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Der Israelit · 1924-05-29 · Heft 22 (29.5.1924) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 22 (29.5.1924)
Date
1924-05-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 22 Der Israel i t 29. Mal 1924 Deutschland herbeigeeilten Rosche Jeschiwaus; Rabbonim und Talmide Chachomim geschaut, der weiß, daß hier ein allzuköstliches Gefäß des Segens zertrümmert ward, daß hier die Judenheit von fern und nah, trauernd ob des göttlichen Strafgerichtes, ihr Haupt verhüllen muß: Ein Stück jüdischer Zukunft ist am 16. Jjar zu Grabe getragen worden. Wären wir nicht ein „verwaistes Geschlecht", erfüllte uns nicht Sorge, daß für die Thoragrößen der rechte Nachwuchs fehlt, auch dann würde Kaplans Tod in der Thorawelt einen schweren Riß, eine merkliche Lücke bedeuten. In unserer Zeit aber, wo die „überhandnehmenden Leiden" die Thora in Vergessenheit gebracht, wo besonders in unsrer engeren Heimat es für die kommende Generation an halachischen Autoritäten sehr gebricht, da ist das Hinscheiden eines A. E. Kplän katastrophal. Denn wir ahnten in seiner Person eine neue Morgenröte des jüdischen Geistes, eine Neubelebung der Thora, nach der eine starke Sehnsucht durch unsere bewußte Jugend geht. Ein Geist, der mit 34 Jahren den Versuch unternehmen konnte, die Forscherarbeitvontausend Ja hren in einen neu en Talmudkommentar umzuschmelzen, der Unzähligen lernbeslissenen, selbst Altersgenossen und Aelteren ein Meister und Wegweiser im Talmud werden konnte, der ist nach Raums Spruch (Taanith 4) dem Samenkorn unter der Scholle vergleichbar, das, wenn es nur aufbricht, dann auch durchbricht, der ist ein Gelehrter, des Namen einmal in der Welt erklingend, wächst und wächst in jeder Stunde (Deutung des Räbbenu Gerschom). Kaplan war ein wirklich Reicher: er beherrschte Mikra, Mischna, Tossephta, Boreitha, Talmud und Horaa. Die herbe Schicksalsfrage, die an diesen Tod sich knüpft, wird um so quälender, als im zweiten Geschlecht, bei Vater und Sohn, dieses furchtbare Los des Hauses Eli sich wiederholt. Awrohom Elija hat seinen Vater, den berühmten Radkower Ilm, nicht gekannt, er erbte von ihm Namen, Adel, Begabung und — Lebensgeschick. Aber des nie gesehenen Vaters Vorbild hatte doch seine tiefe Wirkung auf das Gemüt des frommen Kindes, den die Jeschiwawelt wie ein schützender Gottesköcher umfing, der im Garten des Beth Hamidrasch, eine Wunderblumeerblühte. Dort ward sein Mund das scharfe Schwert, dort sein Geist ein strahlend reiner Pfeil. (Jes. 49,2.) Als der Krieg ausbrach, war A. E. Kaplan bereits eine littauische Jeschiwa-Berühmtheit, der Talmidchawer aller Rabbonim, zu denen er in intimstem Schülerverhältnis und demütigster Vertrauensbeziehung stand, der Stolz der Meister von Telfch und Slobodka.. i ~ . Militärische Okkupation und politische Neugestaltung hatten auch in die stille jüdische Gaste des Ostens Sturmwind gebracht. .Es gährte in den Herzen; : die- Verzweiflung: über Den Zusammenbruch aller.wirtschaftlachen Existenz gab guten Nährboden auch für den Umsturz der religiösen Werte. AE. Kaplan, obwohl ganz allein auf sich gestellt, ohne den Kompaß väterlicher Leitung, ging auch, hier still und sicher, den rechten Weg. Zur Zeit, wo nicht Tag und nicht Nacht war, hatte er sich eine gewisse moderne Bildung angeeignet, die neuhebräische