Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1924)
- Date
- 1924-06-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Nr. 24 D e l. Israelit 12. Juni 1924 praktisch Jude und Jüdin zu sein. Es verrät ein gänzlich unhistorisches und daher jeder Gerechtigkeit entbehrendes Denken, wenn man an den Durchschnittstyp eines zwischen 1860 und 1900 aus der Schule S. R. Hirfchs hervorgegangenen Hausvaters den jüdisch-intellektuellen Maßstab eines Volljuden aus dem Chabad-Chassidismus oder dem litauischen Jeschiwa-Milieu anlegt. Dabei lassen wir die ethische, die charakterologische Bewertung ganz aus dem Spiel — hier sind im Westen auch bis heute bereits unvergängliche jüdische Werte geschaffen werden — und denken nur an diejenige Seite des geistigen Lebens, die für eine lebendige Religiosität, für ein das ganze Wesen erfassendes religiöses Denken und Fühlen entscheidend .ist. Unleugbar, daß in diesem Punkte eine starke Ueberlegenheit des Ostens über die moderne, gebildete westliche Orthodoxie vorhanden ist, daß der Gottesdienst zwar formschön, aber oft kalt, daß die Art der religiösen Lebensführung zwar gewissenhaft und bis auf jeden Nigun konservativ, aber oft unlebendig erscheint,daß die Beziehung zur Gemeinschaft sich vielfach in dem Jntereffe an der lokalen Kehilla erschöpft und dem W i s s e n um rni ]•»> um aruai nwi gar häufig die Wärme der inbrünstigen Hingabe und der geistige Beziehungsreichtum zum Ganzen des jüdischen Geisteslebens mangelt. Aber der Fehler der oft recht lieblosen Kritiker, die sich dieser Mängel zu ihren Parteizwecken bemächtigen, liegt in dem Hinwegsehen über die historischen Bedingungen, unter denen die zersprengten Einzelglieder der deutschen Orthodoxie wie weiland die toten Gebeine im Tale Dura aus ihrem Grabe auferstanden sind. Der diese Gebeine zum Leben zu wecken berufen ward, er wußte ganz genau, daß es eines langen Werdeprozesses bedürfe, bis in den zuerst notdürftig zusammengeleimten Körpern jugendfrisches Seelenleben keimen, aus ihren erloschenen Augen die Glut sonnenhellen Erwachens sprühen und endlich dereinst wieder über die Fläche des Tales hinweg der tausendstimmige Chor eines Gott huldigenden, blutdurchströmten Volkslebens erbrausen werde. Was bedeuten denn sechs oder sieben Jahrzehnte im geschichtlichen Zusammenhang! Die deutsche Orthodoxie hat keine Ursache sich ihrer Kinderkrankheiten zu schämen und die Diagnose „Stillstand" und „Erstarrung" als richtig anzuerkennnen grade in dem Augenblick, in dem der natürliche Aufstieg zum Leben in durchaus folgerichtiger organifche ^Entwicklung dem kundigen, von Liebe und Einsicht erleuchteten Auge sich zu zeigen beginnt. Wir sind im Aufstieg. Wer heute in die Jugend hineinzuhorchen und zugleich die Erscheinungen des Gemeindelebens dort, wo es sich frei und unbeengt entfalten kann, zu deuten versteht, wird bald erkennen, daß die jüngere Generation in wachsender Bewußtheit die Eierschalen des „Unlebendigen" abzustreifen und an die Stelle der kalkhaltigen Schalenbestandteile keimkräftiges Leben zu setzen trachtet. Die Sehnsucht nach dem „Osten", die Hinneigung zum „Chassidismus" — die man von gewisier Seite ebenso liebevoll wie verständnisreich als „Polonisierung" kennzeichnet — ist ja nichts anderes als das Symptom dieser organischen Entwicklung, die aus der Todesstarre der Emanzipations- und Reformperiode über die erste Selbftbesinnnung zur bewußten Gefetzestreue, emporführt zur Lebensfülle einer zehnfach bereicherten jüdischen Vollkultur. Um dahin zu gelangen, war jene Erziehung zur minutiösen praktischen Gesetzestreue, zu einer oft formalistisch