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Der Israelit · 1924-06-05 · Heft 23 (5.6.1924) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 23 (5.6.1924)
Date
1924-06-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 23 5)e; Israelit * 5. Juni 1924 SficAer 3«t e«tita^i$ien pvcifon für Osraeßf'Slbonnenfen: Hirsch, Pentateuch 5 Bde geb. Hirsch, Gebete. (nur noch wenige (Exemplare) Lehmann, Samuel Ha-nagid Schachnomitz, Mer«aika „ Luftmensche» „ Jenseits „ Äm Judenstaat der Chasareu „ Salomo, der Falafcha Äudäus, Baalschem von Michelstadt Lieferung gegen vorherige Einsendung des Betrages zuzüglich Berfand-Porto oder gegen Nachnahme. Statt: Abonnenten G. M. G.M. . . . 38.- 30.- . . 9.- 7.- drosch. 2.— 1.50 geb. 2.50 2- Frankfurt a. M. Verlag des Israelit G. nt. b. H. dienen — dann kann ich jeden Betrag von den in Betracht kommenden jüdischen Stetten haben; — komme ich aber mal mit Fällen, bei denen eine Gesundung ausgeschlossen erscheint, dann winkt man mir ab." Wir wollen uns darüber klar sein, es ist in der Tat leider so, und weil es so ist, müssen wir daraus Hinweisen, daß es jüdische Pflicht ist, so zu handeln, daß keine jüdische Seele — verkümmert und sich entblößt fühlt von jüdischem Gemiluth Chessed. Unsere Institutionen, die sich dem unheilbar Kranken wdimen —- müssen dauernd abbauen, und mit Bangen sehen die Aermsten der Armen, die darin untergebracht sind, in die Zukunft — wo sollen sie hin, wenn aus Mangel an Mitteln die Zufluchtsstätte zusammenstürzt? Täuschen wir uns nicht, wenn die Geldnot dieser Anstalten sich weiter so auswirkt — dann stehen sie am Ende. Aber noch schlimmer ist es, wenn jüdiische Schwestern und Brüder völlig traurigen Verhältnissen ausgeliesert sind. Seit Jahren wird darauf hingewiesen, daß unzählige gemüts- oder nervenkranke Glaubensgenossen in nichtjudjschen Anstalten sich befinden und dort schmachtend ihre Familie — ihre jüdische Welt vermissen. Immer noch haben wir für die bedauernswerten Mittellosen keine jüdische Unterbringungsstätte. Wäre es nicht angebracht, wenn wir die modernen Grundsätze etwas revidieren würden und überall auch da helfend einzugreifen, wo es gilt zu lindern, zu bessern, zu erleichtern! Das jüdische Gewissen darf und kann sich nur beruhigen, wenn ganze Arbeit geleistet wird. Und wer nur eine Seele rettet, hat, wie unsere Weisen sagen, gleichsam eine ganze Welt gerettet!- Die Fraktion des Haffes. Der dieser Tage zusammengetretene neue Reichstag kann zum ersten Male auch eine Reichstagsfraktion der Völkischen aufweisen. Die „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" und die „Deutschoölkische Freiheitspartei", die in dem Wahlkampfe getrennt marschierten, wollen, nach einer Mitteilung des „Deutschen Tageblattes", im Reichstage vereint schlagen. Ihre gewählten Abgeordneten werden eine einheitliche Fraktion unter dem Titel „Nationalsozialistische Freiheitspartei" bilden. Diese Fusion ist die reife Frucht langer Verhandlungen des Herrn von Gräfe von den Deutschvölkischen mit Ludendvrff und Hitler sowie den Größen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in München. Die Fraktion soll sich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich bei ihrer parlamentarischen Arbeit als „durchaus einheitliches Gebilde" fühlen. Freilich fehlt zum Bilde des Ganzen noch etwas: Herr Kunze mit seiner Deutschsozialen Partei. Man hat sich zwar gelegentlich gegenseitig „Räuber" und „Mörder" an den Kopf geworfen. Aber das will in diesem Kreise nicht viel heißen. Das „Deutsche Tageblatt" hofft zuversichtlich, daß auch Kunze mit seiner Partei schon im Anmarsche ist, sich zur völkischen Bewegung zurückzufinden, zum einheitlichen Gebilde aller, die auf das Programm des Hasses eingeschworen sind Heinrich Heine würde dazu heute nocheinmal