und jiddische Lite-, ratur gelesen und sich eine Stilgewandheit in der mündlichen und schriftlichen Beherrschung des Hebräischen angeeignet, daß er seinen Altersgenossen auch hierin Gegenstand der Bewunderung wurde. Aber sein Lebenselement blieb Talmud, seine Gemeinschaft die der Rabbonirn. r Als jetzt die Kämpfe gegen die Zerstörer des Judentums im Ministerkteide, gegen die Entthronung der Thora unter der Flagge der Autonomiebestrebungen begannen, da ward Kaplan, der Führer und Sprecher der Zeire Jisroel, der jugendliche Herold für die rabbinifche Autorität. Unvergeßlich ist es mir, wie er, in einer leidenschaftlich aggressiven Sitzung der litauischen „K ehr l l a u s k o n f e r e n z" in edelstem Hebräisch die Würde der Rabbonim verteidigte, die unerschütterliche Liebe1 der Jugend zu ihnen verkündete. Wie wir damals gemeinsam als Deputierte litauischer Gemeinden stritten, so arbeiteten wir auch Schulter an Schulter in der.„Jawne", der Organisation für einen modernen, auf Thora gegründeten Chinuch, der vor allem Lehrer für die Chadorim und dafür begabte Jeschiwahbachürim ausbilden sollte. Irr dieser Arbeit, deren leitender Geist Leo Deutschländer war, verdiente sich Kaplan die pädagogischen Sporen. In jener Zeit trug das Rabbinerseminar, unter Hoffmanns bn Führung, die leitende Stelle eines Talmudlehrers dem Ponjewefcher Raw Kahnemann '"2 an. Dieser war stillschweigend als einer der Führer des litauischen Judentums anerkannt. Kahnemann wollte die kampfumtobte Heimat, die seiner so sehr bedurfte, nicht verlassen. Er wies aber auf einen andern hin — auf A. E. Kaplan. Mit dem „Finderblick des Talmid Chacharn" hatte er dessen Eignung erkannt. Und Kaplan ward nach Berlin berufen. Glücklicherweise weilte Hoffmann noch unter den Lebenden. So konnte er — im Ursinn des Wortes — feine Hand auf den jugendlichen Kollegen stützen, konnte seinen Geist auf den Jünger ausgießen. ] Die große Tradition Hildesheimers und Hoffmanns': in der.: Art ^det Forschung und der Hüraa konnte sich, in diesem aufnahme- und anpassungsfähigen jungen Geist mit dem mitgebrachten Schatz litauischen Lernens vermählen, zur Einheit verschmelzen: Die Wirkung Kaplans auf seine-Schüler war eine ungeheure. : Er hatte.-allen vielzubieten. Den von andern Jeschiwaus- Kommenden ward er Ordner, Gestalter ihres talmudischen Wissens durch die Systematik und wissenschaftlich : .klare Einfachheit seines Lernens. -Den andern, den Akademikern, brachte er rechte -Jefchiwaluft, das Selbstvergessen über dem Zauber halachischer Probleme. Universität und alle Bildungsstoffe der Profanwelt versanken seinen Hörern durch ihn in den Schatten. An seiner-Thoraliebe, an seinem einzigartigen pädagogischen Geschick entzündete sich ein solcher Lerneifer, wie ihn - die früheren Jahrzehnte in Berlin nicht kannten, - Ob ich das Eigenartigeden besonderen -,Steiger" seines Lernens zu charakterisieren wagen kann? - : -; r o : Vorbild und Ideal der Talmudfyrschung waren ihm die R i s ch o n i m: Deren durchsichtige Klarheit und Treffsicherheit, deren so oft-verblüffende Einfachheit, war sein Ziel. Die. die Begründung und Motivierung, die sie den halachischen Gesetzen gegeben, waren ihm die lichten Wegweiservom Formalproblem, .des Talmud zum Sachproblem, zum Kern hinabzusteigen. Darum, suchte er zunächst diese Basis, auf die sich alles aufbauen