Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1924)
- Date
- 1924-06-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23 Seite 3 8^ Juni 1921 __ bezeichnet werden muß. Arewuth bedeutet die Gemeinbürgschaft Israels für die unversehrte Erhaltung der Thora und die daraus sich ergebende Verpflichtung, gegen Uebertretungen des Aeligionsgefetzee mit allen Kräften Verwahrung einzulegen, demgemäß auf Beseitigung von Reformeinrichtungen zu dringen und, so lange solche Einrichtungen bestehen, durch Lossagung von der r,e erhaltenden Gemeinde dagegen Verwahrung einzulegen, wie dieses nrp irai in seinem Kommentar zu Mischna 5 des zweiten Perek von Aboth ausführt: -»osn# njran nasn p »nsn bx bbn noai o'otop bj ins Kin nisoai nuna ppDW ■pü mm miLv rnpb d'ddri dj? 3113 o in^»DD (m onai) idnjp vno tsrns1? ini pro ron nniD *]ii3 *]tonn iosd inn »panm jupo np in'? nown 10s .niso iiopm gnom nnoy i'annrti im pa orwyoi rry roajn moi? idn m 5jn nawo ni nn dhd rDlJJW DTHN 131D3_ 'D ('N 'D WmH ... 'Dp nN „Hillel sagt: Sondere dich von der Gemeinde nicht ab. Wenn sich die Gemeinde mit Thora und Mizwoth beschäftigt, ist sie die Krone aller Welten und Zier für seine (Gottes) Allherrschaft, denn wenn sich die Fülle des Volkes versammelt um den Willen des Königs zu erfüllen, so ist das seine Würde. Von einer solchen Gemeinschaft darf man sich nicht absondern, entsprechend dem Schriftvers (Deuteronomium 33,5) „Da ward er in Jeschurun König, als sich die Häupter des Volkes versammelten insgesamt die Stämme Israels"; dieses gilt bei einer Gemeinde, die auf dem guten Wege geht und sich vereinigt um eine Mizwo auszuüben: doch eine Gemeinde, diefich'demschlechtenWege zuneigt, derenTatenverderbtesind,mitihr soll man sich nicht verbinden, wer sich von ihr trennt, ist zu loben und hierauf bezieht sich der PropH e t I ir m i j a h u, wenn er sagt (Jirmijahu 9,1) „W er gäbe mir in derWüste eine Wandererherberge, damit ich m-in Volk verlassen kann und von ihnenweggeh e." Im Gegensatz zu dieser Arewuth-Pflicht führt die Vereinigung „Achduth" zu einer Stärkung der von der Neologie stets vertretenen Anschauung von der Gleichberechtigung der Richtungen innerhalb des Judentums. Gegenüber dem Versuch der Vereinigung „Achduth". den klaren Sinn des Arewuth-Gedankens umzubiegen und in das Gegenteil dessen, was er wirklich besagt, umzudeuten, halten wir iichkeiten, Lehrern und Führern von ganz Israel eingejührt, hat Heiligkeitswert erlangt. Auch ist es gut und nützlich, da ja nicht jeder imstande ist, sich selbst Lernstoff zurchtzulegen und durch den Tikun jeder, auch der sonst wenig oder nicht lernen kann, wenigstens „mitzusagen" vermag, wenn allerdings bei diesem „Sagen" mitunter gar manche Kuriosität zutage tritt und recht eigenartige „Lesarten" Vorkommen. Der ganze Tikun ist so angelegt, daß dreizehnmal Kaddisch gesagt werden kann; auch das übt insbesondere aus platt und Jahrzeiten stärke Anziehungskraft aus. Es sind drei einfache twnp auf die schriftliche Lehre, nämlich je einer auf Thora, Nebiim und Kesubimdann sechsmal Lernkaddisch (pan tfnp) auf die 6 Bände der Mischnah, ein solches auf rna» -®d», eines auf Sohar, eines auf ros» eines auf das Schlußkapitel «an tmtc* Hat sich am Mischnahlernen möglichst jeder beteiligt, so werden die folgenden Stücke wieder dem »Privatfleiße" überlassen, wenn nicht sich ein Kundiger findet, der die Vorlesung oder vielleicht gar die Uebersetzung und Erläuterung übernimmt. Er wird trotz vorgerückter Stunde stets ein dankbares Publikum finden. Gerade die Zwanglosigkeit des Beisammenseins, oas Hochgefühl im Bewußtsein jedes Teilnehmers, auch mitgelernt zu haben, öffnet die Herzen und es wäre jedem Bolkslehrer nur dringend zu raten, die Gelegenheit auszunützen, zu lehren und zu belehren. Anknüpfungspunkte im allgemeinen wie im einzelnen sinken sich leicht und zahlreich. co!m Der Israelit es für unsere Pflicht, vor der jüdischen Oessentlichkeit entschiedenen Protest zu erheben. Der Vorstand des Verbandes orthodoxer Rabbiner Deutschlands. Rabbiner Dr. S. Breuer -Frankfurt a. M. Rabbiner Dr. B 0 n d i - Mainz. Distriktsrabbiner Dr. R. Breuer- Aschaffenburg. Prov.