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Der Israelit · 1924-06-05 · Heft 23 (5.6.1924) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 23 (5.6.1924)
Date
1924-06-05
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 18 Nr. 23 Der Israelit 5. Juni 1924 Zuletzt kam „Gemilus chessed" und klagte: „Kein Mensch gibt mehr was in der Gemeinde, ich komme ganz in Vergessenheit." „Stimmt nicht ganz," erwiderte der liebe Gott, „ich sah, wie einer seinen Nachbarn die Tabakdose hinhielt." „Ist es recht," gab sich „Gemilus chessed" nicht zufrieden, „daß ich mit einer Prise Tabak abgesunden werde, während Schwester „Thora" den Herrn Rabbiner, „Aboda" den Herrn Kantor erhielt?" „Beruhige dich, Kind," sagte der liebe Gott, „ich versichere dir, die Thora des Herrn Rabbiner und das Gebet des Herrn Kantor ist keine Prise wort . . Tnt-ench-amnn. Aus den Tageszeitungen und aus den auch in diesen Blättern wiederholt erstatteten Berichten ist unseren Lesern der archäologisch und historisch hochbedeutsame Ertrag des im „Tal der Könige" bei Theben in DHU Die beiden Wächterstatuen vor der versiegelten Grabkammer des Tut-anch-amon. Aegpten bloßgelegten Tut-Ench-Amun - Gräber bekannt. Allein erst jetzt wird dem deutschen Publikum durch eine umfassende Publikation der ganze Reichtum dieses merkwürdigen Fundes erschlossen. Aus der Feder von Howard Carter und A. C. M a c e, von denen der erstgenannte gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Lord Carnaroon der Entdecker und Erforscher des Grabes war, liegt im Verlage von F. A. Brockhaus in Leipzig in einem starken, reich illustrierten Bande von 250 Seiten ein lebendig geschriebener Bericht über die Bloßlegungsarbeiten sowohl wie die eingehende Beschreibung des wunderbaren Grabinhaltes vor. Angesichts der innigen Verflechtung der ägyptischen Geschichte und Kultur mit der Vergangenheit des jüdischen Volkes und seinem Lande ist das MET Der Königsfriedhof bei Theben. (Im Hintergrund d. „Horn".) prunkvoll ausgestattete Werk mit seinen mehr als 60 Bildertafeln für jüdische Leser von besonderem Interesse. Ueberall in den Grabkammern gleißt es von Gold und Silber, und die herrlichsten Kunstschöpfungen sind in unglaublicher Fülle angehäust. In der Vorkammer allein fand Carter nicht weniger altz 700 Gegenstände. Die technische Ausführung all der vielen Prunk- und Gebrauchsgegenstände steht auf einer unerwarteten Höhe. Der Altmeister der deutschen Aegyptologen, Steindorsf, hat dem Werk eine Einleitung beigegeben, die ein hochinteressantes Bild der Geschichte Altägyptens vor Tut-ench-Amun bietet und in eine politisch und religiös unruhige Zeit einführt. Russische Justiz. Aus dem ' prächtigen Memoirenbuch ipv rnor von Jacob Halevi Lipschütz, welches 80 Jahre russisch-jüdische Geschichte aus der Zarenzeit umfaßt. In einer großen Gemeinde Rußlands wurde ein Mann an die Spitze der Gemeinde gestellt, der zuerst alle Qualifikation für dieses Amt aufwies. Er war thorakundig, aufrichtig und besaß auch einige Kenntnis Dr. Meier Hildesheimer in Berlin beging am 10. Jjar seinen sechzigsten Geburtstag (Siehe „Israelit" Nr. 21). 0 Grotzrabbiner Israel Friedmann aus Czortkom beging am l 10. Isar seinen siebzigstenGeburtstag. (Siehe „Israelit" Nr. 21). Dr. Nathan Birnbaum in Hamburg beging am 10 Jjar seinen sechszigsten Geburtstag (Siehe „Israelit" Nr. 20). der Landessprache und der Landesgefetze. Man setzte große Hoffnungen auf ihn, die aber alle getäuscht wurden. Denn er hielt große Freundschaft mit den Behörden und Staatsbeamten und führte deren Ver- 'ügungen drakonisch aus, ohne es zu versuchen, wie das o immer in Rußland üblich war, mit Geld und guten Worten die Beamten günstiger zu stimmen. Der Ortsrabbiner lieh den übereifrigen Parnes kommen und machte ihm Vorhaltungen. Er sagte sogar unter anderm, daß sein Verhalten an Angeberei, das Schlimmste, was man einem Juden nachsagen kann, grenze. Der Gemeindevorsteher verwahrte sich dagegen und entschuldigte sich damit, daß er in dem Sinne des talmudifchen Samuel, der das Landesgesetz dem Thoragesetz gleichstelle, handele und nur dieses strikte durchführe. Der Rabbiner (es dürfte Rabbi Jizchok Elchanan gewesen sein. Red.) ließ es aber nicht gelten und lernte mit ihm ein Stückchen „Raschi" zu der Geschichte von Lot in M. 1. Zu dem Satze emo irwo w vHi bemerkt Raschi, es stehe aw’ ohne Wow. Das weist darauf hin, daß man just an diesem Tage Lot als Richter in Sedom eingesetzt hatte. Was will uns Raschi damit sagen? Ohne Zweifel folgendes: Die Gesetze in Sedom waren so schlecht wie die, Menschen, so daß man sich fragen muß, wie konnte Sedom bei solchen Gesetzen bis zum Untergange so lange bestehen? Antwort: