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Der Israelit · 1924-06-05 · Heft 23 (5.6.1924) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 23 (5.6.1924)
Date
1924-06-05
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1 Abrahamitisches I oder mosaisches Judentum? I Eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischen I Strömungen. I '2V N'2V :aiN3 7112NQ nm1? wnaic abit V2U psi v'p2V2 msn "m „Du stiegst zur Höhe, errafftest Beute, Ergriff st Geschenke — um des „M e n s ch e n" willen — Der „M e n s ch", das ist Abraham, Der der riesengroße unter den Menschen, genannt wird." 1. Zu Himmelshöhen steigt der „Weibgeborene", Demütige, steigt Moscheh Rabbenu empor — sein Antlitz leuchtet nicht wie einst das jenes Riesen unter den Menschen, Abrahams ,der aus den Tiefen der eigenen Brust, ein religöser Neuschöpfer, die Erkenntnis Gottes emporhob, und dem als Lohn und Wardeiung nur dieser s e l b st e r - rungenen Erkenntnis der unsichtbare Eine sich entschleiert hatte. „Wie zwei sprudelnde Quellen" hatten die tiefen Gründe der eigenen schöpferischen Seele dem Abraham aus Chaldäa die ganze Thora offenbart — 'NV2 MV um — und in vollendeter Freiheit, ohne den bindenden Imperativ der Pf icht, eil stolze - „Ri.se unter den Menschen", wandelte Abraham, den Engeln gleich, den Weg dieser in seinem Innern lebendig gewordenen Thora. »Anders Moscheh Rabbenu. Es ist nichts Schöpferisches in ihm. Die Engel kennen ihn nicht und spotten seiner kleinen Menschlichkeit NVX iib'b nv Ganz nur Organ und Werkzeug, nicht der Riese unter den Menschen, der „ "1:15?" der „Aerm st e" unter den Menschen erringt er die Thora als reines Geschenk gö.tlicher Gnade in mühsam lernendem, dreimal vierzigiägigem Ringen, nicht nur ohne eine Spur schöpferischen Hinzutuns aus sich, sondern nicht einmal für sich — für ein ganzes Volk vielmehr zum nationalen Recht gestaltet, zur eisernen Norm geworden, aus deren scheinbar stahlharten Zwangsparagraphen doch die ganze Glut ewig lebenzeugenden, seelenbeglückenden göttlichen Feuers durch die Jahrtausende sprüht. Vor dem vernichtenden Zugriff aber der aus dem Feuerstrom des Werdens jeden Tag neu auftauchenden Engel rettet den Demütigen nur t t e s Ruf, der in diesem scheinbar unwürdigen rwK y6' Ziel un d Vollendung abrahamitischen Schöpfer- 8 e bst e s erblickt und ihn erbarmungsvoll birgt lm schützenden Schatten dees Gottesthrones. — --<». .- -. - — ■ — 2. Wer sich ganz in den lebendigen Gehalt der offenbar aus allertiefsten Quellen strömenden Sinai-Agada des Talmuds und Midraschs versenkt, aus der hier andeutend ein kleiner Ausschnitt zu geben versucht ward, dem wird auch heute noch erlösende Antwort auf mancherlei zeitgemäße Fragen. Im Lichte dieser Agada möchten wir denn auch einen kurzen Blick auf einige kritische Zurechtweisungen werfen, die in den letzten Monaten dem gesetzestreuen Judentum in Deutschland, insbesondere dem an Hirsch und Hildesheimer orientierten, aus eigenem und fremden Kreise erteilt worden sind, und die willkommenen Anlaß zu ehrlicher Selbstprüfung bieten. „Stillstand", „Erstarrung". Betonung des „Dialektischen und Juristischen" Mangel an „lebendiger Religiosit ä t", „Ablösung von der Umwel t", „M iniaturghett 0", „P 0 l 0 nisie - rung" — schallt es uns aus dem Lager der organifatorisch plötz'ich von uns Getrennten entgegen, die wir jahrzehntelang als zu uns gehörig betrachtet hatten, und die in der Tat durch die gleiche Lebenspraris und weitgehende Gesinnungsgemeinschaft noch immer mit der Gesamtheit der gesetzestreuen Judenheit Deutschlands verknüpft sind. Und in logischer Fortbildung der objektiven Tendenz dieser Vorwürfe hören wir aus dem nationaljüdischen Lager ein Wehegeschrei über die „Rückkehr zum traditionellen Judentum" unter einem Teil der Jugend, weil diese Rückkehr nichts sei als ein „Phänomen der Schwäche", ein