-Rabbiner Dr. Cahn-Fulda. Prov.-Rabbiner Dr. Hirschfeld - Gießen. Rabbiner Dr. Kahn-Wiesbaden. Rabbiner Dr. Klein-Nürnberg. Distriktsrabbiner Dr. M a n n e s - Schwabach. Rabb. Prof. Dr. Marx-Darmstadt. Ein verschwundener Menschen-Typ. Von A. Mannheimer in Aettekvach. Die Kriegs- und Nachkriegszeit fegte so manche Erscheinung aus dem gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben weg, von der die späteren Geschlechter nur durch schriftliche oder mündliche Ueberlieferung Kunde erhalten werden. Eine solche Erscheinung war auch der jüdisch-polnische Wanderer, wie er von Stadt zu Stadt, von Land zu Land zog, jahraus, jahrein, Sommer wie Winter, um mühsam „deutsche Reichsmünzen zu sammeln". Nicht, daß wir in ihm etwa die Jdealgestalt eines Juden erblicken, der wir wehmutsvll einen Epilog zu widmen hätten. Schon seit Rabbi Jischmaels Tagen wissen wir, daß die Armut Israels Volksgenossen nur entstellt, jn^mö rn'n.ivwir schauen in der durch das heilige Band der ewigen Thora geeigneten Nation eine aristokratische Gemeinschafft, 3.1 noVa ’33 VKltf’’ f?3. Sollte doch der Hohepriester, der idealste Repräsentant des jüdischen Volkes, nicht nur etwa durch Frömmigkeit, sondern zugleich durch Schönheit, Kraft und Vermögen ausgezeichnet fein, durch hohe soziale Stellung und Unabhängigkeit. Sah man es doch gerne, wenn mit geistiger Größe sich äußere Wohlhabenheit paarte, inrr öipan nVrai mm* Wenn wir dennoch auch dem verschwundenen „Mann aus der Fremde" Worte der Erinnerung weihen, so geschieht das aus, verschiedenen andren Gesichtspunkten, die sicherlich die Berechtigung einer solchen Betrachtung dartun werden. Wie lange kennt man den polnischen Wander-Armen in Deutschland? Diese Nächstliegende Frage läßt sich nicht leicht beantworten. Sicher aber kann sein Auftreten wohl auf 150 Jahre zurück nachgewiesen werden. Vielleicht auch noch länger. Wir meinen nicht, daß die Juden der verschiedenen Golusländer sich je gegeneinander abgeschlossen und nur durch Bettler in Verbindung blieben. Das ist durch- Kleines Feuilleton. Auf zum Sinai. Noch immer treibet junges Grün der alte Ast! Schon schien verdorrt er fast In Deuffchlands Gauen. Ein neu Gebäude wollt man bauen. Mit Ornamenten reich verziert, Nach neuen Plänen ausgeführt: Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten! Schon sah man endlos neue Weiten, Veraltet, überholt die alte Lehre, Daß Besf'res eine neue Zeit gebäre. Man zieht die alten Fahnen ein geschwind, Und neue Fahnen flattern schon im Wind! Da zuckt ein Strahl durch dunkle Nacht, Ein Heros steiget auf zur Wacht, Ein Feuer lodert hell empor. Ein altes Lied klingt neu ans Ohr. Und wie aus Asche sich der Phönix hebt. Die alte Lehre sich neu belebt. Der Ast in tausend Blüten sproßt und glüht, Ein Lied der Sehnsucht durch die Lande zieht. Und auf zum Sinai tönts aus aller Munde! Vom West zum Osten dringt die frohe Kunde, Und Hände recken sich zum Gruß entgegen, Gefühl beginnt und Neigung sich zu regen. Schon lang geschieden, lernt man neu sich kennen. Und waget wieder Bruder sich zu nennen. * Als Wahrspruch bei der Lag boaumer-Feier der A.J. Ortsgruppe in Frankfurt a. M. vorgetragen. aus nicht der Fall. Es ist im Gegenteil bewunderungswürdig, wie trotz schwierigster Verkehrsmittel, größten politischen Druckes und sozialer Knechtung die Leidensgenossen den Wezueinander fanden und ein geistiges Band um alle Brüder und Schwestern der Diaspora schlangen. Rein, uns kann hier nur speziell die Frage interessieren, wie