seinen Reim singen von denen, „die sich nie verstanden" — es sei denn, „wenn sie sich im Kote fanden..." Erklärung des Vorstandes des Verbandes orthodoxer Rabbiner Deutschlands. Der Vorstand des orthodoren Rabbinervrrbandes schreibt uns: Die Vereinigung „A ch d u t h" folgert aus dem Arewuth-Gedanken die religiöse Pflicht, in einer Reformgemeinde zu verbleiben, falls von ihr auch orthodoxe Einrichtungen erhalten werden. Demgegenüber erklären wir, daß diese Auffassung des Arewuth-Gedankens im Sinne der Talmud-Stelle Sanhedrin 27b als durchaus irrig „Gesetzgebung" bildet und bekundet sich se nach Art und Temperament in Tränen hier, in Tänzen dort. Heil uns, daß wir Tränen haben für die Großen, die abgeschieden sind und ihrer wehmutsvoll gedenken am Sabbat, der uns zum Thorafest hinüberleitet. Wehmutsvoll, aber ebenso hoffnungsvoll! Solange wir treues, tränenreiches Gedenken haben, so werden diese Tränen die Blumen und die Blüten bewässern, daß sie aus den Gräbern zu wahrem Leben emporblühen. Sie haben recht in Meron, daß sie am Grabe dessen, der vor bald 2000 Jahren sein mutiges „Nicht werde vergessen!" ausschrie, Freudenfeuer anzünden und sich zum Reigen die Hände reichen . Am Morgen des Tages, der eine kleine sonnige Insel ist auf dem düstern Wege zwischen „Auszug" und „Gesetzgebung", trafen sich 5684 die berufenen Hüter der Thora der Jetztzeit in der alten Gemeinde Südpolens, ebenfalls zwischen Gräbern, den Gräbern der „Weisen Lublins". Hier hat die Tränensaat sichtlich für alle Welt die reife Frucht gezeitigt. Denn eine Stunde später schwang man ein paar Straßen weiter frohbewegt und hochgestimmt den Spaten, um ein neues Fundament für den alten Bau zu legen. Rabbi Schimeon den Jochai, der „Remo", die „Chachme Lublin" und alle die Heiligen und Teuern, die in diesen Rüstetagen zum Thorafest ihr Leben ausgehaucht, sie alle erwachen zum neuen Leben, daß ein Ruf sich erhebt aus den Gräbern und wie himmlischer Einleitungsgesang zum Feste geht von Weltende zu Weltende: rrb tnVwi vn mm rorwr, Wochenrundschau. Das jüdische Gewissen. Von berufener Seite wird uns geschrieben: Der Krieg, die Nachkriegszeit mit allen Entbehrungen haben uns in eine Strömung versetzt, die in erster Linie darauf hinausläuft, das, was uns noch an Gesundem geblieben ist, zu erhalten. Mit vollem Recht hat daher eine gewaltige Fürsorge eingesetzt mit dem ausschließlichen Zwecke, in morschgewordene Verhältnisse hineinzu-- leuchten und das Gesunde herauszuholen, um es lebensfähig zu erhalten. Soweit ist dies wundervoll. Aber wo viel Licht verbreitet wird, ist — viel Schatten. Das wurde mir so recht klar, als eine bekannte sozial tätige Helferin mir vor einigen Tagne sagte: „Komme ich für irgendwelche Zwecke, die diesen „zeitgemäßen" Grundsätzen Wämm Der Schewuos-Schinr. Weit verbreitet in der jüdischen Diaspora ist der Gebrauch, in der ersten Nacht des Schewuosfestes sich zu größeren oder kleineren Zirkeln zusammenzufinden zür Abhaltung des sog. Schewuos-Schiurs. In größeren Gemeinden sind es die einzelnen Chevras, Lernvereine ufw., die sich zum „Lernen" an diesem Abend zusammenfinden: in manchen Fällen wird dazu noch eine offizielle Veranstaltung durch die gemeindlichen Behörden inszeniert. In den kleineren Landgemeinden finden sich in der Regel alle Mitglieder zusammen und der Schiur „geht um", d. h. pflichtgemäß muß alljährlich ein anderes Gemeindeglied die Mitbürger zu sich laden, gewöhnlich nach dem Prinzip der Anciennität, foferne nicht jemand durch ein freudiges oder »"2 trauriges Familienereignis ein „Sonderrecht" auf den Schiur hat. Gerade hier auf dem Lande, wo leider in den letzten Jahren und Jahrzehnten soviel des echten, alten Jüdischen aus schon oft erörterten Ursachen geschwunden ist, wird am „Schiur" meistens noch pietätvoll