Mangel an geistiger Tapferkeit, die keine Geduld hat. sich religiösesNeuland, „neueWorte vonGott" zu erobern und da-um in den Wahn verfällt, „Fasten, Tauchbad und Gemara" (!) könnten die zugestandene innere Leere des formal nationaljüdischen Ideals mit Geist erfüllen. Bleiben wir zunächst bei der ersten Gruppe der Kritiker, der Gruppe der g e s e tz e s - treuen Agudagegner. Seltsam! Man sollte meinen, daß der Kampf um das sogenannte Austrittsprinzip, der Meinungsstreit, der um das passive Wahlrecht in der „Achudas Iis'vel", um organisatorische Selbständigkeit oder Fraktionsdasein des Thorajudentums überhaupt geht, mit den geistig-religiösen Grundproblemen, den eigentlichen Weltanschauungs fragen des jüdischen Volkes nichts oder wenig zu tun habe. Und wir sind in der Tat überzeugt, daß es unter den Anhängern und Mitläufern, sogar unter den Führern von „Misrachi" und „Achduth" eine ganze Anzahl von Persönlichkeiten gibt, die w e l t anschauungsmäßig sich mit der Ideologie der Aguda völlig wesenseins fühlen. Aber siehe da, kaum ist die organisatorische Trennung vollzogen, drangen schon — ganz wie im jungen „Misrachi" — diejenigen Strömungen zum Lichte empor, bei denen, um es psychologisch kurz zu kennzeichnen, die Sehnsucht nach religiöser Neuschöpfung die bescheiden liebevolle Hingabe an das überlieferte Erbgut überwiegt. Nichts anderes als diese Sehnsucht ist es, was diese Naturen dann auf dem Wege geistiger Wahlverwandtschaft den Weg zu allen denen weist, die aus politischer Abneigung gegen die organisierte und daher vielfach auf Kamps eingestellte Orthodoxie Leben und Lehre, geistige Leistung und ethischen Wert eben dieser Orthodoxie mit dem geschärften Auge des Hasses unter die Lupe nehmen und sie genau nach dem gleichen Rezept behandeln läßt, dem man von christlichtheologischer Seite das „pharisäische Judentum" von jeher unterworfen hat. Stillstand, Erstarrung, Betonung des Dialektischen und Juristischen, Mangel an lebendiger Religiosität — all das hat auch das pauiinische Ehristentum schon dem „pharisäischen" Judentum vorgeworfen: durch Neuheit zeichnet sich also die Kritik unsrer für die Einheit des Judentums kämpfenden Brüder an der modernen deutschen Orthodoxie keinesfalls aus. Aber sollte nicht die weitgehende Uebereinstimmung über fast 2000 Jahre hin ein Beweis für die objektive Richtigkeit der Kritik sein? Etwas objektiv Richtiges ist an dieser Kritik in der Tat: Gegenüber dem uferlos wogenden Strome subjektivistischer Gesühlsfrömmigkeit bedeutet das Judentum von Sinais Höhen „Stillstand und Erstarrung", denn es läßt den Strom ein Bett und seine Wogen Konsistenz gewinnen. Und indem die mit Samson Raphael Hirsch einsetzende Renaissance des gesetzestreuen Judentums in ganz eindeutiger Bewußtheit an den Begriff der sinaitischen G e - s e tz e s r e l i g i 0 n anknüpfte, indem sie vor allem einmal draußen auf dem Markte des Lebens die dem religiösen Leichtsinn Verfallenen zur ängstlichen Pflichttreue des praktischen Gesetzesgehorsams zurückzurufen unternahm, mußte sie wohl oder übel das Odium der stillestehenden, starren Werkheiligkeit auf sich nehmen, die — vorläufig einmal — das absolute Primat des gewissenhaften Formalgehorsams vor allem „schöpferisch" Religiösen wie einen rooder äs bronnkin die verlotterte Zeit der Holdheim und Geiger hineinstellte. Darin waren Hirsch und Hildesheimer einig, einig auch darin, daß dieser Geho sam und diese Treue sich nicht auf die äußere Tat beschränken, sondern auch das Geistesleben, die g e i st i g e D i ä t der Forschenden, Lehrenden und Lernenden mit erfassen mußte. Welche Wirkungen die aus dieser These unmittelbar folgende Selbstbeschränkung v'»V auf die geistige Struktur der Orthodoxie in Nord und Süd ausübte, lohnt grade heute eine kurze Betrachtung. (Fortsetzung folgt.)

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