sollte, zu verbreitern: alle v'iiMin nsv zu durchforschen, aus allen tP2iff*nn N1212M die für die Aufhellung talmudifcher Diskussionen nötigen Elemente herbeizuschaffen. Meichzeitig suchte er in der Art von/Hoffmann die Q u e l l e n s e l b st, den durch alle Q u e l l e n p a r a l e l len , durch iiafroTir, durch halachische Midraschim, deren soviele von Hoffmann selbst aufgefunden sind, ins rechte Licht zu rucken, gewissermaßen erst einmal absolut sicherzustellen. So wurde von ihm dev -»N2 die Sternenstraße der ,"iöKö bei klarstem Licht durch die Teleskope der Rischonim abgesucht und ergründet. Sein Lernen hatte etwas besonders Demütiges, Selbstloses. Er glänzte nie; er . überraschte nicht und blendete nicht- Er zeigte nur auf, er wies nur den Weg. Er lehrte nur begreifen, abwägen, urteilen. Er wollte nicht komplizieren, Konstruktionen machen. Ein Geist strengster Wahrhaftigkeit hielt ihn davon zurück. Die Ehre des Talmud stand ihm zu hoch, um mit feiner Autorität kühnen luftigen Momenteinfällen eine Scheinbedeutung zu gehen, die doch der rasten. Da ergab sich plötzlich eine heftiger Stürm, ein Wüstensturm, der ebenso gefährlich als gefürchtet ist. Die Wüstenwanderer sahen sich genötigt, in größter Hast und Eile ihre Zelte abzubrechen und ihren Weg fortzusetzen. Und in ihrer Hast und Eile, in ihrer Angst und Bestürzung vergaßen sie ein Kind, das beim allgemeinen hastigen Ausbruche abseits lag und ruhig schlief und an welches niemand dachte, um welches niemand sich kümmerte. Als das Kind beim dämmernden Morgen einsam erwachte, niemanden sah und niemanden fand, lief es zur versteinerten Gestalt hin und sprach sie an. Es streckte nach Kinderart seine kleinen Arme aus und lallte e i n Wort, ein einziges Wort — das Wort: Mutter! Und siehe da! Plötzlich bekam die Gestalt Leben und Bewegung, ihre Starre wich und ihr Bann ward gebrochen. Ein einziges Wort hat dieses große Wunder bewirkt, das eine Wort „Mutter!"," von einem zarten Kinde rein und tief empfunden. Es mar — das richtige Wort. Der. vierjährige Krieg hat der SÜelt die langersehnte Ruhe, den wahren Frieden nicht gebracht. Das vierjährige Völkermorden hat gerade das Gegenteil bewirkt: es hat das Herz der Menschen verhärtet und versteinert, den Haß der Völker und Nationen gegeneinander und .'inander noch vermehrt und verbreitet, neue Gegensätze geschaffen und neue Verwicklungen heraufbeschworen. All die schönen Zauberworte, auf die man während des Krieges und nach dem Kriege so viele Hoffnungen gesetzt, haben ihre Wirkung versagt und als trügerisch sich erwiesen. Man sprach zuerst von Worten, die angeblich die Kraft besitzen, sollten, das erstarrte "v-a zu einem neuen Leben zu erwecken, zu einem Leben der Ruhe, der inneren Sammlung und der feierlichen Arbeit. Man sprach von der Selbstbestimmung der Völker und Nationen und auch davon, daß sie nicht wie gewisse Figuren hin und her geschoben werden dürfen. und auch davon versprach man sich die größte und beste Wirkung: den Anbruch einer neuen, besseren und glücklichen Zeit, den Beginn wahrer Freiheit und des friedlichen Wettbewerbs der Völker und Nationen- Wieder andere versuchten es mit anderen Zauberworten: man sprach von demokratischer Freiheit, von Sozialismus, Nationalismus, Kommunismus usw. Und die Wirkung all dieser Worte ist zur Genüge bekannt: nichts hat sich