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Der Israelit · 1924-06-05 · Heft 23 (5.6.1924) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 23 (5.6.1924)
Date
1924-06-05
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
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Seite 23 Nr 23 Mnssnr-Literamr. Unter dem Titel i-Kiv noiv hat Rabb. Feiwelsohn in Baisogola (Litauen) einen neuen hebräischen Kommentar zu den „Sprüchen der Väter" herausgegeben, der sicherlich auch im Westen Interesse und Beifall finden wird. In einer zwar nicht ganz leichten, aber ungekünstelten und doch originellen Darstellungssorm weih der Verfasser aus dem wahrlich überreich bearbeiteten Gebiete Neues zu sagen und mit einer innig an den Tert sich anschließenden Deutungsweise geistvolle Erklärungen dunkler biblischer und talmudischer Aussprüche zu verbinden. Das Buch ist vom Autor, Rabb. Ferwelsohn, jetzt S a n k e n a i, Liaul ap. Litauen, zu beziehen. — Die Zentralleitung des sogenannten „Nowarodoker Kaulel", d. h. der nach dem System der Mußar-Jeschiwo von Nowogrudok arbeitenden 10 Lerngruppen hat mit der Herausgabe einer periodischen Veröffentlichung: ivivn -pk begonnen, die an die Traditionen vonRabbi Jßroel Salanters y'si ruian anknüpft und in ihrem ersten Teile Aufsätze Heimgegangener Größen, Rabb. Szimcho Sihel von Kelm s. A. und Rabbi Naftali Amsterdam V'xr sowie ethische Abhandlungen jetziger führender Männer (Rabbi Abraham Jofin, Abr. Selmans, David Bliacher, Jakob Lubzansky) und Hespedim von R. David Budnik und R. Samuel Weintraub enthält. Besonders interessant sind die Nachrichten aus dem Leben der Jeschiwos. Danach find nach der Rückkehr aus dem ukrainischen Eril drei Zentraljeschiwos in Warschau, Byalistok und Meseritz sowie drei Gruppen in Jwie bei Wilna, Pinsk und Ludomir nebst Vorbereitungsstätten für jüngere Schüler gegründet worden. Im folgenden seien einige charakteristische M u h a r - Kernsprüche wiedergegeben, die das Heft aus den Schriften der großen Führer der Bewegung zusammenstellt: I. „Mußar ist der Weg, der zum Weg der Thora führt." II. „Die Welt pflegt zu sagen: Die „Freien" haben Diesseits, die Gottesfürchtigen Jenseits; Mußar aber lehrt dich, daß die „Freien" kein Diesseits haben und nicht alle Frommen ihres Jenseits sicher sind." III. „Cs gebührte dem Menschen, ein Lebenlang Mußar zu lernen, wenn er dadurch auch nur vor einem Worte snn liBfr seinen Mund verschlösse." IV. „Ein zerbrochenes Glas ist irreparabel, solange es im Hause liegt; die Fabrik vermag ihm dennoch wieder eine brauchbare Form zu geben. So hat das M u ß u r - L e h r h a u s ein Heilmittel für alle Gebrechen." V. „Weilt jemand an sündigem Orte, so nützte es ihm nicht, wenn er auch durchs eine Fenster ins Gehinnom, durchs andere ins Gan Eden blickte." VI. „So wie der Wert des Goldes seinem Feingehalt entspricht, auch wenn der Prüfstein zerbrochen ist, so sollte menschliche Selbstbesinnung den Augenblick der Abrechnung überdauern." VII. „Zweifelst du, ob du etwas tun oder lassen sollst, so frage dich, wofür du dich in der Neila-Stunde des Jomlippur entfcheioen würdest." VIII. „Ich habe nie gefragt, ob ich etwas vollbringen kann, sondern immer nur, ob ich es vollbringen s o l l." „Als ich begann, Mußar zu lernen, ergriff mich Unwillen über die Welt, nicht