisch. Der Sieg der orthodoren Liste in Krakau eröffnet gute Aussichten auch in Kongreßpolen. Eine ungemein aujklärende und stärkende Wirkung übt der Rabbiner am Schatz, Rabbi Mosche Chaim Lau aus, der zurzeit eine Vortragstournee in Polen und Galizien absolviert und es überall glänzend versteht, Mt und Jung für die orthodore Sache zu interessieren und zur gemeinsamen Arbeit zu sammeln. Eine Kundgebung für den Sabbat. Warschau, 20. Mai. Eine vom „Schomre Schabbos"-Verein im Zentraltheater einberufene Versammlung war von mehr als 3000 Teilnehmern besucht. Die Galerien waren von Frauen angesüllt. Am Präsidententisch saß unter vielen anderen Rabbinen auch der Raziminer Rabbi. Das Hauptreferat hielt Rabbi Meir Schapiro, der jetzige Pietrokower Raw, das große Begeisterung weckte. Er machte auch praktische Vorschläge, die den Interessen des Sabbat dienen sollen. Es kamen auch andere Redner zu Wort. Ein Lodzer Delegierter teilt mit, daß in Lodz der Sybbatverein 1800V Mitglieder zählt. Dep. Kirsch braun betont, daß auch vom politischen Standpunkte aus die Sabbatentweihungen den Kampf gegen die allgemeine Sonntagsruhe wesentlich erschweren. Es wurden mehrere Resolutionen angenommen. Ein ungeheuerlicher Beschluß. Budapest, 25. Mai. In letzter Zeit sind bei der jüdischen Gemeinde eine Anzahl Gesuche von Personen, die aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten sind, eingelaufen, in welchen gefordert wird, daß die auf dem jüdischen Friedhof beerdigten Ueberrefte ihrer Eltern dort ausgegraben, damit sie auf dem christlichen Friedhof beigesetzt werden. Ein solches Gesuch wurde dieser Tage auch an die Chewra kadischa in Budapest gemacht. Der Gemeindevorstand verwarf das Gesuch. Darauf wandten sich die Ansuchenden an den Senat der Budapester Stadtverwaltung, der die Chewra kadischah anwies, alle diejenigen Leichen, die von den Erben ängefordert werden, auszufolgen. Die Chewra kadischah hat nunmehr be-