lange polnische Arme in Deutschland Almosen suchten, und das läßt sich kaum genauer Nachweisen. Daß der politische Druck den polnischen Juden nach Westen ziehen lieh, ist für frühere Jahrhunderte nicht stichhaltig. Lebten ja auch die deutschen Juden damals in Ghettos und unter Ausnahmegesetzen. Die Wanderlust des Juden, die nicht ganz sich in Abrede stellen läßt, dürfte kaum dabei ins Gewicht fallen. Uebrigens wurde der verächtliche Ausdruck Pollak leider zu einer Kollektivbezeichnung für Arme, mögen es nun Galizianer, Ungarn oder gar Böhmen und Deutsche gewesen sein. Man ' gab sich nicht sonderlich Mühe, Unterschiede zu konstatieren. War der lange Rock, Bart und der Jargon vorhanden, so war der Pollak fertig. Der Typus, der Totaleindruck blieb maßgebend. Aber dieser „Pollak" hatte eine Art Kultur- Mission zu erfüllen. Wenn hentzutage Zionismus, Aguda, Alliance und sonstige Organisationen, die ganz aus den Bedürfnissen der Zeit herauswachfen, Ost und West einander nahe brachten, so war das früher weniger der Fall. Rur der „Pollak" zeigte in Figura, daß es im Osten Juden gibt, die nach Kleidung, Haartracht und Sprache ganz anders geartet sind als wir, die das Hebräische anders aussprechen, die auch „lernen" können, ohne Lehrer oder Rabbiner zu sein, die große Tefillin besitzen, den Tallis über den Kopf ziehen, beim Oren bald lebhafte Verbeugungen nach vorne machen, bald sich andauernd um ihre senkrechte Achse drehen, ein Rebbekäppchen tragen, ohne doch Rebbe zu sein usw. Vor allem erfuhr man von einer Art Volkshochschule, von jenen traulichen Räumen., in denen ununterbrochen und ungezwungen sich die jüdischen Männer aller Stände, Jünglinge und Knaben zusammenfinden, um zu „lernen" und zu lernen: dem Bas-Hamidrasch! Darum war der „Pollak" bei Thorafreunden, bei Lehrern und Rabbinern ein gern gesehener Gast, besonders an exponierten Orten in wenig thoratreuer Umgebung. Da sah man im polnischen Schnorrer doch einen Menschen, der .11 m no hatte, der vorteilhaft abstach vom „vergröbten" fixn av und man freute sich, einige Worte Thora austauschen zu können, ja vielleicht nach langen Wochen einmal ein Gemoro mit einem wirklich Talmudkundigen zu absolvieren und hier zeigte sich so recht die verbrüdexnde Kraft der Gemeinsam baut man Stätten neuen Lebens, Und fühlt die Wonne gleichgesinnten Strebens. Und alle eint ein neugeschlungnes Band, E i n Weg, e i n Ziel, e i n Heiligtum, e i n Land! Lubliner Stimmungsbilder. Die Vorbereitungen. Der Bauplatz liegt in der schönsten Gegend der Stadt, auf der Patowskagaffe, durch die schönstes Frühlingsduften und Blühen geht. Rundherum Bäume, Gärten und Alleen. Und mitten darin das Terrain von 52 000 Quadratmeter. Hier soll sich die Stimme der Thora erheben. Vorerst sind flinke Hände daran, Estraden, Tribünen und Galerien aufzurichten, Bänke und Stühle aufzustellen. Es geht mit amerikanischer Geschwindigkeit. Rund um den Platz wird ein Gehege gezogen, wozu einLubliner Holzhändler zwei Waggon Bretter und Latten gestiftet hat. Es ist alles großzügig gedacht und durchgeführt. Wo der jüdische größte Reichtum erblühen soll, dürfen Kleinlichkeit und Engherzigkeit keinen Platz haben. Stufen führen hinab an die Fundamente, und große Stein- und Ziegelhaufen erheben sich wohlgeordnet, ragen stolz empor, als wüßten sie um ihre heilige Bestimmung. In später Abendstunde saust ein Auto durch die Straßen, begleitet von einigen Droschken, und hinter ihnen eilen Fußgänger. „Der Gerer Rebbe", geht es von Mund zu Mund . . . Die Wachnacht. Am Vorabend großer Ereignisse pflegte man bei den alten Juden zu wachen. So in der Jomkippur- Nacht, in der Nacht vor der Beschneidung, in der Schewuaus-Nacht. In der Nacht zu Lagbeaumer 5684 denkt in Lublin kein Mensch an Schlafengehen. Man wartet bei den Zügen, die zwischen 1 und 4 Uhr nachts aus