über mich; dann ward ich mir selber ebenfalls Gegenstand des Unbehagens und schließlich wandte sich meine Entrüstung nur gegen mich, und die Welt beurteilte ich zum Guten." XII. „Mancher setzt den einzigen Gott zum König über die Welt ein und vergißt nur — sich selber einzubegreisen." XIII. „Der Entschluß zum Guten gleicht beim Anfänger einem Vöglein in der Hand; schließt man die Hand, geht ihm der Atem aus, öjfnet man sie, fliegt es davon." Akdomnth. Kaum ein Machsorstück aus unserer Festliturgie genießt soviel Popularität und Beliebtheit, wie das Akdomuthgebet zu Schwuaus. Als Verfasser dieses Liedes gilt pnur p *t>rö n zuweilen auch Rabbi Nehoroii genannt. Sein Wohnort dürfte abwechselnd Mainz und Worms gewesen sein. Rabbi Jakob ben Mosche Haleoi (Maharil), der Regenerator der Synagogenmelodie und der treue Hüter des Minhag in Der I s r a o l i t Mainz, führt schon den Brauch an, am ersten Tag Schwuaus das Akdomuth-Lied nach Verlesung des ersten Thorasatzes anzustimmen. Viele Zeitgenossen des Maharil und spätere Dezisoren äußerten Bedenken gegen die Unterbrechung der Thoraverlesung und wünschten daher, daß Akdomuth vor Beginn derselben gesagt werde. Verzichten wollte auf das aramäische Lied keiner. Andere Pijutim, die aus der Feder dieses Dichters stammen, zeichnen sich durch gleichen Rythmus und schönes Versmaß aus, keinem von ihnen war aber die Popularität des Akdomuth beschieden. Was erstaunlich ist, ist daß in Worms, wo Rabbi Meier seinen dauernden Wohnsitz hatte und wo viele seiner anderswo unbekannten Dichtungen im Gebete verwendet werden, das Akdomuthlied nicht gesagt wird. So ganz geklärt ist der Wohnort und die Begräbnisstätte des Rabbi Meir übrigens nicht. Nach "einer Ueberlieferung soll er später nach Polen ausgewandert sein und wäre in Lublin begraben. Nach einer anderen Tradition wäre er identiisch mit Rabbi „Meier bal Haneß", dem weitberühmten Rabbi, der in Liberias seine Grabstätte hat. Eines ist sicher, daß Mbbi Meier zu den Größten seiner Zeit zählte. Unter seinen Schülern war Raschi, der ihn des öfteren zitiert und mit „Ehaffid" und „Zadik" betitelt (in seinem Kommentar zu den Psalmen und auch einigen Propheten). Eine hübsche Legende verlegt die Geburtsstätte dieses beliebten religiösen Dichters jenseits des Sambatjon, des Sagenflusses, der die ganze Woche, mit Ausnahme von Sabbat, wegen der hochgehenden Steinwogen unpassierbar ist. Rabbi Meier überschritt das Meer am Sabbat. um eine Gefahr von Israel abzuwenden. Da er nach getaner Arbeit, am Sabbat nicht zurück durfte und am Wochentag nicht konnte, so blieb er eben bei seinen Brüdern in der Diaspora und dichtete ihnen die religiösen Lieder. . Analog mit dieser Ueberlieferung ist die Erzählung des Italieners Abraham Jogel zu Beginn des vierten Jahrhunderts von einem Wunder, das den Juden in Afchkenas passiert ist. In einer öffentlichen Disputation mit einem Geistlichen konnten sie nicht standhalten und waren mit der Vernichtung bedroht. Da kam im letzten Moment ein Beauftragter von den „zehn Stämmen" aus dem Lande jenseits des Sambatjon, der den geistigen Streit aufnahm und die Juden rettete. Es ist nicht unmöglich, daß Rabbi Meier von fernem Lande, vielleicht aus Polen oder Palästina, wo er ebenfalls bekannt ist, nach Deutschland kam und sich an einer der damals den Juden