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Der Israelit · 1924-06-05 · Heft 23 (5.6.1924) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 23 (5.6.1924)
Date
1924-06-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Ni 1924 te ft. ann nee FF Rabb. tallung Fabian 129. > .? US un J JLet> en Üllusfrierfe Beilage zum„llsraei £. d\q. Am Grabe des Ger Zedek. Vor kurzer Zeit ging die stunde durch die Presse, daß das Grab des „Ger Zedek" in Wilna von roher Hand demoliert wurde. Welche Bewandnis es mit diesem Grab und mit dem „Ger Zedek" hat, sei in folgendem mit einigen Worten geschildert. Das Grab, das bereits 175 Jahre alt ist, birgt einen Heiligen in seinem Schoße, den Grafen Valentin Potocki, der zum Judentum übergegangen ist und diesen Uebertritt am zweiten Schwuaus-Feste des Jahres 1779 in Wilna auf dem Scheiterhaufen als Rabbi „Abrahan Sohn Abrahams" zu büßen hatte. Das Grab wurde seitdem in Obhut der jüdischen Gemeinde genommen und ist von ihr, wie das Grab des Wilnaer Gaon nebenan, als.Heiligtum behütet und betreut worden. Im Geschichtsbuch des polnischen Schriftstellers Kwaszewski wird über die Tragödie des Grafen Potocki folgendes erzählt: Der junge polnische Graf Valentin Potocki begab sich zusammen mit seinem Freund Zadembow nach Paris, um sich dort auszubilden. Als sie eines Tages in Paris ein jüdisches Gasthaus aufsuchten, sahen sie den Wirt, wie er hinter der Theke in einen großen Folianten vertieft dasaß. Die jungen polnischen Edelleute interessierten sich gar sehr für den alten Mann und sein Buch und baten ihn, er möchte ihnen einiges daraus vorlesen und erklären. Sie waren von den Lehren entzückt, geradezu in den Bann genommen, so daß sie immer wieder kamen und sich vom Alten in die hebräische Sprache und in die Originaltexte einführen ließen. Nach einem halben Jahre eifrigsten Studiums, beschlossen sie zum Judentum überzutreten. Das war aber damals m Paris nicht so leicht zu bewerkstelligen, darum beschlossen sie, nach Amsterdam zu gehen, denn Holland war das einzige Land in Europa, wo die absolute Toleranz einem Glaubenswechsel nichts in den Weg legte. Auf dem Umwege über R o mwo es Graf Potocki noch einmal ehrlich, aber ohne'Erfolg, versuchte, sich mit der katholischen Religion innerlich auseinanderzusetzen, begab er sich nach Amsterdam, wo er offiziell zum Judentum überging und den Namen Abraham ben Abraham annahm. Er führte dann eine Zeitlang ein schlichtes jüdisches Leben in Deutschland. Aber Heimweh zwang ihn wieder nach den Ufern der Weichsel. Etwas gealtert, das Gesicht von einem langen Barte umrahmt und in der Tracht der polnischen Juden, so begab er sich nach Polen und ließ sich im Städtchen Ilije in der Nähe von Wilna nieder, wo er hoffte, ungekannt und ungestört unter den dortigen Juden sein Leben zu beschließen. Die Familie des Grafen konnte es nicht verwinden, daß ein Mitglied ihres Hauses zum Jutume übergegangen war. Sie machten alle Anstrengungen, ihn ausfindig zu machen, ahnten .» 'Ci Ai«*« " 5' 'm imf, h¥ J?U m m f. v FA* . _... i : Auf dem Grabe des Ger Zedek bei Wilna. aber nicht, daß er in ihrer nächsten Nähe weilte. Im Städtchen Jlije wußten nur einige wenige um die Geschicht? des fremden Abraham. Aber dieses Wissen der Wenigen wurde ihm zum Verhängnis. Er soll von einem bösartigen Juden bei der Regierung angezeigt worden sein. Auf alle Fälle kam das Geheimnis heraus und er wurde in das Gefängnis verbracht. Zuerst leugnete er, dann gab er unumwunden zu, der frühere Graf Potocki zu sein. Seine Mutter flehte ihn an, zur angestammten Religion zurückzukehren, und auch von anderer Seite, nicht zuletzt von der Geistlichkeit, wurde alle lleberredungskunst nach dieser Richtung hin angewandt. Von jüdischer Seite in Wilna machte man hingegen alle Anstrenungen, den G e r zu retten. Er selbst ließ sich durch Bitten und Drohungen nicht irremachen und ging als I u d e seinen letzten Gang. Es war am zweiten Tage Schwuaus, als der Scheiterhaufen für den Grasen Potocki auf dem Marktplatze zu Wilna angezündet wurde. Ein Tag nach der Verbrennung traf ein Begnadigungsakt des polnischen Königs ein. Juden wurden zu der Prozedur nicht zugelassen. Nur einer, Rabbi Leser Sißkis, ließ sich den Bart abmachen und legte polnische Tracht an, so daß ihn keiner als Jude erkannte. Mit Hilfe einiger Beamten, die er reichlich bestochen hatte, gelang es ihm, ein Häuflein Asche und die nicht gänzlich verbrannten Teile der Gebeine in einen Sack aufzunehmen und sich davonzuschleichen. Diese Überreste wurden dann auf dem jüdischen Friedhof in einem Ehrengrabe mit Ohel beigesetzt, dem Ehrengrabe, an das sich jetzt die Rohheit und Lieblosigkeit mit schänderischerHand he anwag e, nachdem sie den wundersamen Baum, der das Grab wie durch ein Wunder überschattete, gefällt hatte. Potocki- Freund Zademb ow, der ebenfalls nach Polen zurückgekehrt war, blieb unerkannt. Er heiratete sogar eine adelige Frau und wunderte mit ihr und seinem Kinde nach Palästina aus, wo die Familie bis zum Tode treu dem Iudentume blieb. Hermann Strucks Meisterhand hat den merkwürdigen Baum, der wie ein Symbol der ewigen Lebenseinheit aus dem Grabe emporwuchs, in einer der herrlichen Federzeichnungen seines Mappenwerkes aus „Oberost" festgehalten. Keine Prise wert. In einer stark reformverseuchten Gemeinde gerieten die drei Grundpfeiler: „Thora", „Aboda" und „Gemilus chessed" sehr ins Wanken. Sie traten vor Gott und beklagten sich. „Was soll aus mir werden?" weinte „Thora", kein Mensch in der Gemeinde fragt mehr nach mir." „Nicht so schlimm," tröstete der liebe Gott, „der Herr Rabbiner auf der Kanzel spricht oft von der „Thora". Daraus kam die „Aboda": „Sieh, Herr der Welt, ich bin verwaist, keiner betet mehr in der Synagoge." „Du übertreibst," beruhigte sie der liebe Gott, „der Herr Kantor betet noch und pflegt dich in schönen Gesängen."

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