geändert, was erstarrt ist, blieb erstarrt, die versteinertem Herzen blieben -weiter versteinert und es hat noch nie so viel Haß und Feindschaft, so viel Leidenschaft und Erbitterung unter den Menschen gegeben wie in unserem trostlosen ^Zeitalter. All die hochtönenden. Worte, sie waren eben die richtigen Worte nicht, um Europa neues Leben einzuflößen, die erstarrten und versteinerten Herzen zu erwärmen und zu erquicken. Das richtige Wort ist noch nicht gesprochen worden; das richtige Wort, das allein imstande wäre, den Bann zu brechen, die Starre zu lösen, es ist — d i e Wahrheit. Die reine,ungeschminkte und ungekünstelte Wahrheit. Das wahrhaft erlösende Wort, es heißt: Recht und Gerechtigkeit, Wahrheit und Aufrichtigkeit. Wahrheit muß herrschen unter den Lenkern der Staaten und ihren Ratgebern, Wahrheit unter den Vertretern der Völker und den Führern der Parteien. Wahrheit und Klarheit unter den Siegern, Wahrheit und Aufrichtigkeit unter den Besiegten. Jene würden dann nicht allzusehr auf ihren Sieg pochen, diese würden die wahre Ursacheihrer Niederlage erkennen und daraus eine heilsame Lehre für die Zukunft schöpfen. Wie die erstarrten Kräfte der Natur nach langer, banger Wintersnacht nach dem ersten Sonnenstrahle lechzt, der das Eis bricht und die ganze Natur zum neuen Leben erweckt, so lechzt die Welt nach Wahrheit. Diese Wahrheit darf aber nicht bloß gesprochen, zu einem leeren Schlagwort werden, sondern sie muß in tiefstem Innern empfunden werden — empfunden werden von allen: von allen Völkern und Nationen, von allen Klassen, Sprachen und Zungen. * * * Sieben Wochen lang zählen wir . die Tage: von Pessach bis Schobuoth, vom Feste der Befreiung und Erlösung aus Aegypten bis zum Feste der. göttlichen Offenbarung und Gesetzgebung am Sinai. Dieses genaue Zählen der Tage weist den inneren Zusammenhang dieser beiden, scheinbar grundverschiedenen . Feste auf. Diese beiden Feste gehören in der Tat zusammen: der Sieg, den Israel in der Nacht vom 15./Nissan in Aegypten errungen, er wäre nicht ganz und vollständig, ohne die göttliche Offenbarung und Gesetzgebung am Sinai. Denn dort wurde die ewige W a h r h e i t verkündet, die Wahrheit der Religion und des Glaubens, die die Grundlage des jüdischen Volkes bildet. Die Erlösung und Befreiung aus Aegypten ohne die Offenbarung am Sinai, wäre zwar möglich und auch denkbar, dann aber wäre Israel nicht das ®np nai D’jna nai-v» zu de mes berufen wurde. nrr rmsn '-m -pnn*jp •»aa« '2 m«n mr „Und dies sei dir ein Zeichen, daß ich dich sende: wenn du dieses Volk aus Aegypten führest, werdet.ihr Gott dienen auf diesem Berge".(2. B. M. 3, 12.) Siege haben auch andere Völker errungen und werden noch andere erringen; einen Sieg aber, dessen Endziel „Gott zu dienen" ist, hat nur Israel in Aegypten errungen. Und wenn Israel alljährlich die Wiederkehr diesees Sieges feiert, dann soll es sofort an das Endziel dieses Sieges denken und die Tage zählen bis zu dem Feste, fo es berufen wurde, Gott zu dienen auf diesem Berge." Die errungene Freiheit in Aegypten ohne die ewige göttliche Wahrheit am Sinai, würde für Israel keinen vollen Sieg bedeutet haben. Dieser Sieg wurde erst durch die Verkündung der göttlichen Wahrheit gekrönt. Freiheit und Wahrheit soll die Grundlage oes jüdischen Volkes bilden.

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