auferlegten Disputationen mit Erfolg beteiligte. Einige Anspielungen auf ein solches Ereignis sind aus manchen Strophen des Akdomuth herauszulesen. Naheliegend ist die Annahme, daß der Schauplatz dieses Tourniers Worms war, wo während des ersten Kreuzzuges ein Sohn des Akdomuth- Dichters Jizchok ben Rabenu Meier unter den anderen Märtyrern gefallen ist. Es dürfte damit Zusammenhängen, daß in Worms Akdomuth nicht gesagt wird, aus Furcht nämlich, daß einige darin enthaltenen Anspielungen auf die Vorkommnisse neue Hetzen entfachen könnten. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, daß der seinem Namen überall angefügte Titel f"tp weniger auf ein Vorbeteramt hinweist als vielmehr auf seinen Charakter und seine Mission als Delegierter der Gemeinde, im Namen derselben und des Judentums der judenfeindlichen Geistlichkeit Rede und Antwort zu stehen. Das dürfte auch seinem Namen den Glanz und seiner Dichtung die große Beliebtheit gesichert haben. . Biicherbesprechnngen. Das Buch der Frommen. (rrn'vn isv). Zum erstenmal herausgegeben, mit Anmerkungen versehen von Jehuda Wistinetzki. Zweite Auflage mit Einleitung und Registern von Rabbiner Dr. I. Freimann in Posen. Verlag M. A. Wahrmann, Frankfurt a. M., 1924. Es ist ein Prachtwerk von 537 Seiten, das das bekannte „Seser Chassiaim" nach dem llrterte in vollem hebräischem Wortlaute enthält. Zudem aber auch eine 6, Juni 1924 Biographie der Rabbi Jehuda Hachassid, ein. Verzeichnis ferner Bücher und Schriften, sowie eine Einführung in das Werk, das, nach Ansicht des Verfassers, nicht in allen Teilen von Rabbi Jehuda Hachassid stammt. Ein Register' verzeichnet sämtliche Stellen aus Talmud Midrasch, Sisri und Safro, die im Terte in. irgend einem Zusammenhänge verwendet werden und ein genaues Inhaltsverzeichnis, alphabetisch geordnet, erleichtert "das Finden einzelner Stellen. Andere Tabellen gewähren Ileberblick über frühere Ausgaben und abweichende Tertmanuskripte. Anhänge und Anfügungen bieten dem Gelehrten eine Fülle von historischem und kulturhistorischem Material, während der Text selbst in leichter Sprache auch dem Laien wertvolle Morallehren an konkreten Ereignissen wie an Gleichnissen veranschaulicht. Rabbi Jehuda Hachassid ist vermutlich in Worms geboren, wo die „eingedrückte Mauer" noch gezeigt 'wird, die sich seiner Mutter, der Frau des Rabbi Samuel Hachassid, als sie mit dem Kinde unter ihrem Herzen in der engen Gasse in Gefahr geraten war, durch ein Wunder ausgetan haben soll. (Eine andere Ueberlieferung nennt dabei die Mutter Raschig, die aber in Wahrheit nie in Worms war.) Er lebte um 4900, zuletzt in R.e g e n s b u r g. Wie alles, was von Wahrmann kommt, zeichnet sich auch dieses Buch durch lichtvollen Druck und vorzügliche Ausstattung aus. Im schönen Einband wird es jeder jüdischen Bücherei zur Zierde gereichen. p’lronip w nsa ->->ivvn pn iro ,5.330 .a'jsr tniBpna "711128" N821N ptp* t»in Seitdem Samson Raphael Hirsch s. A. im ach!