Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1924)
- Date
- 1924-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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12. Juni 1924 Der Israelit Nr. 24 Seite 3 4iWas die Kompetenz der Kehillah und den Wahlmodus betrifft, soll eine Kommission gegründet werden, die nach gründlichem Studium des Statutes ihre Verbesserungsvorschläge zu machen hat. Herr Dr. Wigodski glaubte nun Grund zur Eile zu haben, und so wurde durch beschleunigtes Verfahren eine Kehillothkonferenz einberufen, die von 23 Städten beschickt war. Diese 23 Herren suchte Wigodski nach Möglichkeit zu bearbeiten. Es ging nicht ohne Tumulte ab, die von der linken Seite sofort heraufbeschworen rvurden, sobald ein orthodoxer Vertreter eine Meinung, oder einen Wunsch zu äußern wagte. Herr Dr. Wigodski gelobt: „So lange ich am Leben bleiben, wird es in Wilna keine religiöse Gemeinde geben!" Das veranlaßt natürlich die anwesenden Rabbiner den Saal zu verlassen. Die Abendsitzung sah nur noch die Rabbiner aus der Provinz. Die Mitglieder des Wilnaer Rabbinats zogen es vor, dieser Sitzung fernzubleiben. Einige Rabbiner betonten, daß sie im Namen ihrer Gemeinden, die zu 90 Prozent aus religiösen Juden bestehen, die religiöse Gemeinde verlangen müssen. Die Kehillaus-Konferenz teilte sich in zwei Lager, und von der orthodoxen Seite wurde folgende Erklärung abgegeben: „Im Namen des religiösen Judentums in der Wilnaer Gegend, als dessen Vertreter wir hier erschienen sind, übermitteln wir unseren festen Beschluß, daß in Anbetracht der der jüdischen Gemeinde zufallenden Aufgaben sie den Namen religiös-nationale Kehillah tragen muß. Dieser Beschluß, der in der Thora begründet ist, kann keiner Abstimmung unterworfen sein, und müssen wir uns demgemäß der Abstimmung über diesen Punkt enthalten." Alle Versuche Wigodskis, die Rabbiner zu bekehren, mißlangen. Die Abstimmung wurde j mn über die anderen Punkte des Statutes ohne Mitwirkung der Rabbiner vorgenommen. Der Name der Gemeinde bleibt offen. Wir können unsere tapferen Gesinnungsgenossen im Zentrallitauen und in der Stadt des Gaon, die im Kampfe für die Tradition und für das jüdische Ansehen ihrer, alten Kehillah so mutig ausharren, nur beglückwünschen. Ansiedlung und Umsiedlung. Der „Hilfsverein der deutschen Juden", der auf seiner jüngsten Generalversammlung in Berlin, wie immer, einen umfangreichen Bericht über seine Tätigkeit ablegen konnte, sucht n e u e Arbeitsgebiete. Herr Dr. Paul Nathan entwickelte einen großzügigen Plan, der seit der Neugestaltung der Dinge in Rußland zwar nicht mehr neu ist, aber in dieser konkreten Form immerhin in der Oeffentlichkeit noch nicht ventiliert wurde. ' Es soll in dem von zaristischem Druck geschaffenen Landesghetto an den Westgrenzen (jetzt an den Grenzen Polens und Lettlands Luft geschaffen werden, nicht durch eine überseeische Auswanderung, die durch das Quotensystem auf immer größere Schwierigkeiten stößt, sondern durch eine Verteilung der Massen auf die innern Gebiete Rußlands, auf d i e Gegenden, wo bis vor kurzem ein jüdischer Fuß den Boden nicht betreten durfte. Gerade das russische Jnnenland ist ungemein reich an guten Erwerbsmöglichkeiten und an verborgenen Schätzen, die jüdische Initiative und Intelligenz für alle und zum Nutzen des ganzen Landes heben würden. Wie sich der Hilfsverein die Abwanderung und Verteilung denkt, ist nicht im einzelnen gesagt. Voraussetzung ist die Einwilligung und die Mithilfe der Sowjetregierung, wobei aber bei aller Planmäßigkeit jeder Zwang ausgeschlossen sein mutz. Im ganzen kann man dem Plane zustimmen. Indes darf der Hilfsverein nicht vergessen, daß ein gut Teil der jüdischen Bewohner der früheren russischen Westprovinzen das innere Rußland bereits zur Genüge kennt. Die zaristischen Machthaber selbst haben die Juden im ersten Kriegsjahre auf dem Wege der sogenannten Evakution nach allen Gegenden des weiten Reiches, wohin bis zum Kriege ihr Fuß nicht hingelangte, verschleppt und vertrieben. Nur wenige sind dort geblieben, freiwillig vielleicht kein einziger. Die Rückwanderung setzte fluchtartig ein, sobald sich nur ein schmaler Wegstreifen nach der westlichen Heimat wieder zeigte. Und dieses schon zur Zeit der Sowjetregierung, dieweil sie es mittels jüdischer Helfershelfer darauf absah, Vätern und Kindern den Väterglauben aus dem Herzen zu reißen, ihnen alle Religionsübungen zu erschweren oder zu verbieten und so das Leben als Menschen und Juden unerträglich zu machen. Wenn der Hilfsverein bei seinem großzügigen Plane von der Mithilfe der Sowjetregierung spricht, so wäre