anmutenden dogmatischen P r i n z i p i e n k l a r h e i t — unsere guten Freunde pflegen jene als Kizzur-Schulchan-Aruch-Frömmigkeit, diese als Katholizismus zu stigmatisieren — ein ebenso unentbehrliches Erziehungsstadium wie der Wiederaufbau rein-jüdischer Gemeinschaften — man belegt sie mit dem Schimpfnamen „separatistisch" —, auf deren jungfräulichem Boden in zunächst gewollter Einseitigkeit das Kehilla-Bewußtsein als notwendige Vorstufe eines gereinigten Klall-Bewußtfeins wieder erblühen konnte. Es ist die providentielle Aufgabe öer „Agudas Jisroel", den aufsteigenden Entwicklungsprozeß, der dem unhistorisch Denkenden als Abstieg (Erstarrung) oder als Rückfall in überwundene Entwicklungsstufen (Polonisierung)' erscheint, zu fördern und in gesunden Bahnen zu erhalten. Bevor wir uns der zweiten Seite des ganzen Problems, — den wissenschaftlich-theoretischen Lebensäußerungen der Orthodoxie — zuwenden, sei noch ein Wort zur Verständigung über die „Polonisierung" gestattet. (Fortsetzung folgt.) Wochemundschau. Unerfreuliches aus der Stadt des Gaon. Was im Mutterlande Polen nicht gelungen ist, soll in Wilna durchgeführt werden: Die weltliche oder nationale Kehilla. Ihr Vorkämpfer, Herr Dr. Wigodski, ließ all seine Armeen aufmarschieren und sämtliche linkenParteien zu einer Einheitsfront gegen den religiösen Charakter der Kehillah sammeln. Agudas Jisroel und Misrachi, die man nicht glatt umgehen konnte und zur Mitarbeit einlud, beschlossen unter Beteiligung des Wilnaer Rabbinats und der Synagogenvorsteher, wie nicht anders zu erwarten war, auf absoluter Beibehaltung des religiös-nationalen Charakters der Kehillah zu bestehen. Im Plenum der Gemeindeverwaltung wurde aber von den wenigen Zionisten, die die Situation beherrschten, eine kleine Korrektur an dem eingereichten Beschluß der Orthodoxen vorgenommen, in der Weise, daß man das Wort „religiös" strich. Was blieb, war nur noch die „national e" Gemeinde. Angesichts dieses Attentates wurde auf den 11. Jjar eine zweite Konferenz einberufen, an der neben Aguda und Misrachi auch die orthodoxen Jugendvereine wie der Schomre Thora- Verein beteiligt waren. Unter Vorsitz von Rabbi Chaim Oser Grodsenski wurde der Gegenstand eingehend beraten und man war sich darüber klar und einig, daß das Ausscheiden des Wörtchens „religiös" der Verwaltung freie Hand gibt, die Zwangssteuern auch für solche kulturelle Zwecke zu verwenden, die gegen die jüdische Religion und Sitte verstoßen. An der Zwangslage, in die die Orthodoxie dadurch käme, würde es nicht ändern, wenn die Herren sich wirklich auch für religiöse Bedürfnisse gelegentlich etwas kosten ließen. “ Der Redner, Rabbi Krakowski, erklärte es als Schmach für eine jüdische Gemeinde wie Wilna, überhaupt darüber zu diskutieren, ob die Gemeinde religiös sein soll oder nicht. Es sei so, als wollten wir darüber beraten, ob wir noch Juden bleiben wollten! Mit der Beigabe der Bezeichnung „national" ist die Orthodoxie bis zur äußersten Grenze des Entgegenkommens gegangen. Freilich mehrten sich jetzt die Stimmen, die nunmehr, nachdem das Plenum durch eine gewaltsame Handlung dieses Kompromiß illusorisch gemacht hatte, die rein religiöse Gemeinde, ohne nationale Mischung, verlangten. Es wurde sodann folgender Beschluß angenommen: 1. Die erste Grundlage einer kehillah ist die Religion, darum kann das religiöse Moment aus der Verfassung der Kehillah nicht ausgeschaltet werden. 2. Es geht unter keinen Umständen an, einem Gemeindestatut zuzustimmen, in welchem die Kehillah die Bezeichnung „religiös" nicht trägt. 