> zehnten seiner „Neunzehn Briefe" darauf hinwies, datz unter den geistigen Forschern, die rein im Judentum stehen und aus ihm selber es geistig aufbauten, vor allem der „Verfasser des Kusari und der Sohn des Nachman hervorglänzen", ist zwar der Kusari in der bekannten Casselschen Uebersetzung erschienen und vor kurzem neu aufgelegt worden, aber die Kenntnis dessen, was Rabbi Jehuda Haleoi seinem Volke zu sagen hat, ist bedauerlicherweise in Westeuropa wenig verbreitet. Der Kusari teilt dieses Schicksal mit den meisten unserer religiös-philosophischen Schriften, die bei der Mentalität der westeuropäischen Juden niemals Gemeingut der Masse werden können, wenn nicht feinfühligen Interpreten es gelingt, die Goldbarren aus den Schatzkammern unserer Großen in Scheidemünze umzusetzen. Dem Kusari ist ein solcher Interpret in S ch a ch n o - witz entstanden, der in seinem Roman „Im Judenstaat der Chazaren" (vor einigen Jahren im Verlag des „Israelit" erschienen) einen Rahmen um die Gedankenwelt Jehuda Haleois geschaffen hat, welcher dem Leser unbewußt allmählich Verständnis für die Gedankengänge des großen Religionsphilosophen bringt. Die spannende Schilderung des Chazarenvolkes mit seinem in der jüdischen Geschichte einzig dastehenden Ergrisfenwerden von der Wahrheit des Gotteswortes, wird in einer Lebendigkeit und Anschaulichkeit hier geschildert, die den kundigen Historiker gepaart mit Meisterschaft der Erzählungskunst verraten. Dieses Werk ist nun von dem rührigen Omonuth- Berlage zum 50. Geburtstage des Autors ins Hebräische übersetzt worden. Der Uebersetzer, L. Zitron, versteht es, trotz der präzisen Wiedergabe in einem farbenreichen und schwungvollen Hebräisch die Eigenheit des Originals wiederzugeben. Unsere jüdische Belletristik ist arm an neueren Erscheinungen, deren Lektüre für die heranreifende gesetzestreue Jugend geeignet ist. Noch ärmer aber ist die neuhebräische Literatur an Werken, die nicht nur unbedenklich der Jugend in die Hände gelegt werden können, sondern auch dazu geeignet sind, auf dem Wege der Anregung des Gemütes mit der heiligen Sprache gleichzeitig den Geist und die Gesinnung zu vermitteln, die allein das Recht geben, sich des Gefäßes der hebräischen Sprache zu bedienen. Vielleicht ist dieser Umstand die Ursache dafür, daß man auch noch in weiten Kreisen der Orthodoxie der Lektüre und dem Leben der neuhebräischen Sprache etwas oppositionell gegenübersteht. Hier füllt das neu erschienene Werk in der Tat eine Lücke aus, die sich ganz besonders in den Jugendgruppen der. Agudas Jisroel bemerkbar macht. Das vorzüglich ausgestattete Buch mit seinem punktierten Hebräisch scheint uns wie wenig andere geeignet zu fein, als kursorische Lektüre zur Einführung in das Neuhebräische benützt zu werden. Wir wünschen, daß dem Werke beschieden sei, als Wegweiser für die Kenntnisse der hebräischen Sprache und darüber hinaus zur Einführung in die Gedankenwelt des „Kusari" weiteste Verbreitung zu finden.^ Daß es infolge der Stabilisierung der Währungsverhältnisse es sich auch auf dem Büchermärkte wieder regt, beweisen uns drei Kataloge, die uns fast an einem Tage zugehn. — Ein äußerst reichhaltiger Katalog Nr. 74, Judakca von I. Kaufs mann, verzeichnet mehr denn tausend Bücher undSchriften, ältereAusgaben wie Neueschei.mngen. — Ein Verzeichnis von Verlagswerken in (Judaica und Hebraica) von Louis L a m m, Berlin (Neue Friedlichst!. 61/63) bietet 318 Bücher und Sch iften aus allen Gebieten der jüdischen Literatur zum Kaufe an. Einen äußerst reichhaltigen Katalog stellte auch das „Jnternationaal Antiquariat in Amsterdam, Singel 364, zusammen.

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