Wie verbrecherisch die Gesetze waren, so verbrecherisch und bestechlich waren die Beamten, die sie auszusühren hatten. Es gab somit einen Ausgleich. Schlechte Gesetze und schlechte Beamten, die sie gegen Bestechung nicht zur Ausführung brachten. So konnte sich Sedom eine Zeitlang halten. Nun aber kam „just an diesem Tage" Lot an die Spitze der Verwaltung, ein braver, ehrlicher Mann, der da glaubte, Gesetz sei Gesetz und alles müsse haarklein aufs gewissenhafte durchgeführt werden. Damit war der Untergang Sedoms noch an diesem Tage besiegelt.... Der Gemeindevorsteher dürfte es verstanden haben. Ein drastischer Beweis dafür, daß man es im zaristischen Rußland in der Tat mit einer sedomitischen Gerichtsbarkeit und Beamtenwirtschaft zu tun hatte, liefert der folgende hier erzählte Fall: Weg nach den Königsgräbern bei Theben in Aegypten. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hauste in der Nähe des litauischen Städtchens Salant an der Grenze von Ostpreußen eine Räuberbande, die die ganze Gegend in Schrecken versetzte. Der Anführer der Plünderer und Mordbrenner hieß Mankowski. Der Pristaw von Salant bekam einen Befehl nach dem andern vom Gouverneur, den Räubern das Handwerk zu legen und Mankowski tot oder lebendig zu ergreifen. Die stereotype Antwort des Pristaws lautete regelmäßig: „Unmöglich, alle Mühe umfonstl" Eingeweihte wußten aber, daß der Pristaw selbst seine Hand mit im Spiele hatte und an der Diebesbeute beteiligt war. Wie aber die Ukase aus Kowno und Wilna sich mehrten und dringender wurden, so daß der Pristaw für seine Stelle fürchten mußte, ersann man einen teuflischen Plan, der auch glänzend geglückt ist. Drüben im preußischen Memel lebte ein schlichter und robuster Schweinezüchter, der fast das Aussehen eines Räubers hatte und den der Weg öfters über die Grenze nach Salant führte. Diesen wollte man als „Mankowski" opfern, und man ließ zu diesem Zweck in der Kirche einen Schweinemarkt für einen der Wochentage ausrusen. Als erster kam nichtsahnend der Deutsche mit seinem Einspänner herübergefahren und stieg im Gasthofe ab. Sofort war der Pristaw mit seinen Polizisten zur Stelle, die den Memeler Schweinezüchter, der kein Wort russisch verstand und nicht wußte, um was es sich handelte, einsperrten. Nachdem der Arme bereits einige Tage im Gefängnis gesessen und'alle Peinigungen ausgestanden hatte, schlich sich ein Mann in seine Zelle, der sich als Freund ausgab und ihm in deutscher Sprache angeblich über seinen Fall aufklären wollte. Er gab an, er, der Deutsche, sei in schweren Verdacht des Staatsoerrates gekommen und es gäbe nur ein Mittel zu seiner Erretung, er möge bei der Gerichtsverhandlung auf alle Fragen nur das eine Wort erwidern: „T o tz n a T a k!" Das allein würde ihn herausreißen. Der Fremde fügte noch hinzu, daß wegen der Schwere des Deliktes keiner zu ihm hereingelaffen würde. E r aber habe es unter eigener Lebensgefahr unternommen, um seinen deutschen Landsmann zu retten. Der unschuldige Deutsche wußte nicht, daß die beiden Worte, die er sich gut gemerkt hatte, „So ist es!" bedeuten und daß der Fremde ein schlauer Vertrauensmann des Pristaws war. In der Untersuchung wie vor Gericht sagte der Deutsche nur: „Tak Tozna!" und bestätigte damit alle ihm zur Last gelegte Schuld. Er wurde zur höchsten Strafe verurteilt und nachdem er von den unmenschlichen Mißhandlungen genesen war, zur lebenslänglichen Zwangsarbeit nach Sibirien verschickt. Die Prämie für die Ergreifung des Räuberhauptmanns Mankowski wurde dem Pristaw von Salant zuerkannt und mitsamt einem Anerkennungsschreiben überreicht.... Ueber diesen Fall gibt es auch deutsche Akten. Nach einigen Jahren besichtigte ein deutscher Prinz aus einer Rußlandreise die Strafkolonie im Uralgebirge Wie der Deutsche den Prinzen erblickte, redete er ihn an und erzählte ihm unter Tränen, bevor es die Wächter verhindern konnten, seine furchtbare Geschichte. Der Prinz erinnerte sich, in deutschen Zeitungen von einem Manne in Memel gelesen zu haben, der von einer Reise über die Grenze nicht zurückgekehrt und spurlos verschollen ist. Auf diplomatischem Wege veranlaßt der Prinz eine Untersuchung. Der Pristaw zwang aber Juden und Nichtjuden, eidesstattlich zu erklären, daß sie in dem Verhafteten den Räuberhauptmann Mankowski erkannt hätten. Wie die Sache ausging, ist nicht bekannt. Sie zeigt aber zur Genüge, wie die russische Justiz zur Zeit der beiden.Nikolaus und der Alexander aussah. Hieraus erklärt sich manches aus der jüdischen Tragödie in Rußland im vorigen Jahrhundert, was Westeuropäer, die mu anderen Maßstäben messen, zur unberechtigten Kritik herausfordert.

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