3. Es soll in der Oeffentlichkeit bekanntgegebrn und auch dem Jüdischen Club im Sejm zur Kenntnis gebracht werden, daß sich keiner anmaßen darf, im Namen der Parteien, die aus religiösem Boden stehen oder im Namen der Vorsteher der Synagogen, in denen Zehntausende beten, in dieser Frage das Wort zu führen.. Ungewöhnliche Merkwürdigkeiten. (Aus einem handschriftlichen Werke um t). Bon Rabbiner Dr. Winkler in Kopenhagen. I. Auf Grund des Schriftwortes is-Qn ns sagen die Kohanim nach Talm. Sota 39 a den Segenspruch: nanxa tont?’ iap nx *pn^ 121121 x*ffapx rrax .Gelobt seist Du Ewiger unser Gott, ber unsbefohlen hat, Sein Volk Israel in Liebe zu segnen". Allgemein wird gestagt. wo finden wir, datz Gott den Priestern geboten habe, in Liebe zu segnen? Mögen Awrohom, in 2"'pv rrpp "v mx, sucht diese Frage nach einem Ausspruch oes Sohar, Aleres Skenlm nach Raschi zu an*? nax. Rabbr Hirsch Chajes zu Sota a. a. O.. im Namen des vuv 1x2. nach dem Midrasch zu beantworten: Die Erklärung des Letzteren deckt sich übrigens mit der des nivp v'2pr. - Ich stehe hier vor einem Rätsel! Ich frage nämlich, wie ist es möglich, datz all diesen grotzen Lehrern, die doch so einsacheTatsache entgangen sein konnte, daß dieses,12,1x2 ..in Liebe", gar nicht auf die Kohanim, sondern vielmehr aus Gott sich bezieht?! Gott n»2 hat in Seiner Liebe zu Israel, den Kohanim besohlen, es zu segnen. — eine Formel, der wir ja so oft begegnen, wie in 1N12N — N2NX2 law pvb »ninxi 12b jnm nnnxn 4xiv ia»2* Diese Auffassung ergibt stch auch aus den Worten des Rambam -p2» y>ani2 mpn (n^an 'ba0 i*»D2) «ixans i?xiv' nx II. Der Midrasch hiax xairiifii rsa .121 xi^'i 'n "v) führt eine Vorschrift an, wonach der Sota (des Ehebruchs Verdächtigen) das fluchbringende Wasser nicht in demselben Gefäß verabreicht werden dürfte, aus dem früher eine andere Sota das gleiche Wasser getrunken habe. Hierzu bemerkt Rabbi S. Straschun in den Nachträgen zu feinen Midraschbemerkungen: „Ich habe den jh weder int Talm. babli noch im Talm. jeruschalmi gesunden". — Auch hier mutz ich erstaunt fragen, wie konnte es diesem Gaon entgangen sein, daß die vom Midrasch angeführte Halacha tatsächlich im Talmud wie im Sifte sich findet?! Sota 15b und Sifte 3*2 '’O XV2 (vgl. auch '0 'ba .iviv 'baß 2*a D"nai) heißt es: .Man bringe (den entscheidenden Trank) in einem Gefäß, das neu sein mutz". Damit ist doch deutlich genug gesagt, daß keine Andere früher daraus getrunken haben durste! WxBß Kleines Feuilleton. Ein jüdischer Gelehrter stellt die Rassenzugehörigkeit nach der Blutprobe fest. Aus Leningrad (dem früheren Petrograd) kommt die Meldung, daß es dem jüdischen Gelehrten Dr. Manilow gelungen ist, eine Blutprobemethode auszuarbeiten, mit welcher, wie er behauptet, nicht nur vorgeburtlich das Geschlecht des Kindes, sondern auch die Rassenzugehörigkeit eines Menschen bestimmt werden kann. Die Leningrader Wochenschrift „Nauka i technika" (zweiter Jahrgang Nr. 13, 1924) meldet darüber folgendes: „. . . Durch die allerletzten Versuche, die in gleicher Richtung mit menschlichem Blute angestellt wurden, ist es Dr. Manoiloff gelungen, festzustellen, daß die Rassenunterschiede im Blut der Menschen anschaulich bestimmt werden können mit Hilfe chemischer Farbreaktionen mit dem Blut. So erfolgt bei Einwirkung bestimmter Farben eine verschiedene Färbung des Blutes von Negern, von Europäern, von Russen, von Juden (Hebräern) usw. . . ." Die genannte Wochenschrift schließt: „Diese überaus interessante Entdeckung, die von Dr. M. zurzeit sorgfältig durchgearbeitet und verifiziert wird, hat neben dem rein theoretiischen Interesse, eine große gerichtsmedizinische Bedeutung."