zunächst ihre negative Hilfe sehnlichst zu wünschen, indem sie ihre Hand von den jüdischen Heiligtümern wegzieht und die Juden in Rußland ihre eigenes Leben leben läßt. Ohne bindende Zusage der Regierung nach dieser Richtung kann an den Plan gar nicht herangegangen werden. MM i Die Berliner „Rote Fahne", die diese Meldung ' wiederholt, knüpft hieran die Bemerkung, daß nun den Rassevölkifchen eine Handhabe gegeben ist, durch Blutprobe die rein arische Abstammung festzustellen. Dieses Glück, meinte die kommunistische Zeitung, dürfte aber den Völkischen dadurch vergällt sein, daß diese Rafseprobeerfindung gerade von einem Juden stammt. sDas Hakenkreuz ein altjüdifches Ornament] Der an der Entdeckungsreise der dänischen Palästina-Expedition in das Innere des Landes teilnehmende Publizist Dr. v. Weisl telegraphiert soeben aus Haifa, daß die dänische Expedition am 18. Mai in den Ruinen der bekannten Synagoge in Kapernaum aus der Zeit Jesu Christi einen schönen Fries entdeckt habe, der als Bandmotiv vier Hakenkreuze aufweist. Darin sieht die Expedition einen vollen Beweis, daß das Hakenkreuz kein arisches Symbol ist, sondern von jemenitischen Völkern als Ornament angewandt worden ist. Die Expedition entdeckte auch andere Friese in den Trümmern von Kapernaum, die Zionssterne tragen. Die Ruinen der Synagoge von Tel-Hum (Kapernaum) wurden vor etwa 13 Jahren von dem Tübinger Archäologen, Professor Dr. Carl Watzinger und dem /kegierungsbaumeister Dr. Heinrich Kohl entdeckt, die lm Aufträge der deutschen Orient-Gesellschaft dort erfolgreiche Ausgrabungen Vornahmen. Die galiläischen ^ynagogen-Ruinen sind die einzigen bedeutenderen erhaltenen Reste jüdischer Synagogen aus dem späteren Altertum. »... (Zionistische Psychose.) Unter dem sensationelle Bannbulle (!) gegen die Achduth ^ttzt sich die zionistische „Jüdische Rundschau" in ihr, vorletzten Mummer die Schauergeschichte eines rabb nischen „Therem" gegen die Achduth-Bereinigung erzählen.. Sie. knüpft an diese Unwahrheit. folgende überaus charakteristische redaktionelle Betrachtung: Zu den in Kreisender Aguda bereits in Gebrauch befindlichen mittelalterlichen Waffen, der politischen Brunnenvergistung, der Mordlegende, der Bücherverbrennung, des Pogroms auf die jüdische Gemeindestube usw. kommt nun auch noch — als letztes Requisit dieser neuzeitlichen Inquisition — der Ban n. Fehlt nur noch Folter und Scheiterhaufen. Vielleicht fönneni wrr auch noch d ieses Schauspiel erleben. Nach dem in den letzten Wochen Vorgefallenen halten wir nichts mehr für unmöglich. Auch wir halten nach dieser Leistung nichts .mehr für unmöglich. Selbst die Liebenswürdigkeiten, die „Achduth" selber Woche für Woche gegen die Orthodoxie im allgemeinen und den „Israelit" im besonderen produziert, sind eitel Honigseim gegen diese literarischen Exzesse niedrigster Sorte. Wir können nur unsre eigenen Kreise ermahnen, ruhiges Blut zu bewahren. Wochenkalender. ■ 14. - 21. Juni 1924 / 12. - 19. Siwan 5634 Samstag Juni 14^ w* 12 Sonntag 15| 13 Montag 16 14 Dienstag 17 15 Mittwoch 1A 16 Donnerstag 1A 17 Freitag 2« 18 Samstag 19 Die Organisation der jüdischen Wohlfahrtspflege. Von Rechlsanwalt Dr. Alexander Philip s b o r n - Berlin, dem Vorsitzenden des Bundes der jüdischen Kranken- und Pflegeawstalten Deutschlands wird uns geschrieben: Bei aller Not, welche die Nachkriegszeit den Anstalten und Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege gebracht hat, hat sie wenigstens das Gute gehabt, daß der Wert der Organisation allen Beteiligten zum Bewußtsein gekommen ist. Die krisenhaften Jahre, die hinter uns liegen, hätte die Wohlfahrtspflege nicht im entferntesten mit der Widerstandskraft, wie es der Fall war. überwinden können, wenn jede Anstalt, jeder Verein, jede Einrichtung auf sich selbst angewiesen wäre. Sammlungen jeder Art, Abwehr gefahrbringender gesetzlicher Eingriffe und verwaltungstechnischer Maßnahmen, Durchführung sozialreformerischer Gedanken und wirtschaftspolitischer Notwendigkeiten zur Selbsterhaltung, dies alles kann und konnte nur der organisierten, fest zusammengeschlossenen Wohlfahrtspflege gelingen. Die jüdische Wohlfahrtspflege hat teils selbständig, teils in Gemeinschaft mit den anderen Konfessionen und den weltlich-humanitären Verbänden die Mittel und Wege der Hilfe gemm ii & 11 BrSji GRUDEN Gas- und Kohlenherde Komb. Herde Transport. Kachelöfen Horstkötler, Knodf & C? Am Eschenheimer Tor 3 :: Tel. Hansa 683 Süll TÖLZ ■ »Parkhotel Alpenhof" Mo. d ernstes Haus am Platze. Erstklassige Pension bei massigen Preisen. Gust. 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