festgehalten und es werden neben den — leider vielfach recht geringen — geistigen Genüssen bei diesen Zusammenkünften ganz beachtenswerte gastronomische geboten und es wird gleichsam Buch darüber geführt, ob und wo das Konfekt besser, die Liköre reichlicher, der Kaffee stärker gewesen. Bedauerlicherweise stehen aber meistens die geistigen Leckerbissen in umgekehrtem Verhältnis zu genannten materiellen. Aber immerhin erfreulich, wenn „der Schiur" noch lebt. Ueber die historische Entwicklung des Schiurs bis zu seiner heute im sogenannten Tikun niedergelegten Form und Gestaltung erzählt uns Dr. S. Baer in der Einleitung zu seiner verbreiteten Ausgabe etwa folgendes: Bekanntlich ist die Nacht eine viel geeignetere Zeit zum Thsralernen als der Tag. Zunächst fallen in der Nacht die Ausreden weg, daß man keine Zeit habe, zu sehr von den wirtschaftlichen und geschäftlichen Angelegenheiten in Anspruch genommen sei; dann aber auch herrscht doch nachts Ruhe und das geräuschvolle, lärmende Treiben des Tages ist geschwunden, so daß man sich recht in die Gedankenwelt des Lernstoffes vertiefen kann und in Ruhe und Sammlung bessere und .dauernde Resultate erzielt. Das meinen unsere alten Weisen, wenn sie sagen: „Wer sich mit Thoralernen beschäftigt des Nachts, dem fließt der Strom göttlicher Gnade zu Übertags" (Talm. Chag. 12) und desgleichen (Erub. 65) „Die Mondzeit (Nachtzeit) ist nur des Lernens wegen da." Ernster noch lautet es (Sanhedrin 92) „Das Haus, in dem man nachts kein Thoralernen vernimmt, wird vom Feuer verzehrt" und in positiver Umkehrung „Ein Haus, in welchem nachts eifrig Tbora gelernt wird, ist fernerhin von Zerstörung bewahrt^ (Erub. 18). Am schönsten ists ausgedrückt mit den Worten (Tamid 32): „Wer sich nachts befaßt mit Thoralernen, dem leistet die Schechinah (Gottes Majestät) Gesellschaft." Ist nun das nächtliche Lernen nach obigen Aussprüchen das ganze Jahr hindurch als i bedeutsame Mizwoh anzusprechen, um wieviel mehr in der Nacht zum Schewuosfeste, dem Feste unserer Gesetzgebung. So waren aufrichtig Fromme zu allen Zeiten eifrig bestrebt, diese Nacht mit Thoralernen auszufüllen (ähnlich wie Hoschano rabbo). Allerdings gab es ursprünglich keine festgelegte Bestimmung, Anordnung oder Formel für dies Lernen, ebensowenig eine diesbezügliche gemeinsame Veranstaltung; jeder ' einzelne „lernte" eben für sich seinen „Schiur^ wie es ihm beliebte, der eine bis Mitternachts, der andere bis Tagesanbruch, jeder nach seinem Können und Wollen. Unsere Gepflogenheit, möglichst in mindestens Zehnzahl zusammenzukommen, nach einer festgeregelten Ordnung zu lernen, auf das Lernen Kaddifch zu sagen, gelangte erst seit der Zeit des Rabbi Josef Karo- (Autor dcs Schulchan aruch) und des Rabbi Schelomoh Alkawitz (Dichter des Lecho daudi) ums Jahr 1570 zur Einführung. Schelomoh Alkawitz bestimmte, was wir aus Thora, Mischna und Sohar zu lernen pflegen (s. sein^ Vorrede zu *roo ,'o). Später führte dann Jesaia Hurwitz (Verfasser des n^v) ein, daß auch aus dem nn'r' 'o gelernt werde und man die nra» sage. R. 'i"nv d'-ibk hat gegen 1640 dann noch als Abschluß für den Schewuos-Schiur *wa m (ein Stuo aus Sohar) zugefügt und damit hatte der W» p?" nisro» seine heutige Gestaltung erreicht. Nun besteht ja wohl auch heute noch kein Zwangsich beim Lernen in der Schewuosnacht an den Tikun zu halten. Es wäre wohl denkbar, dah hervorragende Gelehrte sich selbst ihren Lernstoff für diesen Zweck rechtlegen. Aber im großen und ganzen darf ow heute unser Tikun als die Grundlage angesprochen werden. Zunächst spielt hier die gerade bei uns Juve^ so tief verankerte Pietät eine wesentliche Rolle. Waseit Jahrhunderten gebräuchlich und — wenn auaoielen nicht bewußt — von so hervorragenden Person-

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